{"id":111,"date":"2007-12-20T11:04:05","date_gmt":"2007-12-20T09:04:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/12\/20\/wieder-gelesen-vom-weihnachts-irresein\/"},"modified":"2007-12-20T11:44:06","modified_gmt":"2007-12-20T09:44:06","slug":"wieder-gelesen-vom-weihnachts-irresein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/12\/20\/wieder-gelesen-vom-weihnachts-irresein\/","title":{"rendered":"Wieder gelesen: Vom Weihnachts-Irresein"},"content":{"rendered":"<p>Gestern hab&#8216; ich mal in alten, rund um Weihnachten geschriebenen Diary-Artikeln gest\u00f6bert. Seit 1999 sind das immerhin acht Jahre Weihnachten. Meine Scheu, eigene Texte wieder zu lesen, kann ich noch nicht wirklich erkl\u00e4ren, doch empfand ich gelindes Erschrecken \u00fcber die Gleichf\u00f6rmigkeit der Gedanken und Empfindungen, die da zum Ausdruck kommen. Als w\u00fcrde die Schreibende sich niemals \u00e4ndern.  Mit immer gleichen Blick beschreibt sie die wieder kehrenden Ph\u00e4nomene: die gewisse Genervtheit vom kollektiven Weihnachtszirkus, dann die Freude an der Stille und Leere, am Freiraum, der sich da auf einmal auftut &#8211; und in dem dann doch nichts Bemerkenswertes passiert. Same procedure as every year.<!--more--><\/p>\n<p>Da mein gestriger Artikel zur <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/12\/19\/einsamkeit-an-weihnachten\/\">Einsamkeit an Weihnachten<\/a> ein wenig missgelaunt und selbstgerecht daher kam, poste ich heute den besten Beitrag zum Thema Weihnachten, den meine Sichtung der Vergangenheit finden konnte, nochmal in pr\u00e4gnanter Kurzfassung zum Vergleich &#8211; und auch zur Mahnung an mich selbst, dem &#8222;Weihnachts-Irresein&#8220; nicht widerstandslos zu verfallen!<\/p>\n<h2>Vom Weihnachts-Irresein<\/h2>\n<blockquote><p>&#8222;All&#8216; \u00fcberall auf den Seelenspitzen sehe ich blinkende Bomben sitzen, und innen, aus dem Herzenstor, schaut&#8216; mit gro\u00dfen Augen die Neurose hervor&#8230;&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Diesen &#8222;Weihnachtsreim&#8220; schrieb mir ein Freund, der als Arzt mit vielen Menschen regelm\u00e4\u00dfig in Kontakt kommt. In diesen allzu heiligen Tagen spitzen sich offenbar die Dinge zu: was lang ertragen wurde, wird jetzt unaushaltbar; das bisher locker Weggesteckte t\u00f6tet den letzten Nerv. Der kleine \u00c4rger w\u00e4chst sich zum Gro\u00dfkonflikt aus, die Beziehung kriselt, der Lehrer entl\u00e4\u00dft entnervt die unbelehrbaren Sch\u00fcler &#8211; der Mitmensch ist alles in allem eine richtige Katastrophe. Zwar sind viele damit besch\u00e4ftigt, Geschenke einzukaufen, doch die Gedanken an &#8222;die Anderen&#8220; werden nicht freundlicher, im Gegenteil. Und die Festtage selbst &#8211; so erz\u00e4hlen zumindest immer wieder die Polizeiberichte &#8211; beinhalten Dramen und ausagierte Feindseligkeiten, die den Rest des Jahres an H\u00e4ufigkeit und Intensit\u00e4t deutlich \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Was ist nur los an Weihnachten, dem &#8222;Fest der Liebe&#8220;? Vielleicht &#8211; ich spekuliere mal wild drauf los &#8211; ist es der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit, der in diesen Tagen nicht mehr tolerierbare Ausma\u00dfe annimmt. Einerseits Friede, Freude, Lebkuchenduft und Lichterglanz, das Beschw\u00f6ren einer Harmonie, die auch mitten im vervielf\u00e4ltigten Konsumgeschehen Ziel bewu\u00dfter oder unbewu\u00dfter W\u00fcnsche ist; andrerseits der Blick auf die Realit\u00e4t, die in diesem Vergleich weit dunkler wirkt als \u00fcblicherweise: Niemand liebt. NIEMAND!<\/p>\n<p>Was wir \u00fcblicherweise Liebe nennen ist ein ausgesprochen bedingtes und daher fl\u00fcchtiges Erleben: Solange du meine Erwartungen zu einem gewissen Prozentsatz (der nach eigener Tagesform schwanken kann) bedienst, liebe ich dich &#8211; sobald das aufh\u00f6rt, erkenne ich Dich als Fremden: Himmel, was habe ich eigentlich mit dir zu tun? Und je nachdem, wie abrupt sich solche Bewu\u00dftwerdungen ereignen, umso unbehauster und verweifelter, einsamer und verlassener mag man sich dabei f\u00fchlen: ent-t\u00e4uscht! Und dann?<\/p>\n<p>Werden die pers\u00f6nlichen Welten aus Selbstbetrug und krampfhaft aufrecht erhaltenen Illusionen in Frage gestellt, reagieren viele \u00e4u\u00dferst feindselig, Wut, \u00c4rger und Agressionen aller Art suchen ein Ventil &#8211; und in der Weihnachtszeit explodiert so mancher ganz unvermittelt, von dem man derartiges gar nicht erwartet h\u00e4tte &#8211; nicht jetzt, nicht so!<\/p>\n<p>Nun, das ist das &#8222;Weihnachtsirresein&#8220; &#8211; und keiner ist davor sicher. Es ist kein wirkliches &#8222;Irre sein&#8220; im Sinne von &#8222;ver-r\u00fcckt&#8220;- im Gegenteil, es entsteht duch das Hereinbrechen des Lichts, in diesem Fall des Lichts der Erkenntnis \u00fcber das, was ist. Wir sehen: aha, ich liebe nicht! Aha, auch der Andere liebt mich nicht, er sch\u00e4tzt es nur, wenn ich dies oder jenes \u00b4r\u00fcber reiche: Streicheleinheiten, Vergn\u00fcgen, Schutz, Anerkennung, Ermunterung, Dankbarkeit und so manches, das er sich offensichtlich alleine nicht verschaffen kann.<\/p>\n<p>Gesch\u00e4ftsbeziehungen sind von allen Beziehungen die ehrlichsten, denn sie formulieren \u00fcblicherweise einen Vertrag \u00fcber Geben und Nehmen, \u00fcber die Bedingungen des Miteinander, die sonst so gern verborgen bleiben. Je unausgesprochener und unbewusster diese &#8222;Bedingungen&#8220;, desto gr\u00f6\u00dfer das Konfliktpotenzial, wenn das Licht darauf f\u00e4llt, wenn sichtbar wird, dass sie nicht bzw. nur unbefriedigend erf\u00fcllt werden: zwischen Lebenspartnern, unter Freunden, in Familien, bei Kollegen, im Verh\u00e4ltnis zwischen Lehrer und Sch\u00fcler und selbst zwischen Autor und Publikum &#8211; wer schreibt schon gern f\u00fcr die Schublade?<\/p>\n<p>Im christlichen Kontext des Weihnachtsfestes steht der kommende (lat: &#8222;ad-venit&#8220;) Jesus Christus f\u00fcr das In-die-Welt-Kommen einer bedingunglosen Liebe, einer Liebe, die nicht tauscht und berechnet: genau der Liebe eben, zu der wir nicht f\u00e4hig und gew\u00f6hnlich auch nicht willens sind.<\/p>\n<p>Diese gro\u00dfe Erz\u00e4hlung ist von wunderbarer Symbolkraft! Jeder kann sich davon ergreifen lassen, zumindest in diesem potenziell Gemeinschaft-stiftenden Moment der Sehnsucht: Wir erkennen einander als Unzufriedene, als Sehnende nach einer Liebe, die au\u00dferhalb unseres allzu menschlichen Verm\u00f6gens liegt.<\/p>\n<p>Dazu muss ich nicht mal Christ sein. Religionen sind ja ganz allgemein Tr\u00f6stungssysteme, Therapeutika gegen die Unbehaustheit des Menschen in einem unfassbaren Universum. Wer es schafft, die eine oder andere religi\u00f6se Tr\u00f6stung zu verinnerlichen, ist im Grunde zu beneiden &#8211; wir anderen d\u00fcrfen hoffen, dass der Preis nicht zu hoch ist, dass nicht gleich das Fanatische die Oberhand gewinnt, um die gewonnenen Gewi\u00dfheiten gegen &#8222;Ungl\u00e4ubige&#8220; durchzusetzen. &#8222;Innere Sicherheit&#8220; der einen kann Krieg gegen die Anderen bedeuten, wie wir wissen.<\/p>\n<p>Was ist aber jenseits religi\u00f6ser Geisteswelten, die ja nicht mehr f\u00fcr alle begehbar sind, zu alledem zu sagen? Gibt es auch ohne Jesus Christus, ohne Buddha, Dharma und Sangha einen aufrechten Gang? Ein Dasein, das nicht auf Illusionen baut, aber doch auch den Bezug zu jener unbedingten Liebe &#8211; und sei sie noch so unnerreichbar &#8211; nicht einfach negiert?<\/p>\n<p>Tja, jetzt steht sie da, diese Frage! Ich kann bis zu ihr vordringen, sie aber nicht beantworten. Sowieso best\u00fcnde eine Antwort nicht aus Worten, sondern das je eigene Leben von Augenblick zu Augenblick ist die Antwort &#8211; oder ein Versagen.<\/p>\n<p>&#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>(erstver\u00f6ffentlicht am <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/18_12_02.shtml\">18.12.2002<\/a>)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern hab&#8216; ich mal in alten, rund um Weihnachten geschriebenen Diary-Artikeln gest\u00f6bert. Seit 1999 sind das immerhin acht Jahre Weihnachten. Meine Scheu, eigene Texte wieder zu lesen, kann ich noch nicht wirklich erkl\u00e4ren, doch empfand ich gelindes Erschrecken \u00fcber die Gleichf\u00f6rmigkeit der Gedanken und Empfindungen, die da zum Ausdruck kommen. Als w\u00fcrde die Schreibende sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/111"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=111"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/111\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=111"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=111"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=111"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}