{"id":1039,"date":"2004-05-05T13:41:25","date_gmt":"2004-05-05T12:41:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1039"},"modified":"2016-10-15T11:17:17","modified_gmt":"2016-10-15T09:17:17","slug":"der-andere-der-tater-ich-armes-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/05\/05\/der-andere-der-tater-ich-armes-opfer\/","title":{"rendered":"Der Andere, der T\u00e4ter &#8211; ich armes Opfer!"},"content":{"rendered":"<p>An manchen Tagen ist viel los in der alten Markthalle, die Wege zwischen den St\u00e4nden sind nicht sehr breit, die Menschen dr\u00e4ngeln &#8211; auf einmal rempelt mich da doch einer richtig an!<\/p>\n<p>Was geschieht? Werde ich b\u00f6se und remple zur\u00fcck? Gehe ich unger\u00fchrt weiter, denn schlie\u00dflich kommt so was dauernd vor, wenn es eng ist? Stelle ich ihn zur Rede und mache ihn zur Schnecke? Oder f\u00fchle ich mich unf\u00e4hig, weil ich schon wieder nicht in der Lage bin, eine &#8222;richtige Antwort&#8220; zu finden? Bin ich zu \u00e4ngstlich und mach mir daraus ein &#8222;Gewissen&#8220;? Mache ich einen lockeren Witz und ziehe fr\u00f6hlich weiter?<\/p>\n<p>Kann alles sein! Ja, ich hab&#8216; einige dieser Varianten schon erlebt, nix besonderes. Das Besondere ist: es ist immer dasselbe Ereignis, nur meine Reaktionen sind g\u00e4nzlich unterschiedlich. Je nach Stimmungslage, je nach dem, was gerade in mir vor geht, was f\u00fcr ein Gef\u00fchl zu mir selbst und meiner &#8222;Lage in der Welt&#8220; ich gerade habe, dem entsprechend f\u00e4llt meine &#8222;spontane&#8220; Reaktion aus.<\/p>\n<p>Was lerne ich daraus? Es kommt nicht auf den Anderen an, wie ich ihn empfinde, sondern auf mich selbst. Und WEIL das so ist, kann ich gut damit aufh\u00f6ren, mich als Opfer meiner Mitmenschen zu betrachten: was ich empfinde, ist &#8222;mein Bier&#8220; &#8211; und wenn ich damit unzufrieden bin, wenn ich darunter leide, was ich empfinde, dann sollte ich etwas \u00e4ndern. AN MIR &#8211; nicht am Andern!<\/p>\n<h2>F\u00fchlen deiner Wahl&#8230;<\/h2>\n<p>&#8222;Was immer du auch f\u00fchlst von mir, ist F\u00fchlen deiner Wahl&#8220; &#8211; ein guter Freund, von dem ich in diesem Leben viel gelernt habe, hat mir diesen bedenkenswerten Satz in einem Gedicht geschrieben. Ich habe ihn nicht verstanden und auch nicht glauben wollen &#8211; ja, ich hab mich dagegen gewehrt! Wo k\u00e4men wir denn da hin, wenn alle die Verantwortung f\u00fcr die Folgen ihres Handelns f\u00fcr die Betroffenen derart locker beiseite stellen k\u00f6nnten!<\/p>\n<p>Ja, wo k\u00e4men wir hin? Und: ist es wirklich &#8222;verantwortungslos&#8220;? Ist es denn \u00fcberhaupt M\u00d6GLICH, die Folgen meiner Handlungen im Empfinden anderer Menschen voraus zu sagen, geschweige denn, sie zu &#8222;bestimmen&#8220;?<\/p>\n<p>So gesehen, wirkt der Satz schon weniger absurd. Und im Lauf der Zeit hab ich verstanden, dass &#8222;die Verantwortung&#8220; nicht etwa negiert, sondern nur anderswo angesiedelt wird: meine Handlungen verantworte ich &#8211; aber nicht die Reaktionen des Anderen. Daf\u00fcr \u00fcbernehme ich die volle Verantwortung f\u00fcr MEINE Gef\u00fchle und Empfindungen in Bezug auf alles, was mir vom Anderen so bl\u00fcht. DAS ist nicht unbedingt das leichtere Gesch\u00e4ft, ich muss mich dazu beobachten, in Frage stellen, mein In-der-Welt-Sein reflektieren, genau unterscheiden, woher wann und warum meine &#8222;spontanen Reaktionen&#8220; eigentlich kommen &#8211; und sie nicht als &#8222;gegeben&#8220; und unver\u00e4nderbar ansehen. Sondern begreifen, dass sie Ergebnis eigener Haltungen und Meinungen sind: wenn ich \u00fcberzeugt bin, dass ich ein unf\u00e4higer Trottel bin, dann werde ich das in den Handlungen anderer immer best\u00e4tigt bekommen! Die Welt zeigt sich mir so, wie ich sie erwarte &#8211; nicht unbedingt immer bewusst, aber das l\u00e4sst sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das oben genannte Beispiel ist sehr einfach, gew\u00f6hnlich, banal. Betrachten wir ein anderes, nicht weniger h\u00e4ufiges: Ich will etwas von einem Anderen: er soll sich mit mir befassen, soll mir auf meine &#8222;wichtige Mail&#8220; von gestern schnellstens antworten, er soll f\u00fcr mich da sein und mir Resonanz geben auf etwas, was gerade in mir w\u00fchlt. Aber er tut es nicht. DER SAUB\u00c4R! Was f\u00fcr ein Unmensch! Prompt laufen in mir allerlei &#8222;spontane&#8220; Gedankenspiele ab: war ich nicht selber immer f\u00fcr ihn da? Habe ich nicht ein RECHT auf seine Zeit, sein Eingehen, seine Zuwendung? Ist es denn nicht &#8222;allgemein \u00fcblich&#8220;, dass Menschen, die sich m\u00f6gen, f\u00fcreinander da sind? Ich rechtfertige also meine Erwartungen an den Andern vor mir selbst, indem ich &#8222;eigene Leistungen&#8220; und &#8222;allgemeine Moral&#8220; auffahre. Und dann fang ich an, zu deuten und zu urteilen: Warum reagiert er nicht, wie erhofft? Aha, er mag mich nicht, ich bin ihm nicht wichtig genug&#8230;. er ist ein arroganter Schn\u00f6sel, ein in sich selbst verstrickter Egoist. Und ich werd ihm jetzt lange b\u00f6se sein, das muss er erst mal wieder &#8222;gut machen&#8220;!<\/p>\n<p>Hat er \u00fcberhaupt etwas &#8222;gemacht&#8220;? Nichts von dem, was da in meinem Denken und F\u00fchlen abgeht, hat ER erzeugt. Das mache ich mir selber, das ist, wenn man es so im Detail betrachtet, ganz deutlich. Ich bin mit meinen Erwartungen an ihn heran getreten, und er hat sie nicht so beantwortet, wie ich es w\u00fcnschte. Warum, kann ich gar nicht wissen! Selber schuld, wenn ich solche &#8222;Annahmen&#8220; hege, die mich in \u00fcble Gef\u00fchle st\u00fcrzen.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte auch ganz anders mit demselben Ereignis umgehen: Aha, er reagiert jetzt nicht auf das, was mir gerade wichtig ist. Nun, er wird anderes zu tun haben, oder er hat seine spezifischen Gr\u00fcnde, auf ein bestimmtes Thema nicht so einzugehen, wie ich es will. Also wende ich mich mir selber zu: Hab ich denn eigentlich ein RECHT, dass der Andere so sei, wie ich ihn w\u00fcnsche? Ist er mein Papi oder meine Mami, die sich immer ums Kind k\u00fcmmern m\u00fcssen? Warum geh ich davon aus, dass er mein &#8222;Zuwendungs-Automat&#8220; zu sein hat, wenn mir danach ist? Etwa, &#8222;weil ich ihn liebe&#8220;? Was f\u00fcr eine Liebe w\u00e4re das, die dem Anderen spezifisches Verhalten abfordert? Will irgend jemand ernsthaft solche Bed\u00fcrftigkeit, solches Anspruchsverhalten mit dem wunderbaren Wort &#8222;Liebe&#8220; in Zusammenhang bringen??? (Der m\u00f6ge sich melden und es mit mir im Forum austragen!)<\/p>\n<p>Nein, wenn ich genauer hinsehe, sehe ich tats\u00e4chlich: ich bin WIRKLICH auf der &#8222;Papi-Schiene&#8220; gewesen, als ich meine Anspr\u00fcche umzusetzen suchte (und &#8222;verurteilte&#8220;, wenn ich keinen Erfolg im Sinne meiner Vorgaben hatte) . Bin es in gewisser Weise immer, zumindest bei M\u00e4nnern, die mir wirklich etwas bedeuten. Das ist nun mal das &#8222;Urmodell&#8220; f\u00fcr den Umgang mit dem gegengeschlechtlichen &#8222;Anderen&#8220; &#8211; im Guten wie im Schlechten, im Normalen wie im Abstrusen, spezifisch Verr\u00fcckten. Davon kann man sich nicht verabschieden, indem man im Lauf des Lebens nur eben mal die verschiedenen Beeinflussungen bek\u00e4mpft und mit dem Gegenteil beantwortet &#8211; das ist nur der erste Schritt. Ist reine Reaktion, nicht Freiheit, nicht eigene Wahl.<\/p>\n<p>Na, ich will jetzt nicht ins rein Autobiografische abdriften, sondern auf den Leitgedanken zur\u00fcck: Nicht der Andere ist der &#8222;Schuldige&#8220;, der &#8222;T\u00e4ter&#8220;, sondern ich muss mir schon angucken, wie es dazu kommt, DASS er es zu sein scheint: wie ich ihn also dazu MACHE! Wie ich denkend und f\u00fchlend, Eindr\u00fccke (Datenlage) ausw\u00e4hle aus vielen m\u00f6glichen Auswahlen, und dann daraus mein &#8222;eigenes Gesamtes&#8220; erbaue &#8211; vielleicht darunter leide oder Lust daran empfinde &#8211; und von daher versuche, den Anderen als &#8222;Automaten in mein Spiel&#8220; einzubauen!<\/p>\n<p>Wenn ich damit aufh\u00f6re, bin ich frei. Niemand kann mir &#8222;\u00fcble Gef\u00fchle einbrocken&#8220;, also muss ich niemanden verurteilen. Meine Lust und meine Leiden h\u00e4ngen nicht von Anderen ab &#8211; seit mir das klar ist, ist das Leben deutlich leichter. Kein inneres Herum-Rechten mehr, kein Gr\u00fcbeln, keine &#8222;Beziehungsdiskussionen&#8220;, keine Manipulationsversuche, vor allem kein &#8222;Festkleben&#8220; an Frustrationen, denn ich wei\u00df ja: die hab&#8216; ich selbst erzeugt, indem ich eine Erwartung hegte und pflegte, die ich ebenso gut wieder loslassen kann. Anf\u00e4nglich bedarf es eines kleinen inneren Rucks, braucht eine kurze Konzentration der Aufmerksamkeit auf all das &#8211; aber bald wird es selbstverst\u00e4ndlich. Meine W\u00fcnsche sind keine &#8222;Anspr\u00fcche&#8220; mehr, sondern nurmehr Vorschl\u00e4ge. Und dass nicht alle meine Vorschl\u00e4ge angenommen werden, erscheint mir heute ganz normal.<\/p>\n<p>*** Philosophie end &#8211; &#8211; &#8211;<\/p>\n<p>Glaubt blo\u00df nicht, ich w\u00e4r aus meiner innovativen Geisteskraft zu diesem Text und seinen Aussagen gekommen! Es ist vielmehr so, dass das &#8222;auf mich selbst zur\u00fcck geworfen sein&#8220;, das mir einzig \u00fcbrig blieb, wenn sich mein jeweiliger Hauptgespr\u00e4chspartner verweigerte, zu diesen Erkenntnissen f\u00fchrte. Gewiss ist auch der \u00fcbliche Einwurf berechtigt: Das ist doch nichts Neues, zu alledem gibt&#8217;s ja ganze Buchregale&#8230;<\/p>\n<h2>Schreiben?<\/h2>\n<p>ABER ich sag immer, es ist ein Unterschied, ob man etwas erlebt und dann versucht, die gewonnene Erkenntnis in Worte zu fassen &#8211; es m\u00f6gen alte Worte sein, es m\u00f6gen bekannte Gedankenfiguren vorkommen, oder auch neumodisch esoterisch-wirres Zeug&#8230; ;-) .. &#8211; ODER ob man nur &#8222;zu einer Frage Stellung nehmen&#8220; will. (Weil ja jeder, der in der Infogesellschaft ernst genommen werden will, zu allem etwas sagen kann, muss, sollte&#8230; und es macht ja auch Spass!)<\/p>\n<p>Dieser Unterschied ist die &#8222;Lizenz zum Schreiben&#8220;. Etwas, wonach mich ein gro\u00dfer Teil meiner Kursteilnehmer mit je eigenen Worten immer wieder fragt: Wie kann ich wagen, etwas von MIR zu berichten &#8211; wenn doch alles, was ich &#8222;dazu sagen&#8220; k\u00f6nnte, schon tausendmal gesagt wurde? Falls mir \u00fcberhaupt was einf\u00e4llt&#8230;<\/p>\n<p>Wer so fragt, hat schon die halbe Miete! Ist auf dem besten Weg zur &#8222;Lizenz&#8220;. Warum?<\/p>\n<p>Die Schreibenden teilen sich f\u00fcr mich in zwei Gruppen auf: diejenigen, die auf dem Markt des Geschriebenen Fu\u00df fassen (oder sich im Job besser formulieren\/r\u00fcber bringen) wollen, und die anderen, die aus sich heraus schreiben wollen, weil es sie danach verlangt. Wer ohne Blick auf literarische Weihen und kommerzielle Erfolge &#8222;einfach schreibt&#8220;, wird auf jeden Fall etwas gewinnen: Klarheit, Gelassenheit, Distanz zum eigenen Erleben, auf der manche Frucht der Erkenntnis reifen kann &#8211; f\u00fcr die Schreibenden, manchmal auch f\u00fcr die Leser.<\/p>\n<p>Das Leben und das Schreiben &#8211; ich wei\u00df letztendlich nicht, in welchem Verh\u00e4ltnis sie ganz genau zueinander stehen, sondern experimentiere es aus. Deshalb schreibe ich ja immer weiter.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An manchen Tagen ist viel los in der alten Markthalle, die Wege zwischen den St\u00e4nden sind nicht sehr breit, die Menschen dr\u00e4ngeln &#8211; auf einmal rempelt mich da doch einer richtig an! Was geschieht? Werde ich b\u00f6se und remple zur\u00fcck? Gehe ich unger\u00fchrt weiter, denn schlie\u00dflich kommt so was dauernd vor, wenn es eng ist? 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