{"id":1037,"date":"2004-04-27T13:31:08","date_gmt":"2004-04-27T12:31:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1037"},"modified":"2013-03-10T13:35:18","modified_gmt":"2013-03-10T12:35:18","slug":"die-liebe-zum-du","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/04\/27\/die-liebe-zum-du\/","title":{"rendered":"Die Liebe zum DU"},"content":{"rendered":"<h2>Gewidmet den Geliebten, in der N\u00e4he und in der Ferne<\/h2>\n<p>Der Andere, der Mitmensch in der Lichtgestalt des Geliebten, fasziniert wie nichts sonst auf der Welt. Auch, wenn wir meinen, ihn gut zu kennen, wenn er uns also berechenbar erscheint, wissen wir doch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Immer bleibt ein Rest Geheimnis, ein innerer Raum, in den wir nicht sehen k\u00f6nnen &#8211; f\u00fcr die einen ein Faszinosum, Quell des Verlangens nach weiterer Ann\u00e4herung, ja Verschmelzung, f\u00fcr die anderen eine Gefahr, untergr\u00fcndige Drohung, Quelle der Angst.<\/p>\n<p>Was wir beim Anderen nicht sehen k\u00f6nnen, ist nicht deshalb verborgen, weil unser Gegen\u00fcber bewusst etwas verbirgt. Mag sein, dass er Aspekte seiner Pers\u00f6nlichkeit oder gewisse Tatsachen seines Lebens lieber nicht zeigen will, warum auch immer. Dies ist nicht gemeint, ja, genau diese aus allzu bekannten Motiven ungern gezeigten Aspekte sind unschwer erkennbar und meistens banal. Fehler, Vers\u00e4umnisse, Versagen, Verr\u00fccktheiten, Ecken und Kanten, Charakterm\u00e4ngel &#8211; wer zeigt sowas schon gern? (Und wer h\u00e4tte sie nicht?)<\/p>\n<h2>Das Geheimnis des Anderen<\/h2>\n<p>All dies ber\u00fchrt das Geheimnis des Anderen nicht einmal am Rande. Es liegt nicht dort, wo er etwas ihm Bekanntes nicht zeigt, sondern dort, wo er selber nichts von sich wei\u00df, sich selbst (noch) nicht kennt. Im Raum der M\u00f6glichkeiten also, die erst in einem zuk\u00fcnftigen Augenblick Wirklichkeit werden &#8211; oder auch nie. Konfrontiert mit etwas So-noch-nie-Dagewesenem &#8211; WER ist er da?? WIE wird er reagieren? Weder er noch ich kann das wissen, alles Zusammensein und Erleben ist (auch) ein st\u00e4ndiges Erforschen dieser Frage, sofern es sich nicht nur um Wiederholungen schon bekannter Dinge handelt. Und selbst dann wei\u00df ich ja nie sicher, ob er WIEDER bzw. IMMER NOCH so ist, wie bisher &#8211; oder ob er sich nicht auf einmal ver\u00e4ndert hat und pl\u00f6tzlich &#8222;ganz anders&#8220; reagiert.<\/p>\n<p>G\u00e4be es diese Ungewissheit nicht, diese &#8222;Leerstelle&#8220;, die im menschlichen Miteinander niemals g\u00e4nzlich verschwindet, w\u00e4re meine Liebe bald keine wirkliche Liebe mehr, n\u00e4mlich bar jeder Brisanz f\u00fcr mich selbst. Sie w\u00e4re allenfalls so ein &#8222;gutes Gef\u00fchl&#8220; wie man es als Frauchen gegen\u00fcber einem geliebten Hund versp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Dem nachsp\u00fcrend wundere ich mich, staune \u00fcber die Entdeckung: Zun\u00e4chst &#8222;gef\u00e4llt&#8220; der Andere ja durch seine pers\u00f6nlichen Eigenheiten und ich meine, sagen zu k\u00f6nnen: Ich liebe dich, WEIL du so und so bist. Doch je mehr ich von den Reizen der Oberfl\u00e4che in immer gr\u00f6\u00dfere Tiefen von Psyche und Geist eintauche, stelle ich fest: ja, all diese &#8222;konkreten&#8220; Eigenschaften mag ich (andere wiederum nicht&#8230;), aber nicht SIE sind es, die mich immer neu faszinieren, verlocken, verf\u00fchren, binden &#8211; sondern es ist das Unbekannte, Undefinierbare: WER ist er noch, au\u00dfer alledem? Was mag da noch alles &#8222;dahinter&#8220; stecken?<\/p>\n<p>In diese Frage hinein, mitten in das schwarze Loch, das der Andere in seiner Unerkennbarkeit ist, k\u00f6nnen wir alles projizieren, was wir uns nur vorstellen k\u00f6nnen und tun es auch, je nach pers\u00f6nlicher Gestimmtheit: Gott und Teufel, Freund und Feind, Mensch und Raub- oder Scho\u00dftier, Partner und Gegner, Verfolger und Beute, Kind und Guru. Der Andere kann ALLES sein, solange er nichts tut, was die gerade aktuelle Projektion definitiv st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Diese Vorstellungen (statische Bilder!) halten wir gern f\u00fcr Realit\u00e4t, f\u00fcr tats\u00e4chlich existierende Aspekte des &#8222;Da drau\u00dfen&#8220;, die sich in Gestalt des Anderen zeigen. Ein Irrtum, den wir im Lauf des Lebens in zunehmender Selbsterkenntnis aufkl\u00e4ren k\u00f6nnen: Was ich in dir sehe, sagt mehr \u00fcber MICH aus als \u00fcber DICH &#8211; Projektionen eben. Der Andere ist mein Spiegel, in dem ich mich selbst erkenne &#8211; aber das ist nicht alles.<\/p>\n<p>Da ist noch der &#8222;Leerraum&#8220; selbst: Was ist das? Er erm\u00f6glicht das Projizieren und Sich-darin-spiegeln &#8211; aber was ist er, f\u00fcr sich genommen? Ist diese Leerstelle, aus der die F\u00fclle kommt (kommen kann&#8230; k\u00f6nnte&#8230;.), ein &#8222;Teil&#8220; von IHM, vom Geliebten? Im Raum der M\u00f6glichkeiten existiert der Andere doch noch gar nicht, ist als Pers\u00f6nlichkeit und auch als Individuum noch gar nicht geboren! Wie kann ich also davon ausgehen, dieses &#8222;Nichts&#8220; sei &#8222;ER&#8220;?<\/p>\n<p>Und das tue ich, tu ich immer schon ganz unbewusst und automatisch, solange ich zur\u00fcckdenken kann. Erst jetzt, diese S\u00e4tze schreibend, wird mir klar: Es h\u00f6rt gerade auf! \u00dcber l\u00e4ngere Zeit ist dieses unbedachte &#8222;F\u00fcr-wahr-halten&#8220; schier unmerklich schw\u00e4cher geworden &#8211; jetzt ist da nur noch ein gro\u00dfes Fragezeichen.<\/p>\n<h2>?<\/h2>\n<p>In jedem ernst gemeinten &#8222;Ich liebe dich&#8220; erkenne ich heute im Hinsehen aufs Jetzt und im R\u00fcckblick auf Vergangenes letztlich die Liebe zum &#8222;Dahinter&#8220;: das Fasziniert-Sein vom Ungekannten, vom Numinosen, das mir als der geliebte Andere in lebendiger Realit\u00e4t gegen\u00fcber tritt. Wo w\u00e4re da &#8222;er&#8220;? (es k\u00f6nnte auch mal eine &#8222;Sie&#8220; sein..sag niemals, nie!) Steht er nicht dem eigenen Unbekannten genauso fremd gegen\u00fcber wie ich? Ist er nicht ebenso unwissend wie ich im Blick auf die eigene &#8222;Leerstelle&#8220;, die mir gleichwohl t\u00e4gliche Wirklichkeit ist, mit der ich rechne, nach deren &#8222;beredtem Schweigen&#8220; ich mich manchmal richte, die ich aber niemals &#8222;verstehe&#8220;?<\/p>\n<p>Weiter gefragt: Ist denn jeder seine EIGENE Lichtung? Handelt es sich nicht vielmehr um denselben &#8222;Raum der M\u00f6glichkeiten&#8220;, dasselbe &#8222;Reich des Ungeborenen&#8220;, an dem wir alle auf unerforschliche Weise Teil haben &#8211; oder eben keiner von uns?<\/p>\n<p>Wen liebe ich also, wenn ich sage &#8222;ich liebe dich?&#8220; Meine ich DICH damit &#8211; oder gerade nicht? Inwiefern hat es noch &#8222;mit dir&#8220; zu tun, wenn du mir &#8222;nur&#8220; Tor zum Blind Date mit dem Unerforschlichen bist?<\/p>\n<p>Liebe ich also wirklich &#8222;den Anderen&#8220;? Oder l\u00f6st sich pers\u00f6nliche Liebe letztlich irgendwo im spirituellen Nebel des Absoluten auf? Verliere ich im Zuge dieses Erkennens etwas, das ich sch\u00e4tze, wie nichts anderes auf der Welt? Im Moment ein bedr\u00fcckender Gedanke &#8211; aber ist er zwingend?<\/p>\n<p>In der lebendigen Wirklichkeit menschlichen Miteinanders erlebe ich allein den Geliebten: als einen, der in ungekl\u00e4rten Beziehungen zum Raum des Numinosen steht, aus ihm lebt, ihn mir durch seine grunds\u00e4tzliche Unberechenbarkeit ins Bewusstsein hebt. (Genau wie ich es f\u00fcr ihn tue, ob er es nun bemerkt oder nicht.) Was hat das noch &#8222;mit uns&#8220; zu tun &#8211; so ganz pers\u00f6nlich betrachtet?<\/p>\n<p>Um das zu erfassen, bietet es sich an, zu fragen: Was fangen wir denn mit dieser Situation an? Das ganze Potenzial des Menschen, dessen Grenzen zu &#8222;allem Anderen&#8220; nicht so ganz klar definiert sind, tritt mir in Gestalt des Geliebten entgegen &#8211; und nun? Klar, da ist in der Regel der Alltag, wir k\u00f6nnen zusammen das Dasein genie\u00dfen oder auch mal gemeinsam arbeiten, Welt gestalten. Das ist die &#8222;Oberfl\u00e4che&#8220; des Miteinanders. Schaut man tiefer, entdeckt man das Wesentliche: im Genie\u00dfen und Gestalten bzw. im damit zwangsl\u00e4ufig einher gehenden (nicht ausschlie\u00dflich rationalen!) Dialog ERSCHAFFEN wir erst gemeinsam die zu genie\u00dfende oder zu gestaltende Welt. Im Dialog mit dem Geliebten mache ich mit ihm aus: DAS HIER ist Wirklichkeit, jenes ist Illusion. DAS HIER bin ich, und DAS DA bist DU &#8211; der Rest ist also &#8222;Welt&#8220;. Und da wir beide in Richtung der &#8222;Lichtung&#8220; offen sind, uns jederzeit aus dem Raum der M\u00f6glichkeiten heraus neu kreieren k\u00f6nnen, ist dieses Welt-schaffende Gespr\u00e4ch niemals zu Ende. Es gibt keine &#8222;letzte Antwort&#8220;, es gibt (wir geben!) nur das, was wir von Augenblick zu Augenblick aus unserem in Liebe vernetzten Bewusstsein als &#8222;Welt&#8220; erkennen.<\/p>\n<p>So gesehen l\u00e4sst sich leicht feststellen, wann und warum ich &#8222;pers\u00f6nlich&#8220; liebe: Wie sieht die Welt aus, die DU mit mir definieren\/erfinden\/erschaffen willst? Ist sie nur dunkel und kalt, nur Kriegsschauplatz und Jammertal &#8211; oder scheint das Licht in sie hinein, so hell und durchdringend, dass wir unter jedem harten Pflaster noch den Strand erkennen k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Bin ich mit mir alleine, schwanke ich st\u00e4ndig zwischen diesen Sichtweisen, kann mich kaum je &#8222;stabilisieren&#8220; zu einer festen Sicht, die mich handlungsf\u00e4hig macht. Und doch wei\u00df ich, was ich bin und was ich will: dass ich n\u00e4mlich die &#8222;Variante mit Licht&#8220; vorziehe!<\/p>\n<p>Im Geliebten treffe ich den Anderen, der mir hilft, diese Sicht zu stabilisieren &#8211; indem ich zwar noch immer alleine hinsehe, aber den Blick des anderen Standpunktes als &#8222;m\u00f6glicherweise ebenso richtig und wahr&#8220; einbeziehe. Dabei erschlie\u00dft sich eine tiefere Dimension &#8211; genauso, wie man eben mit ZWEI AUGEN (=zwei verschiedene Blickwinkel) anders und besser sieht als mit nur einem.<\/p>\n<p>Die jeweiligen Standpunkte und Blickwinkel k\u00f6nnen wechseln: mal sehe ich nur das Dunkle, das Leiden und die Sinnlosigkeit und bringe das in den Dialog ein &#8211; ein andermal bin ich diejenige, die &#8222;die Welt rettet&#8220; und das Sch\u00f6ne, das Wunderbare, das in Richtung Paradies weisende aufzeigt. Wichtig ist, dass beide beide Positionen grunds\u00e4tzlich anerkennen und erleben k\u00f6nnen &#8211; Zyniker und restlos Verzweifelte kann ich bedauern, aber nicht pers\u00f6nlich lieben, genauso wenig wie die Tr\u00e4umer und Schw\u00e4rmer, denen ihre rosarote Brille auf der Nase festgewachsen ist.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich auch nicht diejenigen, f\u00fcr die die Welt &#8222;fest definiert&#8220; ist, g\u00e4nzlich unabh\u00e4ngig von unserer &#8211; einsamen oder gemeinsamen &#8211; Sicht. Mit ihnen mag ich nicht mal mehr dar\u00fcber diskutieren, ob und inwiefern das stimmt oder nicht. (Bin ja immerhin fast 50 und ich WEISS!) Ich kann sie sowieso nicht &#8222;\u00fcberzeugen&#8220;, denn niemand \u00e4ndert sein grunds\u00e4tzliches Weltverst\u00e4ndnis aufgrund von Argumenten.<\/p>\n<p>Da widme ich mich doch lieber dem gro\u00dfen Spiel, dass ich mit dem Geliebten (mit allen Geliebten, es ist nicht auf den &#8222;Einen&#8220; begrenzt) spielen kann: dialogisch Welt erschaffen, in die das Licht herein scheint &#8211; und an dieser Welt dann ein bisschen mitbauen. Die Energie, die das m\u00f6glich macht, ist die erotische: Das Verlangen, das Sich-Hingezogen f\u00fchlen zum Anderen ist das f\u00fcr jeden erlebbare &#8222;positive Beispiel&#8220; am eigenen Leib. In der Sexualit\u00e4t sind es die &#8222;Schmetterlinge im Bauch&#8220;, auf der Ebene des Herzens erleben wir es als pers\u00f6nliche Liebe &#8211; und jenseits dessen ergie\u00dft sich das Licht umfassender Liebe auf alles-was-da-ist.<\/p>\n<p>Ohne dass dabei etwas &#8222;verloren geht&#8220;! Wie wunderbar!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewidmet den Geliebten, in der N\u00e4he und in der Ferne Der Andere, der Mitmensch in der Lichtgestalt des Geliebten, fasziniert wie nichts sonst auf der Welt. Auch, wenn wir meinen, ihn gut zu kennen, wenn er uns also berechenbar erscheint, wissen wir doch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. 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