{"id":1295,"date":"2003-01-12T12:45:38","date_gmt":"2003-01-12T11:45:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1295"},"modified":"2019-11-10T12:57:33","modified_gmt":"2019-11-10T11:57:33","slug":"richtungswechsel-eine-zwischenbilanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/01\/12\/richtungswechsel-eine-zwischenbilanz\/","title":{"rendered":"Richtungswechsel &#8211; eine Zwischenbilanz"},"content":{"rendered":"<p>Seit einer knappen Woche lebe ich wieder allein &#8211; nach etwa zw\u00f6lf Jahren Zweisamkeit! Nur noch ein paar wenige gro\u00dfe M\u00f6bel meines liebsten Freundes stehen im Nebenzimmer, am Montag fr\u00fch ist der Abtransport. Er hat eine Wohnung in Kreuzberg gefunden, ich bleibe in Friedrichshain, ziehe aber ein paar hundert Meter weiter: r\u00fcber \u00fcber die S-Bahn-Geleise, n\u00e4her an die Spree, direkt neben die Oberbaumcity. Alles verl\u00e4uft ganz organisch, es geschieht, was geschehen muss und wir sind es beide zufrieden. Eine gute Erfahrung, da\u00df nicht jede wichtige Ver\u00e4nderung unter Hauen &amp; Stechen stattfinden muss.<\/p>\n<p>Beim Verein der Freunde alter Menschen bin ich im November ausgestiegen: f\u00fcr ein paar wenige alte Menschen Kaffeenachmittage zu organisieren \u00e4ndert nichts an der Situation in den Alten- und Pflegeheimen, auch nicht an der Isolation der Unz\u00e4hligen die noch in ihren Wohnungen schlecht und recht versorgt werden. Und JA, ich will wieder etwas \u00e4ndern, wenn ich mich schon engagiere, nicht nur einfach &#8222;irgendwas in dem Bereich&#8220; machen und sehen, wie es mir bekommt.<\/p>\n<p>T\u00fcren schlagend verlie\u00df ich kurz vor Weihnachten auch meinen langj\u00e4hrigen Yoga-Lehrer. \u00dcber die verschiedenen Anl\u00e4sse will ich mich hier nicht verbreiten. Ich verdanke ihm viel und werde das nicht vergessen! Der Zeitpunkt war allerdings l\u00e4nger schon \u00fcberschritten, an dem ich h\u00e4tte gehen sollen: der ist immer dann, wenn ich nur noch das &#8222;Immerselbe&#8220; erlebe und bereits mehrfach auf alle mir m\u00f6glichen Weisen reagiert oder eben nicht reagiert habe. Da zu bleiben und das Bekannte endlos weiter zu &#8222;konsumieren&#8220;  ist dann kontraproduktiv, denn die Punkte, an denen es weiter gehen muss, sind durch diese Konstellation blockiert: bei ihm und durch ihn geht nichts mehr &#8211; aber auch nicht mit Hilfe eines Anderen, denn ER ist ja da! Und er macht nat\u00fcrlich SEINS, seinen Yoga, sein Leben, seine Philosophie und seine Weltanschauung &#8211; wenn ich wichtige Teile davon ablehne, aber trotzdem dran bleibe, ergibt das nur einfach zunehmende \u00c4rgerlichkeit im zwangsl\u00e4ufigen Stillstand.<\/p>\n<p>Gut, dass es jetzt zu Ende ist, zehn Jahre sind vermutlich auch genug. Mit ihm zu streiten w\u00e4re m\u00fc\u00dfig. Ganz abgesehen von der Frage, ob er Kritik und Auseinandersetzung auch einmal zulassen w\u00fcrde, bin ich ja nicht gekommen, um IHN, den zwanzig Jahre \u00c4lteren zu \u00e4ndern, sondern um MICH mit seiner Hilfe \u00e4ndern zu lassen. Wenn allerdings in mir keinerlei Verlangen mehr brennt, in dieser oder jener Hinsicht zu werden wie er, dann l\u00e4uft da nichts mehr. Lange schon nicht!<\/p>\n<h2>Form wird Leere, Leere wird Form<\/h2>\n<p>Es gab auch noch ein paar weniger bedeutende Trennungen in letzter Zeit, die alle ein Grundmotiv gemeinsam haben: die Phase, in der ich nur beobachtetete, wie die Au\u00dfenwelt mich formt, in der ich immer nur \u00fcbte, m\u00f6glichst ohne Widerstand ein Maximum an innerer Flexibilit\u00e4t zu realisieren, ist vorbei. Lange lebte ich aus der Mitte dreissig gewonnenen, damals ungeheuer befreienden Einsicht: Ich bin niemand, also bin ich (potenziell) alles. Kann daher zu allem JA sagen, denn nichts stellt mich in Frage. Weil da ja kein substanzielles Ich existiert , weil &#8222;ich&#8220; nur eine Denkweise ist, definiert mich auch nichts au\u00dfer mir selbst &#8211; ich kann es also gleich ganz lassen und einfach nur Beobachterin sein. Beobachterin auch eigener Gedanken, Gef\u00fchle und Aktionen, die einfach stattfinden weil ein Tag dem anderen folgt und immer irgend etwas geschieht.<\/p>\n<p>Demut, Hingabe, Gelassenheit &#8211; diese Haltungen kamen in meinem ersten Lebensentwurf nicht vor: der zeigte mich als Macherin meiner Welt, als stets Betroffene und Verantwortliche, die mit vollem Einsatz k\u00e4mpft und um Macht und Einflu\u00df ringt; nat\u00fcrlich immer f\u00fcr die Menschheit und die Weltrettung und niemals f\u00fcr sich selbst &#8211; zumindest in der Selbsteinsch\u00e4tzung, also in fast v\u00f6lliger Blindheit. <\/p>\n<p>Als diese Art des In-der-Welt-Seins dann auf selbstzerst\u00f6rerische Weise zum Ende kam und vor nun fast dreizehn Jahren endlich zusammen brach, bewegte es mich wie in einer Pendelbewegung hin zum anderen Ende er Dualit\u00e4t: Nicht ICH mache,  sondern ich werde gemacht &#8211; alles geschieht immer schon ganz ohne dass ich die Welt auf meinen  Schultern trage. Etwas Konkretes wollen, etwas Bestimmtes meinen, ja, alles Meinen und Diskutieren, Argumentieren und Gr\u00fcbeln &#8211; all das sind nur Formen der Unfreiheit und Selbstfesselung. Nur nie mehr versuchen, eine Form zu verteidigen! <\/p>\n<p>Ich kann kaum schildern, was das f\u00fcr eine Umwertung alle Werte bedeutete &#8211; und was f\u00fcr ein spektakul\u00e4r anderes Lebensgef\u00fchl. Es war eine Art zweite Geburt. In der ersten Zeit schwebte ich denn auch wie auf Wolken, und auch sp\u00e4ter ging es mir durchgehend besser als je zuvor: anstrengungslos ergriff ich M\u00f6glichkeiten, die sich mir anboten. Menschen wollten etwas von mir, also tat ich das &#8211; das Leben wurde ungeheuer einfach und erstaunlicherweise lebte ich in jeder Hinsicht besser, auch was Arbeit und Einkommen angeht. Offensichtlich war ich in meiner Macher-Phase selbst der Urgrund all meines Ungl\u00fccks und meiner Verzweiflungen gewesen.<\/p>\n<p>Die &#8222;Entdeckung der Gelassenheit&#8220; war allerdings nicht das Ende, wie ich heute merke. Das Pendel h\u00e4lt nicht etwa an, sondern schwingt weiter von einem Pol zum andern &#8211; vermutlich werden nur die Ausschl\u00e4ge k\u00fcrzer und ein Leben ist (im niemals real existierenden Idealfall) dann vollendet, wenn es in der Mitte zur Ruhe kommt.<\/p>\n<p>Weit entfernt von dieser mittigen Ruhe erlebe ich derzeit wieder den Richtungswechsel: von der Leere zur Form, vom Nichts zum Alles, vom Loslassen zum Zupacken, vom Forschen und Beobachten zum Erschaffen und Pflegen. Es f\u00fchlt sich an wie eine H\u00e4utung, alles Erleben \u00e4ndert seinen Geschmack, alle Wahrnehmung ist anders, eben noch in einer alten Routine steckend merke ich st\u00e4ndig: hey, auch DAS ist ja nicht mehr so, wie gehabt! Auch hier ist etwas neu und ich muss es mir genauer ansehen, muss einen neuen Umgang damit finden.<\/p>\n<h2>Aus der W\u00fcste zu den Sternen<\/h2>\n<p>Wie ist das gekommen? Was hat sich ver\u00e4ndert? Der Umschlag hat sich schon lange Zeit angebahnt, so seh ich das zumindest jetzt. Einige Jahre f\u00fchlte ich mich schon wie in einer Art W\u00fcste: keine W\u00fcnsche mehr, keine wirklich ernst gemeinten Projekte, keine Gedanken an Zukunft (weil die sowieso nicht existiert..) &#8211; und der verr\u00fcckte Versuch, immer mehr zum Nichts zu werden, eine Art Nullstelle im Dasein, allenfalls ein paar vielleicht hilfreiche Beobachtungen absondernd, die aufgrund eigener Interesselosigkeit einen ganz besonderen Anspruch auf Wahrheit anzumelden h\u00e4tten &#8211; wie absurd! Was f\u00fcr eine Selbtvergewaltigung!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend mein Yogalehrer sein Buch \u00fcber &#8222;Daseinsgefr\u00e4\u00dfigkeit&#8220; vorbereitete, verging mir so langsam aller Appetit aufs Leben. Und im Zusammenwohnen in einer um jeden Preis friedlichen Zweisamkeit scheiterte ich zeitgleich mit dem Bem\u00fchen, als Form, als Jemand, an dem der Andere anecken, sich irgendwie st\u00f6ren k\u00f6nnte, zu verschwinden. Mich immer weiter zur\u00fccknehmend konnte ich es locker bis zur konturlosen grauen Maus bringen, die in einem unauff\u00e4lligen Loch sitzt und den Kopf einzieht, um nur nicht Stein irgend eines Ansto\u00dfes zu sein &#8211; nichts wollend, nichts meinend, nichts w\u00fcnschend &#8211; und doch alles zwecklos! Der Andere st\u00f6\u00dft sich trotzdem, das kann gar nicht anders sein, wenn man sich so nahe ist.<\/p>\n<p>Das eigene Verschwinden ist nun aber nicht wirklich machbar, selbst der Symbolisierung und Virtualisierung  in einem Online-Leben sind nat\u00fcrliche Grenzen gesetzt. Wenn also die eigentlich  &#8222;beziehungstypischen&#8220;  Auseinandersetzungen vermieden werden sollen, bleibt als einzige M\u00f6glichkeit, die allt\u00e4gliche Zweisamkeit zu beenden und eine gr\u00f6\u00dfere Distanz einzunehmen. (&#8230;.jetzt freu ich mich schon wieder, wenn er zum Kaffee kommt!)<\/p>\n<p>Seit dies beschlossen ist,  also seit ein paar Monaten, zerbr\u00f6ckeln eine ganze Menge innere Mauern, die ich offensichtlich gegen Ver\u00e4nderungen errichtet hatte. Es ist machbar, ja sogar leicht, etwas Wesentliches zu ver\u00e4ndern: Anstatt zugunsten Anderer wegzuschrumpfen, kann ich mir auch einfach mehr Raum nehmen. Ja, irgendwann bleibt einfach nichts anderes mehr \u00fcbrig, selbst wenn ich &#8222;eigentlich&#8220; nichts derartiges vorhatte, ja, sogar \u00e4ngstlich davor zur\u00fcck schreckte..<\/p>\n<p>Es macht einen wichtigen Unterschied, dies an sich selber erneut zu erleben, anstatt es nur zu wissen bzw. zu erinnern. Wie Dominosteine purzelt nun alles in eine andere, eine neue Richtung: wenn ich an diesem allerwichtigsten Punkt meines Lebens nicht anders kann, als SO zu entscheiden, dann ist nicht mehr einzusehen, warum ich mich in weniger wichtigen Bereichen weiter um die eigene &#8222;Nichtung&#8220; m\u00fchen sollte!<\/p>\n<p>Als w\u00e4re die Sehne eines Bogens \u00fcberspannt worden und letztlich gerissen, drehe ich mich um 180 Grad, schwinge mit dem Pendel wieder in die andere Richtung und f\u00fchle voller Freude: Ich bin v\u00f6llig ok, meine individuelle  &#8222;Form&#8220; ist gut so! Sollen doch diejenigen, die immer gerne an mir herumkritisieren, erstmal dahin kommen, sich mit sich selbst so wohl zu f\u00fchlen wie ich. Mein Atem ist mir lang genug, warum zum Teufel soll ich ihn eigentlich NOCH weiter verl\u00e4ngern??? Wenn nicht gerade jemand an mir zieht und mir vermittelt, ich sei irgendwie falsch, geht&#8217;s mir super! Sogar unabh\u00e4ngig vom Stand des Bankkontos, vom Wetter und  von kleinen Zipperlein wie Mausarm, Tietzesyndrom und  Probleme mit dem Nerv aus L5\/L6 ! Richtig krank bin ich nie, meistens sogar gut gelaunt, in meinem Kopf geben sich weder \u00c4ngste und Bedenken die Klinke in die Hand, noch f\u00fcllen Klage und Anklage \u00fcber Selbst und Welt alle Speicher, die doch f\u00fcr das Wunder der Wahrnehmung und ein freudvolles sch\u00f6pferisches Handeln in der &#8211; tats\u00e4chlich verbesserungsbed\u00fcrftigen! &#8211; Welt weit besser genutzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und das will ich nun auch tun. Es geht mir nicht darum, irgend eine Wahrheit zu demonstrieren oder gar zu verteidigen. Wesentlich wichtiger ist das Gef\u00fchl der inneren Ruhe und Klarheit, dieses Ganz-bei-sich-Sein, egal, was da f\u00fcr Turbulenzen im \u00c4u\u00dferen  toben m\u00f6gen. Das Pendeln zwischen den Polen der Dualit\u00e4t &#8211; zwischen Form und Leere, Wille und Hingabe, zwischen Zeitlichkeit  und ewigem Augenblick   &#8211; ist die Bewegung des Lebens. Auf immer neuen Ebenen erlebe ich sie, vielleicht lerne ich ja doch, einfach freudig mit zu tanzen.<\/p>\n<p>Dass im Scheitel des Pendels, im &#8222;Auge des Orkans&#8220;, absolute Stille herrscht, hat damit \u00fcberhaupt nichts zu tun.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einer knappen Woche lebe ich wieder allein &#8211; nach etwa zw\u00f6lf Jahren Zweisamkeit! Nur noch ein paar wenige gro\u00dfe M\u00f6bel meines liebsten Freundes stehen im Nebenzimmer, am Montag fr\u00fch ist der Abtransport. 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