{"id":1036,"date":"2004-04-15T13:26:06","date_gmt":"2004-04-15T12:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1036"},"modified":"2013-03-10T13:30:33","modified_gmt":"2013-03-10T12:30:33","slug":"allein-und-undefiniert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/04\/15\/allein-und-undefiniert\/","title":{"rendered":"Allein und undefiniert"},"content":{"rendered":"<p>In elektronischen Verschaltungen gibt es Zust\u00e4nde, die nennt man &#8222;undefiniert&#8220;: Wenn n\u00e4mlich nicht vorgegeben und also auch nicht voraussehbar ist, ob sie im konkreten Einsatz nun zu &#8222;null&#8220; oder &#8222;eins&#8220; werden. Mich hat das verwundert, als ich es in meiner Umschulung\/Weiterbildung zur EDV-Fachkraft erfuhr. Wozu ist das gut? Wof\u00fcr braucht es unklare Verh\u00e4ltnisse in einer technischen Umgebung, die doch gerade dazu da ist, die Abl\u00e4ufe zu automatisieren, sie also vollst\u00e4ndig in den Griff zu bekommen?<\/p>\n<p>So richtig verstanden hab&#8216; ich es letztlich nicht, aber ich erinnere mich manchmal daran, wenn ich allein bin. Vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen kein Kontakt zu irgend jemandem &#8211; je \u00e4lter ich werde, desto paradiesischer erscheint mir dieses Alleinsein. Ob ich maile oder Mails lese, entscheide ich dann ganz nach Laune, f\u00fchle mich in jedem Moment frei, zu tun oder zu lassen, was mir gerade in den Sinn kommt, was f\u00fcr ein g\u00f6ttlicher Zustand! Alle meine Freunde wissen, dass ich nicht gern telefoniere, dass ich dieses fordernde Echtzeit-Medium fast nur zum Austausch wichtiger, zeitkritischer Infos benutze &#8211; und so kann ich tats\u00e4chlich das &#8222;Einsiedeln&#8220; praktizieren, mitten im normalen Leben, zumindest am Wochenende, wenn ich nicht f\u00fcr Auftraggeber erreichbar sein muss.<\/p>\n<p>Was ist so sch\u00f6n daran? Manchmal sinne ich dar\u00fcber nach, w\u00e4hrend die Stunden verrinnen, Stunden, die mich immer weiter vom gesellschaftlichen Dasein entfernen, mich aus allen Verstrickungen heraus heben, von s\u00e4mtlichen Erwartungen Anderer befreien. Was bin ich ohne den Mitmenschen? DAS erlebe ich dann und empfinde Gl\u00fcck: bin nicht mehr JEMAND, bin nicht in soziales Sollen und Wollen eingebunden, bin nichts Bestimmtes &#8211; bin undefiniert!<\/p>\n<p>Die Webdesignerin, die Beraterin, die Kursleiterin, das Mitglied der Coachingrunde Berlin, die Schreibende, die Freundin, die Schwester und Tochter &#8211; all das ist weg, f\u00e4llt von mir ab wie begrenzende Schalen, die mich in Formen pressen: durchaus gute und n\u00fctzliche, manchmal lustvolle und bereichernde Formen &#8211; aber durchweg nicht das, was ich tats\u00e4chlich bin: undefiniert. Wenn ich alleine bin, kehre ich zu diesem formlosen Selbst zur\u00fcck und genie\u00dfe das spontane So-Sein, aus dem all diese Formen geboren werden, wenn ich mit Anderen in Kontakt trete.<\/p>\n<h2>Fr\u00fcher&#8230;<\/h2>\n<p>Es war nicht immer so, ich erinnere mich gut. Fr\u00fcher konnte und wollte ich nicht allein sein, langweilte mich dabei, f\u00fchlte mich unruhig und unausgef\u00fcllt, suchte st\u00e4ndig Kontakt zu irgend jemandem, besuchte dann Freunde, sa\u00df dort endlose Stunden herum und redete und redete: Erst im Angesicht des Anderen sp\u00fcrte ich mich, f\u00fchlte ich mich richtig als Mensch, halbwegs vollst\u00e4ndig und handlungsf\u00e4hig. Alleinsein war Angst-besetzt, obwohl ich das nie zugegeben h\u00e4tte, nicht einmal vor mir selbst.<\/p>\n<p>Dann die vielen Jahre mit M., meinem philosophischen Lebensgef\u00e4hrten. Wand an Wand, jederzeit konnte ich r\u00fcber gehen und plaudern, musste aber auch stets damit rechnen, dass ER herein kam (was aber eher selten geschah, er war immer schon gerne f\u00fcr sich). Im Grunde eine optimale Situation f\u00fcr jemanden, der nicht allein sein mag: In meinem Wohn-Schlaf-Arbeitszimmer war ich f\u00fcr mich, doch immer mit der M\u00f6glichkeit, in Kontakt zu treten. Ich war zufrieden, aber im Lauf der Zeit fiel mir doch auf, wie sehr wir uns einschr\u00e4nkten, um uns gegenseitig nicht zu nerven: kein Radio, TV nur zusammen, ein Leben ohne Musik, und nur sehr seltene Besuche. Anders w\u00e4re diese N\u00e4he nicht m\u00f6glich gewesen, nicht f\u00fcr uns beide, die wir jeder ein eigenes Leben lebten. Und &#8211; das merkte ich aber erst nach meinem Auszug &#8211; diese extrem r\u00fccksichtsvolle Form der Zweisamkeit hat mich f\u00fcrs Alleinsein ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Als ich dann Anfang 2003 in meine eigene Wohnung zog, zum ersten Mal seit zw\u00f6lf Jahren, empfand ich dieses g\u00e4nzlich neue Verh\u00e4ltnis zum Mit-mir-und-sonst-niemand-Sein wider Erwarten als sehr sehr angenehm: Was f\u00fcr eine Ruhe und Freiheit! Keinerlei &#8222;gemeinsame Gewohnheiten&#8220; strukturieren meinen Tag, ich muss niemandem etwas erkl\u00e4ren, wenn ich von diesen Gewohnheiten abweiche. Muss nicht sagen, wo ich hingehe und wann ich zur\u00fcck komme und kann v\u00f6llig verr\u00fcckte Dinge tun &#8211; z.B. auch mal tags\u00fcber schlafen, f\u00fcnf mal t\u00e4glich kochen oder auch gar nichts essen, laut oder still sein, Unordnung entstehen lassen und nachts um zw\u00f6lf aufr\u00e4umen, 15 Stunden am PC sitzen oder ihn, z.B. Samstags, gar nicht erst einschalten. Oder auch mal nichts tun, gar nichts. Niemand schaut mir zu und kommentiert, hinterfragt, fordert mich zu Erl\u00e4uterungen heraus, es ist eine v\u00f6llig andere Seinsweise als das st\u00e4ndige Miteinander &#8211; frei, entspannt, spontan, friedlich ver-r\u00fcckt!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich so schreibend den Freuden des Alleinseins nachsp\u00fcre, merke ich, dass ich nur an der Oberfl\u00e4che kratze: all das sind \u00c4u\u00dferlichkeiten, treffen nicht den Kern. Die Routinen des Zusammenlebens hab ich schlie\u00dflich sehr gesch\u00e4tzt, das Kochen und Essen zu bestimmten Zeiten, den Spaziergang, zu dem ich mich alleine eher schwer aufraffe &#8211; ja, in meinem Solo-Wohnen ringe ich eigentlich st\u00e4ndig um Selbstdisziplin und gewisse Strukturierungen meines Tages: abgesehen von den Kunden und Kursteilnehmern ist da ja nichts und niemand, was mich zwingt. Alles kommt aus mir, oder eben nicht.<\/p>\n<p>Und doch: es ist gut, wie es ist. Selbst wenn ich 1000 Mal zum eigenen \u00c4rger der Tr\u00e4gheit verfalle, wieder einmal nicht das schaffe, was ich mir vorgenommen habe, so wei\u00df ich doch genau dar\u00fcber Bescheid, dass ICH es bin, die nun mal so ist, im Guten wie im Schlechten. Und wenn ich morgen beschlie\u00dfe, jetzt ernsthaft einen Plan zu machen: eine Woche lang ausprobieren, wie sich ein anderer Rhythmus von Schlafen und Wachen, Arbeit und Freizeit, drinnen und Drau\u00dfen-Sein wohl anf\u00fchlen mag &#8211; dann hindert mich nichts, das sofort in die Tat umzusetzen. Das Leben hat auf diese Weise etwas Abenteuerliches, das ich &#8211; man merkt es gewiss &#8211; schlecht in Worte fassen kann.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das Wesentliche am alleine Leben, nicht auf bestimmte Seinsweisen festgenagelt zu werden, wie es ganz automatisch geschieht, wenn ich mit jemandem sehr eng zusammen bin. Zwangsl\u00e4ufig entstehen Erwartungen, ich m\u00f6ge immer so sein, wie ich gestern war &#8211; und schon bin ich in der Situation, jedes Anders-Sein rechtfertigen und erkl\u00e4ren zu sollen. Bedeutender noch: Ich neige dazu, das Bild, das der Andere von mir hat, einfach zu \u00fcbernehmen: aha, so bin ich! Wenn ich auf ihn\/auf sie so wirke, muss ich wohl SO sein. Und schon bin ich dabei, mich (durchaus unbewusst) selber einzuschr\u00e4nken: Jemand, der SO ist, handelt auch SO, denkt SO, und nicht etwa anders.<\/p>\n<p>Nun werde ich bald f\u00fcnfzig, hatte also schon gen\u00fcgend Gelegenheit, zu bemerken: Ich bin bei jedem\/f\u00fcr jeden eine Andere. Jeder Dialog und jede Interaktion erschaffen mich neu, das Bild, das beim Anderen entsteht, kann mein Selbstbild bereichern und ver\u00e4ndern, aber ich tue gut daran, nicht zu vergessen, dass es sich um blo\u00dfe Bilder handelt: statische Momentaufnahmen von Aspekten des Daseins und Soseins, auf die ich mich besser nicht festnagele.<\/p>\n<p>Alleinsein bedeutet vor diesem Hintergrund ein Loslassen aller Bilder und Formen, ein Bad in der Leere, ein L\u00f6schen s\u00e4mtlicher Speicher. Allein bin ich nichts Bestimmtes und finde zur\u00fcck zur M\u00f6glichkeit, alles zu sein &#8211; zumindest potenziell. Wie angenehm, so wunderbar &#8222;undefiniert&#8220;!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In elektronischen Verschaltungen gibt es Zust\u00e4nde, die nennt man &#8222;undefiniert&#8220;: Wenn n\u00e4mlich nicht vorgegeben und also auch nicht voraussehbar ist, ob sie im konkreten Einsatz nun zu &#8222;null&#8220; oder &#8222;eins&#8220; werden. Mich hat das verwundert, als ich es in meiner Umschulung\/Weiterbildung zur EDV-Fachkraft erfuhr. Wozu ist das gut? 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