{"id":1296,"date":"2003-01-05T13:04:00","date_gmt":"2003-01-05T12:04:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1296"},"modified":"2016-12-02T16:28:07","modified_gmt":"2016-12-02T15:28:07","slug":"beobachtung-der-hundertprozentige-flop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/01\/05\/beobachtung-der-hundertprozentige-flop\/","title":{"rendered":"Beobachtung: der hundertprozentige Flop"},"content":{"rendered":"<p>Gestern war ich auf der Post, ein Paket aufgeben. Die Filiale ist in einer \u00fcberdachten Passage, L\u00e4den, Restaurants und ein Hotel bilden eines dieser recht auswechselbaren &#8222;Essembles&#8220;, in denen man heute Stadt erleben soll. In der Mitte des Platzes, um den sich alles ordnet, f\u00fchrt eine Treppe ins Untergescho\u00df, vermutlich zu den Tiefgaragen. Mensche liefen eilig hin und her &#8211; und auf einmal sah ich mehrere gro\u00dfe Kuverts auf den Boden fallen. Die Passanten gingen einfach weiter, niemand schien es zu bemerken. &#8222;Hallo&#8220;, rief ich laut einer Frau hinterher, die gerade auf die Treppe zusteuerte, &#8222;haben Sie diese Umschl\u00e4ge verloren?&#8220; Mir schien, sie war die n\u00e4chste, die daf\u00fcr in Frage kam. Die Frau schaute mich ganz kurz an, dann guckte sie auf den Boden und ging weiter &#8211; wie ein Roboter! Ich dachte mir noch nichts weiter, sondern rief noch einmal lauter und bestimmter, denn offensichtlich hatte sie nicht gemerkt, dass sie GEMEINT war. Noch einmal ein irritierter Blick, ganz so, als h\u00e4tte sie etwas Schlimmes verbrochen, sie err\u00f6tete heftig, senkte wieder den Kopf, beschleunigte die Schritte und verschwand im Untergescho\u00df.<\/p>\n<p>Ich war perplex! Wieder einmal hatte ich erlebt, was mich jedes Mal ein bi\u00dfchen verst\u00f6rt: Jemanden spontan ANGESPROCHEN, und derjenige schafft es nicht, darauf in einer &#8222;normalen&#8220; Art und Weise zu reagieren. Sie h\u00e4tte doch blo\u00df den Kopf sch\u00fctteln brauchen! Vielleicht mit einem Anflug von L\u00e4cheln, aber darauf will ich ja gar nicht bestehen. Dass die Menschen notorisch schlecht gelaunt mit Leidensmienen durchs Leben gehen, wundert mich nicht mehr, es geh\u00f6rt hierzulande einfach zum guten bzw. schlechten Ton. (=Alles Leben ist Leiden, und wer l\u00e4chelt und zum Anderen freundlich ist, ist gewiss ein Heuchler oder nicht ausreichend informiert.) Nein, das meine ich jetzt nicht, sondern diese echten Ausraster, die mir das Gef\u00fchl geben, da dr\u00fcben sei eigentlich gar kein Mensch, sondern etwas irgendwie Grusliges.<\/p>\n<h2>Schwitzen, aber schweigen<\/h2>\n<p>Ich erinnere mich mit Schrecken an den Wintertag, an dem ich in einen U-Bahn-Wagen einstieg, aus dem mir so extreme Hitze entgegen schlug, dass ich fast r\u00fcckw\u00e4rts wieder rausgesprungen w\u00e4re. Statt dessen sagte ich laut zu den vielen Menschen, die vor mir dicht an dicht in den G\u00e4ngen standen, der n\u00e4chste nur eine halbe Arml\u00e4nge von mir weg: &#8222;Himmel, ist das hei\u00df hier! Ist die Heizung kaputt?&#8220;. Einige schauten kurz in meine Richtung und dann zu Boden, es blieb still. Noch einmal legte ich nach, fragte: &#8222;Was ist los, merkt Ihr denn nichts ??&#8220; &#8211; ein bi\u00dfchen lauter und erstaunter jetzt, schlie\u00dflich war ich von den vielleicht 40 Grad Raumtemperatur einigerma\u00dfen irritiert. Aber wieder keine Reaktion, sie standen wie eine Wand aus Schweigen und einigen war f\u00fcr Augenblicke anzusehen, dass es sie verst\u00f6rte, sie irgendwie &#8222;betreten&#8220; machte, als h\u00e4tten sie Grund zur Angst oder w\u00fcrden sich sch\u00e4men. Dann erstarrten die Gesichter wieder, jeder schaute am anderen vorbei, irgendwo in die Ferne oder an eine Wand.<\/p>\n<p>Ja, was haben die denn alle, um Himmels willen??? Sie reagieren wie das Publikum im Theater, wenn die Schauspieler versuchen, ohne Vorwarnung jemanden in die Handlung einzubeziehen. Oder wie G\u00e4ste auf einer Party, wenn ein Spiel beginnt, zu dem JEDER etwas beitragen muss. Manche wirken so verst\u00f6rt, als w\u00e4ren sie eben noch gem\u00fctlich im Kino gesessen und h\u00e4tten erst beim Blick in die M\u00fcndung einer Pistole pl\u00f6tzlich begriffen: DIES IST WIRKLICHKEIT!<\/p>\n<p>Eine Art Stupor ist das. Kein irgendwie geartetes Fehlverhalten, sondern der AUSFALL von Verhalten \u00fcberhaupt &#8211; und dann die Gef\u00fchle, die dem folgen: Scham, Angst, peinlich-ber\u00fchrt-sein, und schlie\u00dflich das &#8222;militante&#8220; Wegsehen. Man m\u00f6chte vergessen, dass &#8222;so etwas&#8220; jemals passiert ist, w\u00fcnscht sich weit weg, an einen neuen Anfang, mindestens.<\/p>\n<h2>Und selbst genauso&#8230;<\/h2>\n<p>Oh ja, ich hab es auch an mir selber schon erlebt, zumindest ganz \u00e4hnlich: sp\u00e4t Abends am Boxhagener Platz, ich laufe den breiten Gehweg entlang zwischen dem Geb\u00fcsch, das den Innenraum des Platzes begrenzt und der Baumreihe zur Stra\u00dfe hin. Es ist menschenleer, mir entgegen kommt ein Mann mit einer Bierflasche in der Hand. Wird er mich anp\u00f6beln? Mir die Handtasche abnehmen? Mich anbetteln und vollabern? Es ist so d\u00fcster, ich gehe schnellen Schrittes auf ihn zu &#8211; und als er dann vor mir stehen bleibt und den Mund aufmacht, hebe ich schon die Hand zu einer abwehrenden Bewegung, sch\u00fcttle den Kopf, will ihn einfach nur aus der Welt haben, ganz egal, wer er ist und was er will. Er sagt seinen Spruch auf, eher sch\u00fcchtern, will mich um einen Euro anschnorren mit einer wenig originellen Geschichte &#8211; doch ich sage nichts, reagiere nicht, gehe einfach weiter, bin irgendwie peinlich ber\u00fchrt, weil ich sp\u00fcre, dass mein Verhalten verr\u00fcckter ist als seines. Ein sozialer Flop, aber volle Kanne!<\/p>\n<h2>Programm &#8222;Sozialverhalten&#8220; abgest\u00fcrzt<\/h2>\n<p>Gemeinsam ist diesen Erlebnissen neben dem menschlichen Versagen in einer konkreten Situation das Unverm\u00f6gen, bzw. der Unwille, daran noch irgend etwas zu \u00e4ndern, es sozusagen zu &#8222;heilen&#8220;. Man k\u00f6nnte sich ja entspannen und &#8211; aus dem Stupor bzw. der Verweigerung erwachend &#8211; ein normaleres Verhalten ankn\u00fcpfen, etwas Verbindliches sagen, l\u00e4cheln, einen Witz machen, winken &#8211; was auch immer. Aber genau DAS geschieht nicht, und das ist das eigentlich gruslige: Wir gehen hier nicht menschlich mit anderen Menschen um, indem wir ihnen als Person begegnen und die Folgen unserer Handlungen oder Nichthandlungen verantwortlich auf uns nehmen &#8211; sondern wir handeln, als w\u00e4ren wir Teil eines Programms: einmal &#8222;abgest\u00fcrzt&#8220;, gibt es kein Weiterkommen mehr, allein ein Neustart hilft. Wenn die Gesichter in Ignoranz erstarren, ist das die innere &#8222;Cancel-Taste&#8220; bzw. der Blue Screen: Mit DEM bzw. in DIESER Situation hab ich&#8217;s verpatzt, Mist &#8211; die n\u00e4chste bitte!<\/p>\n<p>Sich wegzappen aus einer Situation &#8211; das ist es, was hier versucht wird. Der Andere, an den man aneckt, bzw. der einem auf irgend eine unberechenbare Weise pl\u00f6tzlich nahe tritt, wird als Gegen\u00fcber negiert. Warum?<\/p>\n<p>Nicht aus Feindseligkeit, vermute ich, sondern aus Erschrecken dar\u00fcber, dass im jeweiligen Augenblick der innere Film ganz pl\u00f6tzlich unterbrochen wird, das \u00fcbliche Vor-sich-hingr\u00fcbeln, w\u00fcnschen, l\u00e4stern, planen, urteilen, interpretieren, f\u00fcrchten und begehren. Ihhhh, da ist ja noch eine Welt &#8222;da drau\u00dfen&#8220;, oh Gott, die will ja was von mir &#8211; nix wie weg hier!<\/p>\n<p>Es geschieht einfach so, ist nicht etwa b\u00f6se Absicht. Und deshalb auch nicht durch gute Vors\u00e4tze zu \u00e4ndern. (Wie \u00fcbrigens das meiste Versagen und sogar die meisten \u00fcbergriffe auf andere Personen!) Ich beschreibe diese verst\u00f6renden Verhaltensausf\u00e4lle denn auch nicht in der Hoffnung, die eigene Moral zu bessern oder bei anderen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen &#8211; sondern einfach, weil ich diese Erlebnisse bemerkenswert finde. Interessanter jedenfalls als Geschichten von Au\u00dferirdischen, die jemanden entf\u00fchrt und untersucht haben sollen &#8211; das w\u00e4r n\u00e4mlich vergleichsweise menschlich!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern war ich auf der Post, ein Paket aufgeben. Die Filiale ist in einer \u00fcberdachten Passage, L\u00e4den, Restaurants und ein Hotel bilden eines dieser recht auswechselbaren &#8222;Essembles&#8220;, in denen man heute Stadt erleben soll. In der Mitte des Platzes, um den sich alles ordnet, f\u00fchrt eine Treppe ins Untergescho\u00df, vermutlich zu den Tiefgaragen. 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