{"id":1299,"date":"2003-02-26T13:16:04","date_gmt":"2003-02-26T12:16:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1299"},"modified":"2014-02-09T13:18:20","modified_gmt":"2014-02-09T12:18:20","slug":"nach-dem-gau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/02\/26\/nach-dem-gau\/","title":{"rendered":"Nach dem GAU"},"content":{"rendered":"<p>Wer glaubt, ich sei vom Erdboden verschwunden, weil mir allzu langes Fasten nicht bekommen w\u00e4re, irrt: der gemeine Computer-Gau hat mich ereilt, und zwar am Dienstag, den 18.Februar. Ich schaltete morgens wie immer das Ger\u00e4t an, nichts B\u00f6ses vermutend, denn am Vorabend war ja noch alles ok gewesen. Doch ein l\u00e4ngerer Blick auf den schwarzen Screen bringt das kalte Grausen: Schutzverletzung!!! Starten im &#8222;abgesicherten Modus&#8220; wird empfohlen, und noch w\u00e4hrend ich \u00fcberlegte, ob ich das Angebot annehmen soll, versuchte Windows, sich zu laden und brach erneut ab: Schutzverletzung am Modul GDI.EXE. Starten Sie neu!<\/p>\n<p>Tja, der PC lie\u00df sich aber gar nicht normal ausschalten, ich musste ihm echt den Strom abw\u00fcrgen, um es aufs Neue zu versuchen. Wieder und wieder schaltete ich ihn ein, und ebenso gleichm\u00e4\u00dfig landete ich in derselben Katastrophe. Nur die Adressen der Schutzverletzungen, die angeblich irgendwie kaputten Dateien und Module, \u00e4nderten sich st\u00e4ndig. Sah gar nicht gut aus!<\/p>\n<p>Ich rief einen lieben Freund zu Hilfe, ein ausgesprochen kundiger Windows-Experte mit viel Erfahrung in Anwenderschulung, Diagnose und Betreuung ganzer Netzwerke. Zwar stand er gerade selber im Stress und musste EIGENTLICH einen eng terminierten Textauftrag abarbeiten, kam aber zu meiner gro\u00dfen Erleichterung trotzdem nachmittags vorbei, startete den PC, landete bei der Schutzverletzung, w\u00e4hlte &#8222;schrittweise Eingabe&#8220; und erlebte selber, wie Windows sich beim Starten immer wieder aufh\u00e4ngte. Mehr noch: Er fand per DOS-Befehl (=alter Betriebssystemkern aus der Vor-Windows-Zeit) auch eine Festplatte mehr als vorher, es gab jetzt C, D UND F!<\/p>\n<p>Aha! Mir war jetzt klar, dass es nicht nur um eine kurze, mit ein paar Mausklicks behebbare St\u00f6rung ging, sondern um eine gro\u00dfkalibrige Nerverei. die sich zu Stunden und Tagen dehnen w\u00fcrde: in den Monitor starren, immer wieder &#8222;etwas Neues probieren&#8220;, mit CDs und Disketten herumfuhrwerken &#8211; nat\u00fcrlich ohne Netzanschlu\u00df, also darauf angewiesen, alles N\u00f6tige physisch am Ort zu haben: die Mega-Katastrophe!<\/p>\n<p>Andrerseits: D. war wieder mal da und wir hatten uns viel zu erz\u00e4hlen. Als erstes berichtete er mir, dass er nur dann Zeit habe, diesen Schlamassel zu bereinigen, wenn ich daf\u00fcr Teile seiner Text-Arbeit \u00fcbern\u00e4hme. Aber sicher doch, mal was anderes! Schlie\u00dflich sollte er wegen mir keine Einkommensverluste erleiden, wenn er schon so lieb war, mein renitentes Ger\u00e4t wieder befrieden zu wollen. Also textete ich in den n\u00e4chsten drei Tagen unterhaltsame Quizfragen zum Thema &#8222;M\u00e4nner &#038; Frauen&#8220;, und zwar nicht mit Winword, sondern ich schrieb sie mit der Hand auf Papier. Eine echte Erholung vom Alltag, geistig und k\u00f6rperlich! Wen hat der M\u00e4rchenprinz denn nun wach gek\u00fcsst? Dornr\u00f6schen, Rotk\u00e4ppchen oder Rumpelstilzchen??? Wie entfernen sich die meisten Frauen \u00fcberfl\u00fcssige Haare? Wann gilt eine Ehe als zerr\u00fcttet? Was war das &#8222;Kranzgeld&#8220; und das &#8222;Jus primae noctis?&#8220; Und was trug SIE in den 50ern so Auff\u00e4lliges unterm Rock? Das sind doch mal lebensnahe Fragen, ich hatte richtig Spa\u00df dabei, au\u00dferdem musste ich nicht dauernd aufrecht vor einem Monitor sitzen &#8211; wie angenehm.<\/p>\n<h2>Starten Sie neu!<\/h2>\n<p>Drei Tage gingen ins Land und immer werkte D. einige Stunden am Ger\u00e4t: pr\u00fcfte und analysierte, scannte und kopierte, vereinigte die softw\u00e4rem\u00e4\u00dfig zu mehreren Partitionen zerhackte Festplatte C: wieder zu einer einzigen Platte, rettete meine dort befindlichen Daten, deren Sicherung auf D: leider nicht mehr ganz frisch war; sicherte auch mein Mailprogramm mit s\u00e4mtlichen Kundenkontakten der letzten Jahre, und m\u00fchte sich schlie\u00dflich redlich, Windows neu zu installieren &#8211; leider nur mit geringem Erfolg. Am Abend des zweiten Tages war ich schon alleine geblieben, um den Rest noch selber drauf zu spielen, als der Bildschirm schon nach der zweiten Installation einfror, ohne dass ich irgend etwas &#8222;Schlimmes&#8220; getan h\u00e4tte. Ich startete neu, kam aber nicht mehr weit: &#8222;SCHUTZVERLETZUNG am Modul User.exe, starten Sie neu!&#8220;.<\/p>\n<p>Aha. Ich vermutete jetzt einen Hardwarefehler. Gl\u00fccklicherweise war diesmal die Festplatte nicht wieder zerlegt, doch gelang es nun auch meinem unerm\u00fcdlichen Helfer nicht mehr, Windows zu installieren. Es wollte einfach nicht. Also noch mal ein Virensuchprogramm \u00fcber die Platten gucken lassen, ob sich vielleicht im Boot-Sektor der Teufel selber verbirgt: kryptische Fehlermeldungen, Speicherprobleme &#8211; ich war ja schon zufrieden, dass meine Daten sicher auf D: lagen und schlug nun vor, das Teil jetzt im Laden abzugeben, wo die Hardwarebastler ihre K\u00fcnste \u00fcben. Wenn mal so was ist, gehe ich immer schon zu *INDAT: morgens bringen, abends holen, manchmal geht&#8217;s sogar noch viel schneller.<\/p>\n<p>Diesmal war es allerdings Freitagabend &#8211; ich k\u00f6nne ihn Samstag ja gern vorbei bringen, meinte der freundliche Servicemensch. aber da w\u00fcrden sie h\u00f6chstens noch mal von au\u00dfen drauf gucken, weil Samstags kein Techniker da sei. Es wurde also Montag, meine PC-freie Zeit begann, sich wie ein richtiger Urlaub anzuf\u00fchlen, ich verzichtete sogar eineinhalb Tage auf den Besuch im Internet-Caf\u00e9, um in die Mailboxen zu sehen. Die drei Kunden, die aktuell etwas von mir wollen, hatten mir gottlob ihr Mitgef\u00fchl signalisiert und nicht etwa Stress gemacht &#8211; eigentlich war der Ausnahmezustand, in den mich dieser GAU versetzt hatte, gar nicht mal so schlecht.<\/p>\n<p>Montag hatte ich ihn wieder &#8211; und mittlerweile versp\u00fcrte ich sogar wieder LUST auf PC! Ich las freiwillig die letzten drei Nummern Internet World, was ich die letzen Monate kaum mehr getan hatte, am\u00fcsierte mich k\u00f6stlich mit dem Buch von Thomas Wirth &#8222;\u00dcber gutes Webdesign&#8220;, ja, ich freute mich auf ein frisch aufgebautes und aufger\u00e4umtes Equipment, von dem aller Ballast und aller \u00fcberfl\u00fcssiger Datenm\u00fcll verschwunden sein w\u00fcrde. Tatsache ist, ohne IHN bin ich unvollst\u00e4ndig und regelrecht behindert. Wichtige Teile meines Ged\u00e4chtnisses, und zwar die, die mir das \u00dcberleben in dieser Gesellschaft halbwegs angenehm erm\u00f6glichen, befinden sich auf Festplatte und nicht etwa in der Wetware meiner Gehirnwindungen. Was meine Kontakte zu Mitmenschen angeht, so falle ich erst mal voll aus dem eigenen Netz, wenn ich vom Internet-Zugang abgeschnitten bin &#8211; wer ist heut schon noch mit seinen physischen Nachbarn befreundet! Und arbeitslos bin ich ohne Ger\u00e4t sowieso, das Schreiben mit der Hand ist ja nicht wirklich eine konkurrenz-f\u00e4hige L\u00f6sung.<\/p>\n<p>All das nahm ich in dieser guten Woche Zwangsurlaub wahr, ohne es positiv oder negativ einzustufen. Bereit, den Ausnahmezustand zu genie\u00dfen, ging ich in das nette, aber meistens leere Lokal gegen\u00fcber und lie\u00df mir vom Macher seine Geschichte erz\u00e4hlen. Es gibt da Pasta und Suppen, Fr\u00fchst\u00fcck und Kuchen, Wein und klassische Musik &#8211; auf allen Tischen brennen Teelichte, es ist hell und freundlich und die Preise sind beeindruckend niedrig. Ich traute mich in den leeren Raum, denn ich hatte ja mit Peter schon eine Mail \u00fcber *seine Website gewechselt, bestellte Pasta mit Pesto (3,60) und freute mich, dass sich nun auch andere herein wagten. &#8222;So voll ist es sonst nie&#8220;, meinte der Gastgeber. Ich w\u00fcnsche ihm, dass sich das \u00e4ndert, jedenfalls werd ich die Suppen alle mal probieren.<br \/>\nAufhellungen<\/p>\n<p>Und noch etwas ist mir aufgefallen: morgens im Treptower Hafen, an der Anlegestelle der wei\u00dfen Flotte, gibt es ein St\u00fcck vermauertes Ufer, wo oft Eltern mit Kindern die Schw\u00e4ne und M\u00f6wen f\u00fcttern. Auch jetzt war da ein Vater mit einem kleinen Kind, sie packten einen Sack mit gesammelten Brotkrumen und Toast aus und warfen die St\u00fcckchen in die Luft und ins Wasser. Ich liebe es, diesem hektischen Treiben zuzusehen, die eher schwerf\u00e4lligen Schw\u00e4ne haben M\u00fche, \u00fcberhaupt etwas abzubekommen, denn sie sind umgeben von schwarzen Teichh\u00fchnern, die ihnen alles wegschnappen und dazu schnalzende Laute aussto\u00dfen. In der Luft wirbeln unz\u00e4hlige M\u00f6wen herum, richtige Ellenbogennaturen, die einander noch den letzten Fetzen abjagen, wenn sie k\u00f6nnen. Sie sind h\u00fcbsch, aber irgendwie ausdruckslos und deshalb ein wenig gespenstisch. An diesem Morgen nun fielen mir die Stockenten auf, ganz gew\u00f6hnliche Stockenten, nur schillerten ihre K\u00f6pfe in der Morgensonne in einem nie zuvor gesehenen grellgr\u00fcnen Neonschein, so dass ich sie nur anstaunen konnte. Es war mir bisher nie aufgefallen, obwohl ich die Enten oft sehe &#8211; aber eben nicht in der Morgensonne!<\/p>\n<p>Der Morgen war eher nicht die Zeit der gemeinsamen Spazierg\u00e4nge mit Manfred, doch jetzt lebe ich allein, war sogar ohne PC, warum also nicht? &#8222;Alles ver\u00e4ndert sich, wenn du dich ver\u00e4nderst!&#8220;, sangen einst Ton, Steine, Scherben &#8211; auch die Stockenten, wie man sieht, mit denen es \u00fcbrigens noch nicht vorbei ist. Nur wahre Dichterinnen und Dichter halten sich an einem besonderen Gr\u00fcn lange fest, und ich geh\u00f6re eher nicht zu ihnen. Vater und Tochter hatten mittlerweile ihr Brot weitgehend verteilt, ich trat den R\u00fcckweg an, war schon ein paar Meter gegangen, da sah ich die Stockenten im Sonnenlicht VIOLETT schimmern. Verdammt, dachte ich mir, wo sind denn jetzt die gr\u00fcnen hin? Ich blieb stehen und checkte sie alle durch: ihre K\u00f6pfe leuchteten eindeutig violett, nicht ein einziger noch gr\u00fcn. Ich ging zur\u00fcck &#8211; und das R\u00e4tsel kl\u00e4rte sich auf: unter direktem Sonnelicht schimmern sie gr\u00fcn, auf der verschatteten Seite gl\u00e4nzen sie violett. Und das Ganze changiert ins farblos dunkle, leuchtet also nur sporadisch auf.<\/p>\n<p>Das Wunder sind nicht eigentlich die Stockenten. Sondern dass ich echt 48 Jahre alt werden muss, um zu bemerken, wie sie aussehen. Offensichtlich hab&#8216; ich nie zuvor hingesehen, es gab immer WICHTIGERES. Meine Vorhaben zum Beispiel, meine Probleme und Bef\u00fcrchtungen, meine W\u00fcnsche und Tr\u00e4ume &#8211; so langsam lichtet sich dieser \u00f6de Dschungel ein wenig und ich bin gespannt, was noch alles in Sicht kommt.<\/p>\n<p>Ach ja, fast h\u00e4tte ich&#8217;s vergessen: INDAT hat die Speichermodule gewechselt und das Netzteil. 129 Euro und die Kiste lief wieder. Im Prinzip &#8211; Aufbau und Neuinstallation aller Ger\u00e4te und Programme hat noch bis heute gedauert. Und ab morgen mach ich eine VIEL bessere Datensicherung, ganz bestimmt! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer glaubt, ich sei vom Erdboden verschwunden, weil mir allzu langes Fasten nicht bekommen w\u00e4re, irrt: der gemeine Computer-Gau hat mich ereilt, und zwar am Dienstag, den 18.Februar. Ich schaltete morgens wie immer das Ger\u00e4t an, nichts B\u00f6ses vermutend, denn am Vorabend war ja noch alles ok gewesen. 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