{"id":1198,"date":"2012-11-02T10:40:20","date_gmt":"2012-11-02T09:40:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1198"},"modified":"2013-10-17T09:08:26","modified_gmt":"2013-10-17T08:08:26","slug":"liebe-wahler-liebe-piraten-parteiprogramme-werden-uberschatzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2012\/11\/02\/liebe-wahler-liebe-piraten-parteiprogramme-werden-uberschatzt\/","title":{"rendered":"Liebe W\u00e4hler, liebe Piraten: Parteiprogramme werden \u00fcbersch\u00e4tzt!"},"content":{"rendered":"<p>Transparenz und Teilhabe f\u00fcr alle \u2013 das ist die Utopie, mit der die Piratenpartei ins Bewusstsein der Massen getreten ist. Nicht mit dem Versprechen, selber ein \u201ealle Probleme l\u00f6sendes\u201c (Partei-)Programm vorzulegen. Damit haben sich die etablierten Parteien ja doch ausgiebig und mit viel Herzblut besch\u00e4ftigt \u2013 hat\u2019s denn gen\u00fctzt? <\/p>\n<p>Bis in konservative Kreise hinein wurde die Piratenpartei bis k\u00fcrzlich noch als Beweis f\u00fcr die Lebendigkeit unserer real existierenden, repr\u00e4sentativen Demokratie angesehen. \u00c4hnlich wie die GR\u00dcNEN in den 80gern trafen sie den Nerv der Zeit mit Themen, die in den etablierten Parteien schlicht nicht aufgegriffen, ja sogar bek\u00e4mpft wurden. <\/p>\n<p>Dabei machten Urheberrechts- und netzpolitischen Themen,  die lange als \u201eThemenkern\u201c der Piraten galten, zwar einen wichtigen, aber nicht den entscheidenden Anteil des Erfolgs aus.<br \/>\nDass auf einmal \u201edie Massen str\u00f6mten\u201c, als W\u00e4hler, Sympathisanten, Spender, wohlwollende Berichterstatter und Neumitglieder, verdankte sich dem UNMUT vieler B\u00fcrger mit staatlichem und wirtschaftlichem Handeln, wie es f\u00fcr unsere angeblich beste aller Demokratien \u00fcblich ist. <span id=\"more-22\"><\/span><\/p>\n<h2>Berechtigter Unmut: Von der Ohnmacht der Politiker<\/h2>\n<p>Ministerien und Lobbyisten aus der Wirtschaft machen untereinander aus, wie die Steuergelder verteilt und welche Gro\u00dfprojekte wo durchgezogen werden sollen. \u201eB\u00fcrgerbeteiligung\u201c, wie sie bisher stattfindet, ist eine Farce! Parlamentarier d\u00fcrfen zwar im Prinzip mitwissen und mitbestimmen, doch reichen ihre Kapazit\u00e4ten schon zahlenm\u00e4\u00dfig nicht ann\u00e4hernd aus, alle relevanten Themen in der Tiefe zu durchdringen. Je komplexer ein Thema, desto eher \u00fcberl\u00e4sst man es den Experten und l\u00e4sst den Dingen ihren Lauf, anstatt gegen Windm\u00fchlen zu k\u00e4mpfen. Was gerade als \u201epolitische Agenda\u201c durch die Presse geht, ist oft nicht das wirklich Wichtige \u2013 das wird im Hintergrund verhandelt oder f\u00e4llt offenbar ganz aus der Sph\u00e4re demokratischer Mitbestimmung heraus, die doch in unserem System so vorbildlich funktionieren soll.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gew\u00e4hlt, und diejenigen, die gew\u00e4hlt werden, haben nichts zu entscheiden!<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Der Spruch von Seehofer bringt auf den Punkt, woran unsere Demokratie krankt. Die offene Wunde der Politiker ist nicht etwa Machtmissbrauch, sondern zuvorderst ihre Ohnmacht. Man denke nur daran, wie viele Engagierte sich schon die Z\u00e4hne am von m\u00e4chtigen Konzern-Interessen dominierten Gesundheitswesen ausgebissen haben! Und wie leicht es doch ist,  Politiker  mittels dem Verweis auf \u201eArbeitspl\u00e4tze\u201c f\u00fcr jeden unerfreulichen Mist zu gewinnen!  Alle sind f\u00fcr den Frieden, aber seit Jahrzehnten st\u00f6rt sich niemand dran, dass Deutschland f\u00fchrender Waffenexporteur ist. Ebenso leistet man gern gut gemeinte Entwicklungshilfe, kann oder will aber nicht verhindern, dass die EU-Wirtschaftspolitik die heimische Wirtschaft der zu entwickelnden L\u00e4nder platt macht. <\/p>\n<p>W\u00fcrde das alles auch so stattfinden, wenn \u201edie Bev\u00f6lkerung\u201c tats\u00e4chlich echte Mitbestimmungsrechte h\u00e4tte? <\/p>\n<p>Wir wissen es nicht, weil das keine der etablierten Parteien wirklich ausprobieren will.<br \/>\nAmt- und Mandatsstr\u00e4ger bem\u00e4nteln lieber ihre weitgehende Ohnmacht, denn strukturell gibt ihnen ihre Position das Gef\u00fchl, immerhin ein bisschen \u201ean der Macht beteiligt\u201c zu sein. Sie bem\u00fchen sich, wenigstens die Interessen ihrer jeweiligen Klientel bzw. ihres \u201eMillieus\u201c zu wahren, um wiedergew\u00e4hlt zu werden,  anstatt die beste L\u00f6sung f\u00fcr alle zu suchen. Mehr k\u00f6nnen sie in unserer Art Parteienparlamentarismus in aller Regel auch nicht tun: Sie sind ja nicht \u201ealle\u201c, sondern \u201enur Partei\u201c. <\/p>\n<h2>Transparenz und Teilhabe ist ein ANDERES Programm!<\/h2>\n<p>Transparenz und Teilhabe f\u00fcr alle \u2013 das ist die Utopie, mit der die Piratenpartei ins Bewusstsein der Massen getreten ist. Nicht mit dem Versprechen, selber ein \u201ealle Probleme l\u00f6sendes\u201c (Partei-)Programm vorzulegen. Damit haben sich die etablierten Parteien ja doch ausgiebig und mit viel Herzblut besch\u00e4ftigt \u2013 hat\u2019s denn gen\u00fctzt? <\/p>\n<p>Was bringen Programme, wenn man in einer Finanzkrise \u201eauf Sicht\u201c fahren muss, weil grade keiner besonders weit sieht? Was \u00e4ndern sie an bestehenden Machtverh\u00e4ltnissen und Strukturen, wo geben sie Ausk\u00fcnfte im strittigen Einzelfall? (Endlager, Stuttgart21, <a href=\"http:\/\/www.modersohn-magazin.de\/2012\/10\/25\/samstag-27-10-demonstration-a100-stoppen#spdprogramm\">A100<\/a>, Organspende etc.) Kann ich als B\u00fcrger da wenigstens heraus lesen, was mich erwartet? Hat Agenda 2010 denn im  Programm der SPD gestanden?<\/p>\n<p>Transparenz und Teilhabe f\u00fcr alle meint <strong>Mitbestimmung  potenziell aller an einem Thema interessierter B\u00fcrger<\/strong> \u2013 egal, welcher Partei, Religion (oder heute: Marke) sie ansonsten zuneigen. <\/p>\n<p>Diese urdemokratische Idee spricht genau DANN pl\u00f6tzlich wieder viele Menschen an, wenn sich die Unzufriedenheiten akkumulieren und die bes\u00e4nftigende Decke des \u201euns geht\u2019s ja noch ganz gut\u201c nicht mehr sicher scheint. Umso mehr, wenn die t\u00e4gliche Lekt\u00fcre zum Weltgeschehen zeigt, dass es zu jedem Thema sehr unterschiedliche Sichtweisen gibt \u2013 und kaum mehr Autorit\u00e4ten, denen man einfach so glauben oder folgen w\u00edll. <\/p>\n<h2>Parteiprogramme: lyrisches Ideen-Bundling ohne echte Relevanz<\/h2>\n<p>Ein noch so inspiriert verfasstes Parteiprogramm von egal welcher Partei wird unsere aktuellen Probleme nicht l\u00f6sen, ja nicht einmal ber\u00fchren.  Bis ein solches Programm \u201efertig\u201c ist, ist die Welt, von der es ausging, vielleicht schon wieder eine andere. Und als \u201eGesamtprogramm\u201c ist es im Grunde das absurdeste Ideen-Bundling, das man sich denken kann: Wer heute einen guten Vorschlag hat, sollte diesen so schnell wie m\u00f6glich verbreiten und zur allgemeinen Diskussion stellen. Die Welt h\u00e4lt nicht inne  und wartet auf schwer abstrahierte, sch\u00f6n zu lesende Partei-Lyrik, sondern braucht konkrete, von m\u00f6glichst vielen B\u00fcrgern (!) getragene L\u00f6sungen!<\/p>\n<p>Transparenz und Teilhabe ist mehr als nur repr\u00e4sentative Demokratie. \u201ePlebiszit\u00e4re Elemente\u201c, die auch nur wieder darauf abzielen, dass Parteien, Fraktionen und Parlamentsaussch\u00fcsse sich mal damit befassen (\u201ePetition\u201c) sind nicht das Ende, sondern h\u00f6chstens der winzige Anfang der Fahnenstange. Doch auch eine blo\u00df spontane \u201eUmfrage-Politik\u201c (weil das jetzt technisch m\u00f6glich w\u00e4re) kann nicht ernsthaft die L\u00f6sung sein.  <\/p>\n<h2>Politik-Konsum statt Engagement und Wagnis<\/h2>\n<p>Das Neue gibt\u2019s nun mal nicht in 140 Zeichen und auch nicht als Parteiprogramm: Es muss in vielerlei Gestalt und auf vielen gesellschaftlichen Ebenen erk\u00e4mpft, gewagt und ausexperimentiert werden. <\/p>\n<p>Eine Partei kann das Wachsen einer Kultur der Transparenz und Teilhabe unterst\u00fctzen, Sie kann hier und da Gesetzesinitiativen starten und Diskussionen ansto\u00dfen, sowie selber transparent und m\u00f6glichst demokratisch agieren. Wollen, w\u00e4hlen und umsetzen m\u00fcssen wir B\u00fcrger diese neue Kultur selbst. <\/p>\n<p>Statt nun diesem spannenden Mega-Projekt eigenes Herzblut und Hirnschmalz zu g\u00f6nnen, konsumieren viele die Piratenpartei als Event: erg\u00f6tzen sich an innerpiratischen Querelen, an den Defiziten fehlender Strukturen, an diesem und jenem \u201eFail\u201c Einzelner in  Tagespolitik oder  Twitter-Stream. Ganz so, wie man es eben gewohnt ist, Parteien und ihre \u201eK\u00f6pfe\u201c zu beurteilen \u2013 und hey, <em>die haben ja noch immer kein ordentliches Parteiprogramm!<\/em><\/p>\n<p>Also m\u00fchen die Piraten sich redlich, Volkes Wille zu gen\u00fcgen. Der ganze n\u00e4chste Parteitag ist der Fortentwicklung des Programms gewidmet,  es sind sicher jede Menge Antr\u00e4ge abzuarbeiten. <\/p>\n<p>Liebe Piraten, liebes Volk:  Vergesst bitte beim Verfassen und folgemdem in-der-Luft-Zerrei\u00dfen eines nicht: Ein Parteiprogramm macht noch lange keine lebendige Demokratie.  Das \u201eBetriebssystem der Zukunft\u201c entsteht nicht auf Parteitagen, sondern im Zusammenwirken aller gesellschaftlichen Kr\u00e4fte und M\u00e4chte. Und auch da nicht, indem man sich gegenseitig die Programmpunkte vorliest und abstimmt! <\/p>\n<p><strong>\u201eKlar machen zum \u00c4ndern\u201c<\/strong> \u2013 der Spruch hat vielen gefallen.  Gerne m\u00f6chte ich ihn auch weiterhin auf die Bedeutung von Parteiprogrammen angewendet sehen! SO wichtig sind die n\u00e4mlich nicht, das m\u00fcssten eigentlich alle lange wissen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Dieser Artikel steht hier als &#8222;Zweitver\u00f6ffentlichung&#8220;, zuerst ist er in meinem neuen Blog &#8222;Piraten-Special&#8220; erschienen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Transparenz und Teilhabe f\u00fcr alle \u2013 das ist die Utopie, mit der die Piratenpartei ins Bewusstsein der Massen getreten ist. Nicht mit dem Versprechen, selber ein \u201ealle Probleme l\u00f6sendes\u201c (Partei-)Programm vorzulegen. 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