{"id":1222,"date":"2013-11-29T00:26:08","date_gmt":"2013-11-28T23:26:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1222"},"modified":"2013-11-29T10:32:55","modified_gmt":"2013-11-29T09:32:55","slug":"vom-ich-und-den-momenten-des-selbst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/11\/29\/vom-ich-und-den-momenten-des-selbst\/","title":{"rendered":"Vom Ich und den Momenten des Selbst"},"content":{"rendered":"<p>In Beantwortung der Frage <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/11\/25\/was-wenn-alle-fotos-auf-einmal-weg-sind\/\">&#8222;Was, wenn alle Fotos auf einmal weg sind?&#8220;<\/a> hat sich ein umfangreiches Kommentargespr\u00e4ch \u00fcber den Umgang mit den Relikten der Vergangenheit ergeben: Fotos, Filme, Texte, Dokumentiertes, Zeichnungen &#8211; brauchen wir das und wenn ja, wof\u00fcr? Ist Wegwerfen und Raum schaffen angesagt, der Blick zur\u00fcck zu vermeiden?<br \/>\n<!--more--><br \/>\nDas alles und noch mehr wurde weidlich besprochen. Einen <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/11\/25\/was-wenn-alle-fotos-auf-einmal-weg-sind\/#comment-44017\">von Susanne relativ sp\u00e4t eingebrachten Aspekt<\/a> des H\u00e4ngens an den Dingen mache ich nun lieber zum Thema eines Folgepostings als die Kommentarstrecke ins Unendliche wachsen zu lassen. <\/p>\n<p>Susanne schrieb: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich halte aber Dinge aus einem anderen Grund f\u00fcr Momente meines Selbst: ich bin n\u00e4mlich \u00fcberzeugt, nicht identisch zu sein mit dem, was sich mein Geist\/Verstand \u00fcber mich alles so zusammen reimt (das \u00e4ndert sich ohnehin immer mal wieder oder ist meistens eh nur eine Projektion im Nachhinein). Deswegen kann ich absolut nicht behaupten, ich \u2018bes\u00e4\u00dfe\u2019 die \u2018wirklichen\u2019 Einfl\u00fcsse auf mich alle in mir, egal ob ich ihre materiellen Substrate noch irgendwo herum liegen oder schon l\u00e4ngst weggeworfen habe. Denn das zu behaupten ben\u00f6tigte genau diese Annahme eines immateriellen Ego, das ich jederzeit zu identifizieren in der Lage bin.<\/p>\n<p>Kann ich aber nicht. Vielmehr bin ich immer nur blo\u00df da. Ich bin der Kaffee, der durch meine Speiser\u00f6hre rinnt, das Licht, das durch meine Augen in mich dringt, die eisige K\u00e4lte, die meine Hautschranke \u00fcberwindet, das Holz, auf dem ich sitze und nerv\u00f6s herum rutsche, weil die Hose kneift, die Tasse, die meine Finger befummeln, um zu gucken, ob sie den kleinen Sprung neben dem Henkel nicht doch eines Tages erweitert haben und so weiter und so fort.<\/p>\n<p>Ein \u2018Ich\u2019 bin ich dabei nur, wenn ich von mir erz\u00e4hlen mu\u00df, anderen oder mir selbst. In den Dingen aber, die mich ausmachen, bin ich sprachlos da, und wenn ich sie wegwerfe oder verliere, dann ist Sprache (darunter z\u00e4hle ich in diesem Zusammenhang auch Fotos oder Souvenirs) eine Kr\u00fccke, das nicht (mehr) Anwesende f\u00fcr mich und andere wieder herbei zu zaubern.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist der Blickwinkel blo\u00dfen Gewahrseins, aus dem heraus Ich\/Welt als vernetztes Ph\u00e4nomen (buddhistisch: Ursache\/Wirkungs-Verkettungen) aufscheint, das nur zum Teil durch (vermeintlich?) willentlich bewusste Handlungen steuerbar ist. Innen und Au\u00dfen verschwimmen zu einem Kontinuum des Geschehens, aus dem man meint, sich beliebig heraus suchen zu k\u00f6nnen, wo man selber beginnt &#8211; als sei das eine reine Definitionsfrage. Ein Bewusstsein, das lange schon wei\u00df, dass wir uns selbst ausgeliefert sind, dass wir zwar machen k\u00f6nnen, was wir wollen, aber nicht beschlie\u00dfen, was wir wollen sollen.<\/p>\n<p>Tr\u00e4gt diese Sicht der Dinge nun zum Umgang mit potenziellen Erinnerungsmaterialien irgend etwas bei? So recht verstehe ich den Bezug nicht! Wir kreieren fortw\u00e4hrend ein &#8222;immaterielles Ego&#8220;, einfach weil wir ein Ged\u00e4chtnis haben,  voraus denken k\u00f6nnen und ein lebendiger K\u00f6rper sind. Die eisige K\u00e4lte, die die Hautschranke durchdringt, schadet meinem materiellen Ich, wenn ich nichts dagegen unternehme. Da wird nicht lange  rumphilosophiert, \u00fcber Ich und Nicht-ich sinniert, sondern die Heizung aufgedreht oder ein Pullover angezogen. Oder etwa nicht? <\/p>\n<p>Und das klappt sogar, es bleibt nicht blo\u00dfe Vorstellung im Geist, das Frieren ist vorbei! Daran erinnern wir uns dann, achten also stets darauf, dass immer genug Heizm\u00f6glichkeiten und Pullover zur Verf\u00fcgung stehen. Wir sorgen uns, wenn die Heizkosten steigen und suchen nach Einsparm\u00f6glichkeiten oder zus\u00e4tzlichen Geldquellen &#8211;  und so &#8222;steuert&#8220; das real existierende Ich schlecht und recht durch den Alltag, motiviert und angetrieben durch die Erfordernisse, aber eben auch bestrebt, vermeidbare \u00dcbel zu vermeiden.<\/p>\n<p>In diesem letzteren Sinn erscheint mir ein willentlicher Entsorgungsakt nahe liegend: Wenn ich von &#8222;wehm\u00fctiger R\u00fcckschau&#8220; nichts Gutes erwarte, liegt &#8222;Hau weg den Kram&#8220; definitiv nahe, bzw. ist so normal wie das Aufdrehen der Heizung. Wer es dagegen genie\u00dft, in Erinnerungen zu schwelgen, wird die Idee absurd, ja masochistisch finden. <\/p>\n<p>Ein <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/03\/21\/mich-selbst-erkennen\/\">Problem mit dem ICH<\/a> kann ich in diesem Verlauf nicht erkennen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Beantwortung der Frage &#8222;Was, wenn alle Fotos auf einmal weg sind?&#8220; hat sich ein umfangreiches Kommentargespr\u00e4ch \u00fcber den Umgang mit den Relikten der Vergangenheit ergeben: Fotos, Filme, Texte, Dokumentiertes, Zeichnungen &#8211; brauchen wir das und wenn ja, wof\u00fcr? 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