{"id":1152,"date":"2004-09-18T10:05:49","date_gmt":"2004-09-18T09:05:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1152"},"modified":"2013-08-25T10:15:41","modified_gmt":"2013-08-25T09:15:41","slug":"im-griff-des-virus-droht-sozusagen-das-ende-der-kommunikation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/09\/18\/im-griff-des-virus-droht-sozusagen-das-ende-der-kommunikation\/","title":{"rendered":"Im Griff des Virus &#8211; droht &#8222;sozusagen&#8220; das Ende der Kommunikation?"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe schon gar keine Lust mehr, mit meinen Mitmenschen in Sprechkontakt zu treten: sp\u00e4testens im zweiten Satz werde ich erwischt, sozusagen aufgest\u00f6rt durch den ekelhaften Sprachvirus, von dem die deutschsprachige Bev\u00f6lkerung befallen, sozusagen restlos infiziert ist. Sagt tats\u00e4chlich mal jemand einen ganzen Satz ohne das UNWORT, kann ich sozusagen sicher sein, dass es im n\u00e4chsten dann gleich zwei oder sogar dreimal vorkommt. Niemand scheint es zu st\u00f6ren, dass die Rede mit <strong>sozusagen<\/strong> affenartiger Geschwindigkeit zum Radebrechen und Stottern verkommt. Ja, ich wage, es tats\u00e4chlich zu sagen, es ist eine Krankheit, sozusagen eine Epidemie!<\/p>\n<p>Nachdem die neue Rechtschreibung das intuitive richtig Schreiben sozusagen &#8222;wegrasiert&#8220; hat und niemand mehr sicher wei\u00df, was gro\u00df und klein, auseinander und zusammen geschrieben wird, greift der neue Virus nun die Lautsprache an, die bisher noch problemlos funktioniert hat.<\/p>\n<p>Woher er kommt? Ich wei\u00df es nicht, aber wenn ich den Fernseher anschalte, was ich aus <strong>sozusagen<\/strong> guten Gr\u00fcnden selten tue, springt mich der Virus sofort aus allen Kan\u00e4len an. Sobald jemand nicht direkt vom Blatt oder Lauftext abliest, ist alles zu sp\u00e4t. Moderatoren und G\u00e4ste, Politiker und emp\u00f6rte Montagsdemonstranten, Interviewer und Befragte &#8211; sie alle wollen etwas sagen, wollen es <em>SO sagen, aber nicht wirklich<\/em> (auch so eine Krampf-Wendung!) darauf festgenagelt werden. Selbst Menschen, die ein gutes Sprachgef\u00fchl haben und komplett \u00fcberfl\u00fcssige F\u00fcllw\u00f6rter nicht \u00fcber die Lippen bringen, entgehen der Krankheit nicht. Sie verwenden das Unwort KORREKT, aber inflation\u00e4r, spicken ihre Rede mit Vergleichen und Metaphern, als gelte es, einen Lyrik-Preis zu gewinnen, doch in Wahrheit h\u00e4lt nur der Virus sie fest im Griff. Es gibt keine Rettung vor Ansteckung, auch nicht f\u00fcr den, der sich &#8222;der Gesellschaft&#8220; weitgehend entzieht oder sie in Grund und Boden kritisiert. Vielleicht haben Geh\u00f6rlose eine echte Chance, ich beneide sie!<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Ein Virus kann nur einen Wirtsk\u00f6rper befallen, dessen Immunsystem es nicht mehr schafft, den Eindringling abzuwehren. Erschreckend, dass sich praktisch niemand mehr als immun erweist! Vom Harz-Opfer bis zum Top-Manager, vom C4-Professor bis zum Parkbank-Penner: alle sind infiziert, wagen es nicht mehr, frischfr\u00f6hlich etwas zu meinen und auch zu sagen, m\u00fcssen trotzdem etwas sagen und tun es <strong>sozusagen &#8222;als ob&#8220;<\/strong>. Der kommunikative Stress der Informationsgesellschaft hat uns geschw\u00e4cht und ausgelaugt: stets informiert sein (=mal googeln&#8230;), stets im Stande sein, zu allem und jedem &#8222;Stellung zu nehmen&#8220;, immer am Ball, immer auf Draht. Der real existierende Mitmensch wird zum Angstgegner: steht er doch einfach so da und fordert Antwort, will meine &#8222;Sicht der Dinge&#8220;, aber die Dinge sind derart viele geworden, dass ich mit dem Meinen gar nicht mehr nach komme.<\/p>\n<p>Was folgt, ist ein innerer Zusammenbruch. Das Individuum muss erkennen, dass das traditionelle Denken nicht mehr funktioniert: Eine Sache von allen Seiten betrachten, sie analysieren, bewerten und Schl\u00fcsse ziehen, die orientierend wirken in Rede und Handlung &#8211; wer h\u00e4tte denn daf\u00fcr noch Zeit! Besonders betroffen sind Politiker, die man bereits fr\u00fch um sechs aus den Federn rei\u00dft, damit sie \u00c4u\u00dferungen anderer kommentieren, die es noch zeitiger erwischt hat. Das ist halt die Kehrseite der Macht, m\u00f6gen wir meinen und uns auf der sicheren Seite w\u00e4hnen: Irrtum, wir werden fortw\u00e4hrend kommunikativ angegriffen! Der Mann an der Wohnungst\u00fcr, der niemals gleich zugibt, f\u00fcr die Firma ARCOR unterwegs zu sein, will meine Telefonrechnungen sehen und pr\u00fcfen, ob ich nicht zuviel bezahle. Meine Zahn\u00e4rztin schaut mit gerunzelter Stirn auf den Abdruck, den sie gerade genommen hat und meint: &#8222;Da werden Sie sich aber von einigen Z\u00e4hnen trennen m\u00fcssen. Wir wollen doch eine langfristige L\u00f6sung!&#8220;. Die S\u00fcddeutsche Klassenlotterie ruft an und fragt, ob ich G\u00fcnther Jauch kenne, und die S\u00fcddeutsche Zeitung will nach zwei Wochen Geschenk-Abo wissen, wie ich das Blatt finde. &#8222;Zu dick&#8220;, sage ich, &#8222;nicht zu schaffen. Aber gut, dass es sie gibt!&#8220;<\/p>\n<p>Um in der Welt zu bestehen, muss ich Bescheid wissen, die Kasse im Auge des Anderen klingeln sehen, muss wissen, was droht, und darf mich nicht bequatschen lassen, jetzt &#8222;noch mehr zu sparen&#8220;. Wenn ich nebenbei noch Wert darauf lege, zu den Guten zu geh\u00f6ren, bin ich zehntausendfach in der Pflicht, das Richtige zu meinen und auch zu sagen: Rechtzeitig zu sagen, nicht erst dann, wenn alles zu sp\u00e4t ist, wie die neuen K\u00e4mpfer f\u00fcr die alte Schreibung.<\/p>\n<p>Aber was ist richtig? Was ist GUT? In Thailand ist es der Regierung endlich gelungen, das gro\u00dffl\u00e4chige Abholzen der W\u00e4lder zu stoppen: Natur wird gesch\u00fctzt und die Arbeitselefanten m\u00fcssen nicht mehr schuften. Gut so? Was die Umweltsch\u00fctzerin und den Tierfreund freut, belastet das soziale Gewissen: Hunderttausende sind arbeitslos, auch die Elefanten. Die ziehen jetzt mit ihren Besitzern bettelnd durchs n\u00e4chtliche Bangkok, von niemandem gefordert, geschweige denn gef\u00f6rdert &#8211; gut so?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass ich nichts wei\u00df &#8211; griechische Philosophen konnten mit solchen Weisheiten noch punkten, wir dagegen wissen, dass wir wissen k\u00f6nnten und sollten (&#8230;mal googeln), aber nie genug Zeit haben werden, einer Sache auf den Grund zu gehen. Schlimmer noch: es gibt gar keinen Grund, belehren uns Denker und Weise unserer Zeit. Der Beobachter ver\u00e4ndert das Beobachtete, nach meinem Glauben wird mir geschehen, das Ding an sich ist sowieso unerkennbar, \u00dcberzeugungen schaffen Erfahrungen &#8211; und wie bitte soll ich mich noch trauen, etwas zu sagen, wenn jemand fragt?<\/p>\n<p>&#8222;Sie kennen doch G\u00fcnther Jauch?&#8220; So eine Frage will mich mit dem guten Gef\u00fchl k\u00f6dern, das entsteht, wenn ich einfach mal &#8222;ja&#8220; sagen kann, ein schlichtes JA ohne wenn und aber. Aber es funktioniert nicht, die Absicht ist zu offenkundig und \u00fcberhaupt: KENNE ich denn G\u00fcnther Jauch? Ich kenne ihn sozusagen nur aus dem Fernsehen und zappe dann immer gleich weiter. Gilt das?<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Gibt es Rettung? Eine Heilung des Immunsystems, auf dass es dem Virus sozusagen den Garaus mache? Ich zucke jedes Mal zusammen, wenn ich mich dabei erwische, wie mir das schreckliche F\u00fcllsel \u00fcber die Lippen kommt, sich sozusagen den Raum erzwingt, den ich ihm freiwillig nicht geben will. Wiederstand scheint zwecklos: ich werde assimiliert. Heute morgen fand ich im Artikel eines Autors, den ich wegen seiner ansonsten glasklaren genauen Sprache sch\u00e4tze, viermal &#8222;sozusagen&#8220;! Es greift also schon auf Geschriebenes \u00fcber &#8211; was k\u00f6nnen wir tun?<\/p>\n<p>Vielleicht hat ja Thomas Gottschalk mit seinem &#8222;Ich will es gar nicht wissen, sondern nur weitersagen!&#8220; hellsichtig den Weg aus der Krankheit gewiesen. Denken, verstehen wollen, einen Sinn sehen und diesen verwirklichen &#8211; weg damit auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte! Wer diesen Ballast des Humanen, diese Ausschwitzung einer hypertrophierten Gro\u00dfhirnrinde restlos entsorgt hat, kann aufatmen und locker auf Knopfdruck sprechen. Der kann ALLES sagen, kann Mitmensch und Medien bis zum Abwinken mit klaren Antworten beliefern, gerade so, wie sie in den Kopf einfallen. Wer wird denn Ordnung schaffen wollen, wo das Chaos regiert? Ich gebe zu, diese L\u00f6sung gef\u00e4llt mir nicht. Zu sehr bin ich dem alten Denken verhaftet, das unverdrossen an der Suche nach dem Guten, Wahren und Sch\u00f6nen klebt. Doch die andere M\u00f6glichkeit, dem Virus den Boden zu entziehen, ist fast noch verst\u00f6render: wir k\u00f6nnten schweigen, einfach nichts mehr sagen, s\u00e4mtliche Meinungs- und Kommunikationsfronten dauerhaft bestreiken. Still sein, in die Sonne blinzeln, ein paar Schritte gehen&#8230;<\/p>\n<p>Eine furchtbare Vision, nicht? Egal &#8211; ich probier das jetzt einfach mal aus, halte den Mund, verlasse die Tastatur und geh&#8216; in die Sauna: gemeinsam schweigen ist besser als alleine, da bin ich mir sozusagen fast sicher. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe schon gar keine Lust mehr, mit meinen Mitmenschen in Sprechkontakt zu treten: sp\u00e4testens im zweiten Satz werde ich erwischt, sozusagen aufgest\u00f6rt durch den ekelhaften Sprachvirus, von dem die deutschsprachige Bev\u00f6lkerung befallen, sozusagen restlos infiziert ist. 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