{"id":1175,"date":"2013-09-11T10:48:28","date_gmt":"2013-09-11T09:48:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1175"},"modified":"2013-09-11T14:08:05","modified_gmt":"2013-09-11T13:08:05","slug":"fremdschamen-fur-die-taz-zum-rosler-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/09\/11\/fremdschamen-fur-die-taz-zum-rosler-interview\/","title":{"rendered":"Fremdsch\u00e4men f\u00fcr die TAZ &#8211; zum R\u00f6sler-Interview"},"content":{"rendered":"<p>Weder sympathisiere ich mit der FDP noch speziell mit Herrn R\u00f6sler. Dagegen mag ich die TAZ, meistens jedenfalls. Dort gibt es immerhin noch Journalismus, der sich f\u00fcr die Sache interessiert, nicht blo\u00df daf\u00fcr, aus dem Weltgeschehen m\u00f6glichst viele Klick-bringende &#8222;Aufreger&#8220; zu destillieren, egal, wen oder was man dabei unbesehen in die Pfanne haut. Bei der TAZ kommt Politik noch vor, nicht nur skandalisierende Geschichen \u00fcber Politiker, die die Entpolitisierung voran treiben und \u00e4hnliche Bed\u00fcrfnisse bedienen wie die Klatsch-Postillen, die im Detail \u00fcber Geburten und Heiraten letzter K\u00f6nigsh\u00e4user berichten.<br \/>\n<!--more--><br \/>\nSo dachte ich \u00fcber die TAZ, Jahrzehnte lang. Doch dieses allzu positive Bild ist nun dabei, den Bach runter zu gehen. Vermutlich hat es lange schon nicht mehr gestimmt: ich lese sie ja nur punktuell, wenn ich \u00fcber einen News-Aggregator auf einem Artikel lande, der mich interessiert (und ja, ich hab&#8216; da auch schon gespendet). <\/p>\n<p>Unter dem Titel &#8222;Fragen und keine Antworten&#8220; <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/hausblog\/2013\/09\/09\/philipp-roesler-fragen-und-keine-antworten\/\">ver\u00f6ffentlicht die TAZ nun ein Interview mit Phillip R\u00f6sler<\/a> &#8211; und zwar NUR die Fragen, keine Antworten. Das sieht dann so aus:<\/p>\n<blockquote><p>\ntaz: Herr R\u00f6sler, wir m\u00f6chten mit Ihnen \u00fcber Hass sprechen.<br \/>\nPhilipp R\u00f6sler: &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<br \/>\nIhr Pressesprecher will auch lieber, dass wir das Thema \u201cStil und Anstand im Wahlkampf\u201d nennen.<br \/>\n &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<br \/>\nHerr R\u00f6sler, welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, dass andere Probleme mit Ihrem asiatischen Aussehen haben?<br \/>\n &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;. &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<br \/>\nSie bekommen immer wieder Hassmails. Weil Sie FDP-Chef sind? Oder weil man Ihnen Ihre nichtdeutschen Wurzeln ansieht?<br \/>\n &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.. &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<br \/>\nWarum werden Sie gehasst?<br \/>\n &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..<br \/>\nIn Niedersachsen, wo Sie herkommen, wurden Sie h\u00e4ufig als \u201cder Chinese\u201d bezeichnet. Ist das aus Ihrer Sicht Ausdruck von Hass oder Ressentiment?<br \/>\n &#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Vor den 21 Fragen des Interviews beziehen sich 14 auf Aussehen und Herrkunft von R\u00f6sler, dazu noch die erste Frage zum &#8222;Hass&#8220;, die lediglich als Intro ins Thema gedacht ist. Der Br\u00fcderle-Spruch von der &#8222;Deutschen Eiche&#8220; versus &#8222;Bambusrohr&#8220; wird thematisiert, es wird gefragt, ob er sich als Kind diskriminiert gef\u00fchlt habe und warum er erst mit 33 Vietnam besucht habe. <\/p>\n<h2>Bruch g\u00e4ngiger Spielregeln<\/h2>\n<p>Als das im Original einst\u00fcndige Interview wie in Deutschland \u00fcblich, zur &#8222;Autorisierung&#8220; vorgezeigt wurde, erlebte die TAZ einen im Politikbetrieb ungew\u00f6hnlichen Affront: <em>&#8222;Das Interview werde nicht freigegeben, weil R\u00f6sler sein asiatisches \u00c4u\u00dferes im Wahlkampf nicht zum Thema machen wolle&#8220;<\/em>, hei\u00dft es dazu <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/hausblog\/2013\/09\/09\/philipp-roesler-fragen-und-keine-antworten\/\">im Artikel mit dem &#8222;Interview ohne Antworten&#8220;<\/a>. <\/p>\n<p>Mehr erf\u00e4hrt man in <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/hausblog\/2013\/09\/10\/ein-interview-das-im-wahlkampf-schaedlich-zu-sein-scheint\/\">der Stellungnahme von Ines Pohl<\/a>, Chefredakteurin der TAZ. Demnach h\u00e4tten sie das Interview bringen d\u00fcrfen, jedoch nur den Teil \u00fcber die FDP-Programmatik &#8211; und maximal <em>eine<\/em> Frage zum Thema Rassismus. Pohl dazu:<\/p>\n<blockquote><p>Der FDP-Pressesprecher behauptet, dass unsere autorisierte Fassung nicht dem tats\u00e4chlichen Verlauf des Gespr\u00e4chs entsprochen habe. In dem Gespr\u00e4ch am 20. August redeten wir gut 20 Minuten lang \u00fcber Rassismus, gut 25 Minuten \u00fcber andere Themen. In der taz-Fassung des Gespr\u00e4chs nimmt Rassismus zwei Drittel ein, andere Themen nehmen ein knappes Drittel ein. Diese Gewichtung ist im Rahmen des \u00dcblichen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja ja, die Journalisten-typische GEWICHTUNG! Aus eigener Erfahrung aus politisch aktiven Jahren wei\u00df ich, wie sich das anf\u00fchlt: man spricht eine Stunde \u00fcber &#8222;alles M\u00f6gliche&#8220; mit einer Person, die Vertrauen erweckt und zum Mitdenken willens zu sein scheint, um danach zu erleben, wie nur ganz bestimmte Themen oder S\u00e4tze im Artikel vorkommen. Egal, welch geringen Anteil diese S\u00e4tze im Gespr\u00e4ch hatten und wenn man Pech hat, ganz ohne oder sogar im falschen Zusammenhang. Hauptsache Aufreger!<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte zugunsten der TAZ immerhin fragen: H\u00e4tte R\u00f6sler nicht ahnen k\u00f6nnen, dass es beim Thema &#8222;Hass im Wahlkampf&#8220; vor allem um Ressentiments gegen seine Person und seinen Migrationshintergrund gehen werde? Wir wissen nicht, warum er nicht gleich abgesagt hat, aber ich kann mir denken, wie das zurecht gestutzte Interview am Ende auf ihn wirkte. Und finde es daher in Ordnung, dass er die Rei\u00dfleine gezogen hat, auch mittels eines &#8222;Bruchs \u00fcblicher Spielregeln&#8220;. <\/p>\n<h2>Auch wer &#8222;nur&#8220; in der Wunde bohrt, vergr\u00f6\u00dfert sie<\/h2>\n<p>Die TAZ tut nun so, als k\u00f6nne sie kein W\u00e4sserlein tr\u00fcben und ver\u00f6ffentlicht das Interview theatralisch &#8222;ohne Antworten&#8220;. Anscheinend meinen die Verantwortlichen in ihrer individuellen Filter-Bubble, dieses Vorgehen reiche immerhin noch dazu aus, der FDP ans Bein zu pinkeln. F\u00fcr mein Empfinden trifft der Vorwurf des FDP-Pressesprechers, <strong>die TAZ instrumentalisiere hier rassistische Ressentiments<\/strong> voll ins Schwarze. Das Interview und auch die Ver\u00f6ffentlichung ohne Antworten zielt auf Klicks und K\u00e4ufe von jenen, die &#8222;den Chinesen&#8220; aufgrund seines Aussehens und seiner Herkunft ablehnen und es gerne sehen, wenn da jemand ausf\u00fchrlich in dieser &#8222;Wunde&#8220; bohrt. <\/p>\n<p>Dass man das Thema auch ANDERS h\u00e4tte ansprechen k\u00f6nnen, zeigt Thimo Reinfrank von der Amadeo-Antonio-Stiftung auf, der <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/hausblog\/2013\/09\/10\/ich-waere-mitten-im-interview-rausgegangen\/\">auf dem Hausblog der TAZ (immerhin!)<\/a> von sich sagt, er w\u00e4re an R\u00f6slers Stelle mitten im Interview &#8218;raus gegangen. Und weiter: <\/p>\n<blockquote><p>Man h\u00e4tte ihn zum Beispiel fragen k\u00f6nnen, ob er aus seiner Partei Solidarit\u00e4t erf\u00e4hrt und wie er mit den Anw\u00fcrfen umgeht. Das w\u00e4re ein anderer Zugang gewesen. Wenn Sie mit ihm \u00fcber Rassismus h\u00e4tten reden wollen, dann h\u00e4tten sie ihn doch fragen k\u00f6nnen, was die FDP dagegen macht. Das Interview kehrt aber immer wieder zu seiner Person zur\u00fcck. Er wird nach seinem asiatischen Aussehen befragt, nach seinen nichtdeutschen Wurzeln. Es geht die ganze Zeit um ihn, nicht um die Gesellschaft.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Kommentierenden unter der Stellungnahme von Ines Pohl kritisieren weniger verhalten. Ein &#8222;Paul&#8220; kreiert sogar <a href=\"http:\/\/blogs.taz.de\/hausblog\/2013\/09\/10\/ein-interview-das-im-wahlkampf-schaedlich-zu-sein-scheint\/#comment-25433\">ein analoges Interview mit Pohl<\/a>, das ihre sexuelle Orientierung in derselben Manier aufgreift, wie es das TAZ-Interview mit R\u00f6slers Herkunft und Aussehen macht. <\/p>\n<p>Ob es was n\u00fctzt? Ich zweifle&#8230; Ist doch alles nur &#8222;journalistisches Handwerk&#8220;. <\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>[Update] Auch zum Thema:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/netzexil.de\/2013\/09\/personalisierter-rassismus-oder-der-zweck-heiligt-nicht-die-mittel\/\">Personalisierter Rassismus oder der Zweck heiligt nicht die Mittel<\/a> &#8211; H. Schulte auf Netzexil;<\/li>\n<li>\n<a href=\"http:\/\/filter-bubble.de\/2013\/09\/11\/viele-fragen-zum-thema-rassismus-aber-keine-antworten\/\">Viele Fragen zum Thema Rassismus \u2013 aber keine Antworten\u2026<\/a> &#8211;  eine ANDERE Meinung von Anja Urbschat auf Filter Bubble.<\/li>\n<li>\n<a href=\"http:\/\/de.toknok.com\/2013\/09\/11\/fragen-nach-roslers-herkunft-alltagsrassismus-bei-der-taz\/\">Fragen nach R\u00f6slers Herkunft: Alltagsrassismus bei der \u201cTaz\u201d?<\/a>  Antje Sirleschtov auf TokNok. <\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.ruhrbarone.de\/taz-16-daemliche-fragen-an-roesler\/\">TAZ: 16 d\u00e4mliche Fragen an R\u00f6sler<\/a> &#8211; Ruhrbarone<\/li>\n<\/ul>\n<p>[Update 2] Es gibt dazu jetzt auch das Hashtag <a href=\"https:\/\/twitter.com\/search?q=%23tazfragen&#038;src=hash\">#tazfragen<\/a> auf Twitter.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weder sympathisiere ich mit der FDP noch speziell mit Herrn R\u00f6sler. 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