{"id":1155,"date":"2004-07-16T10:31:01","date_gmt":"2004-07-16T09:31:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1155"},"modified":"2013-08-25T10:31:23","modified_gmt":"2013-08-25T09:31:23","slug":"zartliche-entsagung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/07\/16\/zartliche-entsagung\/","title":{"rendered":"Z\u00e4rtliche Entsagung"},"content":{"rendered":"<p>Vor \u00fcber 15 Jahren lernte ich meinen &#8222;liebsten Freund&#8220; kennen. Diesen Titel hab ich schon bald f\u00fcr ihn erfunden, weil er &#8211; genau wie unsere Beziehung &#8211; in keine Schublade passte.<br \/>\nWir waren (und sind) kein Paar, aber auch nicht nur Freunde, vielleicht so etwas wie &#8222;Wahlverwandte&#8220;, aber das passt auch nicht so recht. Klingt viel zu leidenschaftslos,<br \/>\nzu cool.<\/p>\n<p>Leidenschaft? Das \u00fcbliche &#8222;Entbrennen zwischen Mann und Frau&#8220; war es nicht &#8211; davon hatte ich gerade genug, als ich mich eines Abends neben ihn setzte. Hochwichtige konfliktreiche Beziehungen lagen hinter mir, eine nach der anderen, seit den Teeny-Jahren. Liebe als Kampf um das Sagen, endlose Streitigkeiten, euphorische und deprimierte Phasen, Liebe, die in Hass umschl\u00e4gt, innere Leere und Verzweiflung, immer wieder Hoffnung und Entt\u00e4uschung, selten eine &#8222;Hoch-Zeit&#8220; &#8211; halt all das Sch\u00f6ne und Schreckliche, das den gew\u00f6hnlichen Geschlechterkrieg ausmacht,  zumindest in der ersten Lebensh\u00e4lfte.<\/p>\n<p>Dann sa\u00df ich neben ihm, Abend f\u00fcr Abend. Wir plauderten, philosophierten \u00fcber Gott und die Welt &#8211; ich bewunderte ihn, aber ich verstand ihn nicht. Und gerade das faszinierte mich. Er war mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Ein Mensch, der nichts will und nichts vorhat &#8211; gibt es das? Sollte ich das glauben? Dass er von mir nichts wollte, war sp\u00fcrbar, und doch hatte ich den Eindruck, dass er zumindest unsere Gespr\u00e4che mochte. Sonst sa\u00df er immer alleine an einem kleinen Tisch, ein Glas Wein vor sich, und schaute so vom &#8222;Rand des Geschehens&#8220; auf all das Getriebe, das in einer<br \/>\nBerliner Kiez-Kneipe die Menschen umtreibt. Unber\u00fchrt, ohne Verlangen, ganz zufrieden mit dieser Art Rand-Existenz.<\/p>\n<p>Seine Eltern waren fr\u00fch gestoben und das Erbe versetzte ihn in die Lage, den Verstrickungen aus dem Weg zu gehen, die ein Arbeitsleben mit sich bringt. Er lebte von seinem Bankkonto, kaufte gern mal den Rosenverk\u00e4ufern den ganzen Strau\u00df ab, spendete Geld, wenn jemand ihn darauf ansprach, aber ansonsten war es ihm egal. Er machte sich auch nie Gedanken, wie er es erhalten oder gar mehren k\u00f6nnte &#8211; ich konnte nur den Kopf sch\u00fctteln \u00fcber soviel weltfremde<br \/>\nNaivit\u00e4t und Sorglosigkeit. Meine gr\u00f6\u00dfte Sorge war, er k\u00f6nnte denken, ich sei hinter seinem Geld her &#8211; dabei liebte ich ihn doch nur.<\/p>\n<p>Er war mir wie eine k\u00fchle Quelle nach einem langen anstrengenden Marsch durch gl\u00fchende W\u00fcsten und Steppen. Bei ihm konnte ich &#8222;einfach da sein&#8220;, ohne bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen, von ihm be- oder verurteilt zu werden. Er verlangte nichts, begehrte nichts, allenfalls musste ich aufpassen, ihn nicht durch allzu vieles Reden, durch heftige Emotionen und mein gesamtes damaliges Engagement in 10.000 Dingen und zig Projekten zuzutexten. Ich lernte, auf mein Gegen\u00fcber zu achten, lernte zuh\u00f6ren und auch mal zu schweigen. Zusammensitzen und den Rest der Welt beobachten &#8211; nie h\u00e4tte ich gedacht, dass das so angenehm sein k\u00f6nnte!<\/p>\n<p>Ich versuchte mit aller Kraft, das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen. Ich forschte, fragte ihn aus, scannte sozusagen sein gesamtes Leben, Denken und F\u00fchlen, immer auf der Suche nach etwas, das er vielleicht doch ersehnte, wenn auch ganz im Geheimen.  Aber da war nichts, allenfalls eine leise Melancholie, die ihn umgab wie ein ganz besonderer Blumenduft. Bet\u00f6rend &#8211; aber weit weg von der Art Leidenschaft, Liebe und Sex, wie ich sie kennen gelernt hatte. All das war viel zu grob f\u00fcr ihn, zu drastisch, zu handfest und folgenreich. &#8222;Wenn man dr\u00fcber reden muss, ist es eh schon zu sp\u00e4t&#8220; &#8211; solche und \u00e4hnliche S\u00e4tze sagte er oft. Mich trafen sie wie ein eisiger Hauch, denn ich glaubte noch an das Machbare, an den Sinn des Sich-Anstrengens und daran, dass es immer eine L\u00f6sung gibt, die allen Seiten gerecht wird. Er dagegen verzichtete von vorneherein, erwartete von s\u00e4mtlichen &#8222;Realisierungen&#8220; nichts Gutes, jede Verwirklichung m\u00f6glicher W\u00fcnsche war ihm nur Weg in die Entzauberung, lieber blieb er am Rand und schaute zu. Ein Blickwechsel unter Fremden &#8211; davon konnte er richtig schw\u00e4rmen. In der Fremdheit l\u00e4ge die gr\u00f6\u00dfte Wahrheit, sagte er, und alles, was danach komme, alles Bem\u00fchen, das Fremde zum Bekannten zu machen, f\u00fchre in Verstrickung und Leid.<\/p>\n<p>Er hat mich ver\u00e4ndert, ohne jedes Wollen mehr beeinflusst als irgendjemand bis dahin. Was er sagte und wie er lebte erschreckte mich, zog mir den gewohnten Boden unter den F\u00fc\u00dfen weg. Und doch klebte ich an ihm wie eine Klette, hatte ja so sehr die Nase voll von meinem gesamten Wollen und Machen, meinen Engagements, meinen vielen K\u00e4mpfchen um dies und das, von all diesen kr\u00e4ftezehrenden, Herz-verletzenden, gierigen und r\u00fccksichtlosen Zwischenmenschlichkeiten, die als &#8222;normal&#8220; gelten.  Er war mein Licht in der Finsternis, in der ich mich verirrt hatte, doch es war ein &#8222;schwarzes Licht&#8220;: die W\u00e4rme musste ich mir oft dazu denken; was es erhellte, war kein Weg, sondern die Leere. <\/p>\n<p>Mein liebster Freund &#8211; durch ihn hab&#8216; ich verstanden, was Z\u00e4rtlichkeit ist. Eine unendlich sanfte Ber\u00fchrung, die nichts will. Nicht formen, nicht besitzen, nichts erreichen, nichts vermeiden, nichts kritisieren, nichts \u00e4ndern. Ein seltenes Geschenk.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor \u00fcber 15 Jahren lernte ich meinen &#8222;liebsten Freund&#8220; kennen. Diesen Titel hab ich schon bald f\u00fcr ihn erfunden, weil er &#8211; genau wie unsere Beziehung &#8211; in keine Schublade passte. Wir waren (und sind) kein Paar, aber auch nicht nur Freunde, vielleicht so etwas wie &#8222;Wahlverwandte&#8220;, aber das passt auch nicht so recht. Klingt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,3],"tags":[27,328,329],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1155"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1155"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1155\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}