{"id":1042,"date":"2004-05-27T13:56:56","date_gmt":"2004-05-27T12:56:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1042"},"modified":"2013-03-10T14:01:29","modified_gmt":"2013-03-10T13:01:29","slug":"blockiert-und-ratlos-warten-auf-den-ruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/05\/27\/blockiert-und-ratlos-warten-auf-den-ruck\/","title":{"rendered":"Blockiert und ratlos: Warten auf den Ruck"},"content":{"rendered":"<p>Gestern morgen funktionierten zwei meiner Mailboxen nicht mehr, ich konnte zwar Nachrichten empfangen, aber nicht mehr versenden. &#8222;Unerwarteter Verbindungsabbruch&#8220; war alles, was ich dar\u00fcber in Erfahrung bringen konnte. Anstatt gro\u00df rumzuforschen, benutzte ich zum Senden eine andere Mailbox, und siehe da: heute geht es wieder. Aussitzen ist eben manchmal doch die beste L\u00f6sung!<\/p>\n<p>Nicht l\u00e4nger &#8222;aussitzen&#8220; kann ich die Frage, wie ich jetzt m\u00f6glichst schnell wieder Geld verdiene &#8211; auf neuen und alten Wegen. Nach den ersten f\u00fcnf, sehr gut gelaufenen Schreibimpulse-Kursen war eine kreative Pause angesagt. Die hab&#8216; ich mir auch geg\u00f6nnt, locker darauf vertrauend, dass meine sonstigen Eink\u00fcnfte die L\u00fccke \u00fcberbr\u00fccken werden. Dann aber begann es auch hier zu &#8222;stottern&#8220;: ein Hauptkunde balanciert am Rande der Insolvenz und zahlt nur Mini-Betr\u00e4ge ab, ein anderer, von dem einige Auftr\u00e4ge zu erwarten sind, hat ausgesprochen lange Entscheidungsfindungszeiten &#8211; und prompt steh&#8216; ich finanziell vor dem Nichts!<\/p>\n<p>Was tun? Diese Frage ist mir im Alltag weit n\u00e4her als das meditative &#8222;Wer bin ich?&#8220; &#8211; und doch hat das eine mit dem Anderen viel zu tun. Seit 1996 arbeite ich &#8222;im Internet&#8220;, und zun\u00e4chst dachte ich, ich h\u00e4tte ein neues Paradies gefunden. Ich erschuf Netz-Magazine, kn\u00fcpfte unz\u00e4hlige Kontakte, moderierte eine gro\u00dfe Mailingliste, die einzig der &#8222;Webkultur&#8220; gewidmet war &#8211; und ich machte Kunst, spielte mit den M\u00f6glichkeiten der neuen Technik, dr\u00fcckte mich in ihnen aus, entwickelte schlie\u00dflich meine pers\u00f6nliche &#8222;Schreibe&#8220;, die die Jahre \u00fcberdauert hat und in diesem Webdiary zu besichtigen ist.<\/p>\n<p>Um den Gelderwerb musste ich mich zu Beginn nicht k\u00fcmmern. Mein befristeter Arbeitsplatz als Projektleiterin bei einem ABM-Tr\u00e4ger war gerade weggek\u00fcrzt worden und &#8211; ausgehend von BAT 3a Vollzeit &#8211; hatte ich mittels Arbeitslosengeld ein recht bequemes Auskommen. Ich suchte NICHT nach einem neuen, \u00e4hnlichen Job, sondern warf mich mit aller Begeisterung, neugierig, lernwillig und schier unendlich belastbar auf das neue Medium. Und tats\u00e4chlich: Das Vertrauen, dass sich in Sachen Geld verdienen schon irgend etwas ergeben werde, hat nicht getrogen. Schon sehr bald kamen die ersten Interessenten, die sich von mir eine Website bauen lie\u00dfen, zudem schrieb ich f\u00fcr Printmedien \u00fcber Internet-Themen und dann sogar ein &#8222;Netzlexikon&#8220; &#8211; erschienen im MIDAS-Verlag, leider ein wenig der Zeit voraus.<\/p>\n<p>\u00dcber die Jahre ist es dann immer so weiter gegangen. Nie musste ich &#8222;akquirieren&#8220;, um zu Auftr\u00e4gen zu kommen &#8211; immer fanden sich rechtzeitig neue Auftraggeber ein: Menschen, die mich aufgrund meiner nonkommerziellen Aktivit\u00e4ten bemerkt hatten und Gefallen fanden an dem, was ich so mache. Und sie empfahlen mich weiter, gaben Folgeprojekte in Auftrag &#8211; bis heute funktioniert diese &#8222;Schiene&#8220;, doch kann sie mich nicht mehr vollst\u00e4ndig finanzieren. Schlie\u00dflich hat mittlerweile jeder eine Website, der sie wirklich braucht. Und wer macht in diesen schwierigen Zeiten schon Geld f\u00fcr ein Update locker, wenn es nicht unumg\u00e4nglich ist?<\/p>\n<p>Zudem hat sich die Netzwelt grundst\u00fcrzend ge\u00e4ndert. Manchmal staune ich, wie effektiv mittlerweile alles durchkommerzialisiert ist. Sucht man irgend eine kleine Hilfe bei ganz allt\u00e4glichen Bed\u00fcrfnissen, landet man auf intelligent gestalteten Angebotsseiten: winzige Basic-Infos gibt es kostenlos, doch sobald auch nur der geringste echte Nutzen gefragt ist, ist die Registrierung und das Abo f\u00e4llig. Und all das funktioniert mittlerweile auch. Die Leute ZAHLEN wirklich!<\/p>\n<p>Ich bin keine Nostalgikern und stehe hier nicht an, \u00fcber &#8222;den Kommerz&#8220; zu klagen. Klar m\u00fcssen alle Geld verdienen und warum zum Teufel soll irgend jemand seine hart erarbeiteten Werte fortlaufend kostenlos unters Volk werfen? Ja wo leben wir denn? Ganz gewiss nicht im Paradies!<\/p>\n<p>Ich frag mich nur: was bedeutet das f\u00fcr MICH? Die Tatsache, dass das Netz zum gro\u00dfen kommerziellen Nutz-Medium geworden ist, heisst auch, dass es als &#8222;Kultur-Medium&#8220; kaum mehr wahrgenommen wird. Zwar gibt es immer noch Menschen, die auf ihren Homepages und Blogs wundervolle Inhalte bieten, aber sie werden kaum mehr gefunden. F\u00fcr Erw\u00e4hnungen in Newslettern und auf gut besuchten Websites muss man lange schon zahlen, in den Suchmaschinen erscheinen fast nur noch kommerzielle Anbieter, die es sich leisten k\u00f6nnen, viel Arbeit in die &#8222;Optimierung&#8220; ihrer Webseiten f\u00fcr Google et al zu investieren &#8211; mit allen Tricks.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung entzieht meiner bisherigen Art und Weise, zu Auftr\u00e4gen zu kommen, den Boden. Das ist lange schon sp\u00fcrbar, aber ich hatte, solange es noch irgendwie ging, nicht wirklich Lust, mich dem Problem zu stellen. Ein Schritt in die richtige Richtung sind immerhin schon die Online-Schreibkurse &#8211; aber davon alleine werde ich nie leben k\u00f6nnen, wenn sie GUT bleiben sollen und nicht zu einem anonymen Massenbetrieb werden, bei dem ich dann nur noch das Organisatorische abwickle.<\/p>\n<p>Das klingt so &#8222;m\u00e4chtig&#8220;, so als k\u00f6nnte ich es tun, wenn ich nur wollte &#8211; aber so ist es nicht. Im Rahmen eines Jobs bin ich auch mal eine ganz ordentliche Verwaltungs- und Organisationskraft, aber wenn ein Projekt ganz &#8222;aus mir heraus&#8220; entstehen und bl\u00fchen soll, dann muss ich an meiner Arbeit auch richtig Freude haben. Und zwar nicht nur am Erfolg, sondern am konkreten Tun von Tag zu Tag.<\/p>\n<h2>Unter Druck..<\/h2>\n<p>Wie beneide ich doch gelegentlich die Menschen, die immer schon wissen, was sie arbeiten und womit sie n\u00fctzlich sein k\u00f6nnen! So ein handfester, klar definierter Beruf, Arzt, Schornsteinfeger oder Steuerfachgehilfin &#8211; muss doch toll sein! Man wei\u00df, wann die Arbeit zu Ende ist und muss sich keine Gedanken machen, wovon man demn\u00e4chst leben wird. Und man hat &#8222;richtige&#8220; Freizeit, sogar Urlaub. Das &#8222;ganzheitliche&#8220; Leben und Arbeiten, in dem alles mit allem zusammen h\u00e4ngt, ist nicht wirklich die gl\u00fcckbringendere Wahl. So zumindest erlebe ich das zur Zeit, nach acht Jahren Selbst\u00e4ndigkeit als &#8222;multi-dimensionale&#8220; Webworkerin.<\/p>\n<p>Was also tun? Tagt\u00e4glich gehe ich mit dieser Frage um, wohl wissend, dass sie nicht rein gr\u00fcblerisch zu l\u00f6sen ist. Es gibt ja doch etliches, was ich tun k\u00f6nnte &#8211; immer wieder mal schreib ich eine neue To-Do-Liste, um mir die M\u00f6glichkeiten neu vor Augen zu halten, aber es bedarf zumindest eines kleinen Funkens heller Begeisterung, um so richtig mit etwas Neuem loszulegen. Statt dessen w\u00e4chst nur der Druck, der von meinem Kontostand ausgeht. Noch nie hab&#8216; ich mich so blockiert gef\u00fchlt wie in den letzten Wochen.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber schreiben ist immer eine gute M\u00f6glichkeit gewesen, mir klar zu machen, was eigentlich los ist. Im Moment scheint auch diese &#8222;Methode&#8220; wenig Erhellung zu bringen. Ich kann die Situation beschreiben, aber der &#8222;Ruck&#8220;, der irgendwie kommen muss, geschieht nicht, indem ich S\u00e4tze aneinander reihe. Meine innere Bereitschaft, auch radikale L\u00f6sungen anzunehmen, ist mittlerweile gro\u00df &#8211; nichts dagegen, wieder mal &#8222;angestellt&#8220; zu arbeiten oder als &#8222;feste Freie&#8220; kommerzielle Projekte zu pflegen, Communities zu bedienen, PR- und Werbetexte zu schreiben, Newsletter zu betreuen, was immer halt gebraucht wird. Auch au\u00dferhalb des Netzes w\u00fcrde ich arbeiten, wenn sich etwas anb\u00f6te &#8211; aber all das f\u00fchrt nur mitten hinein ins Heer der Arbeitslosen, die genau solche Jobs suchen.<\/p>\n<h2>K\u00fche h\u00fcten?<\/h2>\n<p>K\u00fcrzlich sah ich mal eine Website, die sich auf die Vermittlung von K\u00fche-H\u00fcterinnen spezialisiert hatte. Auf der Alm sitzen und aufpassen, dass keine Kuh abhaut oder abst\u00fcrzt &#8211; Monate lang! Was f\u00fcr ein Leben das wohl sein mag? Selbst das w\u00fcrde ich vielleicht probieren &#8211; aber nat\u00fcrlich w\u00e4re ich daf\u00fcr &#8222;\u00fcberqualifiziert&#8220; und w\u00fcrde nicht genommen. Und meine Festkosten k\u00f6nnte ich damit auch nicht erwirtschaften.<\/p>\n<p>Ja verdammt noch mal, was soll ich also tun? Einen Kredit aufnehmen, um drei Monate zu \u00fcberbr\u00fccken? Bis dahin hat mich der &#8222;Ruck&#8220; gewiss dreimal ereilt und die Zeit w\u00fcrde reichen, etwas Neues zu entwickeln, das mich finanziell wieder ausreichend tr\u00e4gt. 5000 Euro w\u00e4ren genug, meine materiellen Bed\u00fcrfnisse sind schlie\u00dflich minimal und die Festkosten hab&#8216; ich sicherheitshalber immer so niedrig wie m\u00f6glich gehalten. Aber auch das ist keine echte M\u00f6glichkeit &#8211; einer Freiberuflerin ohne Sicherheiten gibt niemand Kredit, heutzutage weniger denn je.<\/p>\n<p>Im Moment versuche ich, die eigene Blockade durch &#8222;K\u00f6rperarbeit&#8220; aufzulockern. Alle zwei Tage bin ich im Fitness-Center &#8211; die 40 Euro pro Monat hab&#8216; ich noch nicht eingespart, da die K\u00fcndigungszeitr\u00e4ume eh viel zu lange sind. Ich \u00fcbe jetzt Krafttraining, in der Hoffnung, dass mir nicht nur k\u00f6rperliche Kraft zuw\u00e4chst. Und danach dann immer die Rishikesch-Reihe &#8211; Yoga als Dehnungs\u00fcbung im Anschluss an die Ger\u00e4te.<\/p>\n<p>Tatsache, ich f\u00fchl&#8216; mich dann besser, optimistischer, gelassener &#8211; aber auf den &#8222;Ruck&#8220; warte ich immer noch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern morgen funktionierten zwei meiner Mailboxen nicht mehr, ich konnte zwar Nachrichten empfangen, aber nicht mehr versenden. &#8222;Unerwarteter Verbindungsabbruch&#8220; war alles, was ich dar\u00fcber in Erfahrung bringen konnte. Anstatt gro\u00df rumzuforschen, benutzte ich zum Senden eine andere Mailbox, und siehe da: heute geht es wieder. Aussitzen ist eben manchmal doch die beste L\u00f6sung! 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