{"id":1153,"date":"2004-08-25T10:19:39","date_gmt":"2004-08-25T09:19:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1153"},"modified":"2013-08-25T10:24:11","modified_gmt":"2013-08-25T09:24:11","slug":"das-ratsel-der-disziplin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/08\/25\/das-ratsel-der-disziplin\/","title":{"rendered":"Das R\u00e4tsel der Disziplin"},"content":{"rendered":"<p>Seit zehn Jahren bin ich nun schon selbst\u00e4ndig, arbeite in und mit den Netzen und verbringe den Gro\u00dfteil der Tage vor dem Monitor. Arbeitsfelder und Auftr\u00e4ge entstehen entlang an meinen sich ver\u00e4ndernden  Interessen,  niemand sagt mir, was ich falsch oder besonders gut mache und wo es hingehen soll. Zudem  lebe ich allein, muss niemanden versorgen und meine materiellen Bed\u00fcrfnisse sind bescheiden. Meine Wohnung in Berlin Friedrichshain besteht aus einem gro\u00dfen Arbeitszimmer und einem ebenso ger\u00e4umigen Wohn- und Schlafzimmer -zum Arbeiten muss ich das Haus also gar nicht erst verlassen: paradiesisch, so hab&#8216; ich es mir immer gew\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Man sollte meinen, dass alle Probleme, die durch diese Arbeitssituation entstehen k\u00f6nnen, lange bekannt und gel\u00f6st sein m\u00fcssten, aber weit gefehlt! Ja, ich hab&#8216; das Gef\u00fchl,  in mancher Hinsicht bisher nur an der Oberfl\u00e4che gekratzt zu haben und nicht wirklich in die Tiefe der diversen Schwierigkeiten gedrungen zu sein, die mich immer wieder mal heimsuchen.<br \/>\nNach der kreativen Flaute der letzten Wochen scheint es jetzt, als gelinge ein neuer Einstieg ins Arbeiten, der mir neue Blickwinkel er\u00f6ffnet. Zum Beispiel den, dass es bei der Selbst\u00e4ndigkeit nicht das Problem ist, die eigene Chefin zu sein, sondern die eigene Angestellte. F\u00fcr mich eine seltsame Erkenntnis, da mein gesamtes bisheriges Arbeitsleben gerade DAS weitr\u00e4umig zu umschiffen versuchte.<\/p>\n<p>Immer wieder geht&#8217;s um &#8222;Disziplin&#8220; &#8211; ein mir seit den aufm\u00fcpfigen Jugendzeiten eher verhasster Begriff. Nat\u00fcrlich bin ich mittlerweile &#8222;gereift&#8220;, lebe ziemlich ordentlich, kann zum Beispiel Chaos in meiner Wohnung gar nicht mehr tolerieren, Termine halte ich immer schon p\u00fcnktlichst ein, sogar in den Papieren nimmt die Ordnung zu. Nur wenn es darum geht, allein aus mir heraus alte und neue Arbeitsfelder zu strukturieren und diese dann auch tats\u00e4chlich &#8222;abzuarbeiten&#8220;, dann beginnen die Probleme. Es ist so leicht, sich vom &#8222;eigenen Plan&#8220; ablenken zu lassen, da ist ja niemand, der sagt: Hey, du MUSST das aber bis morgen fr\u00fch geschafft haben! Ich muss es mir selber sagen &#8211; und oft glaub ich mir einfach nicht: Wieso &#8222;muss&#8220; ich? Wieso bis morgen???<\/p>\n<p>&#8222;Was h\u00e4ltst du von der Disziplin als solcher?&#8220; fragte mich ein Diary-Leser in \u00e4hnlicher Situation. Dankbar, den Ball mal von jemand anderem zugeworfen zu bekommen, dachte ich ein wenig dr\u00fcber nach:  Disziplin ist ja eine sogenannte &#8222;Sekund\u00e4rtugend&#8220;.  Sie dient Zwecken, kann nicht selbst Zweck sein. Darin liegt auch ein Teil meines Problems:  ich glaube immer, ich m\u00fcsste erst gro\u00dfartig &#8222;das Ziel w\u00e4hlen&#8220;, den Weg und die Stationen bestimmen, und dann&#8230;. dann k\u00f6nne ich auch ausreichend Disziplin aufbringen, um das Anstehende  zu leisten. Das stimmt sogar, nur dass ich das, was ich tue, wenn ein klares Ziel (am besten mit Termin!) in Sicht ist, nicht mehr wirklich &#8222;Disziplin&#8220; nennen kann, sondern eben nur: viel arbeiten&#8230;  Es braucht dann keine Disziplin mehr, weil ich eben &#8222;drin&#8220; bin und jeder Schritt sich aus dem vorherigen ergibt, nach und nach Verbindlichkeiten und Termine auftauchen, die eingehalten werden m\u00fcssen&#8230; kein Problem!<\/p>\n<h2>Muss ich? Will ich? Und was eigentlich?<\/h2>\n<p>Ein klares Ziel ist \u00fcblicherweise ein Auftrag oder ein Schreibkurs. Dar\u00fcber hinaus f\u00e4llt es mir schwer, eigene &#8222;Meta-Ziele&#8220; zu bestimmen, wie etwa: Wieviel will ich im Jahr verdienen? Wie soll sich das auf die Arbeitsbereiche verteilen? Wie soll mein Leben im g\u00fcnstigsten Fall aussehen? Solche \u00dcberlegungen geh\u00f6ren zur Grundausstattung des &#8222;Existenzgr\u00fcnder-Wissens&#8220;, aber erst jetzt, wo ich es mir wirklich f\u00fcr die eigene Situation auszumalen versuche, geht mir die Komplexit\u00e4t der Frage richtig auf.<\/p>\n<p>Da ich allein selbst bestimme, was ich anstrebe, kann ich ja jederzeit umdenken. Mir ist au\u00dferdem bewusst, wie sehr meine LUST an einzelnen Arbeitsbereichen schwanken kann &#8211; warum sollte ich mich da &#8222;disziplinieren&#8220;???  Hab&#8216; ich nicht mein Leben lang dran gearbeitet, mich zu &#8222;befreien&#8220;, mich nicht festnageln zu lassen auf langweilige Routinen des Immergleichen?<\/p>\n<p>Man kann hier gut beobachten, wie eine jahrzehntelang gepflegte &#8222;Eigen-Konditionierung&#8220; bei Erfolg ins Negative umschlagen kann: Irgendwann ist wahrhaftig genug &#8222;befreit&#8220;! Wenn die disziplin- und planungsfeindliche Grundhaltung dann einfach beibehalten wird, wird sie zu einer Beschr\u00e4nkung des eigenen Potenzials.<\/p>\n<p>Im Moment versuche ich, mich aus dem vor der Sommerpause beschriebenen &#8222;kreativen Leerlauf&#8220; heraus zu bewegen, indem ich an drei Punkten ansetze: bei der &#8222;Arbeitsstimmung&#8220;, bei den &#8222;Zielen&#8220;, und beim &#8222;Durchfluss der Werte&#8220;.<\/p>\n<p>Es wird ja immer gern geraten: Stell dir deine Ziele verwirklicht vor, male dir den Idealzustand aus, dann hast du die psychische Energie, die M\u00fchen der Ebene durchzustehen! Dem hab&#8216; ich mich bisher nach nur kurzer Pr\u00fcfung verweigert, weil es meinem Selbstbild und der Art, wie ich es gewohnt war, mit mir selber umzugehen, widerspricht. Schlie\u00dflich bin ich ganz erfolgreich darin, mit dem, was ist, gl\u00fccklich und zufrieden zu sein. Diesen &#8222;Seelenfrieden&#8220; soll ich des schn\u00f6den Mammons wegen wieder aufs Spiel setzen? Bewahre! Schlie\u00dflich hab&#8216; ich kaum materielle W\u00fcnsche, sehne mich nicht nach mehr Konsum &#8211; und das ist doch gut so! Oder doch nicht?<\/p>\n<p>H\u00e4tte ich nicht immer wieder finanzielle Durststrecken, k\u00f6nnte man ja meinen: ok. Lass&#8216; alles, wie es ist, klappt doch gut! Da dem NICHT so ist, stimmt zwangsl\u00e4ufig auch etwas am Selbstbild und an den Umgangsweisen mit den Problemen nicht: Zumindest soviel Einkommen sollte sein, dass ich mich auf meine Wunsch-Arbeiten konzentrieren kann und nicht st\u00e4ndig davon abgelenkt werde. Das ist doch ein durchaus materielles Ziel! Und &#8211; darauf bin ich erst neuerdings gekommen! &#8211; wenn mir nicht genug &#8222;Verbesserungsw\u00fcnsche&#8220; f\u00fcr mich pers\u00f6nlich einfallen, dann ist es vielleicht angesagt, endlich die Bauchnabel-Perspektive zu verlassen und an Andere zu denken. Nicht zuvorderst im Sinne des Spendens f\u00fcr soziale oder andere bed\u00fcrftige Projekte, sondern ganz konkret im Freundeskreis. Ich w\u00fcrde gerne Geld und materielle Gegenst\u00e4nde VERSCHENKEN k\u00f6nnen &#8211; und zwar ohne dass es mir weh tut!  Gerne w\u00fcrde ich auch mal teurere Aktivit\u00e4ten unternehmen, nicht allein, sondern mit Anderen, die sich &#8222;so was&#8220; nicht leisten k\u00f6nnen oder wollen. Und kaum beginne ich, SO zu denken,  fallen mir jede Menge W\u00fcnsche ein!<\/p>\n<h2>Geben &amp; Nehmen<\/h2>\n<p>Im Kleinen hab&#8216; ich schon angefangen, Dinge abzugeben. Gegenst\u00e4nde, die etwas wert sind, die ich selbst aber nicht mehr dringlich ben\u00f6tige. Sie weiter zu geben an Leute, die sie gut brauchen k\u00f6nnen, ist sehr viel gl\u00fcckbringender als das Verkaufen und Restwert einstecken. Ich bin ja selbst im Lauf des letzten Jahres von verschiedenen Menschen reich beschenkt worden &#8211; da will ich auch mal mitmachen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre, wie mich jeder Akt des Abgebens motiviert, meine Arbeits- und Einkommenssituation zu verbessern &#8211; und damit habe ich allen Grund, den &#8222;Nehmern&#8220; dankbar zu sein. Das Nehmen f\u00e4llt n\u00e4mlich vielen genauso schwer, wenn nicht schwerer, als das Geben. Das hab&#8216; ich ja selber erst lernen m\u00fcssen, hab&#8216; es mir Anfang 2003 regelrecht verordnet wie einem kranken Gaul: Jetzt sagst du mal zu allem &#8222;Ja&#8220;, was sich dir anbietet, nimmst alles an, was dir geschenkt wird, \u00fcberwindest endlich dein Misstrauen, eingekauft und eingefangen zu werden!<\/p>\n<p>Die Unf\u00e4higkeit, Geschenke anzunehmen, weil man Verstrickungen und Pflichten f\u00fcrchtet, findet im eigenen Kopf statt &#8211; und DA hab&#8216; doch eigentlich ICH das Sagen!<\/p>\n<p>Die so erreichte Ver\u00e4nderung der inneren Haltung hat dazu gef\u00fchrt, dass ich in der Folgezeit gewaltig beschenkt wurde, man glaubt es kaum! Und nicht nur von einer Person, nicht einmal nur von Nahestehenden. Es wirkte wie eine Art Wunder &#8211; und jetzt kann ich nicht nur annehmen, sondern hab&#8216; auch gro\u00dfe Lust, abzugeben. Es ist, als erzeugte ich durch das Abgeben einen Sog, dass wieder etwas herein kommt: Egal wie, unter anderem mittels eigener Arbeit, zu der ich &#8222;wie durch Zauberhand&#8220; auf einmal weit besser motiviert bin.<\/p>\n<p>Es muss &#8211; um mal einen gesellschaftlichen Bezug herzustellen &#8211; nicht  JEDER arbeiten, um so &#8222;sein Gl\u00fcck zu schmieden&#8220;. Es gen\u00fcgt, dass diejenigen, die wie ich GERNE arbeiten, genug verdienen und genug abgeben. Der innere und \u00e4u\u00dfere Reichtum einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie viele Nicht-Arbeitende sie sich leisten kann. In anderen Kulturen erh\u00e4lt die arbeitende Bev\u00f6lkerung zum Beispiel einen hohen Prozentsatz von Nonnen und M\u00f6nchen &#8211; und zwar mit Freude! Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen und nur versuchen &#8222;Arbeitswillige&#8220; in Arbeit zu vermitteln &#8211; und nicht s\u00e4mtliche &#8222;Arbeitsf\u00e4higen&#8220;. <\/p>\n<h2>Die Stimmung macht&#8217;s&#8230;<\/h2>\n<p>So richtig &#8222;diszipliniert&#8220; bin ich immer noch nicht. Letztlich wei\u00df ich gar nicht, was f\u00fcr ein inneres Potenzial damit eigentlich gemeint ist. Selbst jetzt, wo ich wieder einmal eine neue Art teste, meine Arbeitswoche zu strukturieren, um effektiver zu sein, empfinde ich das nicht als harte Disziplin, wei\u00df gar nicht, wie das geht. Wenn ich zu arbeiten beginne, setze ich mich erst still hin und lausche in mich hinein. Stelle mir die Dinge vor, die jetzt anstehen und betrachte sie eine kleine Weile. In dieser &#8222;Kurz-Versenkung&#8220; entfalten die Vorhaben dann eine Eigendynamik, werden farbiger und verlockender, zeigen ihre abenteuerlichen Aspekte &#8211; und damit ist der Punkt erreicht, an dem ich loslege. <\/p>\n<p>Ist das Disziplin? Vermutlich nicht. Aber ich muss mit dem leben und arbeiten, was ich kann, nicht mit dem, was ich k\u00f6nnen sollte. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit zehn Jahren bin ich nun schon selbst\u00e4ndig, arbeite in und mit den Netzen und verbringe den Gro\u00dfteil der Tage vor dem Monitor. Arbeitsfelder und Auftr\u00e4ge entstehen entlang an meinen sich ver\u00e4ndernden Interessen, niemand sagt mir, was ich falsch oder besonders gut mache und wo es hingehen soll. 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