{"id":1294,"date":"2003-01-17T10:43:55","date_gmt":"2003-01-17T09:43:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1294"},"modified":"2014-02-09T12:45:22","modified_gmt":"2014-02-09T11:45:22","slug":"und-wieder-wegwerfen-wegspenden-loslassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/01\/17\/und-wieder-wegwerfen-wegspenden-loslassen\/","title":{"rendered":"Und wieder: Wegwerfen, wegspenden, loslassen"},"content":{"rendered":"<p>Neben mir stehen jetzt sechs gepackte Umzugskisten, vier kleine, 40 mal 60 Zentimeter und zwei gro\u00dfe, 80 lang. Daneben ein Rucksack und noch zwei Taschen, voll mit kleinen Dinge &#8211; meine Buddhastatuensammlung, zum Beispiel. Naja, Sammlung, es sind jetzt sieben. Daneben die Fotoausr\u00fcstung meines Vaters, eine bestimmt 30 oder gar 40  Jahre alte Rico-Spiegelreflex mit allerlei Zubeh\u00f6r, in Geld betrachtet fast wertlos &#8211; nie werde ich sie benutzen, doch ich will sie auch nicht entsorgen, noch nicht.  Er hat mir auf vier Seiten eine Gebrauchsanweisung dazu geschrieben, es ist der einzige Brief, den ich noch von ihm habe. Er beschreibt nicht nur die Kamera, nein, es ist eine Anleitung zum Fotografieren \u00fcberhaupt, auf vier Seiten, z\u00fcgig durch alle Aspekte bis hin zum Umgang mit dem Verk\u00e4ufer, wenn man die Papierabz\u00fcge reklamiert. Rechtschreibung und Grammatik war dabei weniger wichtig, die Tochter ist schlie\u00dflich nicht die Beh\u00f6rde. Tja, so war er. Und ich hab&#8216; viel von ihm!<\/p>\n<p>Unterm Bett liegt das 400-Mark-Keyboard, kaum benutzt und wieder originalverpackt.  Hab mir \u00fcberlegt, es zu spenden, wie den guten Meter B\u00fccher, der nicht mehr ins Regal gepasst hat, mich dann aber doch dagegen entschieden. K\u00f6nnt ja sein, dass ich nochmal Lust auf die 128 Midisounds habe, vielleicht schlie\u00dfe ich das Board in der neuen Wohnung wieder an. Zweimal zwei PC-Lautsprecher mit integriertem Verst\u00e4rker stehen auch noch hier herum. Mindestens ein Paar muss ich behalten.  Derzeit lebe ich ohne Sound, v\u00f6llig still im Hier und Jetzt,  nur gelegentlich das Quaken des Handys, wenn es Strom tanken will. <\/p>\n<p>Am Dienstag bekomm&#8216; ich den Schl\u00fcssel zur neuen Wohnung, dann kann ich mit dem Umziehen anfangen. Samstag kommt <a href=\"http:\/\/www.erkan-transport.de\/\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"goto.gif\" alt=\"*\" border=\"0\" height=\"10\" width=\"10\"> <strong>Erkan-Transport<\/strong><\/a> (sehr empfehlensert!) und holt die gro\u00dfen Sachen, das andere mach&#8216; ich selbst. Es sind ja nur etwa 500 Meter, einmal r\u00fcber \u00fcber die S-Bahn-Geleise, dort, wo man so wunderbar weit bis zum Funkturm sehen kann, dann noch ein paar Schritte bis zum Rudolfplatz, direkt im <a href=\"http:\/\/www.kultstral.de\/fakten\/index_fakten.htm\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"goto.gif\" alt=\"*\" border=\"0\" height=\"10\" width=\"10\"> <strong>Stralauer Kiez<\/strong><\/a>, praktisch eine Insellage.<\/p>\n<h3>\nJedes Mal ein bisschen weniger ?<\/h3>\n<p>Seit ich Webtagebuch schreibe, ist dies mein dritter Umzug. Ich kann also nachlesen, wie es mir 2001 erging, als ich voller Freude in die Metropole zur\u00fcck kehrte, die ich 1999 so v\u00f6llig \u00fcberdr\u00fcssig verlassen hatte. Da finde ich zum Beispiel den Eintrag <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/09_05_01.htm\" target=\"new\"><strong>Mal wieder: Materie<\/strong><\/a>, der davon handelt, wie man das Sammeln, Horten und Anh\u00e4ufen vermeiden bzw. sich abgew\u00f6hnen kann &#8211; und wie ich mich im einzelnen m\u00fche, immer weniger zur\u00fcck zu behalten. Ein Endlos-Thema, denn auch schon beim Umzug aufs Land, im Juni 1999,  wollte ich jede Menge <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/diary3.htm#18_06\" target=\"new1\"><strong>Ballast abwerfen<\/strong><\/a>  (wer nachliest merkt: hier geht&#8217;s auch zur\u00fcck ins historisch gewachsene Diary). <\/p>\n<p>Ist da in Sachen Besitz nun ein Fortschritt festzustellen? Hat das &#8222;weniger werden&#8220; geklappt ???  Ich hab mich ja nicht selber vergewaltigt und sozusagen &#8222;programmatisch&#8220; alles m\u00f6gliche weggeworfen. Nein, Dinge wie etwa Papas Kamera  schleppe ich ohne \u00c4rger mit, was weh tun k\u00f6nnte, wird nicht entsorgt, mag das auch noch so irrational sein. (Ich BIN schlie\u00dflich nur in einem winzigen Bereich rational, warum also sollte ich mich da bez\u00e4hmen.) <\/p>\n<p>Wenn ich mal kurz dr\u00fcber lese, stelle ich fest: 1999 hab ich sogar noch mehrere Jahrg\u00e4nge Internet World und andere Magazine nach Mecklenburg umgezogen &#8211; in gro\u00dfen Schubern, was f\u00fcr ein irres Gewicht! Die hab ich diesmal dem Obdachlosenbuchladen um die Ecke vorbei gebracht, zusammen mit den bestimmt sechs T\u00fcten bzw. Rucks\u00e4cken voll B\u00fccher. Die Andenken, Fotos und Geschenke aus der pers\u00f6nlichen Vergangenheit, die ich bisher nie los werden konnte, hab ich durchsortiert und auf ein Zwanzigstel geschrumpft! Alte Familienalben, alle Negativfilme aus der eigenen Fotografierzeit &#8211; alles weg. Auch besitze ich keinen einzigen Brief mehr, nur eine Art &#8222;Rollo am Holzstab&#8220;, das ein Mann, in den ich vor etlichen Jahren verliebt war, aus unseren Fr\u00fchlingsbriefen zusammenkopiert und gebastelt hat. Ich hatte das Teil schon in der Hand, die \u00fcber dem M\u00fcll schwebte -. kurz z\u00f6gerte &#8211; dann hab ich mal kurz reingelesen. Das h\u00e4tt ich nicht tun sollen, jetzt hab&#8216; ich das romantische Papp-Memorial einer Fr\u00fchlingsliebe noch ein paar Jahre!<\/p>\n<p>Fortschritt auch bei den am meisten Ego-besetzten Artefakten: alle &#8222;fr\u00fcheren Werke&#8220; sind jetzt den Gang alles Irdischen gegangen, die einst herausgegebenen Zeitungen, die Brosch\u00fcren und Prospekte, auch s\u00e4mtliche Texte aus unterschiedlichen Schreibgruppen und Workshops. Diesen ganzen Schmodder leichten Herzens endlich los zu lassen, tut ganz besonders gut. <\/p>\n<p>Was bleibt? Die sechs Kisten werden noch etwa acht werden &#8211; zum leichteren Tragen durcheinander gepackt mit B\u00fcchern, Akten, Kleider und Geschirr &#8211; dazu die sieben Buddhastatuen. Geschirr und Klamotten konnte ich in den letzten Tagen auf genau das reduzieren, was ich auch tats\u00e4chlich trage und benutze, der Rest ging in die Kleidersammlung.<\/p>\n<p>M\u00f6bel ?  Nicht viel: Ein Bett mit h\u00f6llisch schwerer Latexmatratze, zwei Billy-Regale, der Schreibtisch mit Stuhl und Aktenschrank, ein Sideboard und ein Kleiderst\u00e4nder (statt Kleiderschrank, dem ich mich immer schon verweigere), zwei leichte Stoffsessel mit rundem Tischchen, ein kleines Sofa, der K\u00fcchentisch mit zwei St\u00fchlen, &#8211; sodann die Waschmaschine und der K\u00fchlschrank, ein kleines Stand- und ein H\u00e4ngeregal f\u00fcr die K\u00fcche. Drei Zimmerpflanzen, drei Balkonk\u00e4sten &#8211; war es das? Ach ja, zwei Balkonst\u00fchle, auch f\u00fcr G\u00e4ste benutzbar, und ein paar kleine Teppiche. Himmel, es bleibt doch immer noch eine ganze Menge \u00fcbrig, was mensch so durchs Leben schleppen muss in der technischen Zivilisation. Und um in dieser zu navigieren, ist nat\u00fcrlich der PC und das zugeh\u00f6rige Equipment nicht zu vergessen &#8211; ja, er ist die &#8222;Haupt-Sache&#8220;, denn der ganze Umzug ist um &#8222;Abbauen des Arbeitsplatzes, Aufbauen dr\u00fcben&#8220; herum organisiert, das wichtigste DER ANSCHLUSS, m\u00f6glichst nahtlos und ohne zwischenzeitliche Unterbrechung.\n<\/p>\n<p>Was die materiellen Gegenst\u00e4nde angeht, hab ich es mit diesem Umzug also nun wirklich dahin gebracht, praktisch jedes Ding zu kennen, das ich besitze &#8211; von den K\u00fcchenmessern \u00fcber den R\u00e4ucherst\u00e4bchenhalter bis zum Aktenlocher. Ich k\u00f6nnte also damit beginnen, mir &#8222;die letzen Dinge&#8220; zuzulegen: alle diese bisher nur zuf\u00e4llig und ohne besondere Liebe erworbenen oder behaltenen Gegenst\u00e4nde nach und nach durch bewu\u00dft gew\u00e4hlte, sch\u00f6ne Dinge ersetzen, zu jedem eine eigene Beziehung aufbauen, Gegenst\u00e4nde mit Gesicht und Geschichte! Anderen ist das in die Wiege gelegt &#8211; sollte es mir JETZT noch gelingen, die Liebe zur materiellen Ebene zu entwickeln? Sp\u00e4t ist besser als nie, sag ich mir.<\/p>\n<h3>Sch\u00f6n, sinnlich, farbig?<\/h3>\n<p>Morgen in einer Woche werde ich also am Rudolfplatz aufgebaut haben, werde angeschlossen sein (toi toi toi!) und aus dem Fenster in die Weite sehen: \u00fcber den Platz mit Kirche, Schule und Kinderspielplatz, \u00fcber den Gr\u00fcng\u00fcrtel bis hin\u00fcber zu den S-Bahn-Geleisen.  Seit vorgestern hab&#8216; ich den Mietvertrag, ich kann&#8217;s noch kaum glauben! Es sind 72 Quadratmeter, zwei gro\u00dfe, ineinander \u00fcbergehende Altbauzimmer, eins mit Balkon, das andere mit gro\u00dfem Erker. Renovieren muss ich nicht,  alles ist ok, Rauhfaser wei\u00df, abgezogene Dielen, nichts irgendwie schmuddlig, aber auch nicht so gesichtslos &#8222;topmodernisiert&#8220; wie in der Wohnung, die ich verlasse. <\/p>\n<p>Wird das jetzt der letzte Umzug oder geht&#8217;s in zwei Jahren wieder weiter??? Die Miete immerhin ist bis ins Jahr 2013 im Mietvertrag festgelegt.  Und die Wohnung ist recht genau meine Wunschwohnung: \u00e4hnlich viel Platz wie jetzt, sogar mehr, denn ich hab wieder zwei Zimmer. Weitblick nach allen Seiten, Balkon, im dritten Stock und also auch richtig hell. Drei Minuten zur U- und S-Bahn, 15 Minuten ins Fitness-Center,  nicht viel l\u00e4nger zum anderen Ufer der Spree in den Treptower Park &#8211; und direkt daneben ein interessantes Gesch\u00e4ftsviertel, die <a href=\"http:\/\/www.oberbaumcity.de\/\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"goto.gif\" alt=\"*\" border=\"0\" height=\"10\" width=\"10\"> <strong>Oberbaum-City<\/strong><\/a>. <\/p>\n<p>W\u00fcnsche? Ich m\u00f6chte die Wohnung gem\u00fctlich haben, es soll sch\u00f6n sein, sinnlich, farbig. Das ist ein neues Bed\u00fcrfnis, eine neueAufgabe:  bisher waren meine Umgebungen immer sachlich-funktional (im besten Fall!), ja k\u00fchl.. Ich bin gespannt, ob sich da etwas ver\u00e4ndert, bzw. ver\u00e4ndert hat. Keinesfalls will ich auf die Schnelle irgend etwas kaufen oder gestalten, nur damit es nicht leer ist! Eigentlich gefallen mir ziemlich leere Wohnungen sogar am besten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben mir stehen jetzt sechs gepackte Umzugskisten, vier kleine, 40 mal 60 Zentimeter und zwei gro\u00dfe, 80 lang. Daneben ein Rucksack und noch zwei Taschen, voll mit kleinen Dinge &#8211; meine Buddhastatuensammlung, zum Beispiel. Naja, Sammlung, es sind jetzt sieben. 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