{"id":1148,"date":"2004-11-17T09:47:47","date_gmt":"2004-11-17T08:47:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1148"},"modified":"2013-08-25T09:49:31","modified_gmt":"2013-08-25T08:49:31","slug":"eis-auf-heiser-haut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/11\/17\/eis-auf-heiser-haut\/","title":{"rendered":"Eis auf hei\u00dfer Haut"},"content":{"rendered":"<p>Diesmal ist die Drehschranke ausgefallen und die Frau an der Kasse fordert dazu auf, das Plastikarmband trotzdem ans rote L\u00e4mpchen zu halten. Klar, der Saunagast muss ja einloggen ins System, das die Schrankschl\u00f6sser und eventuell gespeichertes Geld verwaltet. Kleider sind hier nicht erlaubt, aber ohne Chip geht nichts. <\/p>\n<p>Bei meinem ersten Besuch im Blub war gleich das ganze System ausgefallen. Die Leute sa\u00dfen nackt auf den B\u00e4nkchen vor den Spinden und warteten. Mein Begleiter und ich setzten uns in voller Montur dazu, was sollten wir machen? Die Stimmung war erstaunlich gut, niemand \u00e4rgerte sich lautstark \u00fcber die digital verriegelten Schr\u00e4nke, deren rotes L\u00e4mpchen nicht mehr zu gr\u00fcn wechseln wollte, Chip-Kontakt hin oder her. Ein Loch in der Zeit hatte sich aufgetan und alle nutzten es, um ein bisschen zu plaudern und miteinander zu scherzen. Sauna ist in manchen Momenten Utopia &#8211; echter Friede in Frottee-Handt\u00fcchern und Badelatschen.<\/p>\n<p>Nach ca. zehn Minuten erschien ein nerv\u00f6ser junger Mann, der uns verk\u00fcndete, der Server sei abgest\u00fcrzt, aber der Admin sei nun gerade dabei, sich einzuloggen. Man werde sehen. Schwei\u00dfperlen standen ihm auf der Stirn, aber nicht wegen der Raumtemperatur. Ein Fremdk\u00f6rper in Verteidigungsbereitschaft, der nicht mitbekam, dass gerade kein Angriff drohte.<\/p>\n<p>Nach dem Dampfbad, mit dem ich immer beginne, um der Lunge ein Reinigungserlebnis zu verschaffen, das sie dringend braucht, liege ich im verglasten Halbdunkel unter Palmen. Mein K\u00f6rper arbeitet auf Hochtouren, um die lange nicht erlebten intensiven Reize zu verarbeiten. \u00dcberall angenehmes Prickeln, sp\u00fcrbar intensiver str\u00f6mt das Blut durch kleinste, ansonsten wohl kaum mehr gekannte \u00c4derchen. Den Atem f\u00fchle ich bis hinunter in den gro\u00dfen Zeh und wenn ich mich darauf konzentriere, kann ich \u00fcberall ein sanftes Pulsieren sp\u00fcren &#8211; ah, wozu noch denken?<\/p>\n<p>Um mit dem Mitmenschen in Kontakt zu bleiben. Mein Begleiter beantwortet die nicht gestellte Frage, indem er das Wort erhebt. Wir sind zwei voneinander getrennte Wesen und k\u00f6nnen das Pulsieren, das Atmen und Str\u00f6men nicht gemeinsam sp\u00fcren. Wenn ich also mit meiner Aufmerksamkeit in mein Erleben hinein gehe, entferne ich mich von ihm, bin seiner nicht mehr gewahr &#8211; und das erscheint als S\u00fcnde gegen den Geist des Miteinanders. <\/p>\n<p>Tr\u00e4ge flie\u00dfen meine Gedanken dahin, ich h\u00f6re zu, nicke, verstehe, merke dann pl\u00f6tzlich, dass mir ein St\u00fcck fehlt, muss wohl abgedriftet sein, egal. Atmen ist so sch\u00f6n, es f\u00e4llt mir schwer, daneben noch etwas zu veranstalten. Vielleicht w\u00e4r&#8216; ja ein Leben als Pflanze auch nicht \u00fcbel.<\/p>\n<p>Bis Mitte drei\u00dfig glaubte ich, man k\u00f6nne die Getrenntheit \u00fcberwinden, indem man sich zusammen aufs Bett legt und fest umarmt. Also ganz oft ausprobiert, mit den unterschiedlichsten Mitmenschen in ebenso verschiedenen  Beziehungsformen, mit und ohne Sex. Es klappt aber nicht, man macht sich h\u00f6chstens etwas vor. Was im gl\u00fccklichsten Fall stattfindet, ist genau dasselbe wie ohne Ber\u00fchrung: Man driftet ab in die eigenen Bestandteile, wird zur Zelle, zum Blutstropfen, zum  Luftstrom in der Nasenh\u00f6hle, zur Hautoberfl\u00e4che, zur sich hebenden und senkenden Brust. Ber\u00fchrung, einmal angenommen, sie sei optimale Resonanz, ohne den Schimmer eines Missklangs, verschmilzt nur einfach mit jenem Orchester sinnlicher Empfindungen, in das hinein ich mich aufl\u00f6se. Ich verschwinde &#8211; egal, ob in  Richtung vegetabiler Trance oder in Richtung Orgasmus: je mehr ich die Aufmerksamkeit von der Welt der Bedeutungen abziehe und mich ins Sp\u00fcren des Daseins vertiefe, desto weniger ist da jemand, der noch jemand anderen treffen k\u00f6nnte. Man mag zusammen KOMMEN, aber man kommt dennoch nicht zusammen.<\/p>\n<p>Irgendwie sind wir jetzt doch zusammen in die Blockhaussauna gekommen, f\u00fcnf Minuten vor der vollen Stunde, dann beginnt n\u00e4mlich der Aufguss.  Wunderbar, mal wieder all diese vielf\u00e4ltig geformten Nackten zu sehen, echte Menschen, keine Werbeplakate. Gegen\u00fcber eine zierliche Asiatin mit so kleinen Br\u00fcsten, dass das Wort &#8222;Knospen&#8220;  mal wirklich passt. Neben ihr die schlanke Endzwanzigerin in vorgebeugter Haltung, auch ihre winzigen Erhebungen betrachte ich mit Staunen. Ich merke, warum ich hinschaue: wer wei\u00df denn, wie lange so etwas noch zu sehen ist?! Mein Blick archiviert das Gesehene bereits f\u00fcr eine Zukunft gleichm\u00e4\u00dfig aufgeblasener Silikonbr\u00fcste, in der es wirklich Mut kostet, sich mit &#8222;abweichenden Formen&#8220; \u00fcberhaupt noch zu zeigen. Dabei werde ich das doch gar nicht mehr erleben &#8211; oder doch?<\/p>\n<p>Ich hab&#8216; mir einen Schneeball aus zusammen gedr\u00fcckten Eisbr\u00f6ckchen mitgebracht. Inmitten der gl\u00fchenden Winde, die der Herr des Aufgusses mit einem gro\u00dfen Handtuch entfacht, nachdem er Wasser mit Melissen-Aroma auf die hei\u00dfen Steine gekippt hat, k\u00fchle ich meine Haut mit Gefrorenem. Das ist zwar nicht Sauna-gerecht, denn nur trockene Haut kann richtig schwitzen, aber ich genie\u00dfe es, will heute gar nicht die reine Lehre, das garantiert Gesunde und F\u00f6rderliche, will nur sp\u00fcren und genie\u00dfen: Eis auf hei\u00dfer Haut.<\/p>\n<p>Der Mann vor dem Ofen gibt sich M\u00fche, gie\u00dft neu auf, wedelt durch die Luft, doch h\u00e4lt er das Tuch falsch, so dass ihm zwar die Anstrengung ins Gesicht geschrieben steht, aber kaum ein echter &#8222;Gluthauch&#8220; entsteht. Ich vermisse Christian, den Meister der Elemente,  der so unnachahmlich gelassen das Handtuch schwingt. Der es versteht, durch langsame Steigerung der Intensit\u00e4t die Anwesenden an ihre Grenze zu bringen, bis ein Aufst\u00f6hnen durch die Runde geht, wenn er  kundig die Luft peitscht. Auf der dritten Etage, wo es sowieso am hei\u00dfesten ist, glaubt man glatt, nun gleich zu verbrennen. Die T\u00fcr ist zu, das Schild &#8222;Achtung, Aufguss!&#8220; verwehrt Neuen den Zutritt, und selbstverst\u00e4ndlich wagt es niemand, inmitten des Rituals den Raum zu verlassen &#8211; ums verrecken nicht, denk ich mir manchmal, w\u00e4hrend ich mir das Handtuch \u00fcber den Kopf ziehe, um mich ein wenig gegen das Schlimmste abzuschirmen. Warum tun wir uns das an, frag&#8216; ich mich, w\u00e4hrend ich zusammengeduckt den n\u00e4chsten Gluthauch erwarte und Andere, die noch weit leidensbereiter sind, sogar aufstehen, um der hei\u00dfen Luft eine gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4che zu bieten. Und warum bin ich jetzt mit dem Aufguss des &#8222;Ersatzmanns&#8220; nicht zufrieden, wo doch alles so sch\u00f6n im locker ertr\u00e4glichen Wellness-Bereich bleibt? <\/p>\n<p>Mein Eisball ist geschmolzen, den kleinen Rest lasse ich mir auf der Zunge zergehen. Ich genie\u00dfe die konzentrierte Stille, die Abwesenheit jeglichen Geredes. Es gen\u00fcgt, zu f\u00fchlen, zu sp\u00fcren, zu sehen. Jeder f\u00fcr sich, und doch alle zusammen, niemand will etwas vom Andern, denn das, was ist, reicht v\u00f6llig aus &#8211; na ja fast! Wenn Christian das Handtuch geschwungen h\u00e4tte&#8230;.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesmal ist die Drehschranke ausgefallen und die Frau an der Kasse fordert dazu auf, das Plastikarmband trotzdem ans rote L\u00e4mpchen zu halten. Klar, der Saunagast muss ja einloggen ins System, das die Schrankschl\u00f6sser und eventuell gespeichertes Geld verwaltet. Kleider sind hier nicht erlaubt, aber ohne Chip geht nichts. 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