{"id":1286,"date":"2003-01-30T12:20:41","date_gmt":"2003-01-30T11:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1286"},"modified":"2014-02-09T13:19:18","modified_gmt":"2014-02-09T12:19:18","slug":"umzug-geschafft-vom-wohnen-und-gestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/01\/30\/umzug-geschafft-vom-wohnen-und-gestalten\/","title":{"rendered":"Umzug geschafft: Vom Wohnen und Gestalten"},"content":{"rendered":"<p>Tag 5 in der neuen Wohnung. Gleich kommt der Hausmeister mit einem Tischler, um in der K\u00fcche ein paar Dielen zu erneuern. Das machen die  ganz ohne dass ich sie dazu aufgefordert h\u00e4tte, einfach so, weil sie &#8222;durch&#8220; sind! Ich bin positiv \u00fcberrascht \u00fcber soviel instandhalterisches Engagement von Seiten der Hausverwaltung, dabei ist es nicht einmal ein frisch saniertes Haus, wo verbliebene M\u00e4ngel eher mal beseitigt werden, sondern ein ganz normaler Berliner Altbau. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/blick_auf_platz.jpg\" alt=\"Blick auf den Rudolfplatz\" width=\"400\" height=\"300\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1288\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/blick_auf_platz.jpg 400w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/blick_auf_platz-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Das Einr\u00e4umen und Einrichten ist jetzt erstmal geschafft, die (neun!) Umzugsk\u00edsten sind ausgepackt, die wenigen M\u00f6bel verteilen sich gut in den beiden gro\u00dfen R\u00e4umen und der K\u00fcche. Das Gef\u00fchl von Weitl\u00e4ufigkeit bleibt gl\u00fccklicherweise erhalten, passend zu diesem wunderbaren Blick aus dem dritten Stock raus auf den Rudolfplatz. Vorh\u00e4nge braucht es eigentlich nicht, denn es gibt kein Gegen\u00fcber. Meine Vormieterin hatte auch keine, doch aus Gr\u00fcnden der Gem\u00fctlichkeit will ich von dieser Tradition abweichen. Der erste Versuch war allerdings ein Flop, in zwei Zentimeter Tiefe trifft der Bohrer auf Eisen. Na, mal sehen, es mu\u00df ja nicht alles in der ersten Woche passieren.<\/p>\n<p>Ich glaube, in dieser Wohnung werde ich lange bleiben. Sie ist wie f\u00fcr mich gebaut und bietet (fast) alles, was ich im Laufe meiner bisherigen Wohn- und Umzugserfahrung als angenehm und sch\u00f6n erlebt habe: hohe Altbaudecken mit Stuck, Fl\u00fcgelt\u00fcren, abgezogene Dielen, ein gro\u00dfer Erker und ein Balkon. Dazu nach vorne und hinten jede Menge Aussicht, ich bin richtig entz\u00fcckt! Im Fr\u00fchling wird es in den gro\u00dfen verbundenen H\u00f6fen, die sich hinter dem Haus bis zur Spree erstrecken gr\u00fcnen soweit das Auge reicht. Ein Geschenk!<\/p>\n<p>&#8222;Das ist deine erste eigene Wohnung, die ein bi\u00dfchen Stil hat&#8220;, sagte mein liebster Freund, als er herumging und begutachtete, wie ich die Gegenst\u00e4nde in den R\u00e4umen verteilt hatte. Das ist ein gro\u00dfes Lob.  Von uns beiden ist n\u00e4mlich er immer derjenige, der es locker hinbekommt, aus nichts eine gute Atmosph\u00e4re zu schaffen &#8211; mir scheint, ein bisschen habe ich im Lauf der zehn Jahre des Zusammenwohnens doch von ihm gelernt. <\/p>\n<p>Dabei hab&#8216; ich noch fast gar nichts GETAN, nichts angeschafft, Vorh\u00e4nge und ein Teppich fehlen &#8211; aber zuwenig ist bei weitem besser als zuviel! Das ist eine der Maximen angenehmen Wohnens, hinter der ich jetzt voll stehe:  Erstmal mit dem N\u00f6tigsten einziehen, nur alles benutzbar machen und sonst nichts weiter ver\u00e4ndern. Indem ich mich dann in den R\u00e4umen aufhalte und den &#8222;Spirit of Place&#8220; erlebe, ergeben sich die fehlenden, bzw. noch notwendigen Dinge wie von selbst: sie wenden eine Not, die erst einmal gesp\u00fcrt werden will! Wenn ich meine Habe dann in den vorhandenen Regalen, im Sideboard und auf den Kleiderhaken und St\u00e4ndern verteilt habe, DANN erkenne und f\u00fchle (!) ich, ob mir noch ein Schrank oder ein anderes Beh\u00e4ltnis FEHLT. Ich kaufe es nicht einfach so, weil es im Laden oder im Prospekt gut aussieht und irgendwo schon noch hinpasst.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/2zimmer_b.jpg\" alt=\"zwei leere Zimmer\" width=\"450\" height=\"246\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1289\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/2zimmer_b.jpg 450w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/2zimmer_b-300x164.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/p>\n<p>Wie anders bin ich fr\u00fcher an neue R\u00e4ume heran gegangen! Einziehen bedeutete immer erstmal voll renovieren. Egal, in was f\u00fcr einem Zustand die Zimmer waren, &#8222;Rauhfaser wei\u00df&#8220; und &#8222;alles neu&#8220; mu\u00dfte sein, bedeutete eine Art Aneignung des Ambientes durch m\u00fchselige und anstrengende Bearbeitung der Oberfl\u00e4chen. Ohne mir viel Gedanken zu machen, hatte ich dieses Herangehen von meinem Vater \u00fcbernommen, der ein gro\u00dfer Do-it-Yourselfer war.<br \/>\nEs beschr\u00e4nkte sich nicht aufs Streichen und Tapezieren, mein In-Besitz-Nehmen einer Wohnung war auch immer mit scharfem Ger\u00e4t, Staub, L\u00e4rm und gewalt\u00e4tigen Eingriffen  verbunden: ich eroberte das Gel\u00e4nde sozusagen mit der Schlagbohrmaschine, brauchte \u00fcberall Regale und Beleuchtungen, Verkleidungen und Podeste an, ohne je R\u00fccksicht auf die Gegebenheiten zu nehmen: ich ERSCHUF die Wohnung, die ich bewohnen wollte, praktisch erst durch mein brachiales Vorgehen &#8211; das ja immer auch bedeutete, beim Auszug einen \u00e4hnlichen Aufstand machen zu m\u00fcssen, um alles wieder zu verspachteln und in eine neutrale Ordnung zu bringen.<\/p>\n<p>Wie anders jetzt! Die Wohnung, die wir gerade verlassen haben, erforderte nur ein paar wenige ausbessernde Pinselstriche, minimalste F\u00fcllarbeiten und ein bi\u00dfchen putzen. Sieht nun genauso &#8222;topmodernisiert&#8220; aus, wie beim Einzug. Das kommt, weil ich von meinem Lebensgef\u00e4hrten den inneren Ekel \u00fcbernommen habe, Eingriffe in die Substanz vorzunehmen, die nicht unbedingt sein m\u00fcssen. Ein Loch bohren? Mit einer Maschine? Gar so, dass man da etwas anbringen kann, was auch ein Gewicht tr\u00e4gt? Um Himmels Willen! Geht es nicht auch anders? Besser, man stellt etwas auf den Boden oder h\u00e4ngt Dinge an vorhandene Leisten, Tr\u00e4ger, Rohre, Gel\u00e4nder &#8211; jede Alternative ist zu \u00fcberdenken inklusive des Verzichts, bevor  so etwas Heftiges, Lautes und Gewalt\u00e4tiges wie eine Bohrmaschine zum Einsatz kommt.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hab ich diese Haltung bel\u00e4chelt, oft hat sie mich auch ge\u00e4rgert, denn sie erschien mir als blo\u00dfe Behinderung: ich hatte meine gestalterische Idee und wollte sie auf die Schnelle &#8211; mit allen Mitteln! &#8211; umsetzen. Da die Technik das Ger\u00e4t zur Verf\u00fcgung stellt und Materialien wie auch Energie erschwinglich sind, spricht doch nichts dagegen, sich seine Umwelt nach eigenem Willen zu gestalten. Warum sollte ich auf diese M\u00f6glichkeiten verzichten und mich den Verh\u00e4ltnissen anpassen, wie ich sie gerade vorfinde?<\/p>\n<p>Wer jetzt glaubt, an der Stelle komm ich mit \u00d6\u00d6ko und Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, t\u00e4uscht sich. Klar, das alles ist unbestritten lebenswichtig f\u00fcr die Zukunft der Menschheit, aber mal ehrlich: wie nachhaltig wirken diese guten (aber rein &#8222;vern\u00fcnftigen&#8220;) Gr\u00fcnde in der eigenen Psyche, wenn es ums ureigene Wohlbefinden, um die Vorstellungen von Sch\u00f6nheit und Gl\u00fcck, vom  guten Leben geht?<\/p>\n<p>Lassen wir die Vernunft beiseite, es ist etwas Anderes, das mich dankbar sein l\u00e4\u00dft, heute nicht mehr immer und \u00fcberall gleich &#8222;durchgreifen&#8220; zu m\u00fcssen: eben diese VORSTELLUNGEN vom Sch\u00f6nen sind n\u00e4mlich der Knackpunkt, den es genauer zu betrachten gilt. Wenn ich meine Umgebung nur als zu gestaltendes Material ansehe und nicht als vorhandene Form mit eigener Geschichte und eigenem Recht, woher nehme ich dann eigentlich meine (Wunsch-)Vorstellungen, wie die Dinge aussehen sollen? Offensichtlich wachsen sie nicht in mir, denn mit Bestehendem halte ich mich ja gar nicht erst auf, gebe den Dingen so, wie sie sind, keine Chance, eine Zeit lang auf mich zu wirken. Wenn ich sofort umplane und umarbeite, umgehe ich das F\u00dcHLEN dessen, was ist, kann also gar nicht erkunden, was mich wirklich st\u00f6rt, was mir gut tut und was mir in einer konkreten Umgebung fehlt. Ich bleibe dann im Reich des Denkens h\u00e4ngen: Denke, dass das, was da im Laden oder im Prospekt wunderbar aussieht, auch f\u00fcr mein Arbeitszimmer gut sein m\u00fc\u00dfte; denke, dass die Farbkombination, die in der Ausstellungshalle bei Kunstlicht so exotisch wirkt, auch in meinem hellen dritten Stock gut kommt &#8211; und ich irre mich!<\/p>\n<p>Oh, wie oft habe ich mich schon geirrt! Und immer war es mit Aufwand und Kosten verbunden, hat mich angestrengt, mir richtig M\u00fche gemacht und letztlich war es ein Nichts, ja schlimmer als ein Nichts, denn ich war ent-t\u00e4ucht, weil meine Erwartung, um mich herum etwas Sch\u00f6nes zu schaffen, wieder einmal frustriert wurde. Was wiederum die Aufgabe, ein neues Mal alles umzugestalten, nahe legte &#8211; es ist dann nur eine Frage des Geldes, wann es wieder soweit ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das Anspringen auf sch\u00f6ne Dinge in Katalogen, in L\u00e4den, in fremden Wohnungen und in Schaufenstern auch ein GEF\u00dcHL. Aber es ist unverbunden mit dem eigenen Raum, ihm wird keine Zeit gegeben, es taucht isoliert auf und entschwindet wieder, bietet jedenfalls keinen wirklichen Anhalt f\u00fcr das Wachsen eines echten Bed\u00fcrfnisses. Es entsteht in der Regel durch reine Augenlust und bleibt auf den Sehsinn beschr\u00e4nkt &#8211; wogegen das Zimmer, in dem ich mich aufhalte, auf meinen ganzen K\u00f6rper, ja, meine psychophysische Leiblichkeit einwirkt. Und zwar lang und stetig genug, dass ich das dann auch bemerken, in Gedanken und Worte fassen kann. Dann erst WEISS ich, was ich will.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes rede ich mit jemandem dar\u00fcber. Manchmal ist das gut, manchmal eher kontraproduktiv. (Wer die Intuition hat, der eigene Wunsch sei gewi\u00df auch das Richtige, schweigt am besten!) Zum Gl\u00fcck hab&#8216; ich mit M. erstmal \u00fcber meine Idee geredet, die hellgrauen W\u00e4nde in der K\u00fcche doch lieber wei\u00df zu streichen, am besten gleich. Die Farbe hab ich mir zwar schon mal gekauft, aber das Projekt &#8222;K\u00fcchenrenovierung&#8220; ist jetzt ins Fr\u00fchjahr vertagt. Eigentlich sieht das Hellgrau n\u00e4mlich gar nicht so schlecht aus, es war einfach ein besonders tr\u00fcber Tag gewesen, als ich es in der Abendd\u00e4mmerung zum ersten Mal richtig wahrgenommen und innerlich abgelehnt hatte. Im Fr\u00fchling kann ich dann auch gleich das Fenster mit streichen, so hab ich nur einmal Baustelle.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/blickauskueche.jpg\" alt=\"Blick aus der K\u00fcche\" width=\"420\" height=\"315\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1290\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/blickauskueche.jpg 420w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2003\/01\/blickauskueche-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tag 5 in der neuen Wohnung. 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