{"id":1151,"date":"2004-09-08T10:02:39","date_gmt":"2004-09-08T09:02:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1151"},"modified":"2013-08-25T10:05:30","modified_gmt":"2013-08-25T09:05:30","slug":"von-der-lust-an-der-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/09\/08\/von-der-lust-an-der-arbeit\/","title":{"rendered":"Von der Lust an der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Mein Problem mit der Selbstdisziplin, von dem der letzte Beitrag handelte, ist wieder einmal vom Tisch: einfach weggefegt, aufgel\u00f6st in der Begeisterung f\u00fcr ein neues Projekt, das mir diesen gewissen &#8222;Geschmack von Abenteuer&#8220; bietet, der mich befl\u00fcgelt. Ein Kurs  &#8222;Erotisch schreiben&#8220; &#8211; h\u00e4tte mir jemand zum Start meiner Schreibimpulse-Kurse vor einem Jahr prophezeit, dass ich &#8222;so etwas&#8220; machen werde, ich h\u00e4tt&#8217;s nicht geglaubt! Wie ich dann doch dazu gekommen bin, steht im Artikel <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"grafics\/goto.gif\" alt=\"\" border=\"0\" height=\"10\" width=\"10\"><a href=\"http:\/\/www.schreibimpulse.de\/erotisch_schreiben2.html\" target=\"new\">&#8222;Erotisch schreiben &#8211; vom Spannungsfeld zwischen Lust und Literatur&#8220;<\/a>.  Bemerkungen, Tipps, Fragen und Meinungen zu dieser Kurspr\u00e4sentation sind sehr erw\u00fcnscht! (auch per <a href=\"mailto:info@claudia-klinger.de\">Privatmail<\/a>).<\/p>\n<p>* * *<\/p>\n<p>Wenn ich mein Verh\u00e4ltnis zum Arbeiten insgesamt betrachte, dann sehe ich, dass ich Arbeit als &#8222;notgedrungenes Muss&#8220; immer schon gern vermeiden wollte. Lange Zeit glaubte ich, ich sei schlicht &#8222;faul&#8220;, weil es ja so normal zu sein schien, Dinge zu arbeiten, an denen man nicht das geringste pers\u00f6nliche Interesse hat. Verwaltungskraft in einer Beh\u00f6rde, Mitarbeiterin in einer gro\u00dfen Firma &#8211; nichts fand ich abschreckender als so einen &#8222;9 to 5-Job&#8220;, von denen ich einige w\u00e4hrend des Studiums aus der N\u00e4he besichtigen konnte.<\/p>\n<p>Also versuchte ich zeitlebens, mit dem Geld zu verdienen, was mir gerade Spa\u00df machte. In den Jahren des Stadtteil-Engagements hatte ich &#8222;prek\u00e4re Honorarjobs&#8220; auf niedrigem Niveau. Geld und Sicherheiten waren mir egal, ich ging in der Arbeit auf, was wollte ich mehr? Als es mir dann mal gelungen war, einen gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Auftrag f\u00fcr unseren Verein an Land zu ziehen, stellte ich mich selber f\u00fcr ein halbes Jahr an &#8211; und ab da kam ich in den Genuss der &#8222;origin\u00e4ren Arbeitslosenhilfe&#8220;: unbefristet wie nirgendwo sonst, im Grunde eine lebensl\u00e4ngliche Rente, in die man bequem &#8222;zur\u00fcckfallen&#8220; konnte, wenn ein befristeter Job zu Ende war. In einer solchen &#8222;L\u00fccke&#8220; entdeckte ich dann 1996 das Internet und arbeitete mich begeistert ein. Meine selbst organisierte &#8222;Umschulung und Weiterbildung&#8220; zur Webworkerin f\u00fchrte schon bald zu ersten Auftr\u00e4gen, zudem schrieb ich nebenbei f\u00fcr Printmedien: schlecht bezahlt, aber ich konnte so ziemlich schreiben, was ich wollte: Hauptsache Internet! <\/p>\n<p>Anfang \u00a898 konnte ich dem Arbeitsamt ade sagen. Es lief so gut, dass ich nicht einmal das \u00dcbergangsgeld in die Selbst\u00e4ndigkeit beantragte: Zuviel Papierkrieg f\u00fcr Peanuts! Ein einziger Auftrag brachte mir mehr als die F\u00f6rderung f\u00fcr ein halbes Jahr ausgemacht h\u00e4tte, also verzichtete ich dankend. Ich war &#8222;auf dem Markt angekommen&#8220; und was ich da erlebte, gefiel mir sehr. Alles lief &#8222;wie von selbst&#8220;, ich hatte immer wieder neue, interessante Webprojekte, die Kunden fanden sich von alleine ein. 1999 streifte mich sogar der &#8222;Net-Hype&#8220;: ich verdingte mich als &#8222;Art-Directorin&#8220; bei einem kleinen Start-Up-Unternehmen. Als &#8222;feste Freie&#8220; verdiente ich ganz kurz soviel wie noch nie zuvor und f\u00fchlte mich auf einmal als &#8222;besser Verdienende&#8220;. Dass ich um das Honorar k\u00e4mpfen musste, weil mein Auftraggeber von Beginn an an der Pleite entlang schrammte (wer zu sp\u00e4t kommt, den bestraft das Leben), best\u00e4tigte allerdings meine Vorurteile: sobald es richtig Geld gibt, beginnt das Hauen &amp; Stechen &#8211; dazu hatte ich keine Lust, musste  mich schwer \u00fcberwinden und war dann richtig froh, dass ich den Vertrag k\u00fcndigen konnte.<\/p>\n<p>Obwohl es nun nicht mehr ganz so locker Auftr\u00e4ge regnete, hatte ich weiterhin mein Auskommen. Doch immer wieder besch\u00e4ftigte mich die Frage: Soll ich anstreben, zum Geld verdienen &#8222;Brotjobs&#8220; zu machen, um daneben dann Zeit zu haben f\u00fcr das, was mir wirklich Spass macht? Oder soll ich versuchen, von dem, was mich am meisten inspiriert und Herzblut kostet, auch zu leben? Beide Vorgehensweisen haben Vor- und Nachteile. Zudem sind sie nicht wirklich zu trennen, solange ich nicht mit einem &#8222;Herz-Projekt&#8220; so erfolgreich bin, dass ich nichts Anderes mehr brauche. Doch selbst, wenn das eintritt: Wie lange fasziniert es mich, Monat um Monat dasselbe zu tun? Schnell werde ich zur Angestellten des eigenen Projekts und sehne mich wieder nach &#8222;Freiheit&#8220;.  So richtig &#8222;in den Griff&#8220; bekomme ich das Thema Arbeit bisher nicht. Es bleibt ein Spannungsfeld zwischen Lust und Notwendigkeit, auf dem ich mir manchmal vorkomme, wie auf dem Hochseil; insbesondere dann, wenn ich mit Dingen, die es so noch nicht gab, frischfr\u00f6hlich dem Markt ins kalte Auge sehe (wie jetzt mit dem neuen Kurs).<\/p>\n<h2>Harz 4 &#8211; der erzwungene &#8222;Ruck&#8220;<\/h2>\n<p>Die unbefristete Arbeitslosenhilfe, die mir einst Zwischenfinanzierung und Starthilfe war, ist nun abgeschafft. Ohne sie h\u00e4tte ich 1996 meinen befristeten Projektleiter-Job nicht auslaufen lassen, sondern halbtags weiter gemacht. Ich h\u00e4tte dann eben in der anderen Tagesh\u00e4lfte das Netz erforscht, weniger gem\u00fctlich, aber so begeistert, wie ich war, w\u00e4re das kein Problem gewesen. Selbst mit Sozialhilfe h\u00e4tte nichts mich davon abhalten k\u00f6nnen, meinem D\u00e4mon zu folgen&#8230; <\/p>\n<p>Ich denke oft an die vielen Menschen, die jetzt gen\u00f6tigt sind, auf die Schnelle etwas zu finden: einen Mini-Job, eine Ich-AG oder was immer. 500.000 sollen es sein, die pl\u00f6tzlich gar keine &#8222;St\u00fctze&#8220; mehr bekommen. Diejenigen mit Verm\u00f6gen und Besitz tun mir weniger leid als diejenigen, die auf einmal vom Einkommen des Partners leben sollen. Was f\u00fcr eine Belastung f\u00fcr die Beziehung, wenn diese bisher keinerlei gegenseitigen Unterhalt  umfasst hat! Man hat ja aus guten Gr\u00fcnden nicht geheiratet &#8211; und nun das! Ich w\u00fcrde auf jeden Fall lieber auseinander ziehen anstatt zur &#8222;Bedarfsgemeinschaft&#8220; zu werden.<\/p>\n<p>Druck von au\u00dfen &#8211; ob er dazu f\u00fchren wird, dass sich mehr Menschen aufs Neue fragen: Was will ich eigentlich wirklich? Was macht mir Freude? Was ist mein UREIGENES Ding, das mich so fasziniert, dass es mehr Spiel als Arbeit ist?<\/p>\n<p>Ein Freund von mir lebt lange schon von Sozialhilfe und hat von Harz4 (erst mal) nichts zu bef\u00fcrchten. Wir sprechen gelegentlich dar\u00fcber, was das alles f\u00fcr Wirkungen haben wird, aber auch \u00fcber das Arbeiten ganz allgemein. Er h\u00e4lt sich f\u00fcr faul, doch ich meine, dieselbe &#8222;Pseudo-Faulheit&#8220; in ihm zu erkennen, die mich auch selbst \u00fcberkommt, wenn mich an\u00f6det, was ich da tun soll.<\/p>\n<p>Ich glaube, das merke ich in diesen Gespr\u00e4chen, dass es f\u00fcr jeden Menschen etwas gibt, was er gerne tut. Aber der Schritt, es auch zu suchen und niemals &#8211; arbeitend und nicht arbeitend &#8211; nachzulassen, kommt vielen gar nicht in den Sinn. Das wundert mich richtig, denn ein solches Leben im ungeliebten Job oder in der &#8222;sozialen H\u00e4ngematte&#8220; kann ich mir nicht vorstellen. Wo w\u00fcrde ich meine &#8222;Kicks&#8220; finden, meine Abenteuer erleben, meine F\u00e4higkeiten ausprobieren und weiter entwickeln? Auch auf das Gef\u00fchl, an der Gestaltung der Welt mitzuwirken, das eigene &#8222;f\u00fcr besser halten&#8220;  t\u00e4tig einzubringen, k\u00f6nnte und wollte ich nicht verzichten. Auch nicht, wenn ich morgen eine Million auf dem Konto h\u00e4tte: der Kurs &#8222;Erotisch schreiben&#8220; w\u00fcrde trotzdem stattfinden!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Problem mit der Selbstdisziplin, von dem der letzte Beitrag handelte, ist wieder einmal vom Tisch: einfach weggefegt, aufgel\u00f6st in der Begeisterung f\u00fcr ein neues Projekt, das mir diesen gewissen &#8222;Geschmack von Abenteuer&#8220; bietet, der mich befl\u00fcgelt. 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