{"id":117,"date":"2008-01-03T10:55:05","date_gmt":"2008-01-03T08:55:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/01\/03\/die-edle-wahrheit-vom-leiden\/"},"modified":"2008-08-24T11:57:53","modified_gmt":"2008-08-24T09:57:53","slug":"die-edle-wahrheit-vom-leiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2008\/01\/03\/die-edle-wahrheit-vom-leiden\/","title":{"rendered":"Die edle Wahrheit vom Leiden"},"content":{"rendered":"<h2>War der Buddha ein Weichei?<\/h2>\n<p>Von allen spirituellen Lehren, mit denen ich mich je im Leben befasst habe, sind die Lehren des Buddha diejenigen, zu denen ich alle paar Jahre einen neuen Zugang finde. Auf einmal verstehe ich etwas, das ich fr\u00fcher gar nicht oder ganz anders verstanden hatte.<\/p>\n<p>So geht&#8217;s mir gerade mit den &#8222;vier edlen Wahrheiten&#8220;, deren erste da hei\u00dft: &#8222;Alles Leben ist Leiden&#8220;.  Mir erschien das fr\u00fcher als eine viel zu negative Beschreibung: zwar stimmt es, dass das Leiden unvermeidlich ist, dass es Altern, Krankheit und Tod gibt, dass Sorgen, Trauer, Unwohlsein und Schmerz nicht auszurotten sind, sondern sich immer wieder einfinden. Deren Gegenteil k\u00f6nnten wir ja gar nicht erleben, g\u00e4be es diese Gegens\u00e4tze nicht. Mir war &#8222;denklogisch&#8220; schnell klar, dass es von daher gesehen ein sinnloses Unterfangen ist, stets nach den Freuden zu suchen und die Leiden vermeiden zu wollen, was ja unser gew\u00f6hnliches In-der-Welt-Sein ausmacht.   <!--more--><\/p>\n<p>Ich las also mehr dar\u00fcber und traf auf Erl\u00e4uterungen, die die Verg\u00e4nglichkeit und Nichtigkeit aller \u00fcblichen Freuden als Hauptaspekt des Leidens beschreiben: zwar gibt es Freude, Lust und Befriedigung, doch immer nur f\u00fcr kurze Zeit:  nichts ist best\u00e4ndig, alles vergeht &#8211; und das ist Leiden!<\/p>\n<p><strong>Na und?<\/strong> Ist es das denn nicht wert? Muss es denn immer gleich die totale Erl\u00f6sung sein? Reichen die sporadisch erlebbaren Freuden nicht f\u00fcr ein gutes Leben? In meinem jugendlich-trotzigen \u00dcberschwang erschien mir Buddha als verz\u00e4rteltes Weichei, das die Freuden des Lebens verwarf, weil ihm der Preis daf\u00fcr zu hoch war. Ja, ja, es gibt das Leiden, ja sicher, keine Lust hat Ewigkeit &#8211; muss mich das aber abhalten, an den sch\u00f6nen Dingen meine Freude zu haben? Der Rausch einer neuen Liebe, das Erfolgsgef\u00fchl, wenn ein Vorhaben, an dem man engagiert gearbeitet hat, dann auch klappt, die Vielfalt der sinnlichen Gen\u00fcsse &#8211; ist das alles NICHTS, blo\u00df weil es nicht best\u00e4ndig ist? Soll ich allein deshalb &#8222;die Welt verwerfen&#8220; und wom\u00f6glich nichts mehr tun au\u00dfer sitzen und meditieren?? Bewahre! Buddhisten mochten ein Problem mit der Verg\u00e4nglichkeit  haben, meins war es nicht.<\/p>\n<p>Das Leben, das ich f\u00fchrte, als ich noch so dachte, bot verglichen mit dem jetzigen recht viel Leiden. Ich war sehr ehrgeizig, hatte hohe Anspr\u00fcche an die Welt, meine Mitmenschen und mich selbst, was immer wieder zu heftigen Entt\u00e4uschungen f\u00fchrte und mich das Leben als Kampf wahrnehmen lie\u00df. Buddhas Lehre erschien in diesem fortgesetzten K\u00e4mpfen als mutwillige Zersetzung der Wehrkraft &#8211; indiskutabel!<\/p>\n<p>Mittlerweile sind  17 Jahre vergangen, seitdem ich aus diesem k\u00e4mpferischen Leben ausgestiegen bin, bzw. heraus katapultiert wurde. Viele Formen des Leidens sind seit meiner &#8222;2.Geburt&#8220; im Erreichen des <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/06\/13\/koenig-alkohol-teil-2\/\">pers\u00f6nlichen Tiefpunkts<\/a> verschwunden, speziell all diejenigen, die aus allzu ehrgeizigen Anspruchshaltungen kommen, aus dem unbewussten Streben, jemand ganz Besonderes zu sein, und vor allem aus der nur mit gr\u00f6\u00dfter M\u00fche und forcierter Blindheit aufrecht zu erhaltenden Illusion, selber rundum GUT und frei von dunklen Seiten zu sein. Der aufs \u00e4u\u00dferste gespannte Widerspruch zwischen Sein und Sollen entfiel ganz pl\u00f6tzlich zugunsten eines recht entspannten Daseins. Auf einmal musste ich die Welt nicht mehr zwingen, meinen Anspr\u00fcchen zu gen\u00fcgen, Hass, Verachtung und Selbstverachtung verschwanden aus meinem Leben. Es gab keinen Grund mehr zu k\u00e4mpfen, und s\u00e4mtliche Chancen, die ich seitdem ergriff, um zu leben und zu arbeiten, kamen geradezu anstrengungslos &#8222;wie von selbst&#8220;.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es immer noch Leiden, bzw. all das, was ich fr\u00fcher so erlebte, doch betrifft es mich nicht mehr so pers\u00f6nlich wie damals, was ihm 90% seines Stachels nimmt. Mein Leben, Lieben, Wohnen, Arbeiten ist genau so, wie es f\u00fcr mich passt. Selbst wenn ich mich anstrenge und den Geist auf die Suche nach &#8222;mehr&#8220; schicke, findet er nichts, woran ich eine neue &#8222;gro\u00dfe Sehnsucht&#8220; kn\u00fcpfen k\u00f6nnte &#8211; lange schon nicht.<\/p>\n<p>Und genau da setzt ein neues Verstehen ein. Ich kann nicht mehr dar\u00fcber hinweg sehen, dass es auch inmitten eines vergleichsweise friedlichen Lebens ohne st\u00e4ndig fordernde Konfliktfronten keine best\u00e4ndige Erf\u00fcllung gibt.  Zum Beispiel die stillen Tage zwischen den Jahren: alles ist gut, ich &#8222;habe frei&#8220;, muss nichts Bestimmtes tun, nichts zieht, nichts bedr\u00fcckt. Also verlasse ich meinen Platz vor dem Monitor, lege mich hin und beobachte das angenehme Str\u00f6men im K\u00f6rper, der es genie\u00dft, nicht mehr sitzen zu m\u00fcssen. Wohlig entspannt d\u00f6se ich vor mich hin und ich f\u00fchle mich &#8222;angekommen&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht geht das so zehn Minuten oder eine halbe Stunde, wenn ich dann aber nicht einnicke, sp\u00fcre ich auf einmal eine Unruhe. Eigentlich fehlt nichts, und doch ist es nicht mehr &#8222;genug&#8220;. Ich bemerke, wie die Gedanken wandern und M\u00f6glichkeiten vorstellen: Vielleicht ein Spaziergang? Was ist da eigentlich noch im K\u00fchlschrank?? Oder wie w\u00e4re es mit einem hei\u00dfen Bad? Ich entscheide mich f\u00fcr Letzteres, lasse die Wanne voll laufen, entkleide mich,  freue mich auf die heftige physische Erfahrung und liege kurz darauf im hei\u00dfen Wasser, umgeben von angenehm duftendem Schaum &#8211; welch ein Genuss!  Wieder f\u00fchle ich mich &#8222;angekommen&#8220;. F\u00fcnf Minuten liege ich so, denke an nichts, vielleicht verl\u00e4ngere ich die Zeit, indem ich ein wenig lese, doch schon bald hat auch der Event &#8222;Badewanne&#8220; seine Strahlkraft verloren. Das ist auch nicht die wahre &#8222;Heimat&#8220;, mein Herz schl\u00e4gt ein wenig schneller und ich denke zur\u00fcck an die Situation auf dem Bett, die mir nun vergleichsweise ruhiger erscheint &#8211; und so angenehm trocken!<\/p>\n<p>So drifte ich von einer &#8222;wohligen Situation&#8220; in die n\u00e4chste und bemerke immer mehr, dass es das alles nicht bringt. Ja WAS w\u00fcrde es denn bringen? Die immer wieder neu erwachende Getriebenheit hat darauf keine Antwort, sondern nur Vorschl\u00e4ge f\u00fcr den n\u00e4chsten Versuch, die Unruhe zu befrieden. Und ich wei\u00df schon im voraus: auch DAS wird nicht nachhaltig sein! Dass ich bei all diesen Suchbewegungen ohne echte Notwendigkeit st\u00e4ndig Ressourcen verschleudere, Strom verbrauche, Essen vertilge, Geld vernichte, ist nur ein Nebenaspekt, der mir bisher gar nicht zu Bewusstsein kam. W\u00fcrde das alles wirklich &#8222;helfen&#8220;, w\u00e4re es ok: ich habe nichts dagegen, wir was zu g\u00f6nnen. Aber so?<\/p>\n<p>Beobachtungen dieser Art tauchen immer \u00f6fter auf. Und pl\u00f6tzlich ist da die Sehnsucht nach dem Ausstieg aus diesem Kreislauf der Getriebenheit, ein Gef\u00fchl des \u00dcberdrusses, ohne dass ich w\u00fcsste, wohin es gehen k\u00f6nnte. In die Bewusstlosigkeit versinken erscheint auf einmal als einzige &#8222;L\u00f6sung&#8220;, um dem sehr subtil gewordenen Stress des Daseins zu entkommen. Schlaf, letztlich Nicht-Sein, Tod &#8211; kann man sich denn wirklich DANACH sehnen?<br \/>\n<em><br \/>\n&#8222;Das ist, ihr M\u00f6nche, die edle Wahrheit von der Entstehung des Leidens: Es ist dieser Durst, der immer wieder von Dasein zu Dasein f\u00fchrende: Der Sinnlichkeitsdurst, der Durst nach Gestaltung, der Durst nach Vernichtung.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>In der oft erz\u00e4hlten Geschichte des Siddhartha Gautama, der sp\u00e4ter als Buddha lehrte, hei\u00dft es, dass er im Palast seines Vaters lebte, wo ihm alles, was zum Wohlleben geh\u00f6rte, zur Verf\u00fcgung stand und den er kaum jemals verlie\u00df. Als er dann eines Tages doch Ausfl\u00fcge in die Umgebung unternahm, bekam er zum ersten Mal Alter, Krankheit und Tod zu Gesicht und beschloss, sein bequemes Leben aufzugeben und einen Weg aus dem Leiden zu suchen.<\/p>\n<p>Es wird immer so erz\u00e4hlt, als w\u00e4re er haupts\u00e4chlich durch das pl\u00f6tzlich erblickte Leid der Menschen in Bewegung versetzt worden. Aber w\u00e4re er ohne das vorherige &#8222;Wohlleben&#8220; im Stande gewesen, nach etwas anderem zu suchen als nach \u00e4u\u00dferen Weltverbesserungen? Ist es nicht viel mehr die auf sein Vergn\u00fcgen ausgerichtete h\u00f6fische  &#8222;Spa\u00dfgesellschaft&#8220; gewesen, die ihn bereits zuvor hat erleben lassen, dass es keine Ruhe und keine letzte Befriedigung in all diesem sinnlichen Vergn\u00fcgen gibt? Mir scheint, es ist diese Erfahrung, diese Wurzel seines Strebens, die den Buddha f\u00fcr die heutigen \u00dcberflussgesellschaften so bedeutend macht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>War der Buddha ein Weichei? Von allen spirituellen Lehren, mit denen ich mich je im Leben befasst habe, sind die Lehren des Buddha diejenigen, zu denen ich alle paar Jahre einen neuen Zugang finde. Auf einmal verstehe ich etwas, das ich fr\u00fcher gar nicht oder ganz anders verstanden hatte. 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