{"id":118,"date":"2008-01-17T12:35:16","date_gmt":"2008-01-17T10:35:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/01\/17\/vom-leben-im-schwarm\/"},"modified":"2008-08-24T11:56:45","modified_gmt":"2008-08-24T09:56:45","slug":"vom-leben-im-schwarm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/01\/17\/vom-leben-im-schwarm\/","title":{"rendered":"Vom Leben im Schwarm"},"content":{"rendered":"<p>Alles w\u00e4chst zusammen, nicht nur das, was zusammen geh\u00f6rt. Fast jeder ist st\u00e4ndig per Handy erreichbar, wer sich im \u00f6ffentlichen Raum bewegt, wird gefilmt. Von oben kann man <a href=\"http:\/\/earth.google.com\/intl\/de\/\">\u00fcberall drauf sehen<\/a> und bald ist auch <a href=\"http:\/\/infobib.de\/blog\/2007\/05\/30\/google-street-view\/\">jede Stra\u00dfenecke<\/a> gesichtergenau im Blick.   Social Communities lokalisieren ihre User im physischen Raum: Bei <a href=\"http:\/\/www.townkings.de\/start\/index.html\">townkings.de<\/a> kann ich Haus-genau sehen, wer in meiner Nachbarschaft Mitglied ist und was diese Leute von sich zeigen.<em> (Schr\u00e4g gegen\u00fcber wohnt ein Student, der Programmierdienstleistungen anbietet, aha!)<\/em> Noch sind es nicht viele, doch ist das ja nicht die einzige Com. Facebook, Xing, StudiVZ und viele andere, noch  wachsende Gemeinschaften zeigen \u201eMitglieder in deiner N\u00e4he&#8220;.  Und wenn ich selber mal nicht wei\u00df, wo ich bin, kann mir <a href=\"https:\/\/www.myqiro.de\/web\/\">Qiro<\/a> helfen, ein Navi-Programm f\u00fcrs Handy, das meinen Standort anzeigt, aber auch den meiner &#8222;Freunde&#8220;, dazu die n\u00e4chsten Geldautomaten, Kinos und herum stehende Mietfahrr\u00e4der.<!--more--><\/p>\n<p>Will ich das denn alles wissen? Und was will ich von mir wissen lassen? Niemand muss diese Infos nutzen oder bekannt geben, alles geschieht ganz freiwillig, kein Orwellscher &#8222;gro\u00dfer Bruder&#8220; zwingt uns etwas auf. Es ist allein die &#8222;N\u00fctzlichkeit&#8220; der angebotenen Infos, die dazu einl\u00e4dt, daran teil zu haben und selbst an jeder Ecke seine Daten abzugeben. Oder zumindest der GLAUBE an die N\u00fctzlichkeit, vereint mit fortw\u00e4hrenden Fragen: <em>Sie haben noch keine Kundenkarte?<\/em> Nein, habe ich nicht, die Rabatte sind absolut l\u00e4cherlich verglichen mit dem Wert meiner Einkaufsdaten. Die ich ja dann doch auch ohne Kundenkarte zum Besten gebe, wenn ich so bequem bin und bargeldlos bezahle.<\/p>\n<h2>Das Netz wird lokal<\/h2>\n<p>Die Welt des Internets ist f\u00fcr viele immer noch etwas anderes als das &#8222;reale Leben&#8220; &#8211; eine Einsch\u00e4tzung von vorgestern, denn das Netz greift immer umfassender nach dem lokalen Raum: ungeheuer n\u00fctzlich, wenn man bedenkt, was da alles m\u00f6glich wird! Immer mehr Menschen leben in Single-Haushalten, immer mehr Alte werden ambulant zuhause gepflegt &#8211; wer garantiert da eigentlich die pers\u00f6nliche SICHERHEIT? Ein paar Webcams in den Zimmern verteilt k\u00f6nnten doch \u00e4u\u00dferst beruhigend wirken, schlie\u00dflich kommen Schlaganf\u00e4lle und Herzinfarkte ganz pl\u00f6tzlich. Wer da dauernd hinsehen soll? Na, da gibts einerseits die Leute, die immer schon gern ihre Nachbarn beobachten, andrerseits finden sich sicher preiswerte Chinesen, die den Job f\u00fcr 50 Dollar im Monat gerne erledigen &#8211; die Globalisierung macht&#8217;s m\u00f6glich und das wachsende Sicherheitsbed\u00fcrfnis schafft den Bedarf.<\/p>\n<p>Werde ich in ein paar Jahren jeden zweiten auf der Stra\u00dfe gr\u00fc\u00dfen m\u00fcssen, weil ich sein Gesicht erkenne und er meines? Werde ich verd\u00e4chtig sein, wenn es \u00fcber mich zu wenig Infos im Netz gibt? Sich ohne Folgen raus zu halten ist kaum m\u00f6glich, wenn rundherum die Bed\u00fcrfnisse zusammen mit den wachsenden technischen M\u00f6glichkeiten eine neue Welt erschaffen &#8211; das zeigt zum Beispiel das Handy.<\/p>\n<h2>Stimmf\u00fchlungslaute im Schwarm<\/h2>\n<p>Wie lange dauert ein Gespr\u00e4ch \u201evon Angesicht zu Angesicht&#8220;, ohne dass dein Gegen\u00fcber einen  Handy-Anruf bekommt? Wir sind nicht mehr miteinander alleine, wir sind inmitten des Schwarms &#8211; und wenn der Schwarm seine Richtung geringf\u00fcgig \u00e4ndert, m\u00fcssen wir die Bewegung mitvollziehen, ob wir wollen oder nicht.<\/p>\n<p>Wieviele Verabredungen finden noch statt, ohne dass sie per Mail oder Handy kurzfristig verschoben werden? Und jede Verschiebung zieht andere Verschiebungen nach sich, wenn es sich um ebenso vernetzte und vielfach eingebundene Personen handelt. A informiert B, dass der Termin um einen Tag verschoben werden muss. B informiert C und D, dass etwas wichtiges dazwischen gekommen ist, C und D passen ihrerseits ihre Pl\u00e4ne an, was weitere Personen in die Ver\u00e4nderung einbezieht. Der Schwarm bewegt sich schnell und wer nicht willens oder nicht in der Lage ist, sich mitzubewegen, f\u00e4llt eben heraus.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher verabredete man sich f\u00fcr n\u00e4chste Woche und konnte recht sicher sein, dass das Treffen auch statt findet. Heute tut man gut daran, sich kurz zuvor noch einmal zu versichern, dass sich nichts ge\u00e4ndert hat. Das sind die Stimmf\u00fchlungslaute im Schwarm: <em>Hallo, ich bin HIER und noch immer bewege ich mich Richtung Punkt X &#8211; du auch? Ja, alles roger, es sieht gut aus. Wenn was dazwischen kommt, melde ich mich!<\/em><\/p>\n<p>Wer wiederholt die Erfahrung macht, dass es nichts bringt, sich auf eine Verabredung in einigem zeitlichen Abstand zu verlassen, wird sich immer weniger auf diese Art verabreden. Sondern vermehrt &#8222;ganz spontan&#8220; anfragen, ob das Gegen\u00fcber vielleicht jetzt gerade Zeit hat. In meinem Freundeskreis ist das bereits die dominierende &#8222;Dating-Form&#8220;, der Schwarm agiert PL\u00d6TZLICH, nicht von langer Hand geplant. Und wer planen muss &#8211; das ist die zweite Tendenz &#8211; betrachtet die eingegangenen Verabredungen nicht mehr als &#8222;fest&#8220;, sondern lediglich als M\u00f6glichkeiten, deren Realisierung nur dann statt findet, wenn nichts Wichtigeres dazwischen kommt.<\/p>\n<p>Ein Handy-Ver\u00e4chter und E-Mail-Muffel kann in einer solchen Welt nur noch jemand sein, der sowieso &#8222;drau\u00dfen&#8220; ist &#8211; oder aber jemand, der so WICHTIG ist, dass sich sein ganzes Umfeld nach ihm und seinen Kommunikationsgepflogenheiten richten muss.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen gespannt sein, wie sich das &#8222;lokale Netz&#8220; auf den Schwarm und seine Bewegungen auswirken wird. Ich vermute, die f\u00fcr das Leben in der Stadt so typische Anonymit\u00e4t wird tendenziell verschwinden, und wer nicht lokalisiert werden kann, wird verd\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Ist das alles nun gut oder schlecht? Technisch voran getriebene Weltver\u00e4nderungen scheren sich meist nicht um solche Bewertungen und so ist es eine Frage der pers\u00f6nlichen Situation und Stimmung, ob man das Leben im Schwarm genie\u00dft oder darunter leidet. Auf jeden Fall ist es eine Erscheinung, die mit dem \u00dcberwinden der Industriegesellschaft zu tun hat, die ein immer gleiches Funktionieren gro\u00dfer Menschenmassen in festen Strukturen erforderte.<\/p>\n<p>Wo fr\u00fcher der lebenslange Arbeitsplatz die Normalit\u00e4t darstellte, dominieren heute flexible und oft prek\u00e4re Arbeitsformen. Man muss kreativ sein, neue Dienstleistungen erfinden und selbst\u00e4ndig auf dem Markt anbieten, am besten mehrere &#8222;Standbeine&#8220; und diverse &#8222;Spielbeine&#8220; haben. Feste Bindungen mit entsprechenden Abh\u00e4ngigkeiten wirken als Bremse f\u00fcr die Entfaltung der M\u00f6glichkeiten und die Bewegungen des Schwarms &#8211; gut oder schlecht? Kommt drauf an, wer du bist: Nomaden haben viel Spa\u00df im Schwarm, Sesshafte ein Problem.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alles w\u00e4chst zusammen, nicht nur das, was zusammen geh\u00f6rt. Fast jeder ist st\u00e4ndig per Handy erreichbar, wer sich im \u00f6ffentlichen Raum bewegt, wird gefilmt. Von oben kann man \u00fcberall drauf sehen und bald ist auch jede Stra\u00dfenecke gesichtergenau im Blick. Social Communities lokalisieren ihre User im physischen Raum: Bei townkings.de kann ich Haus-genau sehen, wer [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[9],"tags":[181,184,16,183,14,182],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=118"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}