{"id":1040,"date":"2004-05-19T13:46:18","date_gmt":"2004-05-19T12:46:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1040"},"modified":"2013-03-10T13:51:15","modified_gmt":"2013-03-10T12:51:15","slug":"zwischen-sein-und-sollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/05\/19\/zwischen-sein-und-sollen\/","title":{"rendered":"Zwischen Sein und Sollen"},"content":{"rendered":"<p>16 Tage kein Diary-Eintrag. Ich glaub&#8216;, das war die l\u00e4ngste Pause, die es je gegeben hat. Ein Teil von mir ist regelrecht in Streik getreten, leider nicht nur in Sachen &#8222;Webdiary&#8220;. Alles Tun und Machen am PC zeigte sich auf einmal als etwas, das ich lieber vermeiden w\u00fcrde &#8211; und ich hab&#8216; es vermieden bis an die Grenze des M\u00f6glichen, sprich: bis das Konto auf Null war. Acht Jahre &#8222;am Netz&#8220; &#8211; an sowas wie Urlaub dachte ich nie. Ob es daran liegt? Ich wei\u00df es nicht, so richtig &#8222;in die Ferne&#8220; hat es mich ja auch nicht gezogen, nur vom Monitor wollte ich mich entfernen, ein paar Meter reichten schon aus.<\/p>\n<p>Putzen, aufr\u00e4umen, das Klein-Chaos in allerlei Ablage-Ecken beseitigen, Staub saugen &#8211; nie zuvor hat all das solchen Spa\u00df gemacht. Noch lieber gehe ich spazieren, ohne Ziel, einfach den K\u00f6rper in Bewegung sp\u00fcrend, den Duft der bl\u00fchenden B\u00e4ume riechend, die Berliner Skyline mit Fernsehturm Ost bewundernd, die von den nahen Br\u00fccken \u00fcber die Spree und \u00fcber die S-Bahn so gut zu sehen ist. Auch Blumen gie\u00dfen auf dem Balkon macht Freude &#8211; h\u00e4tte mir jemand prophezeit, dass ich eines Tages spie\u00dfige Stiefm\u00fctterchen und \u00e4hnliche Ex-und-Hopp-Pflanzen erwerbe, um &#8222;Fr\u00fchling, ganz nah&#8220; zu erleben, h\u00e4tte ich mir an die Stirn getippt. Tja, sag niemals nie!<\/p>\n<p>Auch das Fitness-Center sieht mich wieder jeden zweiten Tag. Monatelang war ich nur zahlende Karteileiche. Die gro\u00dfe Langeweile hatte mich \u00fcberkommen, damals im Januar. Immer dieselben Bewegungen, ein bl\u00f6des Herumturnen an komischen Apparaten. Also dachte ich mir: Packs mal anders an! Warum nicht mal ein bisschen mehr anstrengen? Nicht nur fit bleiben und daf\u00fcr eine \u00f6de gewordene Routine abziehen, sondern ein Ziel anstreben, Muskeln aufbauen, mal wirklich ST\u00c4RKER werden, so dass mir der Kasten Wasser locker in der linken Hand liegt bis hinauf in den dritten Stock. Einen Klimmzug machen k\u00f6nnen, und nicht wie ein schlaffer Sack hilflos an der Stange h\u00e4ngen&#8230;<\/p>\n<p>Gedacht, getan. Bei jedem der Ger\u00e4te legte ich ein paar &#8222;Kohlen&#8220; auf und \u00fcbte mit deutlich h\u00f6herem Gewicht. Ging auch ganz gut, doch bemerkte ich erst zwei Tage sp\u00e4ter, dass der Schmerz am linken Oberschenkel nicht Teil des allgemeinen Muskelkaters war, sondern ein Muskelfaserriss: eine richtige Delle, daneben eine Schwellung. Das war\u00b4s erst mal in Sachen Fitness-Center! Erschreckend, wie leicht man sich verletzen kann &#8211; und ich hatte es nicht mal bemerkt, w\u00e4hrend es geschah.<\/p>\n<p>Jetzt trau ich mich wieder, vorsichtig, langsam, und sp\u00fcre, wie sich der K\u00f6rper freut. Wir sind nicht daf\u00fcr gebaut, unsere Tage Tasten klickend vor einem Bildschirm zu verbringen. Auch ein bisschen &#8222;z\u00fcgig Gehen&#8220; zwischendurch reicht keinesfalls aus, um allen Muskeln mal wieder das Gef\u00fchl zu geben, am Leben beteiligt zu sein. Nach einer Stunde Training f\u00fchl ich mich wie neu, k\u00f6nnte B\u00e4ume ausrei\u00dfen! Aber leider: das braucht es halt nicht, Konto auff\u00fcllen ist angesagt, und das geht nun mal nur hinter dem Monitor.<\/p>\n<p>Da sitze ich jetzt wieder und versuche, den Ehrgeiz wieder zu erwecken, den ich brauche, um etwas Neues zu erschaffen. Zum reinen Selbstausdruck reicht mir das Schreiben, mal im Web, mal in einem privaten Mail-Dialog. K\u00f6nnte ich dem einfach folgen, k\u00e4me gelegentlich ein k\u00fcnstlerisches Webprojekt hinzu &#8211; es gibt so einiges, was ich gerne zeigen, in Form bringen, in die Web-Welt setzen w\u00fcrde, wenn ich es mir leisten k\u00f6nnte. Vielleicht sollte ich diese &#8222;Herz-Projekte&#8220; einfach mal beschreiben und Sponsoren suchen?<\/p>\n<p>Zuvorderst stehen jedoch andere Dinge an, neue Schreibimpuls-Kurse zum Beispiel. Es macht Freude, mit einer Gruppe zu arbeiten, Menschen zum Schreiben zu motivieren, Resonanz zu geben, zu kommentieren und zu kommunizieren. Aber Non-Stop kann ich das nicht durchziehen, so einen Kurs nach dem Anderen, dass ich davon alleine leben k\u00f6nnte. Es ist, als verbrauchte ich dabei eine Energie, die ich anderwo auftanken muss: Im Allein-Sein, alleine arbeiten, OHNE dabei ans Geld denken zu m\u00fcssen. Wie ich mir DAS finanziere, ist im Grunde die Frage, die ansteht.<\/p>\n<p>Grad rief mich ein lieber Freund an, unterbrach mein &#8222;Ringen um die richtige Arbeitslaune&#8220;, entf\u00fchrte mich f\u00fcr kurze Zeit in seine Welt, die f\u00fcr wenige Minuten eine gemeinsame wurde. Meistens mag ich es nicht, telefonisch unterbrochen zu werden, und sage das auch allen, die das Telefon gern zu mehr als zum blo\u00dfen Info-Austausch benutzen. Aber nichts, was ich mir so denke, gilt ja absolut, es gibt Ausnahme-Momente &#8211; und das war jetzt so einer. Der Text war ja just in diesem Augenblick zu Ende.<\/p>\n<p>Immer wieder in den Augenblick kommen, das JETZT wahrnehmen und dar\u00fcber staunen, dass ICH da auf seltsame Weise verschwinde &#8211; das ist eine &#8222;\u00dcbung&#8220;, an der ich soviel Geschmack gefunden habe, dass es oft schwer f\u00e4llt, ins zukunftsorientierte Planen und Arbeiten zur\u00fcck zu kommen. Ich kenne viele Menschen, die offensichtlich gar keinen Zugang zu diesem immer vorhandenen Paradies haben, sie sind fortlaufend am Denken und Gr\u00fcbeln, am Planen und F\u00fcrchten, am Analysieren und Hinterfragen, nehmen ihre Umwelt und auch ihren K\u00f6rper kaum noch wahr, bis irgend eine Katastrophe unabweisbar dazu auffordert, mal wieder ein wenig wach zu werden, wach f\u00fcr das, was ist.<\/p>\n<p>Nun, egal, wo und wie man sich befindet: es scheint immer die passende Art Katastrophe zu geben! Bei mir ist es halt grad der Kontostand, der mich aufs Heftigste aus dem Augenblick in die virtuelle Welt zur\u00fcck zieht &#8211; in die Welt des rationalen Sorgens um Zukunft und Fortkommen. Dabei will ich gar nicht FORT kommen, verdammt noch mal. Sondern einfach DA sein!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16 Tage kein Diary-Eintrag. Ich glaub&#8216;, das war die l\u00e4ngste Pause, die es je gegeben hat. Ein Teil von mir ist regelrecht in Streik getreten, leider nicht nur in Sachen &#8222;Webdiary&#8220;. 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