{"id":120,"date":"2008-01-24T11:56:38","date_gmt":"2008-01-24T09:56:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/01\/24\/vom-menschlichen-klon-was-ist-so-schlimm-an-ihm\/"},"modified":"2008-08-24T11:54:16","modified_gmt":"2008-08-24T09:54:16","slug":"vom-menschlichen-klon-was-ist-so-schlimm-an-ihm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/01\/24\/vom-menschlichen-klon-was-ist-so-schlimm-an-ihm\/","title":{"rendered":"Vom menschlichen Klon &#8211; was ist so schlimm an ihm?"},"content":{"rendered":"<p>Seit letzter Woche ist er also technisch m\u00f6glich: der menschliche Klon aus einer entkernten Ei-H\u00fclle und den implantierten Erbinformationen eines Erwachsenen. Amerikanischen Wissenschaftlern gelang der Durchbruch mit dem seit dem Klon-Schaf Dolly bekannten Verfahren: Die in der Ei-H\u00fclle enthaltenen Substanzen programmieren den erwachsenen Zellkern wieder in ein fr\u00fches Stadium zur\u00fcck. Damit erh\u00e4lt der &#8222;alte&#8220; Kern die M\u00f6glichkeit, sich zu teilen und zu einem &#8222;neuen&#8220; Embryo heranzuwachsen.<!--more--><\/p>\n<p>Ziel der Forschung ist nicht die Erschaffung menschlicher Klone, sondern die Gewinnung neuer Stammzellen-Linien, aus denen potenziell jede Art menschlichen Gewebes entstehen kann: Ersatz f\u00fcr die kaputte Leber, neue Herzmuskelzellen, vielleicht gar ein wenig frisches Hirn, wo es nachweislich fehlt?? Stammzellen stehen im Verdacht, der lang gesuchte <strong>Jungbrunnen<\/strong> zu sein, nach dem sich Menschen immer schon sehnen, bisher allerdings erfolglos: Trotz forcierter Anti-Aging-Anstrengungen wird \u00e4rgerlicherweise immer noch gealtert und gestorben. Frische Ersatzteile w\u00e4ren immerhin ein Fortschritt, zumindest f\u00fcr diejenigen, die in den Genuss solcher High-Tech-Medizin kommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Der Klon, das letzte Tabu<\/h2>\n<p>Mit dem ersten menschlichen Zellhaufen, der nun tats\u00e4chlich entstanden war, gingen sofort weltweite Distanzierungen einher: Nie und nimmer wolle man menschliche Klone erzeugen, die \u00fcber das Zellhaufen-Stadium hinaus wachsen. Kein Labor auf der ganzen Welt besch\u00e4ftige sich mit einer solchen Perspektive.  Deutsche Politiker m\u00f6chten auch das therapeutische Klonen einschlie\u00dflich der Forschung weltweit verbieten, eine Debatte \u00fcber das reproduktive Klonen findet gar nicht erst statt: alle sind sich geradezu unheimlich einig, dass das nie und nimmer sein d\u00fcrfe, dass es DIE MEGA-S\u00dcNDE schlechthin w\u00e4re und alles getan werden muss, damit nicht irgendwann irgendwo irgendwer auf Ethik pfeift und tut, was nicht getan werden darf &#8211; sei es aus reinem Ehrgeiz oder weil es ein Auftraggeber unwiderstehlich gut bezahlt.<\/p>\n<h2>Gegen die Natur?<\/h2>\n<p>In einer Wissenschaftssendung, in die ich zuf\u00e4llig reinzappte, fragte der Moderator den zugeschalteten Experten (Leiter einer an erlaubten Stammzellen forschenden Einrichtung), was denn eigentlich so schlimm sei am menschlichen Klon? Ich war dankbar f\u00fcr die einfache Frage und erwartete, nun die wesentlichen ethischen Argumente zu h\u00f6ren. Aber nichts da, der Forscher war sichtlich \u00fcberfordert, ihm fiel tats\u00e4chlich nichts ein au\u00dfer dass das &#8222;total unnat\u00fcrlich&#8220; sei und deshalb v\u00f6llig ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Tja, ist denn das, was der Mann da t\u00e4glich forscht, total nat\u00fcrlich?? Wieviel von unserer Umwelt, unseren Produktionsweisen, unserer Ern\u00e4hrung, unserer Art, zu arbeiten, zu reisen, Krankheiten zu bek\u00e4mpfen und Kinder zu geb\u00e4ren ist denn noch &#8222;total nat\u00fcrlich&#8220;? Das allein kann ja wohl nicht das schlagende Argument gegen den menschlichen Klon sein.<\/p>\n<p>Ich denke \u00fcber diese Frage nach, weil es mich seltsam anmutet, wenn auf ein Ereignis so heftige und einhellige Reaktionen folgen,  wenn alle, die meinen, etwas zu sagen zu haben, dasselbe sagen, noch dazu ohne Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Was ist die Ursache der kollektiven Beschw\u00f6rung eines Tabus in Zeiten, in denen Tabus weitgehend abgeschafft sind?  Die Freiheit des Individuums, sein &#8222;Wertekost\u00fcm&#8220; selbst zu w\u00e4hlen, solange es sich das leisten kann, wird ja sonst kaum in Frage gestellt: das Primat des \u00d6konomischen, der Markt der M\u00f6glichkeiten, der Konsumismus als einzig \u00fcbrig gebliebene &#8222;gemeinsame Religion&#8220; beherrscht unseren Alltag. Was  ist  denn das extrem Erschreckende am menschlichen Klon, dass er partout kein Teil dieser &#8222;sch\u00f6nen neuen Welt&#8220; sein soll ?<\/p>\n<p>L\u00e4ge der unertr\u00e4gliche Versto\u00df &#8222;gegen alles, was recht ist&#8220; vielleicht darin, dass er eben gerade KEIN INDIVIDUUM  w\u00e4re? F\u00fcr manche scheint der Klon eine Art Monster zu sein, kein <em>ganz normaler Mensch<\/em> mit den \u00fcblichen Rechten, eben weil er nicht durch die einzigartige Mischung zweier Erbsubstanzen entst\u00fcnde, sondern eine genetisch identische Kopie seines Erzeugers w\u00e4re. Ein unsinniges Argument, denn auch eineiige Zwillinge sind genetisch identisch und dennoch einzigartige Individuen. Menschen haben niemals dieselbe pers\u00f6nliche Geschichte, werden von anderen Erlebnissen, Einfl\u00fcssen und Umweltbedingungen gepr\u00e4gt. Genetische Identit\u00e4t ergibt keine Serien-Modelle wie wir sie vom technischen Ger\u00e4t kennen, das nach demselben Bauplan mit denselben Materialien hergestellt wird.<\/p>\n<p>Da der Klon also ein <em>ganz normaler Mensch<\/em> w\u00e4re, h\u00e4tte er selbstverst\u00e4ndlich alle b\u00fcrgerlichen Rechte und k\u00f6nnte sich auch locker aus der wissenschaftlichen \u00dcberwachung verabschieden. Jegliche Ideen, sich einen Klon zu zeugen, um ihn dann als Ersatzteillager irgendwo gefangen zu halten und bei Bedarf auszuweiden, sind komplett absurd und eher aus Horror-Filmen geboren als aus realistischen \u00dcberlegungen.<\/p>\n<h2>WER will den Klon?<\/h2>\n<p>Vielleicht sind die schlagenden Argumenten ja leichter zu finden, wenn man sich fragt: G\u00e4be es denn einen Bedarf? WER w\u00fcrde ein Klon-Kind wollen und warum?  In bundesdeutschen Gro\u00dfst\u00e4dten leben ca. 50% der Bewohner in Single-Haushalten, Tendenz steigend. K\u00f6nnte es sein, dass eine nicht ganz kleine Zahl von Menschen dem Gedanken, sich ohne Partner fortzupflanzen,  recht aufgeschlossen gegen\u00fcber st\u00fcnde, wenn das eine w\u00e4hlbare M\u00f6glichkeit w\u00e4re?  Ein Mann br\u00e4uchte noch eine Ei-H\u00fcllen-Spende und eine Leih-Mutter, eine Frau k\u00f6nnte es sogar ganz alleine tun. Vielleicht ist es ja DIESER Aspekt, der u.a. die Idee so schrecklich macht? M\u00e4nner sind, wenn man es genau nimmt, seit letzter Woche fortpflanzungstechnisch \u00fcberfl\u00fcssig, denn &#8222;Jungfernzeugung&#8220; ist jetzt machbar, Frau Nachbar.<\/p>\n<p>Nun, das sind \u00e4hnlich absurde Gedanken wie etwa der, dass durch das reproduktive Klonen der Genpool der Menschheit vermindert w\u00fcrde und wir letztlich durch den Verlust der Anpassungsf\u00e4higkeit, der durch die geschlechtliche Fortpflanzung gegeben ist, untergehen w\u00fcrden. Denn: wie viele w\u00fcrden sich tats\u00e4chlich w\u00fcnschen, ein Kind ALLEINE zu bekommen? Und wie viele k\u00f6nnten sich das leisten? Es w\u00e4re vermutlich eine kleine, reiche Minderheit in Gesellschaften, die insgesamt eher schrumpfen als wachsen. Glaubt jemand im Ernst, diese M\u00f6glichkeit w\u00fcrde jetzt oder sp\u00e4ter zur Standardpraxis aller sechs Milliarden Menschen auf diesem Planeten?<\/p>\n<h2>Das Gef\u00fchl der S\u00fcnde<\/h2>\n<p>Viele Menschen haben eine spontane Abneigung gegen vieles, was auf einmal technisch m\u00f6glich ist, aber von der Natur so nicht vorgesehen war. Als die erste Eisenbahn fuhr, ergriffen Bauern die Flucht, als sie das neue Unget\u00fcm zu Gesicht bekamen, St\u00e4dter glaubten, die Geschwindigkeit verwirre das Gehirn.  Die Einf\u00fchrung der An\u00e4sthesie bei Operationen rief Gegner auf den Plan, die das Gott gewollte Leiden an den Schmerzen der Eingriffe als L\u00e4uterung verteidigten. Und heute wollen wir alle keine Gen-Tomaten, haben aber deutlich weniger gegen medizinische Gentechnik, wenn sie denn hilft.<\/p>\n<p>Seit die Entschl\u00fcsselung des Genoms im \u00f6ffentlichen Bewusstsein ist, wird immer wieder argumentiert, der Mensch d\u00fcrfe sich an den Grundbausteinen des Lebens nicht vergreifen. Dieses Zur\u00fcckschrecken hat auch seinen guten Sinn als Bremse, denn schlie\u00dflich garantieren ein paar Millionen Jahre Evolution doch ein gewisses Funktionieren des so Entstandenen. Wogegen das forscherische Trial &#038; Error jede Menge Risiken birgt &#8211; Risiken, die viele Menschen dann aber doch bereit sind, einzugehen, wenn der Nutzen, den man sich davon verspricht, gro\u00df genug ist. AIDS, Krebs, seltene Krankheiten &#8211; wer w\u00fcrde nicht wollen, dass dagegen ein &#8222;geschicktes Mittel&#8220; gefunden wird?<\/p>\n<h2>Nutzlosigkeit<\/h2>\n<p>So spricht gegen den menschlichen Klon vielleicht vor allem seine Nutzlosigkeit: All der wissenschaftliche Aufwand und die vielen Opfer auf dem Weg dahin w\u00fcrden durch keinen dringlichen Bedarf gerechtfertigt. Er w\u00e4re nicht Heilung f\u00fcr ein allgemein unerw\u00fcnschtes Leiden, sondern lediglich eine weitere M\u00f6glichkeit der Selbstverwirklichung Einzelner, die es als ganz angenehm erachten, SICH SELBST ganz unvermischt ein neues Mal ins Spiel des Lebens zu werfen. Die Kinder, die so entst\u00fcnden, h\u00e4tten eine gro\u00dfe Last zu tragen, denn von ihnen w\u00fcrde erwartet, das &#8222;Original&#8220; zumindest zu erreichen, wenn nicht zu \u00fcbertreffen: die Last des gro\u00dfen Irrtums ihrer Erzeuger, die in ihrer egozentrischen Verblendung meinen k\u00f6nnten, &#8222;genetisch gleich&#8220; sei auch im Leben verl\u00e4sslich dasselbe.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit letzter Woche ist er also technisch m\u00f6glich: der menschliche Klon aus einer entkernten Ei-H\u00fclle und den implantierten Erbinformationen eines Erwachsenen. Amerikanischen Wissenschaftlern gelang der Durchbruch mit dem seit dem Klon-Schaf Dolly bekannten Verfahren: Die in der Ei-H\u00fclle enthaltenen Substanzen programmieren den erwachsenen Zellkern wieder in ein fr\u00fches Stadium zur\u00fcck. 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