{"id":1328,"date":"2003-03-08T13:50:31","date_gmt":"2003-03-08T12:50:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1328"},"modified":"2014-02-16T13:51:18","modified_gmt":"2014-02-16T12:51:18","slug":"die-guten-gibt-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/03\/08\/die-guten-gibt-es-nicht\/","title":{"rendered":"Die Guten gibt es nicht"},"content":{"rendered":"<p>Je \u00e4lter ich werde, desto mehr werden mir bestimmte Denkgewohnheiten bewusst, die meinem Leben eine Form geben. Es sind keine Wahrheiten, sondern geistige Filter, die aus &#8222;allem, was ist&#8220; nur das in meine Wahrnehmung einlassen, was ich mir w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Zuvorderst  &#8211; das f\u00e4ngt gleich bei der Geburt an &#8211; w\u00fcnsche ich mir freundliche, liebevolle Mitmenschen, friedliche Lichtgestalten, die mich lieben und achten, die sich um mich k\u00fcmmern, wenn es mir nicht gut geht und die mir ein Pflaster auf die Wunden kleben, die das Leben schl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Sobald dann das Denken einsetzt, und die eigene Bed\u00fcrftigkeit nicht mehr nur als Gef\u00fchl und Empfindung, sondern in Gedankengestalt zu Bewusstsein kommt, ist es mit dem W\u00fcnschen alleine nicht mehr getan.  Wenn ich von anderen erwarte, edel, hilfreich und gut zu sein, muss ich davon ausgehen, dass ich auch selber so bin &#8211; wie k\u00f6nnte ich es sonst einfordern?<\/p>\n<h2>Ich bin ok<\/h2>\n<p>Damit entsteht der Filter gegen\u00fcber dem eigenen So-Sein: ich glaube fest an meine eigenes &#8222;Gut sein&#8220; und bewerte nun Gedanken, Gef\u00fchle und Taten im Rahmen dieser Vorgabe. Meist gelingt es, insbesondere in jungen Jahren, sich selber v\u00f6llig in Ordnung zu finden &#8211; aber ach, die b\u00f6se Welt pfuscht st\u00e4ndig in dieses friedlich und freundlich gemeinte Dasein, so dass man sich doch gelegentlich verteidigen muss. An der durchweg positiven Selbsteinsch\u00e4tzung kann das lange nicht r\u00fctteln &#8211; bei mir hat es bis Mitte drei\u00dfig gedauert, bis ich realisieren konnte, was ich f\u00fcr eine Schreckschraube geworden war: immer nur den eigenen Vorstellungen vom richtigen Leben hinterher rennend, mit gegen Null tendierender Aufmerksamkeit f\u00fcr Andere. Dabei kaum in der Lage, jemandem richtig zuzuh\u00f6ren, geschweige denn, die Bed\u00fcrfnisse anderer, ihre Standpunkte und Sichtweisen ernst zu nehmen.<\/p>\n<p>Das Aufschlagen auf dem Boden der Wirklichkeit war hart aber hilfreich. Es war, als wiche ein inneres Terror-Regime von mir, das meine s\u00e4mtlichen Lebens\u00e4u\u00dferungen bestimmt hatte. Meine ununterbrochenen Anstrengungen, selber \u00fcber alle Zweifel erhaben zu sein, alles richtig zu machen, die besten Absichten zu pflegen und immer perfekt und unangreifbar zu wirken, hatten genau ins Gegenteil gef\u00fchrt und mich noch dazu blind daf\u00fcr gemacht, es zu bemerken. <\/p>\n<p>Als es schlie\u00dflich vorbei war, begann eine paradiesische Phase. Endlich mal einfach nur leben, neugierig hinsehen, was ist, anstatt zwingen zu wollen, was sein soll &#8211; der ganze Verlauf hatte nichts mystisches und doch f\u00fchlte ich mich wahrhaftig erleuchtet! Das Licht hatte meine dunkle Seite ins Bewusstsein gehoben und in meinem Leben gab es tats\u00e4chlich niemanden mehr, dem gegen\u00fcber ich sie glaubte, verleugnen zu m\u00fcssen. Was f\u00fcr eine Entspannung!<\/p>\n<p>Paradoxerweise machte mich dieses neue Bewusstsein der eigenen Fehlerhaftigkeit friedlicher und freundlicher. Ich lief ja nicht mehr in einer R\u00fcstung herum, immer zum Kampf bereit, nach Feinden Ausschau haltend, die meinem Gut-Sein im Wege stehen k\u00f6nnten. Endlich interessierte ich mich wirklich f\u00fcr andere Menschen, jenseits des blo\u00dfen Nutzens, den sie f\u00fcr mich haben mochten. <\/p>\n<p>Auf einmal war ich ein Nichts und hatte nichts dagegen. Ich konnte jetzt die anderen k\u00e4mpfen sehen, konnte die Filter und Scheuklappen wahrnehmen, die sie &#8211; in der mir so gut bekannten Weise! &#8211; von der Wirklichkeit abtrennten. Zum ersten Mal hatte ich Mitgef\u00fchl, wissend um meine Ohnmacht, durch diese Mauern zu dringen. Denn niemand kann jemand anderen, der fest entschlossen ist, sein aktuelles Selbstbild aufrecht zu erhalten, irgendwie &#8222;aufwecken&#8220;. Das geschieht nur von innen her, wenn genug gelitten wurde. Bei manchen nie.<\/p>\n<p>Ich lernte also eine neue Einsamkeit kennen &#8211; doch mit ihr kam zum ersten Mal die F\u00e4higkeit, alleine zu sein, ohne das irgendwie falsch zu finden. Ohne daran zu leiden. Es gibt ja nicht nur die Menschen in ihren jeweiligen Verstrickungen, die Welt selber ist ein riesiges Wunder. Ein Vogel, eine Wolkenformation, Licht und Schatten,  der Fr\u00fchling, der Atem &#8211; ich nahm auf einmal das Leben war, in einer viel umfassenderen Weise als je zuvor.<\/p>\n<h2>In den Sand geschrieben<\/h2>\n<p>Es war die Zeit, als mir pl\u00f6tzlich auffiel, dass ich die verstreichende Zeit nicht mehr &#8222;seit&#8220; rechnete (seit dem Abitur, seit dem Umzug nach Berlin, seit dem Studienabschluss&#8230;), sondern da auf einmal ein &#8222;bis..?&#8220; vor mir stand. Das war neu! Ohne dass ich bewusst &#8222;umgedacht&#8220; h\u00e4tte, war mir das Gef\u00fchl der eigenen Endlichkeit zugewachsen. Ohne dass das irgend eine Art Stress ausgel\u00f6st h\u00e4tte, im Gegenteil. Es war eine weitere Form noch tieferer Entspannung! <\/p>\n<p>Denn fr\u00fcher hatte ich bei allem, was ich tat, immer mit der Ewigkeit gerechnet &#8211; unbewusst. Ich strebte in jeder Hinsicht nach &#8222;Endl\u00f6sungen&#8220; &#8211; sei es bei der Renovierung der eigenen Wohnung, beim Verhandeln \u00fcber einen Vertrag, bei der Ausgestaltung einer Arbeitssituation &#8211; und nat\u00fcrlich auch in der Politik, soweit ich daran teil nahm: das Bem\u00fchen war auf das Absolute gerichtet: hier und jetzt etwas Perfektes schaffen, etwas, das allen Zweifeln und Unw\u00e4gbarkeiten stand halten w\u00fcrde, egal, was kommt. Was f\u00fcr sinnlose Kraftakte, alles in allem! <\/p>\n<p>Jetzt wusste ich:  mein Leben schreibt sich in den Sand. Wie sch\u00f6n, mich dabei nicht mehr auff\u00fchren zu m\u00fcssen, als w\u00fcrde immer alles in Marmor gemei\u00dfelt!<\/p>\n<p>Es wundert nicht, dass seitdem alles viel leichter geht. Ohne den  Automatismus von Kampf und Krampf, ohne feste Vorstellungen, wie die Dinge zu sein haben, ist es leicht, in den Fluss zu kommen: mitzuschwimmen mit eigenen und fremden Impulsen, sehen, was geschieht, nicht immer alles zwingen wollen. Dann ERGIBT sich auf einmal unglaublich viel &#8211; einfach so!<\/p>\n<p>Die wirklich schlimmen Leiden sind nie mehr wieder gekommen: die Angst, zu versagen, zum Beispiel. Die heftigen Alptr\u00e4ume. Die Angst vor Einsamkeit und Verlassenheit.  Das n\u00e4chtliche Z\u00e4hneknirschen und der Traum von der Pr\u00fcfung, bei der man auf einmal alles vergessen hat. Auch der extreme Ehrgeiz, wie ich ihn von fr\u00fcher kenne, ist ohne Abstriche in die Reihe der schlimmen Leiden zu stellen &#8211; auch er ist weg. Mit ihm verging auch die Verachtung einfacher Menschen und k\u00f6rperlicher Arbeit, die ich mir im nachhinein als echte S\u00fcnde ankreide, bzw. als gro\u00dfe Dummheit.<\/p>\n<p><strong>Und was ist jetzt?<\/strong> Welche alten oder neuen Leiden suchen mich heute heim?<\/p>\n<p>Nun, auch ohne Illusionen \u00fcber mich selbst zu hegen,  w\u00fcnsche ich mir unverdrossen freundliche, liebevolle Mitmenschen, friedliche Lichtgestalten, die mich lieben und achten, die sich um mich k\u00fcmmern, wenn es mir nicht gut geht und die mir ein Pflaster auf die Wunden kleben, die das Leben schl\u00e4gt.<\/p>\n<p>Und bin dann entt\u00e4uscht, wenn mal das Licht auf ihre dunkle Seite f\u00e4llt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Je \u00e4lter ich werde, desto mehr werden mir bestimmte Denkgewohnheiten bewusst, die meinem Leben eine Form geben. 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