{"id":1156,"date":"2013-08-26T10:54:18","date_gmt":"2013-08-26T09:54:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1156"},"modified":"2013-08-28T11:20:43","modified_gmt":"2013-08-28T10:20:43","slug":"nachtlicher-seelenstriptease-auf-twitter-50thingsaboutme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/08\/26\/nachtlicher-seelenstriptease-auf-twitter-50thingsaboutme\/","title":{"rendered":"N\u00e4chtlicher Seelenstriptease auf Twitter: #50ThingsAboutMe"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich erst hatte mich der Artikel <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/leben-mit-facebook-der-digitale-dorian-gray-12541333.html\">&#8222;Der digitale Dorian Gray&#8220;<\/a> beeindruckt, in dem Morton Freidel freim\u00fctig von seinem &#8222;Leben mit Facebook&#8220; berichtet. Er beschreibt, wie sich FB f\u00fcr ihn vom pers\u00f6nlichen Kontaktnetz zum Bewerbungs- und dann zum Werbungsnetz verwandelte, wie er in einem weitern Stadium immer mehr biografische Hinweise l\u00f6schte, anonymer wurde &#8211; wohl wissend, dass die einmal angegebenen Daten vermutlich doch irgendwo &#8222;f\u00fcr immer&#8220; gespeichert bleiben. Taktisches &#8222;liken&#8220;, berechnendes Posten, all sein Tun ist auf Wirkung bedacht und so entsteht nach und nach seine virtuelle Pers\u00f6nlichkeit, viel sch\u00f6ner als sein wahres Ich:<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Mein digitales Ich ist l\u00e4ngst zu einem besseren Ich geworden. Es hat sich von seinem Urheber emanzipiert. Nicht wie ein Monster, das aus dem Labor ausbricht, die eigene Unvollkommenheit erkennt und seinen Sch\u00f6pfer Frankenstein zu bestrafen sucht. Sondern wie ein digitaler Dorian Gray, der sein analoges Alter Ego in die bunte, champagnergetr\u00e4nkte Welt des Erfolges entf\u00fchrt. Daf\u00fcr brauche ich nichts weiter zu tun, als Informationen herauszulassen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Klar, das ist der Mega-Trend: In unserer Online-Pr\u00e4senz neigen wir dazu, die Ecken und Kanten wegzulassen, das Unvollkommene und Fehlerhafte zu verbergen, die Misserfolge zu verschweigen &#8211; und wenn nicht, dann wird all das doch meist in einer Weise berichtet, als h\u00e4tte man es im Griff bzw. st\u00fcnde irgendwie dr\u00fcber. <\/p>\n<h2>Hallo Welt, schau auf meine Leiden, mein Versagen, meine \u00c4ngste!<\/h2>\n<p>Dass es auch das ganze Gegenteil gibt, merkte ich heute Nacht auf Twitter. Eigentlich wollte ich nur schauen, was die Leute zu #Jauch sagen und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/HumanVoice\/status\/371757398483955713\">mein eigenes Statement<\/a> abgeben. Dabei stie\u00df ich auf ein <a href=\"https:\/\/twitter.com\/trendinaliaDE\/status\/371651278448771072\">anderes &#8222;Trending Topic&#8220;<\/a>, zu dem gerade viele Leute Tweets absetzten: #50ThingsAboutMe.<\/p>\n<p>Wer macht denn sowas? 50 Details &#8222;\u00fcber mich&#8220; einfach so, ohne jeden Kontext in die weite Welt posten? Weil grade mal jemand dieses Hashtag auf den Weg geschickt hat?  Ich staunte! Und staunte noch mehr angesichts der Tweets, die dann unter diesem Label gepostet wurden. Hier eine kleine Auswahl:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich bin so langweilig, dass mir nach 3 Dingen \u00fcber mich schon nix mehr einf\u00e4llt.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich rede nicht viel, weil man meine Gedanken meistens einfach nicht in Worte fassen kann.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich habe schreckliche Angst vor dem Tod&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Obwohl wir in der selben Kleinstadt leben, hab ich meinen Vater seit 3 Jahren nicht gesehen&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>\n&#8222;Ich liebe es zu kochen und zu backen, kann es aber irgendwie nicht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich liebe Taschen, Schuhe und Klamotten mehr als die meisten Menschen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich habe mal \u00fcberlegt mich umzubringen. Hatte aber zu viel Angst und wollte meiner Familie das nicht antun.&#8220;\n<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich habe bei allem was ich mache total Angst mich zu blamieren.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich gehe jeden- bis alle 2 Tage joggen und hasse es einfach nur.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich \u00fcberspiele meine Selbstzweifel mit \u00fcbertriebenem Selbstbewusstsein &#038; werde deshalb \u00f6fters f\u00fcr eingebildet gehalten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich tr\u00e4ume immer wieder, dass meine Familie stirbt und ich alleine zur\u00fcck bleibe.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>&#8222;Ich liebe es meinen Nacken und meine Finger zu knacksen vor Leuten, die das ekelt&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Immerhin schreibt auch jemand:<\/p>\n<blockquote><p><strong>&#8222;#50ThingsAboutMe gehen euch nix an.&#8220;<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p>Heut&#8216; vormittag wirkt der &#8222;Schreibimpuls&#8220; (jetzt auf Platz 2 vor #Jauch) weniger verst\u00f6rend. Englischsprachige Tweets dominieren (neben spanischen, russischen, italienischen, franz\u00f6sischen&#8230;). Es wird gescherzt, viel Banales gepostet, selten mal ein Spruch wie <em>&#8222;I don&#8217;t know what to do in my life&#8220;.<\/em> Heute Nacht kam ich mir dagegen fast vor wie im Aufenthaltsraum einer offenen Psychatrie, f\u00fchlte mich dabei als Voyeurin, die fasziniert\/erschrocken Intimes von Unbekannten mitliest. Die das verr\u00fcckterweise so wollen, sonst w\u00fcrden sie das Hashtag nicht benutzen. <\/p>\n<p>Was w\u00fcnschen sich diese, meist recht jungen Menschen?<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich k\u00f6nnte jedes Mal einen Freudentanz auff\u00fchren, wenn ihr meine Tweets favt oder retweetet \u2665 #50thingsaboutme&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Mir f\u00e4llt dazu nichts mehr ein.<br \/>\nTrotzdem h\u00e4ngt es mir nach. Soviel Leiden, einfach in alle Welt hinaus getwittert&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich erst hatte mich der Artikel &#8222;Der digitale Dorian Gray&#8220; beeindruckt, in dem Morton Freidel freim\u00fctig von seinem &#8222;Leben mit Facebook&#8220; berichtet. 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