{"id":1067,"date":"2013-04-17T00:27:27","date_gmt":"2013-04-16T23:27:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1067"},"modified":"2013-04-27T10:13:05","modified_gmt":"2013-04-27T09:13:05","slug":"in-teufels-klauen-zur-krisenlage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/04\/17\/in-teufels-klauen-zur-krisenlage\/","title":{"rendered":"In Teufels Klauen &#8211; zur Krisenlage"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Wir m\u00fcssen alles tun, was m\u00f6glich ist, um die private Nachfrage zu steigern.&#8220;<\/em> Das sagt IWF-Chef\u00f6konom Olivier Blanchard, der die Lage in Europa  &#8222;besorgniserregend&#8220; findet, wie <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/iwf-warnt-europa-hinkt-dem-rest-der-welt-hinterher-a-894758.html\">bei SPON zu lesen<\/a> ist.<\/p>\n<p>Passend dazu hab&#8216; ich heute dieses Plakat gesehen:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/plakat.jpg\" alt=\"plakat\" width=\"470\" height=\"423\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1068\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/plakat.jpg 470w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/plakat-300x270.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 470px) 100vw, 470px\" \/><\/p>\n<p>Bin extra vom Fahrrad abgestiegen, um es abzulichten, immerhin werden da die letzten gro\u00dfen Werte, n\u00e4mlich Liebe und &#8222;das G\u00f6ttliche&#8220; vom Marketing okkupiert bzw. umgenutzt ins &#8222;Bem\u00fchen, die private Nachfrage zu steigern&#8220;<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Wachstum: Not-wendig und selbstm\u00f6rderisch zugleich<\/h2>\n<p>Diesseits anderer Krisen-Faktoren  ist DAS aus meiner Sicht die st\u00e4rkste Wurzel der Krise: <strong>Es gibt kein nat\u00fcrliches Wachstum mehr.<\/strong> In Europa haben l\u00e4nger schon alle, die genug Geld oder Kreditw\u00fcrdigkeit besitzen, um MEHR zu kaufen, keinen Bedarf nach MEHR. Man hat alles, was man zum Leben braucht und viele haben sogar weit mehr als das. Ja, einige beginnen sogar, zuviel Besitz als Last zu begreifen und sich von der Konsumismus-Religion ange\u00f6det abzuwenden: ab ins Abenteuer Richtung Down-Sizing, Entschleunigung, &#8222;weniger ist mehr&#8220;&#8230;. Gleichzeitig verarmen immer mehr Menschen oder geraten zumindest in Angst, ihren Status Quo zu verlieren und fallen damit auch als Wachstumstreiber aus. Wachstum aber wird ben\u00f6tigt, denn  unser Geld\/Finanzsystem funktioniert auf Dauer nur mit Wachstum.<\/p>\n<p>Klar, ab und zu gelingt es noch, eine neue Produktlinie zu kreieren und z.B. allen einzureden, dass man hochwertige Espresso-Maschinen haben muss, und anstatt Kaffeebohnen oder Pulver mehrfach so teure &#8222;Pads&#8220;. Aber das sind seltene Gl\u00fccksf\u00e4lle, deren Erfolge zudem prek\u00e4r bleiben: eine Waschmaschine MUSS man haben, wogegen eine Espressomaschine verzichtbar ist, wenn sie nach Ablauf der Garantie-Zeit per <a href=\"https:\/\/www.google.de\/url?sa=t&#038;rct=j&#038;q=&#038;esrc=s&#038;source=web&#038;cd=1&#038;cad=rja&#038;ved=0CDMQFjAA&#038;url=https%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FObsoleszenz&#038;ei=_MNtUaPDEMzgtQafhoCwDA&#038;usg=AFQjCNGp2wXxpP8zkaVqY9qUuS1eBrVt0A&#038;bvm=bv.45218183,d.Yms\">Obsoleszenz<\/a> allzusehr nervt.<\/p>\n<p>Auch Smartphones und Tablets sind eine neue, boomende Produktkategorie. Gef\u00fchlt wichtiger als die Waschmaschine, weshalb viele bereit sind, in kurzen Abst\u00e4nden die jeweils neuesten Gadjets zu kaufen. Der deutschen Wirtschaft hilft das allerdings nicht gro\u00df auf, &#8222;wir&#8220; machen ja immer noch lieber in Maschinen, Autos und <a href=\"http:\/\/www.greenpeace-magazin.de\/?id=5321\">Waffen<\/a>. <\/p>\n<h2>Versteckte Deflation<\/h2>\n<p>Im Briefkasten fand ich gestern das Werbe-Anschreiben eines Versandhandels, bei dem ich noch nie etwas gekauft hatte. 20% auf alles wurden mir angeboten, sofern ich bis Ende Mai Kunde werde und f\u00fcr \u00fcber 50 Euro einkaufe. Klar, ich hab mal kurz \u00fcberlegt, ob ich nicht irgend etwas sowieso brauche, was ich hier g\u00fcnstig kaufen k\u00f6nnte. Aber nein, mir f\u00e4llt grade nichts ein, zudem wei\u00df ich, dass solche Angebote immer wieder kommen. L\u00e4den, bei denen ich schon mal Kunde war, senden regelm\u00e4\u00dfig die Botschaft:<em> Kauf was bis zum&#8230;, dann SPARST du X Prozent.<\/em><\/p>\n<p>Als eine, die alles Ben\u00f6tigte gerne im Netz kauft, wurde ich schnell aufmerksam auf das &#8222;Gutschein-Code-Feld&#8220; im Bestellprozess. Und damit auf die im Web kursierenden Gutscheine mit ebensolchen Lock-Rabatten, die es von Hinz und Kunz immer wieder gibt. Bevor ich also den &#8222;kostenpflichtig kaufen&#8220;-Button dr\u00fccke, google ich zuvor noch nach &#8222;Anbietername Gutschein&#8220; und schaue, ob es gerade Rabatt gibt. Oft mit Erfolg. <\/p>\n<p>Hat man dann etwas gekauft, ist das Bem\u00fchen um die Nachfrage-Steigerung noch nicht zu Ende: gelegentlich lande ich dann auf einer Seite mit weiteren Gutscheinen, die mich mit ordentlichen Rabatten anderswohin locken wollen.<\/p>\n<p>Bei mir haben sie alle Pech: ich kaufe tats\u00e4chlich nur, was ich wirklich brauche. Insofern bin ich einer der vielen Sargn\u00e4gel des auf Wachstum angewiesenen Systems. Und nicht mal vornehmlich aus Rebellentum oder Kritik, sondern weil ich andere Interessen habe als Shopping, &#8222;sparen&#8220;, Schn\u00e4ppchenjagd etc.<\/p>\n<p>Eigentlich wollte ich nicht ins Pers\u00f6nliche abschweifen, sondern meinen allgemeinen Eindruck mitteilen: Wir befinden uns l\u00e4ngst in der gef\u00fcrchteten <strong>Deflation<\/strong>: man wartet darauf, dass es noch mehr Rabatt gibt, bis man sich herbei l\u00e4sst, das n\u00e4chste, nicht unbedingt lebenswichtige Dingsda zu kaufen.<\/p>\n<p>Das ist GIFT f\u00fcr das komplexe System, das all unsere Krisenverianten gebiert: Schuldenkrise, Geldkrise, Bankenkrise, Euro-Krise etc. usw.   Also wird gerettet, was das Zeug h\u00e4lt: mehr Schulden gemacht, mehr Geld gedruckt, Demokratie abgebaut und und und. <\/p>\n<p>Das Retten und Rumwursteln auf allen Ebenen (nicht nur in Europa) ist so entsetzlich &#8222;alternativlos&#8220;, weil wir mehr und mehr begreifen, dass wir &#8222;das B\u00f6se&#8220; tun m\u00fcssen, allein um unseren Status Quo zu erhalten. Und dass das vermutlich nicht mal reichen wird.<\/p>\n<p>Immer mehr Konsum weit \u00fcber das Notwendige hinaus verschleudert sinnlos Ressourcen, produziert M\u00fcllhalden, Dreck- und Plastik-verseuchte Meere, erzeugt Hunger, Krieg und soziales Elend in vielen L\u00e4ndern, versch\u00e4rft den Klimawandel zu unseren Ungunsten, belastet und beraubt k\u00fcnftige Generationen &#8211; und DAS sollen wir also mittels vermehrter Konsumanstrengungen ERHALTEN WOLLEN?<\/p>\n<p>Ja, sagt ein Teil meiner Selbst: <em>Wir m\u00fcssen! Sonst wird es hier realweltlich deutlich ungem\u00fctlicher, auch f\u00fcr Dich! <\/em><\/p>\n<p>WIE IRRE IST DAS DENN? Weil es offenbar keinen bewusst gestalteten \u00dcbergang bzw. keine R\u00fcckkehr ins &#8222;vern\u00fcnftige Wirtschaften&#8220; gibt, auf den man sich einigen k\u00f6nnte (!), entwickelt sich das Geschehen eben in seiner unberechenbaren Eigendynamik weiter. Jeder gegen jeden, obwohl doch alle wissen, dass in der globalisierten Welt alle voneinander abh\u00e4ngen! (Selbst Angela Merkel sprach zu Beginn ihrer Kanzlerschaft schon gleich von den &#8222;kommunizierenden R\u00f6hren&#8220;&#8230;. )<\/p>\n<p><strong>&#8222;In Teufels Klauen&#8220;<\/strong> hab&#8216; ich diesen Artikel betitelt, nicht weil ich an den Teufel als Geistwesen glaube, sondern weil die Metapher f\u00fcr unsere Situation gut passt: Wenn man sich gewungen f\u00fchlt, das vern\u00fcnftigerweise maximal Sch\u00e4dliche zu tun, weil jegliches Abweichen von diesem Kurs die eigene, im Weltma\u00dfstab privilegierte Lebensweise massiv besch\u00e4digen w\u00fcrde &#8211; tja, dann ist man tats\u00e4chlich &#8222;in Teufels Klauen&#8220; gefangen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wir m\u00fcssen alles tun, was m\u00f6glich ist, um die private Nachfrage zu steigern.&#8220; Das sagt IWF-Chef\u00f6konom Olivier Blanchard, der die Lage in Europa &#8222;besorgniserregend&#8220; findet, wie bei SPON zu lesen ist. 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