{"id":1291,"date":"2003-01-24T12:28:29","date_gmt":"2003-01-24T11:28:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1291"},"modified":"2014-02-09T12:30:51","modified_gmt":"2014-02-09T11:30:51","slug":"noch-hier-schon-dort-im-nirgendwo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/01\/24\/noch-hier-schon-dort-im-nirgendwo\/","title":{"rendered":"Noch hier &#8211; schon dort &#8211; im Nirgendwo"},"content":{"rendered":"<p>Das Zimmer ist nun fast ganz leer, alles ist abgebaut und steht zum Transport bereit. Diesen Text tippe ich nicht mehr am gro\u00dfen Schreibtisch auf dem bequemen B\u00fcrostuhl, sondern an einem kleinen runden Holztischchen, das gerade genug Platz f\u00fcr Monitor, Tastatur und Maus bietet. Nachher werde ich ein letztes Mal ins Netz gehen, nach Mail gucken und diesen Beitrag ins Diary stellen, bevor ich alles ausst\u00f6psele und verpacke.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/rudolfplatz.jpg\" alt=\"Rudolfplatz\" width=\"400\" height=\"248\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1292\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/rudolfplatz.jpg 400w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/rudolfplatz-300x186.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Heut war ein anstrengender Tag, aber er hat mir trotzdem sehr gefallen. Ich war schon um halb neun in der neuen Wohnung, ging dort durch die R\u00e4ume, die noch wunderbar leer waren, \u00fcberlegte,  wohin ich dies und jenes stellen werde, ging immer wieder zu den Fenstern, um die Aussicht zu genie\u00dfen. Endlich mal mehr als nur die Hauswand gegen\u00fcber  &#8211; n\u00e4mlich der Rudolfplatz: ein bi\u00dfchen Gr\u00fcnanlage, Wiese, B\u00e4nke, Geb\u00fcsch, ein gro\u00dfer Kinderspielplatz, daneben Kirche (au\u00dfer Betrieb) und Schule &#8211; und gegen\u00fcber das Offene, Unbestimmte, Weite&#8230; es entz\u00fcckt mich! Das  ist das Erbe von Mecklenburg, ganz bestimmt. Fr\u00fcher hab ich mich f\u00fcr Ausblicke n\u00e4mlich nicht interessiert. Meine erste berliner Wohnung (ab 1979) lag im Hinterhaus, einhalb Zimmer, K\u00fcche, Ofenheizung, Au\u00dfentoilette &#8211; und man schaute auf eine fensterlose Brandwand, nur etwa drei Meter entfernt. Die billige Bleibe hatte ich von dem Regisseur Rudolph Thom\u00e8 \u00fcbernommen, der sich sp\u00e4ter an sie erinnerte und mich bat, f\u00fcr drei Wochen auszuziehen. Ich bekam 1000 Mark und das Filmteam die Wohnung, wo sie einige Szenen f\u00fcr &#8222;Berlin Chamissoplatz&#8220; drehten. An der Mauer gegen\u00fcber stand dann rot hingespr\u00fcht: &#8222;Anna, ich liebe dich!&#8220;, und meine Wohnung war frisch gestrichen.<\/p>\n<p>Es war ein langer Tag mit viel k\u00f6rperlicher Arbeit: geschleppt, gepackt, geputzt, herumgefahren, Auto einladen, Auto ausladen, runter vom zweiten, rauf in den dritten Stock &#8211; viele Male viele Treppen steigen. Das Denken \u00e4ndert sich dabei, stelle ich fest. Ich plaudere einfach so daher, komme von diesem zu jenem, es hat weniger Schwere, weniger Reiz, weniger Wichtigkeit &#8211; ich kann ihm Raum geben und es plappert los, aber es ist angenehm zu wissen, dass es auch wieder aufh\u00f6rt, weil noch viel zu tun ist, morgen, \u00fcbermorgen &#8211; ganz konkrete, anfa\u00dfbare Dinge, ausr\u00e4umen, einr\u00e4umen, M\u00f6bel herumschieben, einkaufen, basteln, ausmessen, Lampen aufh\u00e4ngen, die K\u00fcche streichen &#8211; das ist so vergleichsweise ruhig, ich kann es schlecht in Worte fassen, aber jetzt verstehe ich besser, warum Kontemplative und Mystiker aller Zeiten einen Hang zu einfachen k\u00f6rperlichen Arbeiten hatten. Das &#8222;\u00dcbertriebene&#8220; des Denkens verschwindet, man f\u00fchlt sich im EINKLANG, wenn man zu dem, was k\u00f6rperlich gerade passiert, den passenden Gedanken hegt: Stelle ich den Herd mehr rechts, oder verschiebe ich ihn eher nach links? Und wenn solche Fragen nicht auftauchen, ist es wundervoll, einfach die Empfindungen zu beobachten. Ja, so ein kleiner Urlaub vom Sitzleben durch das Umziehen ist schon toll!<\/p>\n<p>Mittags dann im T-Punkt: WARUM ist das Telefon noch nicht geschaltet? Das sollte doch am 23. in der neuen Wohnung schon funktionieren! &#8222;Tja,&#8220; sagt die Dame und blickt bedauernd in ihren Monitor, &#8222;das hat leider nicht geklappt! Aber am 28. ist die Schaltung dann ganz sicher, der Termin steht!&#8220;. Sie will nicht, dass ich auch in den Monitor gucke, was f\u00fcr mich erstmal ganz selbstverst\u00e4ndlich ist, wenn ich mit ihr zusammen an einem runden Stehtisch stehe, also kein Schreibtisch den Raum in &#8222;davor&#8220; und &#8222;dahinter&#8220; einteilt. Was sie wohl f\u00fcrchtet? Dass ich ihrem Arbeits-Interface was weggucke??? Oder erscheinen vielleicht peinliche Meldungen wie &#8222;Kunde ist N\u00f6rgler und beschwert sich bis zum Vorstandsvorsitzenden&#8220;, die sie vor mir verstecken mu\u00df? Ich jedenfalls war immer brav, nur die Telekom hat niemals funktioniert, wie versprochen, wenn ich etwas brauchte. Wirklich nicht ein einziges Mal.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/rudolfplatz2.jpg\" alt=\"Rudolfplatz\" width=\"400\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1293\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/rudolfplatz2.jpg 400w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/rudolfplatz2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Wunderbar geklappt hat heut morgen die Lieferung des Gasherds. Oh, wie hatte ich mir Sorgen gemacht, dass  es nicht der richtige Anschlu\u00df sein k\u00f6nnte, dass der Schlauch vom Herd genau verkehrt herum sitzt, dass er wom\u00f6glich nicht funktioniert oder man irgendwo etwas anwerfen muss und ich hab keine Schl\u00fcssel &#8211; eine Gasetagenheizung hatte ich ja noch nie und was das Kochen angeht, so liegen Jahrzehnte mit E-Herden hinter mir. Zum Gl\u00fcck waren die Sorgen umsonst, es lief alles ganz easy, die beiden gewichtigen Packer hatten sogar gute Laune, wir witzelten herum &#8211; ein netter Einstieg in den Tag. <\/p>\n<p>Kaum waren sie weg, kam <a href=\"http:\/\/www.hor.de\/\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"grafics\/goto.gif\" alt=\"*\" border=\"0\" height=\"10\" width=\"10\"><strong>Dirk<\/strong><\/a>, mein alter Freund aus der Netzliteratur-Szene, der neulich am Telefon unaufgefordert seine Umzugshilfe angeboten hatte. Fand ich klasse &#8211; immerhin sind wir aus dem Alter raus, wo man aus Umz\u00fcgen versucht, eine Art Fest zu machen, viele Leute zusammen trommelt (von denen 80 Prozent auch wirklich kommen), gemeinsam ein paar Stunden schuftet und dann ins gro\u00dfe Fressen &amp; Trinken \u00fcbergeht. Nein, Menschen meiner Altersklasse lassen \u00fcblicherweise umziehen, wir schleppen nicht mehr so gern selbst und viele haben auch soviel angesammelt, dass es freiwillige Helfer \u00fcberfordern w\u00fcrde. Nun, die letzten beiden Male hab ich das auch so gehalten, der lange Weg nach Mecklenburg schreckte mich von der Selbstorganisation doch erfolgreich ab. Aber jetzt, etwa 500 Meter die Stra\u00dfe weiter bis zum Rudolplatz, und dann mit doch deutlich reduziertem Besitztum &#8211; Himmel, daf\u00fcr will ich einfach keine 600 Euro ausgeben!<\/p>\n<p>Also Eigeninitiative &#8211; alles, was in den Peugeot von Manfred passt, selber transportieren, f\u00fcr die gr\u00f6\u00dferen  Sachen kommen morgen zwei Profis mit einem Kleintransporter. Wenn ich mich so umgucke, werden die h\u00f6chstens zweimal fahren m\u00fcssen &#8211; f\u00fcr zusammen 45 Euro die Stunde, das ist echt zivil. (Wenn man dagegen eine Obdachloseninitiative beauftragt, die in den hiesigen Kleinanzeigenbl\u00e4ttern insererit, kostet es 50 Euro pro Helfer PLUS Auto!) Trotzdem war es wunderbar, dass Dirk mir heute geholfen hat. Die Umzugskisten h\u00e4tten mich sonst \u00fcberfordert &#8211; au\u00dferdem ist es netter zu zweit, die ganze Sache ist viel schneller rum. Hinterher waren wir noch gem\u00fctlich essen &#8211; DANKE DIRK!<\/p>\n<p>Diesem Text mangelt es deutlich an philosophischer Dimension, sorry! Im Moment scheine ich mich am schreiben fest zuhalten, denn danach will ich ja den Stecker ziehen. Vom Netz gehen, das Telefon einpacken, den Kabelverhau auseinander nehmen &#8211; es ist mit eigenartigen Gef\u00fchlen verbunden, als t\u00e4te ich etwas Verbotenes. Auch eine Art Verlustangst ist dabei: wenn ich mal drau\u00dfen bin, werde ich denn wieder REIN kommen??? Rechtzeitig und ohne Verluste und ohne dass ich etwas Wichtiges verpasst h\u00e4tte???  Das ist alles ganz irrational und nicht besonders ausgepr\u00e4gt, nur eine &#8222;Unterstimmung&#8220; unter den viel st\u00e4rkeren Gef\u00fchlen, die im Rahmen des Umzugs aufkommen. Aber doch un\u00fcberh\u00f6rbar: DER ANSCHLUSS ist das wichtigste! Um den Anschluss herum wird alles andere angeordnet. Egal, in welchem Zustand sich die neue Wohnung dann gerade befindet, sobald &#8222;der Anschlu\u00df steht&#8220;, ist alles in Butter, alles ok, die Sache gelaufen.<\/p>\n<p>Am Dienstag also. Sagt zumindest die Telekom. Ich k\u00f6nnte das ja hier alles stehen lassen und erstmal abwarten, ob es auch klappt. Hab ich mir zuerst jedenfalls so \u00fcberlegt, dann aber doch Lust auf den &#8222;vollen Umzug&#8220; bekommen. Ich mag nicht in diese leere Wohnung zur\u00fcck gehen und hier mailen und Webseiten pflegen &#8211; dann schon lieber ins Internet-Caf\u00e9, das passt viel besser zu diesem wunderbaren &#8222;Ausnahmezustand&#8220;.<\/p>\n<p>Wer also was von mir braucht in den n\u00e4chsten Tagen, kann davon ausgehen, dass ich einmal am Tag Mail abrufe. Viel mehr aber nicht.<\/p>\n<p>\nUnd jetzt zieh ich den Stecker. Macht&#8217;s gut!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Zimmer ist nun fast ganz leer, alles ist abgebaut und steht zum Transport bereit. 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