{"id":123,"date":"2008-02-07T11:27:03","date_gmt":"2008-02-07T09:27:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/02\/07\/angst-nicht-nur-vorm-fliegen\/"},"modified":"2009-06-16T09:03:48","modified_gmt":"2009-06-16T07:03:48","slug":"angst-nicht-nur-vorm-fliegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/02\/07\/angst-nicht-nur-vorm-fliegen\/","title":{"rendered":"Angst &#8211; nicht nur vorm Fliegen"},"content":{"rendered":"<p>Nur noch wenige Tage, dann steige ich in den Flieger und betrete eine komplett andere Ebene des Daseins &#8211; zumindest kommt es mir gerade so vor, obwohl die Erinnerung an die <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/03\/05\/wieder-daheim\/\">letzte Reise nach Kambodscha<\/a> nat\u00fcrlich da ist. Ich wei\u00df recht genau, was mich am Ziel erwartet, realistisch betrachtet gibt es keinen Grund f\u00fcr irgendwelche \u00c4ngste. Und doch&#8230;<\/p>\n<p>Nun ja, ich kenne es ja schon: das FLIEGEN ist nicht mein Ding, das Ausgeliefertsein an neuzeitliche Technik, die mich von der Erde, auf der ich sicher stehe, in 10 Kilometer H\u00f6he tr\u00e4gt (gruslig!!!), aktiviert die Grundangst ums \u00dcberleben. Ein Drittel der Flugreisenden sp\u00fcrt diese Angst beim Fliegen, wenn man den Umfragen glaubt. Bei mir lebt sich diese Angst haupts\u00e4chlich im Vorfeld der Reise aus, denn wenn ich dann einsteige, habe ich es ziemlich gut im Griff, f\u00fcrchte also nicht direkt &#8222;Panikattacken&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Als ich als Jugendliche mit dem Schach spielen anfing, merkte ich schon bald, wie ich mit den Angriffsm\u00f6glichkeiten meines Gegen\u00fcbers umgehe: ich denke das Schlimmstm\u00f6gliche voraus, sehe es als das an, was geschehen wird, finde mich damit ab und plane eine Reaktion f\u00fcr diesen &#8222;schlimmsten Fall&#8220;. Ich spielte schon bald recht engagiert, wurde Vereinsmitglied, spielte erst in der zweiten, dann in der ersten Mannschaft sonnt\u00e4gliche Turniere der &#8222;Hessenliga S\u00fcd&#8220;. Nach zwei, drei intensiven &#8222;Schach-Jahren&#8220; war es dann vorbei: ich schaute auf das Brett und fragte mich, warum ich meine Zeit damit verbringe, tote Holzkl\u00f6tze hin und her zu schieben. Die Luft war raus, der Ehrgeiz weg, ich h\u00f6rte auf mit dem Spiel, das mir so wichtig gewesen war und suchte mir fortan meine Herausforderungen im &#8222;richtigen Leben&#8220;.<\/p>\n<p>Geblieben ist mir die Gewohnheit, mich beim Auftauchen von Angstgef\u00fchlen mit dem Gef\u00fcrchteten abzufinden, es nicht zu negieren, sondern mich damit &#8222;anzufreunden&#8220;. Das funktioniert auch wunderbar bei allem, vor dem man so \u00fcblicherweise Angst haben kann:<\/p>\n<ul>\n<li>Mein Liebster k\u00f6nnte mich verlassen: nun ja, ich bin ja immer bei mir und habe auch schon ohne ihn gut gelebt.<\/li>\n<li>Ich verliere den <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\/2008\/02\/01\/letztes-gartenfeuer\/\">&#8222;wilden Garten&#8220;<\/a>: ja, dann suche ich mir eben einen neuen, bzw. lebe meine Lust auf Natur wieder auf Ausfl\u00fcgen ins Umland aus.<\/li>\n<li>Meine Einkommenss\u00e4ulen k\u00f6nnten wegbrechen: na, dann bin ich eben wieder &#8222;arm&#8220;, lebe mit ALG2 und gehe daran, neue Ideen umzusetzen<\/li>\n<li>Ich k\u00f6nnte krank und pflegebed\u00fcrftig werden: Hauptsache, ich habe Netzanschluss&#8230;<\/li>\n<li>Ich verliere auch den Netzanschluss: na gut, dann ist es wohl an der Zeit, ernsthaft in Meditation zu gehen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Klappt wunderbar, doch bez\u00fcglich der &#8222;finalen Angst&#8220; vor dem Tod verlangt dieses Vorgehen ein Einverstanden-sein mit dem Sterben: Ja, alles hat ein Ende, warum nicht auch &#8222;ich&#8220;? Ist es nicht auf Dauer ein wenig \u00f6d, dass alles &#8222;immer so weiter&#8220; geht? Erlebe ich nicht schon manchmal eine gewisse Sehnsucht nach dem Abtreten, dem Aussteigen aus der Wiederholung des Altbekannten? Immer dieselben menschlichen Bed\u00fcrfnisse nach Bequemlichkeit, Sicherheit, Anerkennung und lustvollen Erregungszust\u00e4nden &#8211; muss man deren Ende wirklich f\u00fcrchten?<\/p>\n<h2>Die andere Sicht<\/h2>\n<p>In einem Fernsehkrimi hat mich mal die Figur eines Gangsterbosses beeindruckt, der neben seinen kriminellen Machenschaften ein Faible f\u00fcr alles &#8222;Japanische&#8220; hatte, insbesondere f\u00fcr die Samurai und ihre Traditionen. Als die Kugeln seiner Gegner ihn schlie\u00dflich trafen, zitierte er noch auf japanisch die Sterbe-Formel:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;W\u00fcsste ich nicht, dass ich immer schon tot bin, w\u00fcrde ich es bedauern, aus diesem Leben zu scheiden&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das &#8222;immer schon tot sein&#8220; bezieht sich auf die Idee, dass ein &#8222;Ich&#8220; ja nicht wirklich existiert. &#8222;Mich&#8220; als separate Existenz gibt es gar nicht, es gibt mich nur in Bezug auf Andere: die Claudia f\u00fcr die Diary-Leser, f\u00fcr den Liebsten, f\u00fcr die Kursteilnehmer, f\u00fcr die Webwork-Kunden &#8211; jedes &#8222;Ich&#8220; ist nichts als ein Knoten im Netz, Teil eines dynamischen Prozesses, der von Anbeginn des Lebens abl\u00e4uft und immer neue Vernetzungen mit immer neuen &#8222;Knoten&#8220; produziert &#8211; letztlich <a href=\"http:\/\/www.zen-guide.de\/zen\/texte\/id\/35&#038;titel=Mahaprajnaparamita-Hridaya-Sutra+(Herzsutra)\">substanzlos und leer<\/a>.<\/p>\n<p>Ohne mich zu entscheiden, welche Sicht der Dinge ich bevorzuge, werd&#8216; ich jetzt an die Tagesarbeit gehen. Denn wenn ich genau hinschaue, sind es die kleinen Alltags-\u00c4ngste vor einer gro\u00dfen Reise, die diese &#8222;gro\u00dfen \u00c4ngste&#8220; ansto\u00dfen: Ich k\u00f6nnte was Wichtiges vergessen, nicht alles schaffen, was ich vor der Abreise noch schaffen will &#8211; und so weiter und so fort.  Handfeste Arbeit, konkretes Tun, &#8222;Holz hacken und Wasser holen&#8220; bringt Gelingen. :-)<\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur noch wenige Tage, dann steige ich in den Flieger und betrete eine komplett andere Ebene des Daseins &#8211; zumindest kommt es mir gerade so vor, obwohl die Erinnerung an die letzte Reise nach Kambodscha nat\u00fcrlich da ist. 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