{"id":11,"date":"2006-04-29T13:25:17","date_gmt":"2006-04-29T11:25:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/04\/29\/die-geste-des-anlaufs-ab-morgen-wird-alles-anders\/"},"modified":"2008-01-21T18:04:49","modified_gmt":"2008-01-21T16:04:49","slug":"die-geste-des-anlaufs-ab-morgen-wird-alles-anders","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2006\/04\/29\/die-geste-des-anlaufs-ab-morgen-wird-alles-anders\/","title":{"rendered":"Die Geste des Anlaufs:  Ab morgen wird alles anders?"},"content":{"rendered":"<p>Nein, nat\u00fcrlich nicht! Wenn ich etwas begriffen habe in diesem, nun schon \u00fcber ein halbes Jahrhundert w\u00e4hrenden Lebens, dann ist es diese, recht frustrierende Erkenntnis: Ich bin, was ich geworden bin, und das l\u00e4sst sich &#8211; leider! &#8211; nicht mit einem Fingerschnipsen und auch nicht mit heftigsten Bem\u00fchungen \u00fcber ein paar Wochen willentlich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Wie oft hab&#8216; ich zum Beispiel mit dem Rauchen aufgeh\u00f6rt! Maximal hat es eineinhalb Jahre gehalten, meist aber nur ein paar Monate, oft nur wenige Wochen. Auch der Plan, endlich ein sportlicher Mensch zu werden, mich t\u00e4glich ausreichend zu bewegen, mich nurmehr gesund zu ern\u00e4hren (Obst, Gem\u00fcse, Vollwert&#8230;), hat mich immer wieder zu Lebensver\u00e4nderungsrundumschl\u00e4gen motiviert, die f\u00fcr kurze Zeit alles Denken und F\u00fchlen bestimmten, um dann wieder im Alltag zu versanden. Fast geht es nach dem Motto: Je gr\u00f6\u00dfer der Einsatz, je ernster und aufw\u00e4ndiger die gew\u00fcnschte Ver\u00e4nderung angegangen wird, desto weniger wahrscheinlich der Erfolg.Dasselbe Spiel im Reich der Arbeit: fast jedes Jahr ein Aufbruch zu neuen Ufern: Ist-Analyse, Ziele finden, Aktivit\u00e4ten planen, konzentriert und konsequent an den Dingen dran bleiben, nicht blo\u00df die niemals endende To-Do-List als Instrument benutzen, sondern ordentliche Tages-, Wochen- und Monatspl\u00e4ne, damit ich auch wei\u00df, wann ich &#8222;fertig&#8220; bin. Der &#8222;Ruck&#8220;, den ich mir jedes Mal gebe, tr\u00e4gt \u00fcber ein paar Wochen, dann verliert sich das abenteuerliche Gef\u00fchl des Ausnahmezustands und nahezu unmerklich stellen sich die alten Verh\u00e4ltnisse wieder her. Und niemand ist daran schuld au\u00dfer mir selbst &#8211; eine dem\u00fctigende Einsicht!<!--more--><\/p>\n<h2>Wer will sich \u00e4ndern, wer scheitert?<\/h2>\n<p>Ich selbst &#8211; wer ist das? Ich WILL doch die jeweilige Ver\u00e4nderung, ersehne sie aus ganzem Herzen, investiere meine ganze Kraft, warum klappt das also nicht? Es gibt eine Reihe &#8222;wissenschaftlicher&#8220; Antworten darauf, etwa die, dass mein bewusstes Planen und W\u00fcnschen aus der Gro\u00dfhirnrinde kommt, das tats\u00e4chliche Verhalten aber von tieferen, \u00e4lteren Strukturen im Gehirn gesteuert wird &#8211; etwa der &#8222;Belohnungsmechanismus&#8220;, eine tief eingepr\u00e4gte Suchtstruktur, die nicht einfach so auf ihre gewohnten Gl\u00fccksbringer durch falsches Verhalten verzichten kann. Rei\u00dft man ein einziges missliebiges Glied aus der Kette des Gewohnten, werden jede Menge anderer, bisher zufriedenstellend &#8222;funktionierende&#8220; Aspekte in Mitleidenschaft gezogen. Nichts geht mehr &#8222;wie von selbst&#8220; und der f\u00fcr die Ver\u00e4nderung erforderliche Einsatz an Energie und Aufmerksamkeit \u00fcbersteigt schnell das, was ich zu leisten auf Dauer willens und f\u00e4hig bin.<\/p>\n<p>Ist es also so, dass ich mir nur einbilde, mein Leben aus freiem Willen im Rahmen des Spektrums der M\u00f6glichkeiten gestalten zu k\u00f6nnen? Bin &#8222;ich&#8220; nur ein Fantasma, ein Traum aus chemischen Stoffen, die ja doch machen, was ihnen ihr quasi-materielles Wesen gebietet? Ich hebe die Hand und winke &#8211; das geht doch auch, wenn ich es so will, ganz kann das einfach nicht stimmen. Der Hinweis auf das Physische, das Materielle oder auch das Energetische ist keine Ausrede daf\u00fcr, sich selbst lediglich als Marionette unbeeinflussbarer Prozesse zu betrachten, gegen die man &#8222;eh nichts machen&#8220; kann. Dann br\u00e4uchte ich n\u00e4mlich morgens gar nicht erst aufstehen, weil ich ja wei\u00df, dass ich doch abends wieder im Bett lande und eines Tages sterbe.<\/p>\n<p>Nichts kratzt das Empfinden, eine &#8222;Person&#8220; von einiger Kontinuit\u00e4t zu sein, so sehr an wie das Erleben, binnen k\u00fcrzester Zeit &#8222;umzudenken&#8220;, wenn die Sucht sich meldet. Nicht alle meine Versuche, mit dem Rauchen aufzuh\u00f6ren, scheiterten erst nach einigem Erfolg, oft erlebte ich auch, dass ich das Vorhaben beim ersten heftigen Anfall von s\u00fcchtigem verlangen in den Wind schoss &#8211; ich konnte mir dabei zusehen, wie sich innerlich alles ver\u00e4nderte, wie die Angst, fr\u00fch an Krebs zu sterben, in den Hintergrund trat, wie das Gef\u00fchl des Aufbruchs ins sch\u00f6ne neue gesunde Dasein jede Strahlkraft verlor zugunsten von &#8222;s\u00fcchtigen Gedanken&#8220;, die all das relativierten, Hauptsache, die n\u00e4chste Kippe wird angez\u00fcndet. Einatmen, den ersten Zug tief inhalieren&#8230; ahhhhhh, die Welt ist endlich wieder in Ordnung!<\/p>\n<h2>Im Laufrad der Sucht<\/h2>\n<p>Will ich mich dieser Kraft entziehen, darf ich nicht weiter machen wie bisher. Dann muss ich halt den Tag des ersten Entzugs in einer Saunalandschaft verbringen, wo andere physisch extrem wirksame Stimuli das Leiden an der Sucht &#8222;\u00fcberschreiben&#8220; k\u00f6nnen. Aber das ist nur der Anfang, der Anfang ist relativ leicht, denn man ersetzt einen vermeintlichen Genuss durch einen anderen, ECHTEN Genuss &#8211; wie sch\u00f6n! Dann muss es aber weiter gehen: morgens nicht mehr &#8222;Kaffe und Zigarette&#8220; zum Start in den Tag, sondern Bewegung, Obst und M\u00fcsli &#8211; und das dann jeden Tag! Klar kann ich das als Lust empfinden, wenn ich mich darauf einlasse, doch werden dann auf einmal die physisch weniger lustvollen T\u00e4tigkeiten problematisch: ich f\u00fchle mich nicht mehr wohl, wenn ich lange am Monitor sitze, kann nicht mehr &#8222;ins Virtuelle versinken&#8220;, der K\u00f6rper und seine Bed\u00fcrfnisse bleiben stets pr\u00e4sent &#8211; und das wird l\u00e4stig, ungeheuer l\u00e4stig, wenn man sein Leben zu gro\u00dfen Teilen im Vergessen des Physischen zugebracht hat &#8211; und im Grunde auch weiter zubringen WILL! Der Preis, der f\u00fcr &#8222;gesundes Leben&#8220; zu zahlen ist, erscheint auf einmal immer h\u00f6her &#8211; bis ich zum deprimierenden Punkt des Aufgebens komme, an dem ich resigniere und trotzig sage: sterben muss ich sowieso! Bis dahin will ich aber wenigstens so leben, dass &#8222;alles flutscht&#8220;, so wie es mir leicht f\u00e4llt, wie es &#8222;von selber&#8220; geht &#8211; und das ist eben die s\u00fcchtige, die gesundheitssch\u00e4dliche Art.<\/p>\n<p>Bisher bin ich aus diesem Kreis nicht entkommen. Was sich ver\u00e4ndert hat, sind die Gedanken dar\u00fcber. Ich sitze dem Glauben an die gro\u00dfe Ver\u00e4nderung nicht mehr auf, starte aber gleichwohl mangels Alternative immer neue Versuche. Sich einfach im &#8222;weiter so&#8220; h\u00e4ngen lassen, erweist sich n\u00e4mlich auch nicht als wirklich machbar, schlie\u00dflich sp\u00fcre ich die Wirkungen des falschen Verhaltens t\u00e4glich am eigenen Leib, ab und an erwischt mich die kalte Angst, und ganz pragmatisch gesehen kostet mich das Rauchen zuviel Geld, das ich oftmals gar nicht habe. So pendle ich also zwischen rauchen und nicht rauchen, zwischen Aufbruch und Resignation, wodurch lange schon mein Selbstverst\u00e4ndnis als &#8222;machtvolles Ich&#8220;, das wenigstens &#8222;im eigenen Haus&#8220; das Sagen hat, zu Nichts zerfallen ist.<\/p>\n<p>&#8222;Rauchen&#8220; war mir hier nur ein aktuelles Beispiel, mit allem anderen, was ich gerne ge\u00e4ndert s\u00e4he, verh\u00e4lt es sich ganz \u00e4hnlich. Was in diesem &#8222;Kreislauf der Frustrationen&#8220; nicht mehr funktioniert, sind Einfl\u00fcsse von au\u00dfen &#8211; etwa der gern gegebene Rat, man solle es m\u00f6glichst vielen Menschen mitteilen, dass man nun nicht mehr raucht und nie, nie wieder rauchen werde. Das klappt nur solange, wie es einem wichtig ist, vor Anderen nicht als Versager da zu stehen, doch mit zunehmendem Alter nimmt dieses Geltungsbed\u00fcrfnis vermutlich nicht nur bei mir dramatisch ab. (Wenigstens ETWAS Positives, das in diesem Kontext festzustellen ist!). Die gef\u00fcrchtete Verachtung anderer erweist sich als Projektion der weit schlimmeren Selbstverachtung, die durch das Erleben des Scheiterns ausgel\u00f6st wird. Hat man sie einmal hinter sich gebracht zugunsten einer gewissen Gelassenheit im Selbstverst\u00e4ndnis, zugunsten &#8222;fragenden Beobachtens&#8220; gegen\u00fcber dem, was &#8222;ich&#8220; offensichtlich jenseits dessen, was ich will und denke, auch noch bin, dann sieht man ja, dass die Anderen so ein Scheitern sogar recht gerne sehen, weil sie sich dann selber &#8222;im Vergleich&#8220; besser f\u00fchlen k\u00f6nnen. (Und wer mich ganz pers\u00f6nlich mag, der mag mich rauchend und nicht rauchend gleicherma\u00dfen.)<\/p>\n<h3>Neti neti &#8211; nicht dies, nicht das<\/h3>\n<p>Rauchfrei im Mai &#8211; schon 2003 hab&#8216; ich an dieser Aktion teil genommen und will es dieses Jahr wieder tun. Auf meiner Reise nach Kambodscha bin ich n\u00e4mlich wieder voll reingerasselt in die Sucht, h\u00e4nge auf hohem Level an der Kippe und muss die Wohnung intensiv l\u00fcften und mit R\u00e4ucherst\u00e4bchen (Zitrone, Orange, Lemongrass&#8230;) reinigen, bevor ich Besuch bekomme.<\/p>\n<p>Wird also ab morgen, bzw. \u00fcbermorgen alles anders??? Ich f\u00fcrchte ja, aber vielleicht treibe ich ja noch irgendwo Niko-Kaugummis auf, damit es sich weniger drastisch anf\u00fchlt. Vielleicht denke ich aber auch noch um, bleibe mit Kaffee und Zigaretten vor dem Monitor kleben und sterbe bald an Lungenkrebs. Mein Leben kann ich offensichtlich nicht &#8222;machen&#8220;, es aber einfach lassen, wie es ist, kann ich auch nicht. Im Betrachten dieses Dilemmas ber\u00fchrt der Verstand eine Grenze, an der ich neuerdings das Bed\u00fcrfnis nach Schlaf, nach Bewusstlosigkeit wahrnehme. Es genauer in den Blick nehmend, erkenne ich es als ein Sehnen nach dem Ende der Anstrengungen und Verwirrungen, die das Leben ausmacht. Auf einmal kann ich mir vorstellen, eines Tages gerne zu sterben. Ob es das ist, was Freud den &#8222;Todestrieb&#8220; nannte, den ich bisher nie verstehen konnte und deshalb f\u00fcr ein mentales Konstrukt hielt?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht, wei\u00df nur immer besser, wie wenig ich wei\u00df. Wieder dar\u00fcber zu schreiben, ist mir aber eine Lust, an der ich festhalten will &#8211; wenigstens ein, die nichts Gesundheitssch\u00e4dliches mit sich bringt!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, nat\u00fcrlich nicht! 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