{"id":1154,"date":"2004-07-09T10:25:50","date_gmt":"2004-07-09T09:25:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1154"},"modified":"2013-08-25T10:28:56","modified_gmt":"2013-08-25T09:28:56","slug":"einsturzende-altbauten-meine-liebe-zum-mann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/07\/09\/einsturzende-altbauten-meine-liebe-zum-mann\/","title":{"rendered":"Einst\u00fcrzende Altbauten: meine Liebe zum Mann"},"content":{"rendered":"<p>Vor etwa sieben Jahren traf ich einen Mann im &#8222;richtigen Leben&#8220;, der mir \u00fcber das gemeinsame Thema &#8222;Netzliteratur&#8220; per E-Mail zum Freund geworden war. Zwanglos hatte sich ein Besuch ergeben, er bekochte mich ganz wunderbar, wir plauderten, tranken Wein und gingen auch eine Runde spazieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mit ihm so durch die Stadt wanderte, fiel mir auf, dass er stets darauf achtete, links von mir zu gehen. Das ergab sich nicht &#8222;von selber&#8220;, denn &#8211; das bemerkte ich jetzt erst &#8211; ich neigte ganz automatisch dazu, selbst  links von ihm gehen zu wollen.  Bei jeder Kreuzung, an der wir anhielten, vor jedem Schaufenster, in das wir hinein sahen, beim \u00dcberqueren einer Stra\u00dfe &#8211; \u00fcberall, wo ein Seitenwechsel beil\u00e4ufig m\u00f6glich war, fand ich mich schnell wieder zu seiner Linken. Was er dann jeweils bei n\u00e4chster Gelegenheit wieder korrigierte.<\/p>\n<p>Ich wunderte mich und fragte ihn, warum er denn immer links von mir gehen wolle. Es war die reine H\u00f6flichkeit, wie sich herausstellte, eine alte Benimm-Regel, f\u00fcr ihn ebenso selbstverst\u00e4ndlich wie das Aufhalten der T\u00fcr f\u00fcr die Frau an seiner Seite.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich tat ich ihm den Gefallen, lief rechts von ihm, bemerkte aber zu meinem Erstaunen, dass ich mich dabei nicht so recht wohl f\u00fchlte. Dieses Empfinden war so subtil, dass es normalerweise gar nicht ins Bewusstsein tritt. Ich f\u00fchlte mich unsicher, irgendwie eingeschr\u00e4nkt, unruhig, und zwar ganz unabh\u00e4ngig davon, auf welcher Seite des Gehsteigs ich &#8222;rechts von ihm&#8220; zu laufen hatte. (Die Benimm-Regel, in der das Ganze nach seinem Wissen wurzelte, erlaubt n\u00e4mlich Variationen: der Mann geht immer auf der &#8222;Gefahrenseite&#8220;, dann ist auch mal &#8222;rechts von der Frau&#8220; in Ordnung.)<\/p>\n<p>Solche Dinge h\u00e4tten mich nur wenige Jahre zuvor allenfalls belustigt, noch fr\u00fcher h\u00e4tte ich mich dar\u00fcber aufgeregt: wie kommt bitte irgend jemand dazu, mir als Frau vorschreiben zu wollen, wo und wie ich durch die Stra\u00dfen zu laufen habe, blo\u00df weil ein Mann an meiner<br \/>\nSeite geht? Die Idee, ich k\u00f6nne mich nicht selber &#8222;vor Gefahren sch\u00fctzen&#8220;, nicht mal im Stra\u00dfenverkehr, den ich seit meiner Kindheit ohne Probleme selbst\u00e4ndig meistere, kann frau ja wohl nur als patriarchalisch motivierte Anma\u00dfung begreifen!<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise hatte ich sowohl die reflexhafte Ablehnung tradierter H\u00f6flichkeitsformen (70ger Jahre!) als auch die grobschl\u00e4chtige Feministinnen-Brille schon einige Zeit hinter mir gelassen. Mein Freund hatte mich auf etwas aufmerksam gemacht, das mit einem mir unerkl\u00e4rlichen inneren Empfinden korrespondierte und mit solch schlichten Erkl\u00e4rungen nicht abzuhaken war. <\/p>\n<p>Ich schaute also genauer hin, beobachtete mich, wann immer ich mit einem Mann durch die Stra\u00dfen lief, sp\u00fcrte den Gef\u00fchlen nach, und bemerkte nun auch, dass der Mann, mit dem ich zusammenlebte, seinerseits &#8222;automatisch&#8220; auf meine rechte Seite strebte und es gar nicht mochte, wenn ich das mal \u00e4nderte. <\/p>\n<p>Wie eigenartig! Die Verhaltensweisen, die ich da entdeckt hatte, verlaufen \u00fcblicherweise g\u00e4nzlich unbewusst. Niemand denkt dar\u00fcber nach,  es geschieht einfach, und wenn man fragt, wei\u00df der Andere meist selber nicht, warum er die eine oder andere Seite bevorzugt.<\/p>\n<p>Eine Zeit lang beobachtete ich das weiter, wechselte auch mal bewusst die Seite, probierte aus, ob es bei verschiedenen M\u00e4nnern anders war oder immer gleich. Aber egal, wo und mit wem, ich klebte &#8222;links von ihm&#8220; und f\u00fchlte mich rechts unwohl. Die erste Beobachtung best\u00e4tigte sich in jedem Fall.<\/p>\n<h2>St\u00e4rke zeigen<\/h2>\n<p>Was be-deutet  mir das? Nat\u00fcrlich dachte ich dar\u00fcber nach und bildete mir eine Meinung: Ich bin Rechtsh\u00e4nderin, die Rechte ist meine &#8222;starke Seite&#8220;. W\u00fcrde ich mich verteidigen m\u00fcssen, w\u00fcrde ich den rechten Arm sch\u00fctzend vor mich halten, m\u00fcsste ich gar zuschlagen, k\u00e4me das erst recht nur &#8222;mit Rechts&#8220; in Betracht. Die &#8222;Gefahr&#8220;, der ich mich unbewusst &#8222;stelle&#8220;, so folgerte ich, geht nicht vom Stra\u00dfenverkehr oder drau\u00dfen vom Walde aus, sondern vom Mann an meiner Seite. Wobei das Wort &#8222;Gefahr&#8220; hier aber NICHT haupts\u00e4chlich die Gefahr eines Angriffs meint, sondern alles einschlie\u00dft, was man als &#8222;Gef\u00e4hrdung meiner inneren Ruhe&#8220; verstehen kann, zum Beispiel auch &#8222;die Gefahr, ihm nicht zu gefallen&#8220;.<\/p>\n<p>Der Mann, mit dem ich plaudernd oder schweigend durch die Stra\u00dfen laufe, ist in diesem Moment das Wichtigste f\u00fcr mich, wichtiger als die Eindr\u00fccke aus der Umgebung und wichtiger als mein eigener innerer Monolog.  Also f\u00fchle ich mich am Besten, wenn ich meine gr\u00f6\u00dfte St\u00e4rke, meine maximale Kompetenz IHM zuwende &#8211; das gilt selbst dann, wenn er auf diese oder jene Weise &#8222;schw\u00e4cher&#8220; ist als ich, z.B. weniger &#8222;weltm\u00e4chtig&#8220;. Die &#8222;Gefahr&#8220;, der ich mich mit der rechten Seite zuwende, ist in diesem Fall nicht die eigene innere Unsicherheit, sondern die &#8222;Sorge&#8220; um sein Wohlergehen, manchmal auch eine Mischung aus beidem. <\/p>\n<p>Diese kleine Beobachtung besch\u00e4ftigte mich eine Zeit lang, dann achtete ich nicht weiter darauf. Ich hatte ja nicht vor, durch \u00e4u\u00dferes Anders-Verhalten irgend etwas zu \u00e4ndern, das offensichtlich von innen kommt. Warum h\u00e4tte ich auch etwas \u00e4ndern sollen? Ich zeigte IHM (= jedem Mann&#8230;) meine St\u00e4rke und das war doch gut so!<\/p>\n<h2>Rechts von IHM<\/h2>\n<p>Dass sich im Lauf der folgenden Jahre mein Mit-einem-Mann-Sein drastisch ver\u00e4nderte, bemerkte ich wiederum erst hinterher. Als ich n\u00e4mlich neben dem geliebten, begehrten und bewunderten &#8222;Mann meiner Tr\u00e4ume&#8220; durch die Stra\u00dfen lief: rechts von ihm! Nicht zuf\u00e4llig, sondern weil ich mich dabei wohler f\u00fchlte. &#8222;Links gehen&#8220; f\u00fchlte sich auf einmal gar nicht mehr gut an. Ich hatte nur Augen f\u00fcr ihn, er war im Zentrum meiner Aufmerksamkeit &#8211; und doch musste ich ihm deshalb nicht meine aktionsbereite Rechte zuwenden! <\/p>\n<p>Da mir erst mal JEDER Mann, dem ich je intensiv nahe komme, als &#8222;Mann meiner Tr\u00e4ume&#8220; begegnet, konnte diese Ver\u00e4nderung nicht etwas sein, das speziell von diesem Geliebten gekommen w\u00e4re. Eher hatte ich IHN daf\u00fcr erw\u00e4hlt, es mit ihm zu erleben. <\/p>\n<p>Was? Eine vollst\u00e4ndige \u00d6ffnung und Hingabe, das Zusammenfallenlassen s\u00e4mtlicher Mauern, die gegen &#8222;den Anderen&#8220;, speziell gegen &#8222;den Mann&#8220; in meiner Seele standen. Einige Teile dieser inneren Festung waren immer schon da gewesen, andere hatte ich aufgrund schlechter Erfahrungen selbst erbaut. Ein paar \u00e4u\u00dferst standfeste Abwehranlagen verdankte ich auch der Auseinandersetzung mit Str\u00f6mungen meiner Zeit, vor allem dem Feminismus. Alles in allem war es eine ordentliche und starke Burg, die mich erfolgreich gegen Verletzungen und allerlei Missbrauch sch\u00fctzte und mir dadurch den n\u00f6tigen Freiraum gab, aus mir heraus zu leben: zu tun und zu denken, was ICH f\u00fcr richtig hielt, auch wenn ich dem Wort geliebter M\u00e4nner immer schon gr\u00f6\u00dfte Bedeutung beima\u00df.<\/p>\n<p>Mauern, die nicht mehr ben\u00f6tigt und deshalb nicht mehr ausgebessert werden, beginnen zu br\u00f6ckeln. Auf einmal stehen da nur noch Ruinen herum, deren \u00dcberreste der freien Bewegung im Wege sind, fertig zum Abr\u00e4umen. Wie wunderbar, wenn dann auf einmal ein Fr\u00fchlingssturm kommt und alles zu Sand zerfallen l\u00e4sst!<\/p>\n<p>Jetzt erst war ich wirklich frei:  nicht mehr bestimmt von den Lasten der Vergangenheit und vom Manipulieren-Wollen der Zukunft, frei von Ideologien und dem, was &#8222;man so tut&#8220;, ganz allein mit mir selbst und meinem geliebten Gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Seither kann ich das leben, was ich immer schon suchte, ohne es zu erkennen: Mich der Liebe hingeben, dem Verlangen nach Verschmelzung und Vereinigung folgen, indem ich &#8222;mich&#8220; beiseite lasse; das n\u00f6rgelnde, Bedenken-tragende, abrenzungsgeile und kontroll-s\u00fcchtige &#8222;Ich&#8220;, das mich vom Anderen (von ALLEM!) trennt, zumindest in der Zweisamkeit mit dem Geliebten in den verdienten Urlaub entlassen &#8211; wie wunderbar! SEIN Wohlbefinden ist mir oberster Wert (weil mir MEINS kein Problem mehr ist), und auf einmal ist es ein freudiges Abenteuer, seiner Lust zu dienen. Der Krieg der Geschlechter ist f\u00fcr mich zu Ende, ich erkl\u00e4re dem Mann den Frieden und erhalte ohne konkretes Wollen weit mehr zur\u00fcck, als ich je als erfolgreiche K\u00e4mpferin bei einem Mann erreichen konnte.<\/p>\n<p>Heute gehe ich &#8222;rechts vom Mann&#8220;, und zwar nicht nur rechts vom &#8222;einen Geliebten&#8220;. Denn es w\u00e4re ein Irrtum, zu meinen, dass ER, der jeweils Meistgeliebte, derjenige sei, der hier als M\u00e4rchenprinz ein Dornr\u00f6schen wachgek\u00fcsst h\u00e4tte und nun weiter wach halten m\u00fcsste. Mein inneres Sein h\u00e4ngt nicht von ihm ab. In Wahrheit gebe ich mich ja nicht IHM hin, jedenfalls nicht der vordergr\u00fcndigen Pers\u00f6nlichkeit, die er im Leben ist; sondern ich benutze ihn nur als &#8222;Stellvertreter des G\u00f6ttlichen&#8220;, mit dessen Hilfe ich mich vergessen und ekstatisch im Alles-Was-Ist aufl\u00f6sen kann. Damit werden ALLE M\u00e4nner zu solch potenziellen &#8222;Stellvertretern&#8220; &#8211; ich begegne ihnen mit selbstverst\u00e4ndlicher Liebe und Ehrerbietung, selbst wenn sich zwischen unseren Pers\u00f6nlichkeiten &#8222;nichts Besonderes&#8220; abspielt. (Das bedeutet NICHT, dass ich &#8222;immer lieb&#8220; bin!)<\/p>\n<h2>WER ist der Geliebte?<\/h2>\n<p>Im Blick auf die Vergangenheit und alle fr\u00fcheren Beziehungen erkenne ich heute, dass ich die ganze Zeit im jeweils gew\u00e4hlten Mann das suchte, was ich mir gleichzeitig selbst verbaute: vordergr\u00fcndig wollte ich, dass mir der Mann zu F\u00fc\u00dfen liegt, in Wahrheit suchte ich einen, vor dem ich endlich den Kopf neigen, bei dem ich den Verstand abgeben k\u00f6nnte &#8211; tat aber alles, um genau das unm\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>M\u00e4nner beklagen oft, dass Frauen ihre Partner nach Kriterien von Macht und Status ausw\u00e4hlen. Mir erschien dies lange nur als die Entsprechung zum m\u00e4nnlichen Verlangen nach einer Frau mit Sanduhr-Figur: schmale Taille, gro\u00dfe Br\u00fcste und ein ausladendes Becken signalisieren Fruchtbarkeit &#8211; ein gut gef\u00fclltes Bankkonto und weltliche Macht sind die dem entsprechenden &#8222;Nestbau-Werte&#8220;. (Kein Grund also, sich gegenseitig zu verurteilen!)<\/p>\n<p>Das sehe ich immer noch so, doch hat jedes Verhalten auf mehreren, also auch auf &#8222;h\u00f6heren&#8220; Ebenen Bedeutung. Jenseits rein biologischer Fortpflanzungsbedingungen gibt es immer auch psychische und spirituelle Bed\u00fcrfnisse, die die Wahl des Geliebten mitbestimmen. Um mich im oben erl\u00e4uterten Sinne selbst aufgeben zu k\u00f6nnen, muss ER von vornherein MEHR sein als ich: sicherer, selbstbewusster, souver\u00e4n, mit sich selbst im Reinen in allen Aspekten, die f\u00fcrs erotische Miteinander von Bedeutung sind. Jemand, der sich in seinem Verlangen selbst ein Problem ist, dessen Selbstzweifel und Selbsthass ich sp\u00fcre, dem kann ich mich nicht \u00f6ffnen und hingeben. Allenfalls kann ich da ein bisschen Mutter Theresa spielen, wenn ich ihn mag. Das aber hab&#8216; ich pers\u00f6nlich aufgegeben, es macht keine Freude und hilft IHM auch nicht. Genau wie ich es erlebte, muss auch er, muss jeder Mann sich selbst befreien, ganz alleine. Was nicht hei\u00dft, dass ich w\u00fcsste, was mann dazu tun k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ich hab&#8216; ja auch nichts &#8222;getan&#8220;. Es hat sich einfach ereignet, als ich bereit war, zu allem JA zu sagen, was ich gegen\u00fcber dem begehrten Mann empfinde, in meinen Tr\u00e4umen UND in der Wirklichkeit.  Seither lebe ich in erotischer Hinsicht im Paradies.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor etwa sieben Jahren traf ich einen Mann im &#8222;richtigen Leben&#8220;, der mir \u00fcber das gemeinsame Thema &#8222;Netzliteratur&#8220; per E-Mail zum Freund geworden war. Zwanglos hatte sich ein Besuch ergeben, er bekochte mich ganz wunderbar, wir plauderten, tranken Wein und gingen auch eine Runde spazieren. 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