{"id":1330,"date":"2003-03-12T13:53:01","date_gmt":"2003-03-12T12:53:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1330"},"modified":"2014-02-16T13:53:44","modified_gmt":"2014-02-16T12:53:44","slug":"die-wahrheit-ein-flop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/03\/12\/die-wahrheit-ein-flop\/","title":{"rendered":"Die Wahrheit: ein Flop"},"content":{"rendered":"<p>Es ist gelegentlich spannend, sich \u00fcber Weltanschauungen auszutauschen &#8211; aber im Grunde sind das, zumindest bei mir, Momentaufnahmen. Auch die Philosophie folgt dem aktuellen Bedarf, will rechtfertigen und in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einbetten, was ist, und \u00f6fter noch, was man sich w\u00fcnscht. Von daher ist es  interessant, auch mal zu fragen: Warum hat einer diese oder jene Philosophie? Welche Not lindert er damit?<\/p>\n<p>Man glaubt, Weltanschauung sei Wahrheit, zumindest aus der Suche nach ihr geboren, wenn auch immer unvollkommen. Was aber ist Wahrheit?<\/p>\n<p>Wahrheit, so die traditionelle Anschauung, ist die \u00dcbereinstimmung des Denkens mit den Sachen. Wenn aber auch das Denken eine &#8222;Sache&#8220; ist, oder die Sache eine Anschauung &#8211; was dann?<\/p>\n<p>Dies ist vielleicht DIE Erkenntnis des dritten Jahrtausends. Und das gesamtgesellschaftliche Initiationserlebnis ins Abdanken der Wahrheit war die New Economy, der B\u00f6rsenhype. Nun verharren alle in der Depression und Stagnation, weil erkannt wurde, dass der Glaube die Werte erschafft &#8211; und ebenso schnell wieder vernichtet. Einen Weg zur\u00fcck gibt es aber nicht, kein Zur\u00fcck zu den &#8222;fundamentalen Werten&#8220;. Und Sparen allein ergibt keine florierende Wirtschaft.<\/p>\n<p>Das Problem: dass man den Glauben nicht beliebig erschaffen kann. Ich wei\u00df, manche denken anders, aber mir gelingt es nicht. Nicht &#8222;einfach so&#8220;, indem ich etwa beschlie\u00dfe, nun etwas anderes zu glauben als das, was mir bisher als wahr erschien.<\/p>\n<p>Der Glaube muss aus den Herzen kommen. Und das bedeutet, dass verobjektiviertes, instrumentalisiertes, einzig der Rendite verpflichtetes Handeln keinen Glauben produzieren kann, der Werte schafft.<\/p>\n<p>Das m\u00fcsste eigentlich das Ende des Kapitalismus bedeuten, wie wir ihn kennen. Aber naja, das Jahrtausend hat ja erst angefangen.<\/p>\n<p>Wie entsteht Glaube? Ich meine nicht den religi\u00f6sen Glauben, sondern den, der uns z.B. ein neues Projekt starten l\u00e4sst &#8211; mitten in der Depression. Den, der uns frei macht, heute Geld auszugeben, im Vertrauen darauf, dass morgen wieder etwas herein kommt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Aber ich wei\u00df zunehmend besser, was hindert. Die &#8222;Wissensflut&#8220; steht ganz vorne in der Reihe: diese Unmengen Konzepte, Ideengeb\u00e4ude, Vorschriften, Ge- und Verbote, Traditionen und Moden, Warnungen, Analysen, Szenarien, Handlungsanleitungen &#8211; alles, was ich mir von au\u00dferhalb zusammen klaube, weil ich grad nicht wei\u00df, wo es lang geht. Oft bedeutet das die reine Zeitverschwendung, schlimmer noch: Verwirrung. Denn ich schaue auf unz\u00e4hlige &#8222;Infos&#8220; und Ratschl\u00e4ge, aber nicht mehr auf das, was mich zur jeweiligen Ratsuche motiviert. Ein fl\u00fcchtiges Unwohl-Sein, ein kleiner Frust, eine gewisse Unsicherheit &#8211; und schon wenden wir uns ab und beginnen, uns zu in-formieren: von fremden Inhalten innerlich ausrichten zu lassen. <\/p>\n<p>Ein Konzept, ein Gedankengeb\u00e4ude ist eine Verallgemeinerung einer L\u00f6sung, die einmal oder auch \u00f6fter in einer bestimmten Situation richtig war. Davon auszugehen, dass dies nun immer stimmt, ja, dass dieses Rezept nun schon vorab in die Strukturierung des Lebens einflie\u00dfen m\u00fcsse, ist verr\u00fcckt. Vor allem ist man dann nur noch am Konzepte abgleichen: oh, das war wohl doch das falsche, es hatte vielleicht einen Fehler, nehmen wir halt Version 1.2. Und auch das wird wieder Fehler haben, genau wie das n\u00e4chste.<\/p>\n<h2>Reden oder Schweigen?<\/h2>\n<p>Was im Einzelfall jeweils &#8222;richtig&#8220; ist, l\u00e4sst sich nicht aus dem Denken allein entnehmen. Ein Beispiel aus dem Beziehungsleben: Was tun im Fall eines Konflikts? Die Harmonie ist zum Teufel, man hat ein &#8222;Problem&#8220;, die sch\u00f6ne Welt der Zweisamkeit droht zu zerschellen &#8211; wie verhalte ich mich? Jahrzehntelang war ich der festen Meinung, es sei auf jeden Fall angesagt, dar\u00fcber zu reden: Sich auseinander setzen, die Dinge KL\u00c4REN. Standpunkte austauschen, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Anderen gewinnen, verhandeln, Abstriche von Anspr\u00fcchen machen, m\u00f6glichst gerechte Kompromisse schlie\u00dfen, auch mal streiten und sich wieder vers\u00f6hnen &#8211; wir redeten und redeten, Tage und N\u00e4chte lang: Die &#8222;Beziehungsdiskussion&#8220; war schon bald der weit gr\u00f6\u00dfere Horror als das, was sie jeweils ausgel\u00f6st hatte.<\/p>\n<p>Irgendwann, im Rahmen einer mehrere Wochen dauernden Kr\u00e4fte zehrenden Auseinandersetzung, hatte ich meine &#8222;Erleuchtung&#8220;. Ein Fr\u00fchlingstag, ich stand mit meinem Gef\u00e4hrten auf dem Chamissoplatz, wir hatten den Arbeitsplatz verlassen, um die Kollegen mit unserem schon Tage andauernden Streit zu verschonen. Ein Moment der Ruhe, die Sonne kam heraus. Jeder erwartete vom anderen den n\u00e4chsten verbalen Angriff, eine Art Showdown &#8211; ich hatte jedoch ein totales Energie-Tief und fragte ihn erst mal nach einer Zigarette. Wir rauchten. Schwiegen. Schauten uns an. Er sagte: &#8222;Du meinst, es g\u00e4be Besseres? Zum Beispiel, mit der Liebsten einen Spaziergang in der Sonne  machen?&#8220; Er reichte mir den Arm, ich hakte mich unter &#8211; wir l\u00e4chelten uns an. Es war vorbei.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich eine grundst\u00fcrzende Erfahrung: Ohne Worte, ohne eine m\u00fchsam ausdiskutierte &#8222;Problembearbeitung&#8220; war der Konflikt auf einmal verschwunden. Es war sogar schwierig, sich zu erinnern, was eigentlich los gewesen war: Nichtigkeiten! <\/p>\n<p>Die Realit\u00e4t hatte mich belehrt, ich dachte also um. Machte die Erfahrung zu einem neuen Konzept: Nicht dr\u00fcber reden, einfach leben. \u00c4rger, Wut, Frustrationsgef\u00fchle, Leiden aller Art: nichts unternehmen, es verschwindet von selber, wenn ich keine Energie rein stecke. Und der n\u00e4chste Mann, dem ich nahe kam, sagte es noch deutlicher: wenn erst geredet werden muss, ist eh schon alles zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Hatte ich jetzt die Wahrheit gefunden? Das RICHTIGE Leben? Immerhin lebte ich lange ohne Diskussion und ohne Streit. Es erschien mir weit angenehmer als in den Zeiten des Beziehungs-Clinchs. Kein K\u00e4mpfen mehr, wie sch\u00f6n! Unmerklich aber schlich sich das Elend wieder ein: auf einmal steckte ich in einem Miteinander, das fast nur noch ein stummes Nebeneinander war. Jeder nahm sich zur\u00fcck, unterdr\u00fcckte und ignorierte eigene W\u00fcnsche und Impulse, sah \u00fcber alles hinweg, was die so hoch gesch\u00e4tzte Friedlichkeit und Freundlichkeit h\u00e4tte gef\u00e4hrden k\u00f6nnen &#8211; blo\u00df keine Auseinandersetzungen! Und irgendwo in einem Winkel der Seele baute sich ein Druck auf, der letztlich die Ver\u00e4nderung unausweichlich machte. Das neue Konzept war ebenso falsch wie das alte.<\/p>\n<h2>B\u00f6ses wei\u00dfes Mehl<\/h2>\n<p>In den kleinen Dingen praktiziere ich gerade versuchsweise die schrankenlose Konzeptlosigkeit. Es ist wunderbar!  In Sachen Ern\u00e4hrung hat es mich bisher sogar vor dem angeblich unausweichlichen Jojo-Effekt nach dem Fasten gerettet. Tag um Tag hab&#8216; ich Lust auf diese ungesunden B\u00e4cker-St\u00fcckchen: b\u00f6ses wei\u00dfes Mehl mit viel Zucker und nicht wenig Fett. Und Tag um Tag kauf ich mir eins oder auch zwei, verzehre sie mit Genuss, putze allenfalls die armen Z\u00e4hne hinterher und mach mir ansonsten keinen Kopf. Und siehe da: ich nehme nicht zu, hab sogar noch ein bisschen abgenommen. :-)))) Nun l\u00e4sst der Zuckerst\u00fcck-Hype auch langsam nach, was gewiss nicht der Fall w\u00e4re, w\u00fcrde ich mir die Teile versagen!<\/p>\n<p>Wir sind umstellt von Vorschriften, die in ihrer Widerspr\u00fcchlichkeit geradezu l\u00e4cherlich sind &#8211; und alles WIRKT, gelegentlich, und ebenso oft auch nicht! Da kann ich doch gleich bei dem bleiben, was als Impuls aus mir kommt, das ist wenigstens Realit\u00e4t. Wenn ich sie nicht zum Rezept mache, zum Konzept abstrahiere, kommt alsbald wieder etwas anderes, was zumindest schlimme Sch\u00e4den vermeidet. Wogegen so mancher Makrobiot oder Urk\u00f6stler tats\u00e4chlich abwartet, bis ihm Haare und Z\u00e4hne ausfallen, bevor er seine Ern\u00e4hrungsweise nicht mehr an der reinen Lehre ausrichtet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist gelegentlich spannend, sich \u00fcber Weltanschauungen auszutauschen &#8211; aber im Grunde sind das, zumindest bei mir, Momentaufnahmen. Auch die Philosophie folgt dem aktuellen Bedarf, will rechtfertigen und in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang einbetten, was ist, und \u00f6fter noch, was man sich w\u00fcnscht. 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