{"id":1268,"date":"2004-07-24T10:27:25","date_gmt":"2004-07-24T08:27:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1268"},"modified":"2016-02-10T13:21:07","modified_gmt":"2016-02-10T12:21:07","slug":"funfzig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/07\/24\/funfzig\/","title":{"rendered":"F\u00fcnfzig"},"content":{"rendered":"<p>Gestern also mein Geburtstag, wie immer ohne &#8222;besondere Aktivit\u00e4ten&#8220; &#8211; im Gegenteil, ich blieb den ganzen Tag allein, hatte nicht viel zu tun, und konnte es mir so richtig gut gehen lassen. F\u00dcNFZIG &#8211; beeindruckt mich das? H\u00f6chstens im Sinne eines kleinen Staunens: was die nur alle haben, die sich so vor den runden Geburtstagen f\u00fcrchten!?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Einer (60plus), der es gewiss nicht b\u00f6se meinte, schrieb mir, eine Frau bleibe immer 49, wenn sie es richtig anstelle &#8211; du lieber Himmel! Was f\u00fcr ein fragloses Einverst\u00e4ndnis damit, das Altern als Defizit anzusehen, als Makel, den man m\u00f6glichst verbergen m\u00fcsse! Damit steht er nicht alleine, mir f\u00e4llt zunehmend auf, wie sehr die Leute eine Art &#8222;psychospirituellen Jugendwahn&#8220; verinnerlicht haben, auch und gerade die J\u00fcngeren. Neulich sch\u00e4tzte ich einen Enddrei\u00dfiger auf &#8222;\u00fcber 40&#8220;, was ihn sichtlich erschreckte. Dabei hatte ich es positiv gemeint: Immerhin schon vierzig!  Man kann ihn langsam ernst nehmen&#8230; Dass es jemand war, der  ansonsten immer noch ein Selbstverst\u00e4ndnis als &#8222;Rebell&#8220; pflegt, zeigt, dass es damit nicht weit her ist. An der Stelle setzen die wenigsten dem Meinungsmainstream der sch\u00f6nen glatten Werbewelt offensiv etwas entgegen, warum nur?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/pics\/fuenfzig.jpg\" alt=\"F\u00fcnfzig..\" \/><\/p>\n<p>Klar, mit dem Kampf gegen die \u00e4u\u00dferen Anzeichen des Alterns kann man Milliarden umsetzen, also wundert es nicht, dass die Medien das &#8222;Forever young&#8220; betrommeln als gelte es, der hereinbrechenden Sintflut zu entkommen. Ich sehe schon die 75-J\u00e4hrigen der Zukunft: einerseits lebensl\u00e4nglich operativ glatt-gezogen, daf\u00fcr aber voll verziert mit alten Tatoos, Piercings und Brandings &#8211; wow, das wird nett in der Sauna!<\/p>\n<p>Im Januar hab&#8216; ich mir im Fitness-Center einen kleinen Muskelfaserriss am Oberschenkel zugezogen &#8211; unabh\u00e4ngig vom  Alter ergibt das eine deutlich sichtbare Delle, daneben eine kleine Schwellung (die abgerissenen Muskelfasern). Erst war ich einigerma\u00dfen erschreckt: Ein richtiger Sch\u00f6nheitsfehler! Kein &#8222;harmonisch glatter&#8220; Oberschenkel mehr &#8211; und wer wei\u00df, ob das jemals wieder ganz verschwindet! Ich betrachtete mich im Spiegel, beobachtete meine innere Bewegtheit angesichts dieses &#8222;Makels&#8220; &#8211; und auf einmal wurde mir die ganze Absurdit\u00e4t dieses Empfindens bewusst. Ich fragte mich n\u00e4mlich ganz konkret: Was bef\u00fcrchte ich eigentlich? Was droht denn Schlimmes aufgrund einer kleinen Delle am Schenkel? Wird mich deshalb irgend jemand weniger lieben? Oder auch nur erotisch weniger begehren? Hat es je in meinem Leben an der Verfassung eines bestimmten K\u00f6rperteils gelegen, ob ein Mann mir nahe kam?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/pics\/fuenfzig3.jpg\" alt=\"f\u00fcnfzig...\" \/><\/p>\n<p>Nie. Nicht mit zwanzig und erst recht nicht mit f\u00fcnfzig. Der glatte jugendliche K\u00f6rper ist allein dort wichtig, wo Frau (und zunehmend auch Mann) sich auf einen Laufsteg begibt, sei es nun in der Werbung oder an irgend einem Strand der Eitelkeiten, wo allein die \u00e4u\u00dfere Form z\u00e4hlt. Wer sein ganzes Leben als so einen Laufsteg begreift, ist selber schuld und wird mit jeder Falte, die sich zeigt, ungl\u00fccklicher werden. Auf einmal fiel mir der &#8222;Kampf gegen die Cellulitis&#8220; ein: Heerscharen von Frauen schauen erschreckt auf ihre &#8222;Orangenhaut&#8220;, cremen, massieren und r\u00fctteln daran herum, als k\u00f6nnte die Art und Weise, wie sich so ein paar Fettzellen unter der Haut in Stellung bringen, ihre Ehen und Beziehungen retten!<\/p>\n<p>Aber genug davon. Ich werde all diese Verr\u00fccktheiten nicht \u00e4ndern, aber ich kann darauf achten, nicht selber &#8222;vom Wahn erfasst&#8220; zu werden. Wenn ich mein altes Fotoalbum ansehe, Claudia mit 15, 18, 25 &#8211; eine Sch\u00f6nheit, wie alle jungen M\u00e4dchen und Frauen! Und dabei erinnere ich mich sehr genau, dass ich vor Minderwertigkeitsgef\u00fchlen nur so strotzte, mich als zu dick, zu h\u00e4sslich, zu unattraktiv empfand. V\u00f6llig irre &#8211; aber anscheinend ganz &#8222;normal&#8220;.<\/p>\n<h2>Normal?<\/h2>\n<p>Je \u00e4lter ich werde, desto mehr verschwindet der Begriff von &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; &#8211; eine vermutete kollektive Normalit\u00e4t, die man falsch oder richtig, gut oder schlecht bewerten mag, auf die man sich aber als Background doch meist bezieht.<\/p>\n<p>Gestern h\u00f6rte ich zwei M\u00e4dels, die in der Sauna leise miteinander sprachen. Es ging darum, wann die eine sich bei ihrem Lover wieder melden soll: heute? Morgen? Erst n\u00e4chste Woche? Oder warten, bis ER sich meldet? Sie sagte mit unsicherer Stimme: &#8222;ich wei\u00df nicht, was normal ist!&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/pics\/fuenfzig4.jpg\" alt=\"f\u00fcnfzig\" \/><\/p>\n<p>Ich wei\u00df heute: dieses &#8222;Normale&#8220; gibt es nicht! Jedes Individuum pflegt seine eigene &#8222;gef\u00fchlte Normalit\u00e4t&#8220; &#8211; und die kann ganz sch\u00f6n verr\u00fcckt sein. Der st\u00e4ndige gedankliche Bezug auf  &#8222;die Anderen&#8220;, die &#8222;breite Masse&#8220;, oder auch nur die mit pers\u00f6nlicher Sympathie betrachteten Subkulturen und Minderheiten ist nichts als ein selbst gebautes mentales Gef\u00e4ngnis. Dabei ist es v\u00f6llig egal, ob man nun versucht, zu sein wie die vermutete &#8222;Mehrheit&#8220;, oder ob  man alle Energie investiert, um sich davon partout zu unterscheiden. Beides verstellt den Blick auf das je eigene, das real existierende Selbst.<\/p>\n<p>\u00c4lter werden bedeutet die Chance, aus diesem Gef\u00e4ngnis endlich heraus zu wachsen. Keine Normalit\u00e4t mehr &#8211; und nun? Einerseits kann man das als Risiko und Unsicherheit erleben, aber ich finde es mittlerweile richtig toll. Denn es bedeutet die Lizenz zum Selber-Gestalten &#8211; auf allen Ebenen. Und DAS ist es, was ich ab jetzt noch viel mehr als bisher tun werde: Nicht immer r\u00fcckversichern, Sinn und Chancen jedes Vorhabens endlos mit Anderen diskutieren,  ihre Meinungen und Einsch\u00e4tzungen  f\u00fcr wichtiger und realistischer nehmen als die eigenen. Wer sagt denn, dass nicht meine &#8222;Sicht der Dinge&#8220; diejenige ist, die gerade passt? Die vielleicht aufgrund ihrer Originalit\u00e4t sogar besser ankommt als etwas &#8222;Mainstreamigeres&#8220;, das schon gleich auf m\u00f6glichst viele &#8222;vermutete Erwartungen&#8220; zugeschnitten ist?<\/p>\n<p>Echtes Selbstvertrauen, Gelassenheit, \u00fcber die eigenen Schw\u00e4chen und Flops auch mal herzlich lachen k\u00f6nnen &#8211; alles Dinge, die mir erst das zunehmende Alter brachte: Zwischen den St\u00fchlen sitzen k\u00f6nnen, aber nicht unbedingt m\u00fcssen, das Leben immer mehr als Abenteuerspielplatz wahrnehmen, weil es immer weniger gibt, was unbedingt verteidigt oder errungen werden muss.  Macht richtig Laune! Dass ich auf der anderen Seite kaum mehr Lust habe, mir die N\u00e4chte in lauten Kneipen um die Ohren zu schlagen, dass ein Kater nicht mehr so locker wegzustecken ist wie mit drei\u00dfig, dass ganz allgemein der K\u00f6rper mehr Aufmerksamkeit verlangt, ist &#8211; bis jetzt zumindest &#8211; kaum ein Verlust. Denn genau das hat auch eine positive Seite: mit dem langsamen Verschwinden der jugendlichen Energie stellt sich eine neue &#8222;Beeindruckbarkeit&#8220;, eine umfassendere Sensibilit\u00e4t ein.  Die Wahrnehmungsf\u00e4higkeit f\u00fcr Zwischent\u00f6ne erweitert sich, alles Grobe wirkt platt und langweilig.  Es ist, als vertr\u00fcge man ganz pl\u00f6tzlich keinen Jungk-Food mehr, daf\u00fcr erschlie\u00dft sich aber unverhofft die genussreiche Welt des Gourmets.<\/p>\n<p>Ich glaube mittlerweile, gutes Altern bedeutet bereitwilliges Loslassen dessen, was war, und neugierig bleiben auf das Neue, das kommt. Das f\u00e4llt umso leichter, je weniger man sich im Leben zugunsten irgendwelcher Vorteile und Sicherheiten verbogen hat. Meist ist dieses Sich-Verbiegen ein Verzicht: auf Lust und Lebensfreude, auf Experimente und Abenteuer. Das war nie meine Welt, sondern das Zugreifen, wenn es mich nach etwas verlangte: eine interessantere (oder auch mal gar keine) Arbeit, ein neuer Geliebter, neue Freunde, eine andere Wohnung, ein Umzug aufs Land und wieder zur\u00fcck in die Stadt, wenn es dann doch langweilt. Nicht erst aufs H\u00e4uschen sparen, nichts f\u00fcr die Ewigkeit sichern wollen &#8211; unser Leben ist sowieso &#8222;in Sand geschrieben&#8220;. Ich sp\u00fcre ihn gern auf der Haut, gebe ihm neue spielerische Formen, aber eines Tages bl\u00e4st der Wind ihn weg. Na und?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern also mein Geburtstag, wie immer ohne &#8222;besondere Aktivit\u00e4ten&#8220; &#8211; im Gegenteil, ich blieb den ganzen Tag allein, hatte nicht viel zu tun, und konnte es mir so richtig gut gehen lassen. F\u00dcNFZIG &#8211; beeindruckt mich das? 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