{"id":1035,"date":"2004-04-15T13:12:02","date_gmt":"2004-04-15T12:12:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1035"},"modified":"2013-11-28T11:07:18","modified_gmt":"2013-11-28T10:07:18","slug":"meine-wirklichkeit-und-wie-sie-entsteht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/04\/15\/meine-wirklichkeit-und-wie-sie-entsteht\/","title":{"rendered":"Meine Wirklichkeit und wie sie entsteht"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder wundere ich mich, wie sehr mein Erleben vom Wetter bestimmt ist. Noch vor ganz kurzer Zeit war ich in ziemlich mieser Stimmung, die Arbeit ging mir tendenziell auf die Nerven, ich sah keine Perspektiven, f\u00fchlte mich schwer und leer. Alles erschien mir als Last, nicht etwa als Lust!<\/p>\n<p>Nun hat vor zwei Wochen der Fr\u00fchling so richtig eingesetzt und alles ist anders. Keine einzige Rahmenbedingung hat sich ver\u00e4ndert, Auftragslage und Konto sind wie gehabt, aber auf einmal ist mir die Welt wieder ein Abenteuerspielplatz. Ich f\u00fchle mich inspiriert, bin guter Dinge und gegen\u00fcber &#8222;Problemen&#8220; bleibe ich gelassen, kann sogar \u00fcber mich selber schmunzeln. Unglaublich &#8211; und nur wegen ein bisschen W\u00e4rme und Sonnenschein!<\/p>\n<h2>Per Aspera ad Astra?<\/h2>\n<p>Ein lieber Freund, dem ich gern berichte, was mich so in Bezug auf mein Arbeitsleben umtreibt, machte mich darauf aufmerksam, dass ich dies alles immer im Stil einer &#8222;Leidensgeschichte&#8220; vortrage &#8211; als Aneinanderreihung von Problemen und eigenen Defiziten, die es zu l\u00f6sen bzw. zu \u00fcberwinden gelte. Also &#8222;per aspera ad astra&#8220;, durch die W\u00fcste (das Leiden) zu den Sternen. Er fordert mich auf, von den &#8222;Figuren&#8220;, die ich in meinem Dasein vorfinde, zu &#8222;Skulpturen&#8220; fortzuschreiten, die ich selber erschaffe. Dies bedeute lediglich eine Ver\u00e4nderung des Blickwinkels, keine v\u00f6llige Neuschaffung s\u00e4mtlicher Elemente, aus denen sich sowohl die Figuren als auch die Skulpturen zusammen setzen. Gl\u00fccksgeschichten schreiben, statt Leidensgeschichten erz\u00e4hlen!<\/p>\n<p>Im Grunde wei\u00df ich, dass es geht, wei\u00df es zum Beispiel durch die Erfahrung mit dem Fr\u00fchling. Dass ich &#8222;trotz Fr\u00fchling&#8220; einen typischen &#8222;Per aspera ad astra-Bericht&#8220; abliefere, ist einfach eine Gewohnheit. Ich k\u00f6nnte mich auch mit dem Fr\u00fchling verbinden, also sagen: DAS bin ich jetzt, dieses Gef\u00fchl von Aufbl\u00fchen, Fantasie und Kraft &#8211; und das wende ich jetzt einfach mal an und sehe, was ich daraus machen kann.<\/p>\n<h2>Pointers &#8211; Wegweisende Gespr\u00e4che mit Sri Nisargadatta Maharaj<\/h2>\n<p>Dazu passt, was ich gestern in einem spirituellen Buch las, in das ich immer mal wieder schaue, ohne wirklich zu verstehen (bin ja nicht erleuchtet&#8230;). Es hei\u00dft &#8222;Pointers &#8211; Wegweisende Gespr\u00e4che mit Sri Nisargadatta Maharaj&#8220;. Zu ihm kam mal eine Besucherin, die eine Frage \u00fcber die Bhagavadgita stellen wollte. (In jenem Epos erscheint dem Arjuna, der gerade gegen seine eigenen Verwandten einen Stammeskrieg f\u00fchren soll und dar\u00fcber fast verzweifelt, der Gott Krishna, der ihn ber\u00e4t und belehrt).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie noch im Begriff war, die richtigen Worte zu finden, fragte Maharaji: <em>&#8222;Von welchem Standpunkt aus lesen Sie die Gita?&#8220;<\/em> Sie murmelte etwas von &#8222;wichtiger F\u00fchrer f\u00fcr spirituell Suchende&#8220;, was der Erleuchtete jedoch als dumme Antwort ablehnte. Er frage sie ja nicht nach der Textsorte, zu der das Buch z\u00e4hle, sondern nach ihrem STANDPUNKT als Lesende. Von einem anderen Besucher kam schlie\u00dflich eine Antwort: <em>&#8222;Ich lese es als einer der Arjunas in dieser Welt, zu deren Nutzen der Herr gn\u00e4digerweise die Gita gegeben hat&#8220;.<\/em><\/p>\n<p>Maharaj daraufhin: <em>&#8222;Warum lesen Sie die Gita nicht aus der Sicht des Lord Krishna?&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Ja, warum eigentlich nicht? Wenn ich mir das genau ansehe, dann ist der wahre Grund nicht etwa der, dass ich es f\u00fcr unm\u00f6glich hielte, die Perspektive des Gl\u00fccks, des Fr\u00fchlings, des Erleuchteten einzunehmen und von daher auf das eigene Dasein zu schauen. Ob es m\u00f6glich oder unm\u00f6glich ist und wieweit es tr\u00e4gt, das zeigt sich ja erst, wenn man es TUT, wenn man es zumindest ausprobiert! Meine Ablehnung liegt aber bereits VOR diesem Versuch. Warum nur?<\/p>\n<p>Tja, die Antwort ist nicht besonders schmeichelhaft: Ich m\u00fcsste etwas AUFGEBEN, an dem ich offensichtlich noch immer h\u00e4nge: mein Leiden! Genauer gesagt, mein Selbstverst\u00e4ndnis als Leidende, als Problemkind, das lieber \u00fcber die Leiden, Probleme und Defizite des eigenen Daseins lamentiert, anstatt die Dinge kreativ anzugehen. Diese Haltung stammt vermutlich aus uralten Kindertagen: Mami, Mami, ich hab mir das Knie aufgesch\u00fcrft, HEUL!!!!!!!!!!!!!!!!<\/p>\n<p>Aber wer hat nicht auch schon mal beobachtet: Da stolpert so ein Kleinkind, schl\u00e4gt sogar recht heftig auf dem Boden auf &#8211; man erwartet markersch\u00fctterndes Gebr\u00fcll! Jedoch: es verzieht zwar f\u00fcr einen Moment das Gesicht, schaut dann aber um sich und stellt fest, dass niemand sein Fallen bemerkt hat. Prompt rappelt es sich wieder auf und geht weiter, anstatt sich f\u00fcrs laute Weinen zu entscheiden. Schaut die Mutter aber gerade hin, ist kein Halten!<\/p>\n<p>Schon dieses kleine Kind HAT also (zumindest gelegentlich) die freie Wahl, ob es sich nun ins Leiden fallen l\u00e4sst oder lieber anderen Impulsen folgt. F\u00e4llt die Entscheidung in Richtung Leiden, dann geschieht das, um die Aufmerksamkeit der geliebten Person zu binden, ihren Trost und ihre Streicheleinheiten zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu Kleinkindern, die das Ganze im n\u00e4chsten Augenblick wieder vergessen haben, ob sie nun weinen oder nicht, muss ich als Erwachsene mehr aufgeben als nur die Chance, im Moment angenehm bemuttert zu werden. Mich gegen das Leiden entscheiden, hei\u00dft nicht nur, aufs \u00f6ffentliche Jammern und Schimpfen zu verzichten und Freunde nicht als Klagemauer zu benutzen, sondern auch, den entsprechenden &#8222;inneren Monolog&#8220; abzuschalten. DAS ist der zentrale Punkt &#8211; und das f\u00e4llt verdammt schwer!<\/p>\n<p>Aber wiederum nicht, weil es nicht funktionieren k\u00f6nnte, etwa, weil die Gedanken nun einmal kommen und weiter laufen, immer weiter um das Leiden und die Probleme kreisend. Ob das wirklich unver\u00e4nderbar so ist, stellt sich doch erst heraus, wenn ich es entschlossen versuche, wenn ich den auftauchenden Leidensgedanken ein &#8222;Stopp&#8220; entgegen setze und den Denkapparat mit selbst gew\u00e4hlten Inhalten besch\u00e4ftigte. Nein, es ist kein Unverm\u00f6gen, sondern ein Unwille: ich merke, ich WILL es nicht, weil das, was ich &#8222;ausschalten&#8220; m\u00fcsste, einen gro\u00dfen Teil von dem ausmacht, was ICH bin. Was ich &#8222;f\u00fcr mich&#8220;, in meinem Selbstverst\u00e4ndnis bin. Die Idee f\u00fchlt sich an, als m\u00fcsste ich einen Teil von mir t\u00f6ten, amputieren.<\/p>\n<p>Ja, das ist es. Beobachtet, erkannt, in Worte gefasst, hingeschrieben, ins Web gestellt &#8211; wenn ich jetzt gleich den &#8222;Send-Button&#8220; gedr\u00fcckt habe, entscheide ich mich mal f\u00fcr das Gl\u00fcck. Zumindest f\u00fcr heute &#8211; mal sehen, wie es funktioniert.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder wundere ich mich, wie sehr mein Erleben vom Wetter bestimmt ist. Noch vor ganz kurzer Zeit war ich in ziemlich mieser Stimmung, die Arbeit ging mir tendenziell auf die Nerven, ich sah keine Perspektiven, f\u00fchlte mich schwer und leer. Alles erschien mir als Last, nicht etwa als Lust! 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