{"id":1038,"date":"2004-05-04T13:35:35","date_gmt":"2004-05-04T12:35:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1038"},"modified":"2016-02-09T13:37:54","modified_gmt":"2016-02-09T12:37:54","slug":"verschwinden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/05\/04\/verschwinden\/","title":{"rendered":"Verschwinden"},"content":{"rendered":"<p>Wie viele Angler doch mitten in Berlin aktiv sind! An jeder daf\u00fcr in Frage kommenden Stelle sitzt einer und lauert auf den Fisch. Es ist ein lauer Fr\u00fchlingsabend, ich wandere rund um die Halbinsel Stralau und genie\u00dfe die Stille. Nun ja, ganz still ist es nicht, vom anderen Ufer der Rummelsburger Bucht erschallt ein Froschkonzert, in weiter Ferne fahren Autos, auch die S-Bahn ist gelegentlich zu h\u00f6ren. Aber kein Mensch kreuzt meinen Weg, die Angler verschwimmen fast mit dem Hintergrund und langsam kommt die Nacht herauf. Die Luft riecht nach Bl\u00fcten, es ist sommerlich warm, der K\u00f6rper entspannt. Langsam ergreift die \u00e4u\u00dfere Ruhe Besitz von mir: Denken an gestern und morgen verstummt, ich sehe, h\u00f6re, rieche, schau in die Lichter der futuristisch wirkenden Neubauten, die mit manch altem Backsteingem\u00e4uer wundervoll kontrastieren, beobachte die kleinen Fische bei der Jagd nach den Schnaken, die dicht \u00fcber dem Wasser fliegen &#8211; warum geh ich hier nur so selten spazieren? Ist doch fast wie Urlaub.<!--more--><\/p>\n<h2>\u00d6fter mal einfach losgehen&#8230;<\/h2>\n<p>Auf dem Heimweg dann spricht mich eine gro\u00dfe, \u00fcbergewichtige Frau an, nuschelt viel Unverst\u00e4ndliches, gerade so verstehe ich: sie will in die W\u00fchlischstra\u00dfe. Da ist sie hier falsch und da mein Weg in dieselbe Richtung f\u00fchrt, winke ich ihr, mir zu folgen. Drei T\u00fcten und Taschen tr\u00e4gt sie mit sich, sieht aber nicht wie eine Obdachlose aus &#8211; oder doch? Aus Littauen ist sie, zum Arbeiten hier. Immer wieder muss sie Pause machen, bleibt hinter mir zur\u00fcck &#8211; Himmel, sie ist kaum drei\u00dfig und kann sich schon kaum mehr bewegen! An der W\u00fchlischstra\u00dfe verabschiede ich mich, aber anstatt eines &#8222;Danke&#8220; ernte ich Protest: ich soll mitgehen. Sie \u00f6ffnet eine ihrer Taschen: ein Zeitungsstapel, irgendwelche Werbebl\u00e4tter &#8211; nein, die werde ich jetzt nicht mit ihr verteilen, nicke ihr kurz zu und mach mich von dannen. Klingle noch bei einem Freund, der in dieser Gegend wohnt, Seitenfl\u00fcgel, zweiter Stock. &#8222;Du hattest Gl\u00fcck&#8220;, sagt er, &#8222;nachts mach ich schon eher mal auf als tags\u00fcber, wenn die Verteiler rein wollen.&#8220;. Nun bin ich drin &#8211; zwei Stunden plaudern wir \u00fcber Gott und die Welt, dann der kurze Heimweg, vorbei an allerlei hell erleuchteten Kneipen, drinnen leer, die Menschen sitzen drau\u00dfen, reden, essen, trinken. Dann \u00fcber die Modersohnbr\u00fccke, die n\u00e4chtliche Skyline der City Ost ist zu sehen, inklusiv Fernsehturm. Was f\u00fcr ein sch\u00f6ner Abend, ich sollte \u00f6fter einfach losgehen, ohne zu wissen, wohin.<\/p>\n<p>Dies ist bestimmt einer der langweiligsten Diary-Eintr\u00e4ge, die ich jemals schrieb: keine besonderen Vorkommnisse, keine geistreichen Gedanken &#8211; nur so ein Abend, an dem ich einfach den F\u00fc\u00dfen folge, die schon wissen werden, wohin es geht. In dieser langen Weile hab ich mich wunderbar gef\u00fchlt &#8211; warum nur? Mir scheint, nicht &#8222;wegen etwas&#8220;, sondern &#8222;wegen nichts&#8220;. Einfach da sein, kein Gr\u00fcbeln, Sorgen, W\u00fcnschen, Planen im Kopf, kein Erinnern an dies und das, nur laufen, sehen, h\u00f6ren, die Welt bemerken. Und selbst das Gespr\u00e4ch am Ende war so: ohne konkreten Inhalt, ohne &#8222;Problemdruck&#8220;, locker dahinpl\u00e4tschernd, ohne Sinn und Zweck, ohne W\u00fcnschen und Wollen &#8211; nicht der Funke einer Spannung. Und doch hab&#8216; ich mich nicht einen Augenblick gelangweilt, den ganzen Abend lang nicht. War IN der Welt, war anwesend wie selten &#8211; war mir vor allem selbst kein Thema zum Nach-Denken. Es erinnert mich an manches Drogenerlebnis fr\u00fcherer Zeiten: Wenn die Wirkung einsetzte, war da ein Gef\u00fchl des &#8222;Ankommens&#8220;, verbunden mit zunehmender k\u00f6rperlicher Entspannung. Endlich HIERJETZT sein, nicht mehr in dieser Distanz, die das &#8222;Denken \u00fcber dies und das&#8220; fortlaufend zwischen mir und allem Anderen aufrei\u00dft.<\/p>\n<p>Wenn \u00c4lter-werden bedeutet, daf\u00fcr keine Drogen mehr zu brauchen, bin ich einverstanden, ja, begl\u00fcckt! Auch Meditations\u00fcbungen scheinen nicht unbedingt n\u00f6tig, nur dieses &#8222;von sich absehen&#8220;. Ich werde leer und die Welt kann einstr\u00f6men, ja, ich werde einfach ein Teil von ihr: der Atem in der Nase, der Wind in den Baumwipfeln, das ferne Froschkonzert, der kleine Stein im Schuh, die Littauerin mit ihren T\u00fcten, der volle Mond, ein wenig Wolken-verhangen &#8211; ein Kontinuum ohne Grenzen.<\/p>\n<p>Jetzt ist es Morgen, ich sitze wieder wie gew\u00f6hnlich am PC und &#8222;halte nach Problemen Ausschau&#8220; &#8211; so zumindest kommt es mir vor, verglichen mit der gestrigen Stille. Und doch: ganz weg ist sie nicht. Als w\u00e4re da hinter mir ein gro\u00dfer offener Raum, in den hinein ich jederzeit &#8222;verschwinden&#8220; kann.<\/p>\n<p>Eines Tages werde ich ganz dort hinein verschwinden. Wohin denn sonst?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie viele Angler doch mitten in Berlin aktiv sind! 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