{"id":1145,"date":"2004-12-18T09:37:47","date_gmt":"2004-12-18T08:37:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1145"},"modified":"2024-02-02T16:45:59","modified_gmt":"2024-02-02T15:45:59","slug":"flops-und-lichtblicke-im-dezember","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/12\/18\/flops-und-lichtblicke-im-dezember\/","title":{"rendered":"Flops und Lichtblicke im Dezember"},"content":{"rendered":"<p>Seit ein paar Tagen sehe ich wieder aus dem Fenster: Das Ger\u00fcst mit der blickdichten Plane ist verschwunden, endlich! Mehr als zwei Monate f\u00fchlte ich mich wie der Kanarienvogel im verhangenen K\u00e4fig. Milchigwei\u00dfes Licht, sonst nichts.<!--more--><\/p>\n<p>Ob es damit zusammen h\u00e4ngt, dass ich keine Lust zum Schreiben hatte? Es war, als ermangele den S\u00e4tzen die Klarheit, das Gerinnen zur festen Form in S\u00e4tzen und Abs\u00e4tzen wollte einfach nicht stattfinden. Statt dessen ein Gef\u00fchl der Vergeblichkeit: Warum soviel reden?<\/p>\n<p>Nun beginnen bald die heiligen N\u00e4chte. Ich werde sie weitgehend alleine verbringen, auch ganz ohne Pflicht und Bindung an einen Schreibkurs. In der ersten Dezemberwoche waren es noch immer nicht genug Teilnehmer, ich hatte wohl zuwenig Werbung gemacht, wollte &#8222;die Welt entscheiden lassen&#8220;, und nicht selbst hinterher sein, mich nicht auf das Ziel &#8222;der Kurs muss stattfinden&#8220; fixieren. Kaum hatte ich abgesagt, sp\u00fcrte ich Erleichterung. Etwas in mir sehnt sich nach einer Zeit ohne Bindung, nach Isolation, nach der Haltung des unbeteiligten Zuschauers: w\u00e4hrend der Weihnachtstage durch die Stra\u00dfen gehen und nirgends dazu geh\u00f6ren, nichts tun, nichts sagen, nichts sollen, nichts m\u00fcssen, nichts wollen. Lockende Leere!<\/p>\n<h2>ToDo<\/h2>\n<p>Die letzten Wochen erlebte ich mit schlechtem Gewissen: Ich schaffe zu wenig, lange nicht alles, was n\u00f6tig w\u00e4re, damit es flutscht. Meine ToDo-Listen geraten mir zum t\u00e4glichen Horror, zwei angefangene Auftragswebseiten m\u00fcssen dringlich fertig werden, die Teilnehmer aus dem Kurs &#8222;Erotisch schreiben&#8220; warten auf das Erscheinen des geplanten Webzines, dem immer noch der Name fehlt. Die Verwaltungsarbeit, die sich bedrohlich aufstaut, muss letztlich doch gemacht werden, und gerade bearbeite ich &#8222;auf die Schnelle&#8220; die Website eines Verbandes: unkreative Code-Modernisierung (CSS statt Tabellendesign), aber fair bezahlt. Daneben wartet ein guter Freund auf meine grafische Zuarbeit, das pers\u00f6nliche Schreibcoaching fordert Aufmerksamkeit und Sorgfalt, Schreibimpulse.de br\u00e4uchte ein Update, die Webwork-Seite ist seit Jahren nur eine Linkliste und sollte mal ein bisschen aufgepeppt werden &#8211; w\u00fcrde ich diese unvollst\u00e4ndige Aufz\u00e4hlung weiter f\u00fchren, h\u00e4tte ich schon jetzt, samstagmorgens um zehn, zu gar nichts mehr Lust!<\/p>\n<p>Wie schaffen es Andere, soviel zu schaffen? Das frage ich mich \u00f6fter, denn ich kenne Menschen, die ein Vielfaches von dem leisten, was ich zustande bringe, wenn es gut l\u00e4uft. Neben ihren oft vielf\u00e4ltigen Berufsarbeiten betreiben sie auch noch hochkar\u00e4tige, Zeit- und Energie fressende Hobbys, treiben intensiv Sport, sind st\u00e4ndig unterwegs, reisen auch noch viel herum und haben volle Terminkalender. (Ganz zu schweigen von den Familienv\u00e4tern und M\u00fcttern, deren Leben so etwas wie &#8222;unverplante Zeit&#8220; meist gar nicht mehr kennt.).<\/p>\n<h2>Der TV-Flop<\/h2>\n<p>Meine Versuche, wenigstens ansatzweise zur TV-Konsumentin zu werden, um auch mal vom vor-dem-Monitor-Hocken ins Couch-Potato-Dasein wechseln zu k\u00f6nnen, sind ein einziges fortgesetztes Scheitern! Der &#8222;terrestrische digitale Empfang&#8220; ist in meiner Wohnung ein Flop: mal gibt&#8217;s eine Stunde was zu sehen, dann knackt es nur noch, das Bild friert fortw\u00e4hrend ein oder zeigt die Meldung &#8222;kein Empfang&#8220;. Und das mitten in Berlin, zentrumsnah, in einem Haus, das nach vorne und hinten freien Blick in die Weite gestattet, also nicht von anderen Geb\u00e4uden umstellt ist, die vielleicht den Empfang behindern k\u00f6nnten. Schon die zweite Zimmerantenne ist im Einsatz, seltsamerweise empf\u00e4ngt sie gar nichts, wenn ich den Regler so aufdrehe, dass der Verst\u00e4rker aktiv ist (rotes L\u00e4mpchen). Bei der Vorherigen, die auch nicht viel anders aussah, war das genau umgekehrt. Was soll ich daraus schlie\u00dfen? Ich bin ratlos! So etwas wie deutlich st\u00e4rkere Antennen, auf dem Balkon zu montieren, hab ich noch nirgends gesehen, wei\u00df auch nicht, ob es helfen w\u00fcrde. Den Umstieg auf eine &#8222;Sch\u00fcssel&#8220; w\u00fcrde mein Vermieter nicht akzeptieren, schlie\u00dflich liegt Kabel im Haus. Das will ich allerdings nicht in Betrieb nehmen, um meine Festkosten nicht noch weiter zu erh\u00f6hen, zudem w\u00e4re dann die teure Set-Top-Box mit digitalem Recorder \u00fcberfl\u00fcssig. Es ist der reine Hohn: Ich WOLLTE nie einen Fernseher, guckte allenfalls beim Lebensgef\u00e4hrten mal mit. Jetzt lebe ich allein, hab&#8216; alles N\u00f6tige angeschafft, WILL in die Glotze gucken und es klappt nicht!<\/p>\n<h2>Sitzen UND Stehen<\/h2>\n<p>In der n\u00e4chsten Woche werde ich eine Revolution an meinem Arbeitsplatz erleben: Ich bekomme einen Sitz-Steh-Tisch, per Knopfdruck hoch- und runterfahrbar. Seit Jahren sehe ich diese Tische als einzige wirklich effektive L\u00f6sung des Sitzproblems an: abwechselnd im Stehen und im Sitzen arbeiten, kein m\u00fchsames Kurbeln oder Wechseln an ein Stehpult, das f\u00fcr notorische PC-User sowieso keine echte L\u00f6sung ist. Nat\u00fcrlich hatte ich nie Geld &#8222;\u00fcbrig&#8220;, um mir meinen Traumtisch zuzulegen &#8211; und jetzt bekomme ich ihn geschenkt! Wenn ich daran denke, werde ich wieder optimistischer, was das Arbeiten angeht: Endlich nicht mehr im Schneidersitz auf dem Stuhl kleben, keine eingeschlafenen Beine mehr, kein verspannter Nacken, Bewegung f\u00fcr die Wirbels\u00e4ule! Auf einmal ist da die Hoffnung, wieder deutlich effektiver arbeiten zu k\u00f6nnen, Zeit und Kraft f\u00fcr eigene kreative Dinge zu haben, zu denen ich kaum mehr gekommen bin, weil ich schlicht nicht mehr solange sitzen kann.<\/p>\n<h2>Allein<\/h2>\n<p>Das zweite Jahr in der neuen Wohnung ist jetzt fast rum. Nach den davor liegenden zehn Jahren &#8222;zu zweit&#8220; hatte ich doch leise Bef\u00fcrchtungen, mich gelegentlich einsam zu f\u00fchlen oder auf diese oder jene Weise zu verwahrlosen. Das ist nicht eingetreten, im Gegenteil, ich hatte vom ersten Tag an das Gef\u00fchl, meine &#8222;endg\u00fcltige&#8220; Lebensweise gefunden zu haben. Es ist der Wahrheit am n\u00e4chsten und f\u00fchlt sich durchweg stimmig an. Ich BIN mit mir selbst allein, auch in Gesellschaft, in liebevoller Umarmung, im Dialog mit einem Freund oder einer Freundin: inwendig bin ich mir ausgeliefert, immer. Allt\u00e4gliches Zusammensein mit Anderen zieht die Aufmerksamkeit von dieser Tatsache ab, bef\u00f6rdert das bewusstlose Interagieren in den Schubladen der Gewohnheiten und Erwartungen. Es erzeugt zudem ein Gef\u00fchl der Leere und Bed\u00fcrftigkeit, wenn dann doch einmal &#8222;niemand da&#8220; ist &#8211; so hab ich das jedenfalls mit zwanzig und drei\u00dfig empfunden, als ich fast nie alleine war, obwohl ich doch eine eigene Wohnung hatte.<\/p>\n<p>Heute empfinde ich das Alleinsein als selbstverst\u00e4ndlichen Normalzustand ohne Mangel, der Kontakt zum Anderen ist die Ausnahme, die ich als besonderes Fest zelebrieren kann. Ich bin dabei wacher, pr\u00e4senter, und nehme das ganze Geschehen viel deutlicher wahr. Gelegentlich kommen mir meine Mitmenschen dann vor wie im Halbschlaf, denn es ist nicht zwangsl\u00e4ufig so, dass das blo\u00dfe Zusammensein &#8222;von Angesicht zu Angesicht&#8220; auch einen wirklichen Kontakt bedeutet. Meist sind sie auch im Miteinander &#8222;voll besch\u00e4ftigt&#8220; mit ihren Angelegenheiten, getrieben von W\u00fcnschen und Problemen, gar nicht offen f\u00fcr den Augenblick, f\u00fcr das, was ist, ohne dass man etwas dazu tun m\u00fcsste. Eine gl\u00e4serne Wand umgibt sie, die zu durchbrechen nicht mein Job ist. (W\u00fcrde ich das wollen, w\u00e4re ich nicht mehr leer und offen, sondern h\u00e4tte ein Ziel, das mit den Zielen des Anderen konkurriert).<\/p>\n<p>Manchmal erlebe ich aber auch Sternstunden: Wenn der Andere ebenfalls in der Stille beheimatet ist oder doch einmal zur Ruhe kommt, ohne in Angst vor der Leere zu erstarren. Dann wird nichts mehr gewollt, gemeint, hinterfragt oder angestrebt, sondern etwas ereignet sich, &#8222;f\u00e4llt ein&#8220; &#8211; ihm oder mir, irgendwann, ohne Eile, ganz von selber. Oft f\u00e4llt es uns sogar gleichzeitig ein, zu oft, als dass das Zufall sein k\u00f6nnte. In der Stille, das wei\u00df ich heute, sind wir nicht getrennt. Wenn das &#8222;Ich denke\/ich will&#8220; mal stoppt, verschwindet sehr viel mehr als die besagte &#8222;gl\u00e4serne Wand&#8220;, es wird dann f\u00fchlbar, was nicht rational &#8222;beweisbar&#8220; ist: Wir sind gar nicht viele, sondern im Innersten eins.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit ein paar Tagen sehe ich wieder aus dem Fenster: Das Ger\u00fcst mit der blickdichten Plane ist verschwunden, endlich! Mehr als zwei Monate f\u00fchlte ich mich wie der Kanarienvogel im verhangenen K\u00e4fig. 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