{"id":1284,"date":"2003-09-11T11:50:03","date_gmt":"2003-09-11T09:50:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1284"},"modified":"2015-12-12T15:16:55","modified_gmt":"2015-12-12T14:16:55","slug":"sich-veroeffentlichen-vom-schreiben-und-vom-nicht-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2003\/09\/11\/sich-veroeffentlichen-vom-schreiben-und-vom-nicht-schreiben\/","title":{"rendered":"Sich ver\u00f6ffentlichen: Vom Schreiben und vom NICHT schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Ein Webtagebuch ist keine \u201ctechnische Weiterentwicklung\u201d eines traditionellen Tagebuchs. So manche fragend-kritisch hochgezogene Augenbraue (\u201dAch, du f\u00fchrst ein Tagebuch im Web??\u201d) erkl\u00e4rt sich aus dieser schlichten Verwechslung: f\u00fcr die Schublade schreiben, wom\u00f6glich noch in eines dieser \u201cabschlie\u00dfbaren\u201d Poesie-Alben-artigen Leerb\u00fccher, wie es viele zu Teeny-Zeiten praktizierten, ist etwas g\u00e4nzlich Anderes, als sich mit pers\u00f6nlichen Texten einer un\u00fcberschaubaren \u00d6ffentlichkeit auszusetzen. Das gilt selbst dann, wenn im Einzelfall die Inhalte dieselben sein m\u00f6gen: Im \u201cgeheimen Tagebuch\u201d will sich der Schreibende verbergen, im Webtagebuch will ich mich zeigen.<\/p>\n<p><strong>Sich zeigen??<\/strong><\/p>\n<p>Wer vor den Zeiten der Ich-AG sozialisiert wurde, empfindet bei der Vorstellung, sich zu zeigen, einen gewissen Schauer von S\u00fcndhaftigkeit. Allerlei fr\u00fche Konditionierungen schlagen zu: Wer bin ich, dass ich von mir so ein \u201cAufhebens\u201d machen sollte? Was habe ich schon zu sagen? Bescheidenheit, Zur\u00fcckhaltung, Sich-nicht-vordr\u00e4ngeln, nicht \u201cangeben\u201d, das Pers\u00f6nliche hinter das Allgemeine zur\u00fcck stellen &#8211; eine ganze Lawine von \u201cDu-sollst\u201d bzw. \u201cDu-sollst-nicht\u201d-Geboten purzelt aus den Schr\u00e4nken des Unbewussten und ergibt eine Gemengelage, deren Entwirrung sich viele lieber nicht zumuten. Der Exhibitionismus-Vorwurf droht, die Welt der Massenmedien, die ja \u201cf\u00fcr die Allgemeinheit\u201d bzw. gro\u00dfe Zielgruppen gemacht werden, tradiert beil\u00e4ufig eine Art gesellschaftliches Tabu gegen\u00fcber dem Pers\u00f6nlichen: Erst mal zehn erfolgreiche Romane schreiben, dann darf der Autor auch eine Autobiografie wagen! Oder Au\u00dfenminister werden, und dann \u00fcber den \u201cLangen Lauf zu mir selbst\u201d berichten.. Als ver\u00f6ffentlichungsw\u00fcrdig gilt nur das m\u00f6glichst objektive Allgemeine, bzw. Verallgemeinerbare, aber weil es so sch\u00f6n Quote bringt, Tabus auch wieder zu brechen, werden Menschen andrerseits dazu benutzt, ihr m\u00f6glichst exotisches Intimleben in uns\u00e4glichen Talkshows zum Besten zu geben. Nicht gerade f\u00f6rderlich, um ein entspanntes Verh\u00e4ltnis zum \u201cSich-Ver\u00f6ffentlichen\u201d zu gewinnen!<\/p>\n<p>Eines der ersten Webtageb\u00fccher, das ich zu Gesicht bekam, war untertitelt mit dem Satz \u201cDiese Seite dient allein der eitlen Selbstdarstellung &#8211; was sonst?\u201d Die Autorin hatte die \u201cRezeptionsproblematik\u201d voll erkannt und sich entschlossen, den Stier mutig bei den H\u00f6rnern zu packen. Sie zeigte m\u00f6glichen Kritikern l\u00e4chelnd den Stinkefinger und schrieb, was sie schreiben wollte &#8211; nat\u00fcrlich nicht nur \u201ceitle Selbstdarstellung\u201d. Sie schrieb \u00fcber alles, was sie beeindruckte und zum Ausdruck dr\u00e4ngte, und war damit vielen Ermunterung und Beispiel, es ihr nachzutun.<\/p>\n<p>Die Frage \u201cWas soll ich schreiben?\u201d ist damit im Grunde beantwortet: Wir bringen das, was uns beeindruckt, zum Ausdruck. Bereits die Eindr\u00fccke &#8211; seien es Sinneswahrnehmungen, Alltagserlebnisse, Medien-Inhalte oder Beobachtungen im Rahmen einer Introspektion &#8211; sind ganz pers\u00f6nlich, individuell v\u00f6llig unterschiedlich. Der Schnee, der vom Himmel f\u00e4llt, ist nicht f\u00fcr jede und jeden gleich kalt. Vom Liebsten verlassen zu werden oder eine Arbeit zu verlieren, ber\u00fchrt jedes Individuum anders &#8211; und das ist interessant! Indem wir uns zu lesen geben, wie wir die Eindr\u00fccke verarbeiten, was wir mit den Begl\u00fcckungen und Katastrophen anfangen, die von allen Seiten t\u00e4glich \u00fcber uns herein st\u00fcrzen, zeigen wir uns gegenseitig echte Alternativen auf. Egal, ob es sich um Gro\u00dfereignisse oder \u201cBanalit\u00e4ten\u201d handelt: Wenn ich beschreibe, wie es mir damit ergeht, und zwar ohne bewusste Sch\u00f6nung oder sonstige Verf\u00e4lschung, gibt es immer jemanden, der verwundert denkt: Ach, so geht das also auch, so kann das auch erlebt werden!<\/p>\n<p>\u201cVon sich schreiben\u201d ist im besten Fall zweckfrei, aber deshalb nicht nutzlos. Jedes \u201candere Erleben\u201d, das mir glaubw\u00fcrdig und echt erscheint, obwohl es nicht das meine ist, erweitert den Raum dessen, was ich \u201cf\u00fcr m\u00f6glich halte\u201d &#8211; und damit den Raum meiner Freiheit. Das je Eigene zum Ausdruck bringen ist also eine nat\u00fcrliche, lebensfreundliche, sowohl den Schreibenden als auch den Lesenden dienende Aktivit\u00e4t. Wer dazu Lust hat, ist gut beraten, die oben genannten \u201cmoralischen Vorhaltungen\u201d locker zu ignorieren &#8211; sie treffen einfach nicht den Punkt.<\/p>\n<p><strong>Die Freiheit, NICHT zu schreiben<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich von mir schreibe, schreibe ich die Wahrheit &#8211; MEINE Wahrheit, soweit ich sie in diesem Moment erkennen bzw. \u00fcberblicken kann. Manchmal ist v\u00f6llig klar, \u00fcber was ich schreiben werde, wenn ich mir die Zeit daf\u00fcr nehme: etwas hat mich so beeindruckt, dass alle anderen Themen nicht in Frage kommen. Oft ist es auch so, dass ich mich hinsetze und warte, in mich hinein lausche und dabei regelrecht beobachten kann, wie mehrere Themen miteinander \u201ckonkurrieren\u201d &#8211; das sitze ich dann aus, bis sich ein Inhalt erfolgreich durchgesetzt hat und ich mit dem ersten Absatz beginnen kann.<\/p>\n<p>Diese Haltung zum Inhalt, der sich ausdr\u00fccken will, ist passiv, ist eher ein \u201cH\u00f6ren\u201d als ein \u201cMachen\u201d. Es klappt nur, wenn ich mich unter keinerlei Druck gesetzt f\u00fchle, weder von au\u00dfen, noch von einem selbst geschaffenen \u201cDu sollst\u201d. Es war immer gut f\u00fcr mich, mir in jedem Moment bewusst zu sein, dass ich auf meiner Website K\u00f6nigin bin: Was ich nicht zeigen will, kommt da auch nicht hin. Nichts und niemand auf dieser Welt zwingt mich, von dieser Haltung auch nur einen Millimeter abzur\u00fccken, gar wegen ihr Schuldgef\u00fchle zu empfinden! Ja, sie ist mir Voraussetzung, mich immer weiter vorzuwagen zu Themen, die bisher vielleicht \u201cunschreibbar\u201d wirkten, zumindest in einem \u00f6ffentlichen Webdiary. Eindr\u00fccke dr\u00e4ngen zum Ausdruck &#8211; das ist \u201cDruck\u201d genug!<\/p>\n<p>Wenn ich zum Beispiel bef\u00fcrchten muss, dass etwas, das ich gerne schreiben w\u00fcrde, eine nahe stehende Person verletzt, dann lasse ich es. Oder wenn mich Bedenken \u00fcberfallen, dass mein Auftraggeber X. bei der kirchlichen Einrichtung XY das jetzt mitlesen k\u00f6nnte und mich vielleicht nie wieder beauftragen wird, dann lasse ich es auch. Es bringt mir und auch niemand Anderem etwas, wenn ich mich da zugunsten einer \u201cOffenheit\u201d vergewaltige, die nicht WIRKLICH Tatsache ist! Die ich nicht tats\u00e4chlich sp\u00fcre als vollst\u00e4ndige Gelassenheit in Bezug auf das \u201cBef\u00fcrchtete\u201d, sondern die ich mir sozusagen \u201cverordne\u201d &#8211; etwa, weil das meiner Bewusstheit und Selbsterkenntnis dienlich sei. Es ist gut, immer zu wissen, dass ich zu meiner Freude schreibe, nicht um mich unter einen \u201cspirituellen Entwicklungsstress\u201d zu setzen. Es gen\u00fcgt, wenn ich hinsehe, wenn ich zusehe, wie die Inhalte sich entfalten wollen und WARUM es an manchen Stellen hakt &#8211; dann ent-wickelt sich alles von selbst.<\/p>\n<p>Es wird zum Beispiel dahin kommen, dass ich mich von der Person, die mich in Bezug auf gewisse Themen \u201cim Ausdruck behindert\u201d soweit entferne, dass keine Verletzungen mehr drohen. Oder ich entwickle eine andere Art, mein \u00f6konomisches \u00dcberleben zu sichern, das mich weniger abh\u00e4ngig von einzelnen Auftraggebern macht. Die Impulse WIRKEN ja im Leben weiter, auch wenn ich nicht alles schreibe, weil ich daf\u00fcr noch nicht frei genug bin. Bewusstheit und Selbsterkenntnis gewinne ich, indem ich all das bemerke und beobachte &#8211; und Schreiben ist ein wunderbares Mittel, da immer am Ball zu bleiben. Wenn ich F\u00dcHLE, wie sich etwas ausdr\u00fccken will, was ich aber leider nicht \u201craus lassen\u201d kann, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer, dann versetzt mich das in Bewegung: wie ein Bach, der sich an einem Hindernis staut, wird der (immanente, nicht \u00e4u\u00dfere!) Druck irgendwann so gro\u00df, dass ich in meinem Leben etwas ver\u00e4ndere.<\/p>\n<p>Deshalb: Auch \u201cnicht schreiben\u201d ist n\u00fctzlich &#8211; aber nur f\u00fcr den, der \u201cnormalerweise\u201d alles schreibt und auch ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong>***<\/strong><\/p>\n<p>Da heute der 11.September ist, las ich mal wieder meinen ersten Diary-Eintrag nach dem Ereignis &#8211; tagelang war ich verstummt, beobachtete in mir teils erschreckend abgr\u00fcndige Gef\u00fchle, schnell wechselnde Meinungen, verst\u00f6rende Empfindungen. Anders als sonst wusste ich, dass ich dem Thema nicht einfach ausweichen k\u00f6nnen w\u00fcrde. Doch w\u00e4hrend sich aller Orten die Leute mittels \u201cspontaner Statements\u201d in regelrechte \u201cFlame-Wars\u201d verstrickten, Foren schlossen, Freundschaften zerbrachen und Stockhausen ein Engagement verlor, weil er den Anschlag \u201cKunst\u201d genannt hatte, schrieb ich keine Zeile. Ich wartete ab, bis ich etwas ruhiger geworden war, setzte mich dann hin und lie\u00df heraus, was \u2018raus wollte &#8211; auch die verst\u00f6renden Gef\u00fchle, mein \u201cGefallen\u201d an der Katastrophe. Ich vertiefte mich solange in den \u201cAbgrund\u201d, bis ich durch den Boden desselben in sein Gegenteil fiel &#8211; alles zusammen konnte ich dann schreiben und rundum dazu stehen.<\/p>\n<p><strong>* <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/digidiary\/diary01_18_09.htm\">Digital Diary, 18.09.01:  Vom Gl\u00fcck mitten im Grauen<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Webtagebuch ist keine \u201ctechnische Weiterentwicklung\u201d eines traditionellen Tagebuchs. 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