{"id":1146,"date":"2004-11-09T09:38:22","date_gmt":"2004-11-09T08:38:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1146"},"modified":"2013-08-25T09:42:43","modified_gmt":"2013-08-25T08:42:43","slug":"diary-flaute-unterm-gerust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/11\/09\/diary-flaute-unterm-gerust\/","title":{"rendered":"Diary-Flaute unterm Ger\u00fcst"},"content":{"rendered":"<p>Die vierte Woche unterm blickdicht verhangenem Ger\u00fcst ist rum. Hab&#8216; ich mich dran gew\u00f6hnt? Der Bauarbeiter vor meinem Fenster wuchtet gerade eine Platte in den vierten Stock, ich sehe grobe, farbverkleckerte Schuhe und ebensolche Hosen, h\u00f6re dumpfe Stimmen sich etwas Unverst\u00e4ndliches zurufen. Die laute Gesch\u00e4ftigkeit h\u00e4lt erfahrungsgem\u00e4\u00df etwa eine Stunde an, dann machen sie ihre erste Pause.<\/p>\n<p>Gleich werde ich die Texte der Teilnehmer aus dem Kurs &#8222;Philosophieren in der ersten Person&#8220; kommentieren. Die neuen Szenen der &#8222;Erotiker&#8220;, wie ich die Mitschreiber aus &#8222;Erotisch schreiben&#8220; bei mir nenne, hab&#8216; ich gestern nacht noch geschafft. Auch die beiden Coaching-Klienten sind versorgt, warten jedoch auf neue Schreibimpulse, genau wie alle Anderen.<\/p>\n<p>Vor einem guten Jahr hab&#8216; ich mit Schreibimpulse.de angefangen: das erste eigene Webprojekt im kommerziellen Sektor. Ein g\u00e4nzlich neuer Versuch, dem, was ich gerne tue, die Form einer Dienstleistung zu geben, die zu meinem Einkommen beitr\u00e4gt. Wenn gute Nachrichten auch langweilig sein m\u00f6gen: es ist ein Erfolg! Zwar ist nicht jeder Kurs ausgebucht, denn meine Werbem\u00f6glichkeiten sind beschr\u00e4nkt, doch ist der Spa\u00dffaktor in jeder neuen Runde hoch: Es ist wunderbar, dabei zu sein, wenn sich Menschen ihren &#8222;wesentlichen Themen&#8220; \u00f6ffnen, wenn sie schreibend Neues, gar Brisantes riskieren &#8211; auch wenn es mal schlaffe Phasen gibt, kommt immer wieder ein Text, der alle ber\u00fchrt, der MICH ber\u00fchrt und aus dem &#8222;Alltagsschlaf&#8220; heraus rei\u00dft.<\/p>\n<p>Es ist das erste Mal, dass ich zwei Kurse und einige Einzelpersonen gleichzeitig betreue. Liegt es daran, dass hier im Digital Diary wochenlange Flaute herrscht? Ja und nein. Ich empfinde ein Gef\u00fchl der Verpuppung, passend zum verhangenen Ger\u00fcst, das mir den Blick nach drau\u00dfen versperrt, passend zum November, den ich sp\u00fcre, aber kaum sehe. Jahrelang war ich mit der Form, die ich f\u00fcrs eigene Schreiben in Gestalt des Digital Diary w\u00e4hlte, vollkommen zufrieden: es war nie ein Tagebuch, das vom Fris\u00f6rbesuch am Morgen und vom Problem mit dem Lebensgef\u00e4hrten berichtet, auch kein Blog, das mit ein paar S\u00e4tzen mehrmals am Tag bekannt macht, dass es mich noch gibt, sondern im wesentlichen eine Plattform f\u00fcr meine &#8222;Gedanken \u00fcber die Welt&#8220;: unsortiert, ohne Zwang, mich selbst in eine Schublade einzuordnen, weder, was die Textsorte angeht, noch von den Themen her.<\/p>\n<p>Im Moment habe ich das Gef\u00fchl, aus der selbst geschaffenen Mega-Schublade heraus zu wachsen. Was ich \u00fcber die Welt, das Leben, und mich selbst denke, reizt mich zur Zeit nicht zu Artikeln f\u00fcr die Allgemeinheit. Es wird vielleicht durch die Kurse und die damit einher gehenden Privatgespr\u00e4che &#8222;dialogisch verbraucht&#8220;, bzw. sinnvoll genutzt. Zudem begegne ich im Erotik-Kurs der Faszination des belletristischen Schreibens. Schien mir das fr\u00fcher belanglos, blo\u00dfes &#8222;Werke schaffen&#8220;, dem ich mein mich tief befriedigendes &#8222;Philosophieren in der ersten Person&#8220; entgegen setzte, so erkenne ich jetzt das Potenzial, das in solchem Schreiben steckt: nicht mehr am Faktischen, selbst Erlebten kleben und gedanklich um Einordnung und Bewertung ringen, sondern im freien Spiel der Worte dem Form geben, was man ausdr\u00fccken will: es ZEIGEN, nicht SAGEN!<\/p>\n<p>Als ersten Schritt, diesem Schreiberleben Gestalt zu geben, werde ich auf Schreibimpulse.de ein erotisches Webzine er\u00f6ffnen: mit Teilnehmertexten, eigenen Beitr\u00e4gen und Einsendungen frei schweifender Autorinnen und Autoren. Der Plan bringt mich ein St\u00fcck &#8222;back to the Roots&#8220;: 1996 bis 1998 gab es die Cyberzines &#8222;Human Voices&#8220; und &#8222;Missing Link&#8220; mit Gedichten, philosophischen Prosa-Texten und einer aktiven Community rund ums Geschehen. Ich bin gespannt, wie das neue Projekt im Vergleich dazu werden wird! (Wer dazu Beitr\u00e4ge einsenden will, kann sie mir bereits schicken: ich w\u00e4hle allerdings nach eigenen Kriterien aus, welche ins Webzine kommen).<\/p>\n<p>Und das Digital Diary? Die Flaute wird vor\u00fcber gehen, wenn das Neue festere Konturen gewonnen hat. Es ist noch jedes Mal weiter gegangen, auch wenn ich immer mal wieder dachte: Was soll ich denn da noch schreiben? Ich hab&#8216; doch eigentlich alles gesagt!<\/p>\n<p>Jetzt ruft mich die Arbeit: im Moment pflege ich einen wenig nachhaltigen Stil, esse unregelm\u00e4\u00dfig, ignoriere das Fitness-Center, g\u00f6nn&#8216; mir nicht mal Sauna und war prompt \u00fcber zwei Wochen schwer erk\u00e4ltet. &#8222;Mich-selbst-am-Riemen-rei\u00dfen&#8220; kommt derzeit allein den festen Pflichten zugute. Ansonsten \u00fcberlasse ich alles seiner Eigendynamik, bem\u00fche mich nicht ums &#8222;gesunde Leben&#8220; oder andere Meta-Ziele: in der Verpuppung l\u00f6st sich alles, was war, vollst\u00e4ndig auf &#8211; zumindest ist das bei Raupen so, wie es bei mir ist, wird sich zeigen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vierte Woche unterm blickdicht verhangenem Ger\u00fcst ist rum. Hab&#8216; ich mich dran gew\u00f6hnt? 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