{"id":1041,"date":"2004-05-24T13:51:23","date_gmt":"2004-05-24T12:51:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1041"},"modified":"2013-11-27T17:46:03","modified_gmt":"2013-11-27T16:46:03","slug":"zugeschaut-manner-im-fitness-center","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/05\/24\/zugeschaut-manner-im-fitness-center\/","title":{"rendered":"Zugeschaut: M\u00e4nner im Fitness-Center"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Mein&#8220; Fitness-Center ist eher eines von der gem\u00fctlichen Sorte. Mit gut 40 Euro pro Monat sehr erschwinglich, kein anonymer Massenbetrieb, kein glitzernder SPA&#038;Wellness-Tempel f\u00fcr besser Verdienende, sondern ein von immer denselben Leuten seit \u00fcber zehn Jahren betriebenes Kiez-Studio in Berlin Friedrichshain, das jedem etwas bietet. Menschen zwischen siebzehn und siebzig trainieren und schwitzen oder lassen es locker angehen, besuchen die nun endlich wundersch\u00f6n erneuerte Sauna oder h\u00e4ngen einfach nur ein bisschen \u00b4rum. Die M\u00e4dels hopsen in Kursen mit beeindruckenden Namen zu hektischer Musik, die junge M\u00e4nnlichkeit bevorzugt Karate. Und in der gro\u00dfen Fabrik-Etage mit all den Ger\u00e4ten sind sie fast alle mal zu sehen &#8211; allerdings deutlich mehr M\u00e4nner als Frauen. (Die Mittsechzigerin, die da bemerkenswerte Gewichte stemmt, ist eher die Ausnahme.)<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mich auf dem Laufband aufw\u00e4rme, sehe ich gerne zu: Was sie tun und wie sie es machen, wie ihre K\u00f6rper aussehen und wie sie sich beim \u00dcben geben. Die Unterschiede sind erstaunlich: sowohl zwischen den einzelnen &#8222;Typen&#8220;, als auch der zu den trainierenden Frauen. M\u00e4nner leiden offenbar gern, sie \u00fcben im Schmerzbereich, genau am Rand ihrer Kraft &#8211; sie wollen MEHR. Oft steht ihnen der Schwei\u00df auf der Stirn, manche st\u00f6hnen schon mal, wenn sie gewichtige Hanteln nach oben dr\u00fccken. Wogegen ich noch nie eine Frau im Center sah, die schmerzvoll ihr Gesicht verzerrt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Frauen kommen allein oder zu zweit, ziehen ihr Ding durch und bleiben f\u00fcr sich. M\u00e4nner bilden gelegentlich &#8222;Expertenrunden&#8220;, stehen schon mal zu dritt oder viert um einen &#8222;Ger\u00e4tebaum&#8220; und reden. Was sie reden kann ich nicht mith\u00f6ren, aber es ist sichtbar, dass die Ge\u00fcbteren das Wort f\u00fchren. Oft tragen sie besondere Assesoires, die einen schwer professionellen Eindruck machen: etwa einen breiten G\u00fcrtel um die Taille, oder schicke mattschwarze Handschuhe, die die Finger frei lassen. Ledermanschetten um die Gelenke sind auch recht beliebt. Da ich \u00f6fter komme und immer wieder dieselben M\u00e4nner fachsimpeln sehe, konnte ich feststellen, dass einige von ihnen kaum noch selber \u00fcben. Das Center ist ihr Wohnzimmer, hier haben sie eine Aufgabe &#8211; ja warum auch nicht? Wenn ich falsch stehe, w\u00e4hrend ich so ein Ding am Seil nach unten ziehe oder dr\u00fccke, werd&#8216; ich schon mal beraten, wie es richtig ist. Angenehm &#8211; es sei denn, ich zweckentfremde gerade ein Ger\u00e4t absichtlich zu anderen Zwecken, als es gedacht ist, massiere mir z.B. mit so einem Wulst den R\u00fccken, anstatt ernsthaft Beuge-\u00dcbungen zu machen. Das verstehen sie nicht, sehen nicht, dass ich mir grad nur &#8222;was Gutes tue&#8220;. Lust ist halt nicht das, was sie hier suchen.<\/p>\n<h2>Der Alpha-Mann<\/h2>\n<p>Gibt es einen dominierenden Fitness-Center-Typus? Der Profi-Bodybuilder mit den extremen Formen ist es heute nicht mehr, von denen gibt&#8217;s hier nur noch ganz wenige. Ich sehe eher den engagierten Amateur vorherrschen, \u00fcblicherweise ein Mann zwischen 20 und Mitte drei\u00dfig, der seinen K\u00f6rper konsequent &#8222;in Form gebracht&#8220; hat. St\u00e4ndig arbeitet er dran, vor allem den Oberk\u00f6rper zu &#8222;entwickeln&#8220; und am Bauch den sogenannten &#8222;Sixpack&#8220; entstehen zu lassen. Er tr\u00e4gt ein \u00e4rmelloses Hemd, damit die Erfolge seines Tuns auch gut zu besichtigen sind &#8211; und oft sind seine Oberarme mit modisch schwarz-wei\u00dfen Tattos verziert. Er sieht STARK aus! All die anderen M\u00e4nner, die d\u00fcnneren, schm\u00e4chtigeren und (noch) schlafferen, die mit den normalen B\u00fcro-K\u00f6rpern und die aus der Form geratenen Bierbauchtr\u00e4ger w\u00fcrden ganz gerne auch so werden &#8211; zumindest sind die Vorzeige-Typen davon \u00fcberzeugt. Sie bewegen sich als selbstbewusste Alpha-M\u00e4nner g\u00e4nzlich anders durch die R\u00e4ume als der zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfere Durchschnitt der (noch?) Unauff\u00e4lligen.<\/p>\n<p>Gefallen sie mir? Ich frag&#8216; mich das \u00f6fter, wenn ich ihre schwellenden Muskeln betrachte, die so &#8222;wohldefiniert&#8220; zeigen, wie schwer sie daran gearbeitet haben. Also: wenn sie noch halbwegs &#8222;harmonisch entwickelt&#8220; sind, finde ich sie ganz h\u00fcbsch anzusehen. Ja, zu SEHEN, aber mehr nicht. An erotischer Ausstrahlung gewinnen sie f\u00fcr mich nichts, im Gegenteil, da ist ein schmaler Grat, den leider viele \u00fcberschreiten, der sie mir ein wenig l\u00e4cherlich erscheinen l\u00e4sst. Was soll denn heutzutage so ein hypertrophierter Oberk\u00f6rper bringen? Wozu braucht MANN den? Schnell wirken sie wie aus dem Comic gefallen, oder wie diese Plastikheldenfiguren, die den Kids immer passend zu den TV-Serien verkauft werden. Mehr komisch als attraktiv.<\/p>\n<p>Was ist es wohl, das mir diese m\u00e4nnliche &#8222;Super-Form&#8220; erotisch gesehen eher als Minus erscheinen l\u00e4sst? Zum einen verfehlen viele die physische Ausgewogenheit: Obenrum alles super, auch noch ein knackiger Hintern &#8211; aber die Beine vernachl\u00e4ssigen sie und bemerken nicht mal, dass es seltsam aussieht, wenn so ein Megamuskelmann auf d\u00fcnnen (naturbelassenen?) Waden daher kommt. Aber selbst, wenn alles stimmt: so ein K\u00f6rper ist \u00fcberdeutlich das Ergebnis gro\u00dfer M\u00fchen. Er ist gewollt, gemacht, erarbeitet, ist Werk, vielleicht Kunstwerk &#8211; also weit &#8222;mehr&#8220; als nur die physische Seite des Mannes, den ich erlebe. Un\u00fcbersehbar wird mir durch einen solchen K\u00f6rper mitgeteilt, dass mein Gegen\u00fcber eben diesen K\u00f6rper als Objekt verstanden wissen will, etwas, das ausgestellt, gew\u00fcrdigt, bewertet, belobigt oder getadelt werden will &#8211; nicht einfach nur erlebt und genossen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich geh\u00f6rt ST\u00c4RKE unzweifelhaft zum Archetypus des M\u00e4nnlichen, und wer sich auff\u00e4llig starke Muskeln antrainiert, tut es vermutlich &#8211; neben gesundheitlichen und sportlichen Motiven &#8211; auch, um diesem &#8222;starken Mann&#8220; weiblicher Fantasien nahe zu kommen. Und gewiss gibt&#8217;s auch genug Frauen, die mit so einem &#8222;Bild von Mann&#8220; zufrieden, ja, entz\u00fcckt sind! Meine Eindr\u00fccke sind rein subjektiv und mir reicht das halt nicht. In meinem Verst\u00e4ndnis ist m\u00e4nnliche St\u00e4rke mit M\u00fchelosigkeit und Selbstverst\u00e4ndlichkeit untrennbar verbunden. Mein &#8222;Traum-Mann&#8220; HAT es einfach &#8211; er braucht nicht zu malochen wie ein Irrer, um dies und jenes an sich zu Vorzeige-Qualit\u00e4ten aufzublasen (das gilt \u00fcbrigens nicht nur f\u00fcr die k\u00f6rperliche Seite). Wenn ich einen K\u00f6rper sehe, von dem ich die vielen &#8222;Stunden pro Woche am Ger\u00e4t&#8220; geradezu ablesen kann, dann ist es einfach nicht DAS!<\/p>\n<p>Anders, wenn jemand durch reale k\u00f6rperliche Arbeit muskul\u00f6s geworden ist &#8211; diejenigen sehen aber niemals so &#8222;wohldefiniert&#8220;, keinesfalls &#8222;\u00fcbertrieben&#8220; aus. Auch im Center gibt&#8217;s durchaus &#8222;harmonisch&#8220; trainierte M\u00e4nner: wenn ich so jemanden auf der Stra\u00dfe treffe, seh ich es ihm nicht direkt an, wie er sich in Form bringt &#8211; er sieht nur einfach GUT aus.<\/p>\n<h2>&#8230;in Bewegung<\/h2>\n<p>Soviel zur Optik &#8211; und jetzt guck ich mal auf den &#8222;Mann in Bewegung&#8220;. Krafttraining mit Ger\u00e4ten ist ja ein steter Wechsel zwischen \u00dcbung und Pause. Die \u00dcbung selbst kann langsam und bewusst oder schnell und schmutzig ausgef\u00fchrt werden (bei letzterem hab&#8216; ich mir k\u00fcrzlich meinen ersten Muskelfasserri\u00df geholt und bin seitdem ein gebranntes Kind). Zwischen den Geschlechtern seh&#8216; ich da kaum Unterschiede, au\u00dfer dem, dass sich M\u00e4nner mehr anstrengen und dadurch deutlichere Kraftzuw\u00e4chse erreichen, wogegen Frauen mit einer &#8222;allgemeinen Straffung&#8220; meist schon zufrieden sind und es eher locker angehen.<\/p>\n<p>Aber die Pause. Dieser Moment, wenn das Maximum der Anstrengung, Konzentration und Anspannung im Nichts-mehr-Tun endet &#8211; schon erstaunlich, dass manche das offenbar weit weniger vertragen als die schmerzliche Hochspannung zuvor! Sie halten kaum mal richtig inne, sondern dehnen und schlenkern die Glieder, massieren sich die Gelenke, gehen zweimal ums Ger\u00e4t herum, schauen auf die Uhr oder reden mit dem Nachbarn. Ab und zu sehe ich sogar M\u00e4nner, die sofort zum mitgef\u00fchrten Spiegel, Stern oder Auto-Bild greifen, sobald sie die Finger von der Stange lassen. Das sind die echten Extremisten: blo\u00df keinen Moment mit nichts als sich selbst sein, immer muss irgend ein Input passieren, Eindruck muss auf Eindruck folgen, Reiz auf Reiz &#8211; ich muss an Luftballone denken, die an einen Wasserhahn angeschlossen werden: immer mehr flie\u00dft rein, mehr und mehr&#8230; ich will nicht dabei sein, wenn das Ding platzt!<\/p>\n<p>Dabei empfinde ich den Moment, wenn die Anspannung nachl\u00e4sst, als die interessanteste Phase im \u00dcben. Es rieselt und str\u00f6mt durch den K\u00f6rper, f\u00fchlt sich so lebendig an wie selten. Selbst eine \u00dcbung f\u00fcr die Schultern sp\u00fcre ich dann bis in den kleinen Zeh &#8211; und so angenehm! Wie man darauf freiwillig zugunsten irgendwelcher Zeitungsartikel verzichten kann, ist mir ein R\u00e4tsel. Es erinnert mich an Handwerker, die niemals ohne Radio arbeiten &#8211; ob es ihnen irgendwie &#8222;unheimlich&#8220; wird, wenn die Gedanken frei schweifen k\u00f6nnen und die Aufmerksamkeit nicht festgebunden ist?<\/p>\n<p>Meine &#8222;Aufw\u00e4rmphase&#8220; ist zu Ende &#8211; und damit auch das Rumgucken. Grad&#8216; hab ich beschlossen, das Thema &#8222;Krafttraining&#8220; mal am eigenen Leib zu erforschen. Nicht mehr nur &#8222;sanftes Straffen&#8220; unter geringer Belastung, sondern selber erleben, wie es ist, an die Grenzen zu gehen. Aber davon handelt dann ein anderer Artikel. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mein&#8220; Fitness-Center ist eher eines von der gem\u00fctlichen Sorte. 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