{"id":113,"date":"2007-12-22T10:56:17","date_gmt":"2007-12-22T08:56:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/12\/22\/von-ordnung-und-chaos\/"},"modified":"2007-12-22T11:08:23","modified_gmt":"2007-12-22T09:08:23","slug":"von-ordnung-und-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/12\/22\/von-ordnung-und-chaos\/","title":{"rendered":"Von Ordnung und Chaos"},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\">In jungen Jahren war ich lange Zeit eine fast militante Vertreterin des &#8222;kreativen Chaos&#8220;. Seit ich mit 19 zuhause ausgezogen war, genoss ich die &#8222;Freiheit&#8220;, alles stehen und liegen zu lassen, wie es kam. Endlich niemand mehr da, der einem rein redet, der schimpft und droht und auch mal alle Schubladen heraus zieht und auf dem Boden aussch\u00fcttet, wie es mein Vater gelegentlich tat. Ich fand das oberspie\u00dfig und unversch\u00e4mt, f\u00fchlte mich als Person nicht geachtet und machte mich vom Acker, sobald es gesetzlich erlaubt war &#8211; nicht blo\u00df wegen der Ordnungsfrage, aber auch.<\/p>\n<p>Es folgten viele Jahre, in denen ich zwar eine eigene Wohnung hatte, die mir aber mehr als St\u00fctzpunkt und Absteige diente denn als wohnlicher Aufenthaltsort: Immer unterwegs, meine Wohnzimmer waren WGs und Kneipen, sp\u00e4ter dann auch die Arbeitsr\u00e4ume der Initiativen und Vereine, in denen ich Politik machte. So richtig zum &#8222;wohnen&#8220; kam ich erst, als diese wilden Jahre vorbei waren und ich mit einem Mann zusammen zog, der es sehr \u00fcbersichtlich mochte: wenig Gegenst\u00e4nde, klare Ordnung, alles im Blick. Da mir die ruhige Atmosph\u00e4re in seiner Wohnung sehr gefiel, passte ich mich an, so gut ich konnte. W\u00e4hrend der Zeit in besetzten H\u00e4usern war ich so oft umgezogen, dass sich mein Besitzstand auf das reduziert hatte, was ich alleine an einem Nachmittag von Wohnung A nach Wohnung B tragen konnte, ohne jemanden um Hilfe zu bitten. Das war schon mal eine gute Ausgangsposition und ich wurde schnell zum Fan klarer Formen und zur Feindin chaotischer Ger\u00fcmpelecken.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Unordnung stresst<\/h2>\n<p>Dass das nicht nur eine Attit\u00fcde blieb, ergab sich durch die Yoga-Praxis. Meine Wahrnehmung der Umgebung wurde sensibler: auf einmal sp\u00fcrte ich Unordnung k\u00f6rperlich, bemerkte, wie sichtbares Chaos den Geist ablenkt und das Gef\u00fchl stresst. Mal ein Beispiel, wie ich das meine: Man denke sich ein gro\u00dfes leeres Zimmer mit sch\u00f6nem Teppichboden ausgelegt. Die Leere hat etwas beruhigendes, nichts zieht die Aufmerksamkeit auf sich, man ist konzentriert und kann ungest\u00f6rt den eigenen Gedanken nach h\u00e4ngen. Nun verteile man drei Zeitungsseiten wild im Raum: schief, zerkn\u00fcllt, ohne jede Ordnung. Betritt man nun diesen Raum, ist das Gef\u00fchl ganz anders. Die planlos herum liegenden Papiere ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, man f\u00fchlt sich versucht, sie genauer anzusehen, bzw. sie aufzusammeln und einen &#8222;ordentlichen Stapel&#8220; aus ihnen zu machen, der nicht mehr st\u00f6rt. Auch wenn man diese Impulse ignoriert, lenken sie dennoch ab &#8211; und wenn man dicht ist gegen diese Wahrnehmung, findet sie eben unterbewusst statt. Unordnung unterst\u00fctzt Zerstreuung und erzeugt subtilen Stress, Ordnung vermittelt Sammlung, Klarheit und innere Ruhe.<\/p>\n<p>Das hatte ich nun endlich (Anfang 40!) realisiert und lebte fortan in oberfl\u00e4chlicher Ordnung, auf die ich manchmal sogar stolz war. Dennoch wurde ich nie zur engagierten Aufr\u00e4umerin, die dauernd irgendwo herum putzt, sondern achtete darauf, dass die Anzahl der Gegenst\u00e4nde insgesamt \u00fcberschaubar blieb, nicht zuviel Nutzloses  herein kam und alles auch wieder verschwand, was ich nicht mehr brauchte. Einen Schrank gab es immer nur im Schlafzimmer, sonst zog ich offene Regale vor, die es verunm\u00f6glichen, verstecktes Ger\u00fcmpel anzuh\u00e4ufen ( &#8222;aus den Augen, aus dem Sinn&#8220;).<\/p>\n<h2>Schleichende Verm\u00fcllung<\/h2>\n<p>Und nun sitze ich doch wieder in einem &#8222;mittleren Chaos&#8220;, das sich im Lauf der Zeit eingeschlichen hat. Oberfl\u00e4chliche Ordnung ist leicht hergestellt, kommt ein Besuch, gar ein gesch\u00e4ftlicher, kann es binnen einer halben Stunde SEHR ordentlich aussehen: alles mal ein bisschen gerade r\u00fccken, die Papiere und Unterlagen auf dem zweiten Schreibtisch ordentlich stapeln und in Schubern verschwinden lassen, die Verpackungen der Computerteile (hab&#8216; mir grade einen neuen bauen lassen) auf den H\u00e4ngeboden, herum stehenden Kleinkram (Kerzen, Feuerzeuge, Thermometer, Digicam, Teekanne&#8230;)  ordentlich verstauen &#8211; fertig! Pingelig bin ich nicht geworden, doch sehne ich mich mittlerweile nach einer tiefer gehenden Ordnung als der, die nur so aussieht: es soll nichts mehr da sein, was nicht gebraucht wird, und von allem, was nicht weg kann, will ich wissen, WO es ist.<\/p>\n<p>Zum Beispiel die vier Regelbretter mit Aktenordnern und die beiden H\u00e4ngeregistraturen: Da sind Beh\u00f6rdenschreiben aus drei Jahrzehnten und Kundenunterlagen aus 10 Jahren, die ich niemals wieder brauchen werde. Technische Kleinteile und Computerkram f\u00fcllt drei gro\u00dfe Schubladen, aus denen ich nie und nimmer irgend etwas ben\u00f6tige: es ist quasi Abfall, aber zu wertvoll, als dass ich den Kram h\u00e4tte wegwerfen wollen. Im Kleiderschrank gibt&#8217;s wieder etliche Klamotten, die ich nicht trage und die B\u00fccher k\u00f6nnten auf die H\u00e4lfte schrumpfen, wenn ich alle weggebe, die ich gewiss nicht mehr lese. An der Wand hinter dem Schreibtisch h\u00e4ngen Memos, deren Datum lange verstrichen ist, und die verschiedenen Schuber mit CDs enthalten Daten, die ich gar nicht mehr kenne. Regelm\u00e4\u00dfig suche ich irgend etwas, zum Beispiel einen roten Filzstift, einen Schraubenzieher oder ein Lineal und muss dann immer schwer herum kramen, bis ich es endlich finde, denn es gibt mindestens f\u00fcnf Orte, an denen ich derlei ablege.<\/p>\n<h2>Loslassen&#8230;<\/h2>\n<p>Gerne m\u00f6chte ich mal wieder komplett &#8222;Tabula rasa&#8220; machen, den \u00fcberfl\u00fcssigen Ballast los werden, das N\u00f6tige \u00fcbersichtlich im Zugriff haben und nicht mehr suchen m\u00fcssen. Wenn mich dieses Gef\u00fchl dann endlich mal zu Taten schreiten l\u00e4sst, begegne ich auch immer Gegenst\u00e4nden mit sentimentalem Wert: Briefe, Geschenke, alte Fotos und Erinnerungsmaterialien verschiedener Art. Die schaue ich an und verabschiede mich, behalte nur das, was ich wirklich noch nicht loslassen kann. Solche Trennungen bedeuten, sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden, denn ich \u00fcberlege mir angesichts jedes Dings, was wohl jemand damit tun w\u00fcrde, der hier ausr\u00e4umt, wenn ich tot bin &#8211; und meistens bef\u00f6rdert das die Entscheidung: kann weg! Ich bin nicht deshalb mehr ICH, stehe nicht sicherer in der Welt, wenn ich Vergangenes horte &#8211; im Gegenteil, ich stabilisiere das Gef\u00fchl, etwas zu verlieren zu haben.  Es ist der falsche Weg, immer mehr Besitz anzuh\u00e4ufen, je \u00e4lter man wird, f\u00fcr mich jedenfalls ist das so. Immer weniger brauchen, nichts aufstauen, viel loslassen: da kann dann auch ein Umzug (und sei es am Ende in ein Heim) nicht mehr gro\u00df ersch\u00fcttern, da die Abh\u00e4ngigkeiten von \u00c4u\u00dferen langsam abgebaut wurden. Ich bin, die ich bin, solange ich da bin &#8211; nicht, weil ich 17 Keller mir viel Krempel angef\u00fcllt habe!<\/p>\n<p>Morgen werde ich also mit dem Aufr\u00e4umen beginnen &#8211; bin mal gespannt, ob der Vorsatz sich h\u00e4lt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In jungen Jahren war ich lange Zeit eine fast militante Vertreterin des &#8222;kreativen Chaos&#8220;. Seit ich mit 19 zuhause ausgezogen war, genoss ich die &#8222;Freiheit&#8220;, alles stehen und liegen zu lassen, wie es kam. 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