{"id":1210,"date":"2013-10-29T11:42:55","date_gmt":"2013-10-29T10:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1210"},"modified":"2013-11-13T09:34:29","modified_gmt":"2013-11-13T08:34:29","slug":"wenn-sie-nicht-mehr-will-zur-tragik-im-geschlechterkampf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/10\/29\/wenn-sie-nicht-mehr-will-zur-tragik-im-geschlechterkampf\/","title":{"rendered":"Wenn SIE nicht MEHR will: zur Tragik im Geschlechterkampf"},"content":{"rendered":"<p>Antje Schrupp hat wieder einmal einen bemerkenswerten Artikel verfasst: In <a href=\"http:\/\/antjeschrupp.com\/2013\/10\/24\/wie-ich-zu-einer-unfreundlichen-person-wurde\/\">&#8222;Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde&#8220;<\/a> schildert sie eine erotische Situation aus ganz jungen Jahren. Sie war 14 und nach einigem K\u00fcssen und Streicheln wollte sie dann doch nicht MEHR, was den etwas \u00e4lteren Jungen \u00e4rgerlich reagieren lie\u00df. <em>&#8222;Erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen&#8220;<\/em>, das k\u00f6nne sie doch nicht machen!<br \/>\n<!--more--><br \/>\nAntje berichtet, wie sie das empfunden hat: <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverst\u00e4ndlich (in einer vom Patriarchat offenbar noch ungest\u00f6rten Naivit\u00e4t) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.<\/p>\n<p>Ich lernte an diesem Tag, dass das ein voreiliger Schluss war. Ich lernte, dass ich damit rechnen muss, dass mein Entgegenkommen, mein Mich \u00d6ffnen, meine Freundlichkeit, von M\u00e4nnern (sicher nicht von allen, aber eben doch von welchen, ohne dass ich vorher wissen k\u00f6nnte, ob dieser konkrete Mann, mit dem ich es gerade zu tun habe, dazu geh\u00f6rt) quasi als Versprechen auf \u201cMehr\u201d interpretiert werden kann. Sogar als Verpflichtung. Dass M\u00e4nner auf irgend eine mir damals noch unverst\u00e4ndliche Weise die Idee entwickeln k\u00f6nnen, sie h\u00e4tten irgendwelche \u201cAnspr\u00fcche\u201d mir gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Dieser Freund, der \u00e4lter war als ich, verstand sein Verhalten damals nicht als Sexismus, sondern eher als Warnung. Und m\u00f6glicherweise war es das auch. Er meinte es gut. Nicht jeder Mann, so warnte er mich, w\u00fcrde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir \u201cablassen\u201d.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Solche Situationen sind mir aus der eigenen wilden Jugendzeit wohl bekannt. Vermutlich gibt es kaum ein M\u00e4dchen, das derlei NICHT erlebt. Je nachdem, wie \u00e4rgerlich, verst\u00e4ndnisvoll oder brutal \u00fcbergriffig sich die jeweiligen Jungs verhalten, entwickelt sich so erstmal ein heftiges PROBLEM mit dem m\u00e4nnlichen Begehren und mit Sex \u00fcberhaupt. <\/p>\n<h2>Ein bisschen erotische Autobiografie: Revolution\u00e4rer Sex<\/h2>\n<p>In meiner Teeny-Zeit &#8211; &#8222;damals 68&#8220; und in den wilden 70gern &#8211; kam hinzu, dass der Zeitgeist fr\u00fchen und &#8222;lockeren&#8220; Sex als revolution\u00e4r und befreiend feierte. Eine Bewertung, die ich fraglos teilte, richtete sie sich doch gegen das verklemmte und Sex-feindliche Klima, das die Eltern- und Gro\u00dfeltern-Generation gerne tradiert h\u00e4tte. Nicht mit uns! :-)<\/p>\n<p>In Folge dessen empfand ich mein Unverm\u00f6gen, beim von aufkl\u00e4rerisch engagierten Medien detailliert &#8222;vorgeschriebenen&#8220; Akt (Vorspiel, GV, Nachspiel) auch die entsprechende Lust zu empfinden, zun\u00e4chst als pers\u00f6nliches Defizit, das es abzubauen gelte. Etliche Jahre lang spielte ich mehr oder weniger vor, Lust zu empfinden und bem\u00fchte mich, zumindest technisch eine &#8222;gute Liebhaberin&#8220; zu sein. Erst mit 18 \u00b4machte &#8222;es&#8220; mir zum ersten Mal richtig Spass &#8211; aber nicht etwa, weil ich zum Lustempfinden nicht f\u00e4hig gewesen w\u00e4re: mit mir alleine gab es kein Problem. Masturbation kannte und praktizierte ich seit der fr\u00fchen Kindheit (was mir auch \u00c4rger einbrachte, doch das ist eine andere Geschichte). Nur zu zweit klappte es einfach nicht, wie ich es erwartete &#8211; noch nicht, was zwischen 14 und 18 aus heutiger Sicht ja nicht wirklich wundert. <\/p>\n<h2>Befreiender Feminismus und Beziehungsdramen<\/h2>\n<p>Mit dem Vordringen der Frauenbewegung ins allgemeine Bewusstsein \u00e4nderte sich meine Bewertung der eigenen Lust-Defizite beim &#8222;Verkehr&#8220;. In den 20gern erlebte ich diese nun auch anders, n\u00e4mlich als Sex-Stress in l\u00e4ngeren Beziehungen: Anf\u00e4nglich war alles toll, romantisch, ja richtig geil &#8211; doch kaum hatte ER mich sicher, verlor sich das Aufregende nach wenigen Flitter-Monaten. Jetzt sollte Sex allt\u00e4glich stattfinden, ohne viel &#8222;Drumrum&#8220;, einfach so, weil es &#8222;dazu geh\u00f6rt&#8220; und ER es offenbar brauchte wie Essen und Trinken. Mir ging das nicht so, also empfand ich das fortw\u00e4hrende direkt oder auch &#8222;vorsichtig indirekt&#8220; vorgetragene Begehren als l\u00e4stige, definitiv abturnende Forderung und bedr\u00fcckende Beziehungskatastrophe. Wenn ich SOLL, komme ich gar nicht erst zum WOLLEN!<\/p>\n<p>Anstatt dass mein Begehren wuchs, entwickelte sich eine (sehr schmerzlich empfundene!) Verachtung f\u00fcr IHN, der offenbar &#8222;das Eine&#8220; so sehr brauchte, dass es zu unserem Dauerproblem wurde. FREMDE M\u00e4nner konnte ich begehren, da sie keine &#8222;Anspr\u00fcche&#8220; auf mich hatten und ich ihnen gegen\u00fcber wirklich FREI war. Mit dem &#8222;Eigenen&#8220; gab es Endlosdiskussionen, durchwachte N\u00e4chte, viele Tr\u00e4nen und gegenseitige Verletzungen &#8211; ein elendes Drama! <\/p>\n<p>Der feministische Blick auf das m\u00e4nnliche Begehren erm\u00f6glichte es mir einerseits, mein &#8222;Versagen&#8220; nicht mehr individuell, sondern als gesellschaftlich-patriarchalisch bedingt zu verstehen. Andrerseits liebte ich diese M\u00e4nner meiner Jugend ja wirklich. Und ich sah ja, wie ER litt, wie seine Selbstachtung litt&#8230; gruslig! <\/p>\n<h2>Die Lust in die eigene Hand nehmen<\/h2>\n<p>Entspannt hat sich die Situation erst mit zunehmendem Alter. Ein wesentlicher Wendepunkt war dabei das Erkennen, dass ich auch physisch die Verantwortung f\u00fcr die eigene Lust \u00fcbernehmen kann, anstatt zu erwarten, dass ER genau zum rechten Zeitpunkt das Richtige tut. Nicht unbedingt verbal, sondern durchaus auch durch eigenes Hand anlegen bzw. MIR gefallende &#8222;Nutzungen&#8220; unserer beider K\u00f6rper. Ein sprichw\u00f6rtliches &#8222;in der Woche zwier&#8220; hab&#8216; ich mir dennoch niemals angew\u00f6hnt, doch hatte ich nun genug Selbstbewusstsein und Beziehungskompetenz, dies nicht zum Drama werden zu lassen, bzw. mir eben die entsprechenden M\u00e4nner auszusuchen. <\/p>\n<h2>Drama, Streit und Tragik<\/h2>\n<p>Zur\u00fcck zu Antjes Artikel, dessen Kommentargespr\u00e4ch ich allen empfehle! Darin wird n\u00e4mlich die ganze Tragik des Geschlechterkampfs auf den Punkt gebracht: Sowohl inmitten sexueller Handlungen ALS AUCH in Situationen gew\u00f6hnlicher weiblicher Freundlichkeit im Alltag verstehen viele M\u00e4nner dies als Versprechen eines MEHR. Dem K\u00fcssen und Schmusen soll wie selbstverst\u00e4ndlich der Akt folgen &#8211; und wer freundlich ist und l\u00e4chelt, flirtet ja offensichtlich, darf also &#8222;angebaggert&#8220; werden. Weist die Frau den Mann zur\u00fcck, ist er schon mal sauer, was sich je nach Situation und Charakter unterschiedlich \u00e4u\u00dfert. Woraufhin die Frau entsprechend genervt ist und vielleicht sogar &#8211; wie Antje &#8211; zu einem M\u00e4nnern gegen\u00fcber pr\u00e4ventiv &#8222;unfreundlichen Menschen&#8220; wird. Nicht weil sie glaubt, ALLE w\u00fcrden \u00fcbergriffig (nur dann w\u00e4re der &#8222;ist ja wie Rassismus-Vorwurf&#8220; berechtigt), sondern weil sie vermeiden will, von jenen bel\u00e4stigt zu werden, die blo\u00dfe Freundlichkeit gleich missverstehen.<\/p>\n<p>Im Lauf der Diskussion entwickelte sich ein Konsens im Blick auf die Gef\u00fchle: Entt\u00e4uschung, ja sogar \u00c4rger lassen sich nicht &#8222;verbieten&#8220; &#8211; wohl aber kommt es darauf an, wie mit Zur\u00fcckweisungen umgegangen wird. Es gibt keinen Anspruch auf ein MEHR, also ist der Mehr-Begehrende in der Pflicht, gegen\u00fcber den eigenen Gef\u00fchlen ausreichend Distanz zu gewinnnen, um das Gegen\u00fcber nicht zu verletzen. <\/p>\n<p>Das TRAGISCHE an alledem: Es sind in der Regel immer noch die M\u00e4nner, von denen erwartet wird, den ersten expliziten (!) Schritt zum &#8222;Mehr&#8220; zu machen: sich zu  trauen, nach der Telefonnummer zu fragen, bzw. vom Plaudern zum K\u00fcssen fortzuschreiten. ER muss das Missverst\u00e4ndnis wagen, das ihn als Trottel da stehen lassen k\u00f6nnte, bzw. die Zur\u00fcckweisung riskieren, die gewiss schmerzen wird. Und je j\u00fcnger die Frau, desto eher wird es auch beim Sex der meist etwas \u00e4ltere Mann sein, der die Dinge voran treibt &#8211; immer mit der Gefahr eines katastrophalen Scheiterns. <\/p>\n<p>Der viele \u00c4rger rund um diese m\u00e4nnlichen Forcierungen (beim Sex, beim Flirten, bei blo\u00dfer Freundlichkeit) entsteht aus Fehlschl\u00e4gen, die f\u00fcr beide unangenehm sind. Fehlschl\u00e4ge, die nicht in jedem Fall von vorne herein auf einem FEHLVERHALTEN basieren. Denn die vielen gelingenden Beispiele werden in den Diskussionen komplett vergessen, bzw. gar nicht weiter bedacht. M\u00e4nner sind faktisch in der Situation, das Risiko, Frauen zu nerven, gar nicht mit letzter Sicherheit vermeiden zu k\u00f6nnen &#8211; es sei denn, sie geben es ganz auf, irgendwie aktiv zu werden.<\/p>\n<p>Das aber gef\u00e4llt den meisten Frauen auch nicht. Tragisch!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antje Schrupp hat wieder einmal einen bemerkenswerten Artikel verfasst: In &#8222;Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde&#8220; schildert sie eine erotische Situation aus ganz jungen Jahren. 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