{"id":1281,"date":"2007-02-17T11:39:14","date_gmt":"2007-02-17T10:39:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1281"},"modified":"2014-02-09T11:42:03","modified_gmt":"2014-02-09T10:42:03","slug":"melanie-delfft-mein-lied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/02\/17\/melanie-delfft-mein-lied\/","title":{"rendered":"Melanie Delfft: Mein Lied"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201cAnalyse eines Lebens &#8211; fast ein Roman\u201d<\/strong> &#8211;  der Untertitel zu Melanies Buch wirkt harmlos, zur\u00fcckhaltend, sehr bescheiden, und enth\u00e4lt keinerlei WARNUNG vor dem schockierenden Inhalt dieser Berichte aus dem realen Leben. Als ich um die Jahrtausendwende noch in Mecklenburg wohnte, hatten wir \u00fcbers Netz zueinander Kontakt gefunden. Sie schickte mir verst\u00f6rende Texte, die so ganz anders waren als das, was ich selbst als \u201cpers\u00f6nliches Schreiben\u201d in meinen r\u00fccksichtsvollen Diary-Artikeln zelebrierte:  ich verschone den konkreten Menschen, auch dann, wenn ich in besonders miesanthropischer Stimmung bin. <\/p>\n<p>Anders Melanie in ihren sezierenden Betrachtungen, die auch vor dem Allern\u00e4chsten nicht halt machen. Da hei\u00dft es zum Beispiel: <\/p>\n<blockquote><p>\u201cIch habe schon lange nicht mit meinem Mann gesprochen. Wenn er nicht schl\u00e4ft, sitzt er auf dem Sofa und sieht fern. Er geht zivilisierten Besch\u00e4ftigungen wie sich waschen, Z\u00e4hne putzen, rasieren, sich saubere Sachen anziehen nicht mehr nach. Er trinkt Rotwein, schl\u00e4ft, steht auf, sch\u00fcttet sein Glas wieder voll, nimmt Pillen zum Weiterschlafen, schl\u00e4ft wieder, schl\u00fcrft ins Klo, holt sich ein anderes volles Glas, schl\u00e4ft wieder, liest ein wenig Zeitung, holt ein neues Glas Rotwein, schl\u00e4ft wieder, steht gegen f\u00fcnf nachmittags auf, setzt sich auf die Couch, sieht fern, trinkt Rotwein. Er bewegt sich tagaus, tagein nur im engen Triangel von Bett, Sofa und Toilette und riecht mit der Zeit so stark, da\u00df ich am liebsten mit dem Taschentuch vor der Nase ins Wohnzimmer ginge.\u201d<\/p><\/blockquote>\n<p>Von solchen Passagen, mit denen Melanie nicht spart, war ich regelrecht gepl\u00e4ttet und fragte mich: Warum tut sie sich das an?? WER ist diese Frau? Wie kann sie so leben und so schreiben???<\/p>\n<p>Die <strong>Oldenburgische Volkszeitung<\/strong> schrieb dazu:<\/p>\n<blockquote><p>\u201cDie Autorin versteht es trefflich, ihr Leserpublikum tief in ihre eigene Geschichte hinein zu ziehen, Empathie zu erzeugen. Mit wachsender Faszination folgen wir ihrem Lebensweg, der sie nach Paris und Kalifornien und nach einem Zwischenspiel in M\u00fcnchen wieder nach Paris f\u00fchrt, mit  Ersch\u00fctterung und Bewunderung folgen wir ihr in das Leben neben ihrem dahin siechenden Mann und fragen, wieso sie nicht einfach fort geht, ehe wir erkennen, dass die erniedrigende Existenz mit dem vom Alkohol zerst\u00f6rten Mann ein Teil des Befreiungsprozesses ist, den sich diese starke Frau verordnet hat\u201d.<\/p><\/blockquote>\n<p>Anhand der Texte, damals noch St\u00fcckwerk, konnte ich die positiven Aspekte einer Selbstbefreiung noch nicht erkennen. Ich stellte mir die Autorin als ungl\u00fcckliche, leidende, in nicht nachvollziehbaren Zw\u00e4ngen gehaltene Frau vor, die sich nicht einmal den Ausdruck ihres Leidens gestattet. Denn alles, was sie da an verst\u00f6renden, dem\u00fctigenden Details aus ihrem Leben berichtete, kam seltsam emotionslos daher, so als st\u00fcnde sie neben sich und berichtete \u00fcber jemand anderen. Manchmal blitzt eine Art trockener Humor durch, doch kann das auch meine Projektion sein. Die Emotionen entstehen jedenfalls erst im Leser, die Erz\u00e4hlerin klagt nicht und schimpft nicht &#8211; es hat mich tief beeindruckt!<\/p>\n<p>Als sie mich dann bei Gelegenheit einer Deutschlandreise aufsuchte, staunte ich einmal mehr. Elegant, heiter, zeitlos sch\u00f6n, sehr gebildet, jedoch gar nicht eingebildet, stand eine Wahl-Pariserin vor mir, die vom Kind meiner Nachbarn spontan als \u201cdie Dame\u201d bezeichnet wurde. Und ja, das war sie, ich h\u00e4tte mich nur nicht getraut, es zu benennen! Neben ihr kam ich mir verlottert vor, doch st\u00f6rte das unser Miteinander nicht. Ich bewundere Frauen mit Stil, die davon kein Aufhebens machen! <\/p>\n<p>In den Plauderstunden, die wir dann in der weiten Mecklenburger Landschaft miteinander verbrachten, erkannte ich, dass sie auch \u201cvon Angesicht zu Angesicht\u201d kein Leiden zeigen w\u00fcrde &#8211; zumindest nicht das gro\u00dfe Lebensleid, das ich aus ihren Texten kannte. Einmal mehr hab\u2019 ich begriffen, dass es Menschen gibt, die es verstehen, aus ihren tiefen Gef\u00fchlen und pr\u00e4genden Erfahrungen wahre Literatur entstehen zu lassen &#8211; und das bedeutet, sie eben nicht auf die plumpe Art zu Tage treten zu lassen und so zu \u201cverbrauchen\u201d. <\/p>\n<p>Ich freue mich, dass aus den Texten ein Buch geworden ist und mehr noch, dass Melanie (sie hei\u00dft nicht wirklich so!) meinem Rat gefolgt ist, eine Website dazu zu ver\u00f6ffentlichen. Es ist eine Website \u201cim alten Stil\u201d, kein Schnickschnack, nur das Wesentliche: der Text. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/meinlied.jpg\" alt=\"meinlied\" width=\"107\" height=\"160\" class=\"alignleft size-full wp-image-1282\" \/><br \/>\nAnalyse eines Lebens &#8211; fast ein Roman. <\/strong><br \/>\n390 Seiten, 19,80 Euro.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cAnalyse eines Lebens &#8211; fast ein Roman\u201d &#8211; der Untertitel zu Melanies Buch wirkt harmlos, zur\u00fcckhaltend, sehr bescheiden, und enth\u00e4lt keinerlei WARNUNG vor dem schockierenden Inhalt dieser Berichte aus dem realen Leben. Als ich um die Jahrtausendwende noch in Mecklenburg wohnte, hatten wir \u00fcbers Netz zueinander Kontakt gefunden. 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