{"id":1147,"date":"2004-11-15T09:42:47","date_gmt":"2004-11-15T08:42:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1147"},"modified":"2013-08-25T09:47:09","modified_gmt":"2013-08-25T08:47:09","slug":"mit-dem-notebook-im-bett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/11\/15\/mit-dem-notebook-im-bett\/","title":{"rendered":"Mit dem Notebook im Bett"},"content":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal bin ich mit dem Computer im Bett. Ein lieber Freund hat mir einen Notebook geschenkt, weil er meine Klagen \u00fcber das Leiden am langen Sitzen nicht mehr h\u00f6ren mochte. Schon einmal hatte ich ernsthaft ins Auge gefasst, k\u00fcnftig liegend oder halbliegend zu arbeiten und mir daf\u00fcr auch eine M\u00f6belkonstruktion ausgedacht. Aber damals h\u00f6rte ich letztlich auf den Rat eines Geliebten, der meinte, unz\u00e4hlige Menschen verbr\u00e4chten t\u00e4glich viele Stunden am Monitor, ohne deshalb krank, behindert oer missgelaunt zu werden. Es l\u00e4ge an mir, eine gesunde Herangehensweise zu entwickeln, anstatt die zeitgem\u00e4\u00dfe Standardstellung zu vermeiden. Mehr Bewegung, \u00f6fter ins Fitness-Center, bessere Ern\u00e4hrung &#8211; ich wei\u00df, ich wei\u00df!<\/p>\n<p>Aber ich tu&#8217;s nicht, bzw. nicht genug. Der Mausarm und die Drucksch\u00e4den an gottlob nicht so wichtigen Nerven werden nicht etwa besser. Doch davon soll jetzt nicht die Rede sein, ich habe keine Lust mehr, mich \u00f6ffentlich am Riemen zu rei\u00dfen und Ermunterndes \u00fcber die Zukunft zu sagen. Eine Zukunft, die sobald sie Gegenwart wird, mich doch wieder auf dem Stuhl vorfindet&#8230;<\/p>\n<p>Hierjetzt aber liege ich im Bett, Kissen unter dem R\u00fccken und unter den Knien eine Rolle, geformt aus der zweiten Bettdecke &#8211; toll! Ich habe darauf geachtet, keine eierlegende Wollmilchsau zu erstehen, sondern ein schlankes, leichtes Ger\u00e4t, dessen Gewicht (nur 1,8 Kilo!) ich jetzt kaum sp\u00fcre. Die Maus hab&#8216; ich gar nicht erst dran gesteckt, nur das Netzteil.<\/p>\n<p>Zur Verwendung des Notebook kam mir schnell die Idee, ihn NICHT in meine Arbeitswelt einzubinden, KEINE zweite Fassung meines Tower-PCs zu erschaffen mit allem, was ich so brauche &#8211; und vor allem keinen Internet-Zugang! Dann k\u00f6nnte ich n\u00e4mlich E-Mail lesen, w\u00e4re f\u00fcr alle erreichbar, h\u00e4tte alle meine halb erledigten Aufgaben und Werke griffbereit &#8211; es w\u00e4re ein zweiter Arbeitsplatz und dessen Forderungen k\u00f6nnte ich mich nicht entziehen. Ich w\u00fcrde noch mehr arbeiten, halt jetzt in liegender Stellung.<\/p>\n<p>Lieber nicht! Ich habe nicht vor, meine Arbeitszeit zu verl\u00e4ngern, das Reich der Pflichten und Ziele noch weiter wachsen zu lassen, sondern ich sehne mich nach Zeit f\u00fcr mich. F\u00fcr mich am PC! Dazu komme ich kaum noch, denn wenn ich alles geschafft habe, was ich schaffen muss, bin ich \u00fcblicherweise viel zu maltr\u00e4tiert vom Sitzen, als dass ich da nun noch ein bisschen schreiben, bildbearbeiten oder eigene Webseiten entwerfen wollte (auch ein Grund f\u00fcr die Diary-Flaute). Und schon morgens mal eben drei Stunden in ein Thema versinken, bevor ich die Au\u00dfenwelt an mich heran lasse, kann ich mir derzeit nicht leisten.<\/p>\n<p>Mit dem Notebook steht mir nun auch au\u00dferhalb der &#8222;Sitzzeiten&#8220; ein PC zur Verf\u00fcgung &#8211; eine Zuflucht, die mir signalisiert: hier befindest du dich im nicht vernetzten Sektor. Tu, was du willst!<\/p>\n<p>Oh nein, bitte nicht schon wieder! \u00dcberall muss ich tun, was ich will, muss mit den Gegebenheiten interagieren, um es zu erreichen, muss es pflegen und erhalten, wenn es dann da ist, muss immer Neues wollen und Neues schaffen &#8211; und weiter und weiter. Es ist ok, ich kann nicht klagen, im Gegenteil, meine Arbeit macht mir Freude. Und das ist keine Sch\u00f6nrederei, denn zum Beispiel der gerade laufende Kurs &#8222;Erotisch schreiben&#8220; ist der spannendste, der bisher stattfand. Ich genie\u00dfe die entstehenden Texte, das offene und friedlich-lustfreundliche Miteinander von M\u00e4nnern und Frauen, das gelegentliche erotische Knistern &#8211; kann Arbeit sch\u00f6ner sein? Auch im Webseiten-Sektor baue ich gerade an einem Projekt, das mir gef\u00e4llt. Ok, alles k\u00f6nnte etwas eintr\u00e4glicher sein, aber daran arbeite ich ja, oder bilde mir das zumindest ein.<\/p>\n<p>Umso besser es gelingt, in selbst geschaffenen Feldern und Formen zu arbeiten, mich &#8222;zu verwirklichen&#8220;, wie man so sagt, umso sinnvoller erscheint die Frage, ob es eigentlich noch mehr gibt als DAS. Wenn ich es mal abstrahiere, besteht mein Leben daraus, Misst\u00e4nde zu bemerken und zu bereinigen, mich vom Gegebenen inspirieren zu lassen, \u00c4nderungen und Verbesserungen ins Werk zu setzen, die jedoch auch immer wieder verbesserungsbed\u00fcrftig sind, zu weiterem Bearbeiten heraus fordern &#8211; und immer so weiter. Ein \u00fcbergeodnetes Ziel gibt es &#8211; zum Gl\u00fcck! &#8211; nicht, ich bewerte meinen Erfolg oder Misserfolg anhand der Resonanz, die ich erfahre, und daran, ob das, was ich tue, nun auch das ist, was ich mir ertr\u00e4umt habe, als ich damit anfing. Ich bin die Maus in einem zu gro\u00dfen Teilen selbst gebauten Laufrad, das eingebunden ist ins gro\u00dfe R\u00e4derwerk, das unsere Welt am laufen h\u00e4lt. Nichts dagegen, aber ist das schon alles?<\/p>\n<h2>Der Raum des Schreibens<\/h2>\n<p>Mir scheint, ich bin reif f\u00fcr die Insel. Doch nicht das entlegene Eiland im Pazifik, nicht der Urlaub, die Kur, die Ayurveda-Wellness-Woche locken mich, sondern ein immaterieller Ort des Innehaltens, den ich gelegentlich aufsuche, um frei von Zielen und Zwecken dem nachzusp\u00fcren, was Dasein sonst noch bedeutet. Einfach Ruhe, Beruhigung der bewegten Oberfl\u00e4che, egal in welchen Formen das stattfindet &#8211; aber KEINE Sitzmeditation!!! (Wenn ich DARAN denke, f\u00e4llt mir die ganze Absurdit\u00e4t auf, die darin liegt, Menschen, die in der Mehrzahl den ganzen Tag sitzen, zum Zweck der Besinnung dazu anzuhalten, noch mehr zu sitzen!)<\/p>\n<p>Der &#8222;Raum des Schreibens&#8220; jenseits eines &#8222;Um-Zu&#8220; war mir im Zuge der mehr werdenden Arbeit entglitten. Gleichzeitig hatte ich in diesem Sommer damit aufgeh\u00f6rt, &#8222;alles, was mich bewegt&#8220; und doch nicht ins Diary passt, an jenen fernen Geliebten zu mailen: diese alte Geste des Mich-Mitteilens, die ich einst auch jahrelang gegen\u00fcber meinem Yogalehrer pflegte, passt nicht mehr. Besser gesagt, hat sie Nebeneffekte, die zun\u00e4chst nicht auffallen, aber im Lauf der Zeit eine Art &#8222;Zweitrealit\u00e4t im Kopf&#8220; erschaffen, die mit den real existierenden Beziehungen zwischen Sender und Empf\u00e4nger kaum mehr etwas zu tun hat. Ich nenne es die &#8222;Internet-Verstrickung&#8220;: das Ausbluten der Realit\u00e4t zugunsten der Virtualit\u00e4t. Was &#8222;der M\u00f6glichkeit und Kraft nach vorhanden&#8220; ist, ist dennoch nicht WIRKLICH vorhanden &#8211; aber das ist oft kaum mehr sp\u00fcrbar, bis das Reale sich zur\u00fcck meldet und klar wird, was blo\u00dfer Gedanke ist und was Fakt.<\/p>\n<p>Heute kommuniziere ich anders, beziehungszentrierter. Der Wunsch, schreibend etwas auszudr\u00fccken, was mich beeindruckt, hat im Web und anderen, an ein allgemeines Publikum gerichteten Medien den rechten Ort &#8211; nicht aber in der pers\u00f6nlichen Kommunikation, deren Charakter immer dialogisch bleibt, auch wenn man bis zum Abwinken und in beiderseitigem Einverst\u00e4ndnis monologisiert. Denn was der Andere nicht sagt, denke ich mir dazu, lege ich in sein Schweigen hinein, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Ich \u00f6ffne mich, zeige mich, ergr\u00fcnde die letzten Winkel meiner Seele &#8211; und das Schweigen des Gegen\u00fcbers interpretiere ich als liebevolles Zuh\u00f6ren: Er versteht mich, wie niemand sonst.. und das ist nur die erste einer Reihe aufeinander aufbauender Annahmen, die zusammen ein Geb\u00e4ude ergeben, das nicht auf Grund steht, sondern ein Luftschloss ist. Herrlich anzuschauen, aber nicht real!<\/p>\n<p>In dieser Irrealit\u00e4t erlebte ich ein Gef\u00fchl der Geborgenheit, das mich inspirierte, die Selbstentbl\u00f6\u00dfungen auf ungekannte Gipfel zu treiben. Gleichzeitig d\u00fcmpelte die &#8222;Au\u00dfenseite&#8220;, n\u00e4mlich dieses Webdiary in zunehmender Langweiligkeit vor sich hin. Ich habe ja kein Interesse daran, mein Denken und Erleben zu &#8222;diskutieren&#8220;: es ist, wie es ist, und je n\u00e4her mir etwas geht, desto weniger m\u00f6chte ich mich mit Lesern auseinander setzen m\u00fcssen, bei denen ich vielleicht anecke. Wozu sollte das gut sein? Ich schreibe ja nicht, um mir Rat zu holen, jemanden zu meiner Sicht der Dinge zu bekehren, oder um zu streiten, sondern &#8230; ja WARUM DENN???<\/p>\n<p>Hier stockt der Schreibfluss und mir f\u00e4llt nichts ein. Ich schreibe, weil ich schreibe &#8211; ich projiziere meine Deutungen in die Leere und das tut mir gut.<\/p>\n<p>Was ich an N\u00e4he und Geborgenheit in einer &#8222;tief gehenden&#8220; und schrankenlosen pers\u00f6nlichen Kommunikation erlebe, das bin ich selbst, das ist einfach das &#8222;bei mir sein in Wahrheit&#8220;. Es kommt nicht vom Anderen, wie man meinen k\u00f6nnte. Der Andere bietet lediglich einen &#8222;gesch\u00fctzen Raum&#8220;, vergleichbar dem, den ich in meinen Kursen und privaten Coachings errichte.<\/p>\n<p>So ein &#8222;gesch\u00fctzter Raum&#8220; ist wundervoll: er gibt Gelegenheit, sich selbst zu begegnen, ohne Angst haben zu m\u00fcssen. Auf Dauer aber muss man ihn verlassen, genau wie man irgendwann den Sandkasten verl\u00e4sst, um die Welt zu gewinnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum ersten Mal bin ich mit dem Computer im Bett. Ein lieber Freund hat mir einen Notebook geschenkt, weil er meine Klagen \u00fcber das Leiden am langen Sitzen nicht mehr h\u00f6ren mochte. Schon einmal hatte ich ernsthaft ins Auge gefasst, k\u00fcnftig liegend oder halbliegend zu arbeiten und mir daf\u00fcr auch eine M\u00f6belkonstruktion ausgedacht. 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