{"id":105,"date":"2007-11-27T22:38:21","date_gmt":"2007-11-27T20:38:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/11\/27\/rasender-stillstand-ein-blitzlicht\/"},"modified":"2007-11-27T22:38:21","modified_gmt":"2007-11-27T20:38:21","slug":"rasender-stillstand-ein-blitzlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/11\/27\/rasender-stillstand-ein-blitzlicht\/","title":{"rendered":"Rasender Stillstand &#8211; ein Blitzlicht"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal fasere ich nach allen Seiten aus und tue nichts dagegen. Ich sp\u00fcre, wie die zentrifugalen Kr\u00e4fte an mir zerren und mich immer weiter zerstreuen, bemerke, wie ich in fluktuierendem Multitasking durch den Tag wusele, von Thema zu Thema zappe und oft nur noch staune, dass meistens alles klappt, gut sogar, und dass dieser Zustand &#8222;normal&#8220; ist.<\/p>\n<p><strong>Getting information from the internet is like drinking water from a fire hydrant<\/strong> &#8211; das gefl\u00fcgelte Wort beschreibt das Gef\u00fchl, das ich meine, nur dass es nicht alleine die Infos sind, die durch ihre schier unendliche Vielfalt \u00fcberw\u00e4ltigen: hinzu kommt alles, was &#8218;rein kommt auf den verschiedenen, selbst gew\u00e4hlten Spielfeldern. All die verschiedenen Anforderungen der Kunden, Auftraggeber und Kursteilnehmer, die Kommentargespr\u00e4che und Mail-Reaktionen rund um meine Blogs, das Geschehen in den Communities, die ich gelegentlich aufsuche, hunderte SPAM-Mails auf sieben verschiedenen Mailboxen, dazu Nachrichten, Anfragen, Einladungen, Bitten um Verlinkung, Hilfe und Meinung, Hinweise auf interessante Webseiten, <a href=\"http:\/\/www.modersohn-magazin.de\/2007\/11\/23\/berlin-steht-auf\/\">lustige Videos<\/a>, neue Werke von Freunden und Bekannten &#8211; und das ist immer noch nicht alles. T\u00e4glich besuche ich ein paar Lieblingsblogs, verfolge \u00fcber einen Feedreader zweihundert weitere, recherchiere viermal die Woche Wellnessthemen und lese gelegentlich DIE ZEIT, das Wochenbl\u00e4ttchen aus dem Briefkasten, eine Tageszeitung und diverse Printmagazine.<!--more--><\/p>\n<p>Nebenbei muss die technische Infrastruktur gepflegt werden, Support-Kontakte, Foren-Besuche bei Problemen, hier ein Update, da eine Schutzma\u00dfnahme und den n\u00e4chsten Computer stelle ich erstmalig aus Einzelteilen zusammen: berate mich per E-Mail mit dem Experten meiner Wahl, bestelle die Teile in 5 verschiedenen Web-Shops, zahle im voraus, beobachte den Lieferungsprozess und werde &#8211; wenn alles beisammen ist &#8211; zum ersten Mal beim &#8222;Zusammenbau&#8220; dabei sein. Das dann aber mal nicht virtuell, sondern im richtigen Leben (ich werde berichten!).<\/p>\n<p>Auch die Beh\u00f6rdenfront braucht Pflege, am Sonntag war Steuer 2006 dran, endlich, was immer auch den Einstieg in die Papierberge und \u00fcberquellenden Schuber auf dem zweiten Schreibtisch bedeutet. Nun ist alles beim Steuerberater, die Papier-D\u00fcnen sind teilentsorgt und in den Zustand &#8222;70% aufger\u00e4umt&#8220; \u00fcberf\u00fchrt. Fehlt noch die j\u00e4hrliche Meldung an die K\u00fcnstlersozialversicherung, die GEZ-\u00dcberweisung und die weitere Abwicklung meines Umzugs weg von der Postbank zu einem komfortableren Konto, gar nicht so einfach, wenn die alte Kontonummer weitr\u00e4umig verstreut ist.<\/p>\n<p>Mehrmals am Tag tanze ich auch im physischen Raum: Kaffee kochen, Milch aufsetzen, sp\u00fclen, waschen, M\u00fcll runter tragen &#8211;  die  immer gleichen Abl\u00e4ufe der allt\u00e4glichen T\u00e4tigkeiten k\u00f6nnen beruhigen oder nerven, je nachdem, wie bereitwillig ich mich auf die vergleichsweise so sperrige Materie einlasse. Zwei kleine L\u00e4den und zwei Superm\u00e4rkte sind die Nahziele au\u00dferhalb der Wohnung, mittags besuche ich den <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-Gartenblog.de\">Garten<\/a>, wegen des Wetters allerdings nicht mehr t\u00e4glich.<\/p>\n<p>Zur Zeit navigiere ich im Chaos des Vielzuvielen ohne Plan, entlang  an der sich spontan fortschreibenden To-Do-Liste im Kopf und den Anforderungen, wie sie eben kommen. Da es unm\u00f6glich ist, alle Dimensionen und Ebenen meiner Spielfelder stets pr\u00e4sent zu halten, entsteht schon mal ein Gef\u00fchl wie beim Wandern durch dichten Nebel:  jeden Moment kann von &#8222;irgendwoher&#8220; etwas auftauchen, das Befassung verlangt. Die Sicht reicht immer nur f\u00fcr die n\u00e4chstens Schritte, f\u00fcr deren Richtung es allerdings &#8211; anders als im Nebel &#8211; fortw\u00e4hrend jede Menge konkurrierende Vorschl\u00e4ge von innen und au\u00dfen gibt.<\/p>\n<p>Wenn ich all das so hinschreibe, k\u00f6nnte es klingen, als f\u00fchlte ich mich im Stress. Dem ist aber nicht so, denn daf\u00fcr fehlt alledem das gef\u00fchlte Drohpotenzial. Wenn etwas nicht klappt, geht ja keinesfalls die Welt unter, es bedeutet nur eine weitere Verkomplizierung im Komplexen bis das Problem wieder abgearbeitet ist. Dass irgend etwas mal knirscht geh\u00f6rt zum t\u00e4glichen Gesch\u00e4ft wie der Stau an der Supermarktkasse. Seitdem meine Miete immer f\u00fcr ein paar Monate im voraus gesichert ist,  hege ich keine Bef\u00fcrchtungen mehr, sondern kranke eher an zu vielen Vorhaben: alle sinnvoll, alle n\u00fctzlich und verlockend, doch leider ist die Zeit begrenzt und ich kann mich nicht vervielfachen.<\/p>\n<p>So schaue ich nur neugierig zu, wie dieser ganze &#8222;rasende Stillstand&#8220; anw\u00e4chst: jeden Tag mehr M\u00f6glichkeiten, mehr Entscheidungsbedarf, mehr Auswahl und entsprechende Informationspflichten. Immer mehr lockere Kontakte mit und ohne &#8222;wesentlichen&#8220; Inhalt, mehr Passw\u00f6rter, mehr Viren, mehr Versuche, mir dummdreist das Geld aus der Tasche zu ziehen und mehr n\u00fctzliche Infos, um mich dagegen zu sch\u00fctzen. Wenn ich dann abends auch noch so verr\u00fcckt bin und quer durch die TV-Kan\u00e4le zappe, anstatt mich um eine Geist und Psyche erholende Stille zu bem\u00fchen, wundere ich mich, dass ich noch nicht beim TILT angekommen bin!<\/p>\n<p>W\u00fcrde ich sp\u00fcrbar leiden, w\u00e4re ich lange schon wieder beim Wochenplan und anderen Ma\u00dfnahmen zur inneren Sammlung. Da dem aber nicht so ist, lasse ich mutwillig alles weiter ausufern und warte bis der Punkt kommt, an dem es weh tut.  Offenbar klebe ich an der Gewohnheit fr\u00fcherer Lebensjahrzehnte, mich durch Leiden steuern zu lassen, doch ist das kein guter Kompass mehr, wenn man ein paar Methoden verinnerlicht hat, g\u00e4ngige Leidensformen gar nicht erst auftreten zu lassen. H\u00e4tte ich ein Lebensziel oder bestimmte W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft, erg\u00e4be auch das genug Motivation, mich zu sammeln, die Dinge zu vereinfachen und mich zu konzentrieren. Leider l\u00e4sst sich das nicht mal eben so aus dem Kopf beschlie\u00dfen, es h\u00e4tte keinen Bestand \u00fcber den Tag hinaus.<\/p>\n<p>So trete ich also nach dieser kleinen Besinnungspause wieder auf die Kommandobr\u00fccke, lasse mir von den Monitoren zeigen, was gerade der Fall ist, treffe mit ein paar Mausklicks meine Wahl und murmele: Energie!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal fasere ich nach allen Seiten aus und tue nichts dagegen. 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