{"id":1047,"date":"2013-03-13T12:32:29","date_gmt":"2013-03-13T11:32:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1047"},"modified":"2013-03-19T10:53:01","modified_gmt":"2013-03-19T09:53:01","slug":"lebst-du-dein-leben-oder-liest-du-nur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2013\/03\/13\/lebst-du-dein-leben-oder-liest-du-nur\/","title":{"rendered":"Lebst du noch oder liest du nur?"},"content":{"rendered":"<p>Bewundernswert, wie Thinkabout es schafft, t\u00e4glich etwas zu schreiben &#8211; und gar nicht langweilig, oft inspirierend, mindestens nachdenklich stimmend. Im <a href=\"http:\/\/thinkabout.ch\/article\/vor-dem-fenster-waer-s-smart\">heutigen Blogpost<\/a> geht es um das ver\u00e4nderte Verhalten beim Bahn-fahren. Kaum jemand schaut mehr aus dem Fenster, fast alle gucken auf ihr Smartphone. Thinkabout nicht:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Wir lassen es stecken und schauen aus dem Fenster, der Landschaft nach oder entgegen, die an uns vorbei streicht. Wir sehen immer wieder Menschen, stellen uns Geschichten vor, sehen sie gehen, arbeiten, schwatzen, wohnen, wie in einem farbigen Stummfilm bahnt sich der Zug seinen Weg durch tausende Leben. So viel, was selbst Unge\u00fcbte sehen k\u00f6nnen \u2013 aber unm\u00f6glich verarbeiten. Eine kurze Bahnfahrt reicht, um uns so viel reales Erleben zu vermitteln, wie wir auf unseren Screens in einem ganzen Tag nicht erlebt bekommen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><br \/>\nIch f\u00fchle mich ertappt, auch ohne Smartphone. Geh\u00f6re ich doch zu jenen, die im Zug lieber ein Buch oder eine Zeitung lesen anstatt mich viel f\u00fcr die Umwelt zu interessieren. Warum? Weil das gelobte &#8222;reale Leben&#8220; da drau\u00dfen nichts mit mir zu tun hat. Erst am Ziel, am Ort, wohin ich unterwegs bin, findet mein pers\u00f6nliches Leben seine Fortsetzung. Der Weg dahin erscheint mir vornehmlich als Zwangspause, die ich gerne mit Medienkonsum f\u00fclle &#8211; allerdings eher mit solchen Medien, die ich zuhause am Bildschirm nicht konsumiere. <\/p>\n<p>Geschichten stelle ich mir nur selten vor, nur dann, wenn wirklich etwas Spektakul\u00e4res passiert: ein heftiger Streit, ein Besoffener, der laute Reden h\u00e4lt, aber sowas war und ist ja eher selten. Normalerweise denke ich mir beim Blick auf fremde Mitreisende h\u00f6chstens mal: <em>Sie alle sind f\u00fcr sich genauso der Mittelpunkt der Welt wie ich f\u00fcr mich. Wie seltsam! <\/em><\/p>\n<p>Thinkabout weiter: <\/p>\n<blockquote><p>Das Leben im Smartphone schwurbelt sich in Aufregungen hoch, die so k\u00fcnstlich sind, dass sie in sich zusammen fallen, kaum l\u00e4sst man das Ger\u00e4t sinken. Es vorbei streichen zu lassen, ist nicht so dramatisch wie der verpasste Ausblick aus dem Fenster. Dabei k\u00f6nnten wir einfach mal nichts tun und schauen. Betrachten. Gedanken ziehen lassen und willkommen heissen. Uns selbst nachh\u00e4ngen statt der Nachricht, die wom\u00f6glich so wenig von uns handelt oder nicht wirklich nach uns fragt. <\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Mir selbst nachh\u00e4ngen&#8220; in meditativer Versunkenheit ist f\u00fcr mich eine Praxis des Sommerhalbjahrs. Im Garten, wenn der K\u00f6rper durch leichte Arbeit entspannt ist, liege ich gerne im Liegestuhl, blinzle in die Sonne und beobachte den Atem, das Summen der Insekten, die kommenden und gehenden Gedanken, die jedoch immer weniger werden. Das ist ungemein erholend und doch etwas ganz anderes als der &#8211; oft gelangweilte &#8211; Blick aus einem Zugfenster oder auf irgendwelche Mitreisenden. <\/p>\n<p>Ja, da versage ich angesichts des viel zitierten Spruchs &#8222;der Weg ist das Ziel&#8220;. Beamen w\u00fcrde ich jederzeit vorziehen. <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Leben findet statt. Vor dem Fenster. Auch vor dem Screen?&#8230;. Ich lebe mein Leben nicht, und das, was war oder h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, ist endg\u00fcltig verloren.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein deprimierendes Fazit. Aber stimmt das? Was h\u00e4tte denn sein k\u00f6nnen, wenn ich meine Mitreisenden mit gr\u00f6\u00dferem Interesse betrachtet h\u00e4tte? Wenn ich mich \u00fcber die agrarischen Monokulturen oder die unterschiedlich verm\u00fcllten Stadtlandschaften da drau\u00dfen aufregte, anstatt \u00fcber die aktuelle Krisenlage im Euro-Raum oder die neuesten Angriffe auf Menschenrechte, Meinungsfreiheit, informationelle Selbstbestimmung? H\u00e4tte das mehr mit mir zu tun, mehr mit &#8222;richtigem Leben&#8220;?<\/p>\n<p>Besinnungen dieser Art gehen allesamt vom gro\u00dfen Unterschied zwischen &#8222;realem Leben&#8220; und medial vermitteltem Leben aus. Das gro\u00dfe Projekt, dass derzeit betrieben wird, ist allerdings das vollst\u00e4ndige Zusammenwachsen dieser Ebenen. Einen &#8211; zugegeben noch futuristischen &#8211; Ausblick, wie das Erleben als Individuum bald sein k\u00f6nnte, zeigt <a href=\"http:\/\/vimeo.com\/46304267\">das Video Sight<\/a>. <\/p>\n<p>Ist das einmal umgesetzt, werden diese Menschen der Zukunft gar nicht mehr verstehen, \u00fcber was wir uns hier Gedanken gemacht haben. Denn das &#8222;Gedanken machen&#8220; ist dann auch schon ausgelagert.  Und wird vielleicht gar nicht vermisst.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bewundernswert, wie Thinkabout es schafft, t\u00e4glich etwas zu schreiben &#8211; und gar nicht langweilig, oft inspirierend, mindestens nachdenklich stimmend. Im heutigen Blogpost geht es um das ver\u00e4nderte Verhalten beim Bahn-fahren. Kaum jemand schaut mehr aus dem Fenster, fast alle gucken auf ihr Smartphone. 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