{"id":1033,"date":"2004-04-04T13:02:55","date_gmt":"2004-04-04T12:02:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1033"},"modified":"2013-03-10T13:11:45","modified_gmt":"2013-03-10T12:11:45","slug":"berlin-so-wunderbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/04\/04\/berlin-so-wunderbar\/","title":{"rendered":"Berlin &#8211; so wunderbar?"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Mal, wenn ich die paar Minuten zur U-Bahn gehe, laufe ich durch die <a href=\"http:\/\/www.hvbimmobilien.de\/projekte\/index_1000091.html\" target=\"new\">Oberbaum-City<\/a>. Historische Backstein-Fabriken, vollendet restauriert und modernisiert. Ein gro\u00dfes Schild &#8222;In Visionen leben&#8220; gibt den Anspruch vor, mit dem hier mittels viel Geld nach der Wende ein &#8222;aufstrebendes Gesch\u00e4ftsviertel&#8220; erbaut werden sollte. Die ganze Gegend hat man auch gleich glasfaserverkabelt &#8211; schlecht, denn wenig sp\u00e4ter kam das Internet, kam DSL, das nun mal die alten Kupferkabel ben\u00f6tigt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2004\/04\/hof-oberbaum-city.jpg\" alt=\"Hof Oberbaum-City\" title=\"alt=\"Hof Oberbaum-City\" width=\"210\" height=\"148\" class=\"alignright rechts randlos size-full wp-image-1034\" \/>Gegen Abend wird die Oberbaumcity mit ihren vielen leeren L\u00e4den und B\u00fcro-Etagen g\u00e4nzlich zur Geisterstadt. Der Wachschutz patroulliert, um Vandalismus zu verhindern &#8211; aber hierher verschl\u00e4gt es kaum einen Vandalen. Allenfalls, wenn das MATRIX unter der U-Bahn Freitags und Samstags Jugendliche in Massen anzieht, k\u00f6nnte manch einer die Brunnen-geschm\u00fcckten Innenh\u00f6fe als stilles \u00d6rtchen missbrauchen. <\/p>\n<p>Alle reden vom Aufschwung &#8211; doch in der Oberbaum-City macht der einzige Italiener dicht, die letzten B\u00fcros im Erdgeschoss sind nicht mehr besetzt, Schilder weisen darauf hin, dass man die M\u00f6bel preiswert erwerben kann. Pixelpark, das ehemalige Vorzeige-Start-Up, ist zu Fast-Nichts zusammen geschrumpft &#8211; was f\u00fcr ein Niedergang eines gro\u00dfen Wurfs!<\/p>\n<p>Laufe ich in die andere Richtung und \u00fcberquere die Spree auf der Elsener Br\u00fccke, bin ich in einer Viertelstunde im Treptower Park. Am Ufer entlang kann man &#8211; noch! &#8211; eineinhalb Stunden wandern, ein idyllischer Waldweg s\u00e4umt den Pl\u00e4nterwald, das wichtigste Naherholungsgebiet weit und breit. Mitten hinein plant der Senat, einen Mega-Vergn\u00fcgungspark errichten zu lassen, der &#8222;die Attraktivit\u00e4t Berlins&#8220; steigert. Ein TIVOLI, eine 150-Millionen-Investition, die viele Arbeitspl\u00e4tze schaffen soll. Zum &#8222;Spreepark&#8220;, der seit drei Jahren still liegt, weil der Betreiber sich v\u00f6llig \u00fcberschuldet nach Peru abgesetzt hat, wird sich das Tivoli, sollte es denn kommen, verhalten wie ein Fu\u00dfballstadion zum Bolzplatz um die Ecke. Aus mit Ruhe, Naturschutz, Wanderweg, Waldspaziergang. 2000 Parkpl\u00e4tze m\u00fcssen irgendwohin, der L\u00e4rm wird den Wohnwert der ebenfalls als Zukunftsprojekt errichteten &#8222;Wasserstadt&#8220; an der nahe gelegenen Rummelsburger Bucht drastisch senken &#8211; und nat\u00fcrlich auch der Wohnviertel rundum, aber das interessiert ja sowieso kaum jemanden, der dort nicht lebt.<\/p>\n<h2>Etwas dagegen tun?<\/h2>\n<p>Soll ich mich da engagieren? Es gibt eine B\u00fcrgerinitiative, die sich seit zwei Jahren in Sachen &#8222;Vergn\u00fcgungspark&#8220; f\u00fcr eine umwelt- und umfeldvertr\u00e4gliche Variante einsetzt. Sie scheinen noch nicht mal eine Website zu haben, unglaublich! Ich sehe nur manchmal kleine Zettel an den B\u00e4umen, die zu Spazierg\u00e4ngen einladen, auf denen die Aktiven dem Volk zeigen, was, wenn das Tivoli mal steht, hier alles nicht mehr m\u00f6glich sein wird.<\/p>\n<p>Der Tivoli-Plan ist eine reine Verzweiflungstat. Wo immer sich die Chance aufs &#8222;Klotzen&#8220; zeigt, denkt Peter Strieder, Bausenator und (noch) SPD-Chef in Berlin, nicht gro\u00df nach, sondern ist daf\u00fcr. Andere Investoren, die es ein paar Nummern kleiner vorhaben, werden gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen. Die Touristenstr\u00f6me, die so ein Disneyland an der Spree anziehen k\u00f6nnte, erscheinen als &#8222;das Rettende&#8220;. Sie bringen Geld in die Stadt, und darauf kommt es alleine an. &#8222;Rein Lokale Interessen k\u00f6nnen hier nicht den Ausschlag geben&#8220;, hei\u00dft es im Senat.<\/p>\n<p>Grad hab&#8216; ich eine E-Mail an die PDS Treptow geschickt, und um eine Ansprechadresse der Initiative gebeten. Soviel ich sehe, sind die Initiatoren eng mit der PDS verflochten, die ja in Berlin auch mitregiert. Ich will mich informieren, wie der aktuelle Stand der Dinge ist &#8211; aber so richtig kann ich mir mich in einer &#8222;BI&#8220; nicht mehr vorstellen. <\/p>\n<p>Denn vor Zeiten, in den bewegten 80gern, war ich &#8211; damals zwischen 25 und 35 Jahre alt &#8211;  in zig Stadtteilinitiativen aktiv: f\u00fcr eine mieterfreundliche Sanierung, f\u00fcr Verkehrsberuhigung, f\u00fcr ein Jugend- und Kulturzentrum, gegen Bauspekulanten und Luxusmodernisierung, gegen Dachgeschoss-Ausbau und die Aufteilung der H\u00e4user in Eigentumswohnungen. Es waren wilde Jahre und ich lernte, meine Ellenbogen &#8222;f\u00fcr die Sache&#8220; einzusetzen, was zun\u00e4chst immer bedeutete, in den eigenen Reihen die Machtfrage zu eigenen Gunsten zu entscheiden. Dabei war ich erstaunlich erfolgreich, aber es hat mich \u00fcber die Jahre auch fertig gemacht. Als Multifunktion\u00e4rin rund um die Uhr landete ich letztlich in einer gro\u00dfformatigen Midlife-Crisis, rotierte noch ein Jahr als Wirtin einer Kiezkneipe um den Tresen (heute davor, morgen dahinter), und erreichte mit 36 endlich mein ganz pers\u00f6nliches Tief. Ich hatte mich selbst verloren, wusste gar nicht mehr, was das eigentlich ist.<\/p>\n<p>All das steht mir wieder vor Augen, wenn ich an &#8222;B\u00fcrgerinitiative&#8220; denke. Mal angenommen, ich gehe dahin, dann ja gewiss nicht, um nur einfach mit herumzusitzen und mich zu entr\u00fcsten. Ich w\u00fcrde versuchen, meine Ideen, Erfahrungen und F\u00e4higkeiten einzusetzen, w\u00fcrde Vorschl\u00e4ge machen, was man noch tun k\u00f6nnte &#8211; und allein damit eckt man nat\u00fcrlicherweise immer gleich an. Denn alles Neue, bisher so noch nicht Gemachte, kann von denen, die schon l\u00e4nger dabei sind, als Kritik verstanden werden. Sie m\u00fcssen sich ja fragen, und wom\u00f6glich vor sich selber und vor der Gruppe rechtfertigen, warum sie dies oder jenes bisher nicht SO gemacht haben &#8211; und das f\u00fchrt in der Regel dazu, dass man erst mal &#8222;dagegen&#8220; ist: gegen neue Ideen, gegen neue LEUTE, die mehr tun wollen, als nur das Vorhandene mit Applaus zu belobigen und brav die vorhandenen Zettel an noch mehr B\u00e4ume zu kleben.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hat mich das nicht gest\u00f6rt, im Gegenteil, der &#8222;Kampf&#8220; befl\u00fcgelte mein wachsendes und sich selbst entdeckendes Ego. Entweder ich setzte mich argumentativ durch, oder ich brachte mehr Leute gleichen Geistes in die Initiative, die bei Gelegenheit die etablierten Betonk\u00f6pfe einfach \u00fcberstimmten &#8211; schlie\u00dflich haben wir Demokratie! <\/p>\n<p>Auf all diese &#8222;Menscheleien&#8220; hab&#8216; ich heute nicht mehr die geringste Lust. Noch dazu unter den versch\u00e4rften Bedingungen einer &#8222;Ost-Initiative&#8220;: da w\u00e4re ich ja auch noch die zugezogene Wessi-Frau!<\/p>\n<p>Vielleicht geh&#8216; ich ja mal hin und schau mir die Leute an. Genau wie beim Kind, das sich die Finger am Feuer verbrannte, ist da so ein Verlangen, das, woran ich trotz aller \u00e4u\u00dferen Erfolge pers\u00f6nlich gescheitert bin, noch einmal aufzusuchen. Ich glaube allerdings nicht an ein &#8222;anderes Engagement&#8220;, sehe keinerlei Alternative: entweder ich bleibe drau\u00dfen, leiste allenfalls mal eine Unterschrift oder spende ein paar Euro, ODER ich geh&#8216; da rein, engagiere mich und bin binnen kurzem wieder mitten drin in dem, wovon die, die es immer nur von au\u00dfen sehen, sagen: Politik ist ein schmutziges Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p>Da ich mein eigenes F\u00fchlen und Erleben gerne verallgemeinere (wenn alle so w\u00e4ren, wie ich&#8230;), denke ich das zu Ende und lande dann logischerweise im Akzeptieren dessen, was ist, bzw. was mittels der Kr\u00e4fte des Marktes kommen will. Hier also das Tivoli im Pl\u00e4nterwald. Kein idyllischer Uferwanderweg mehr, sondern 2000 Parkpl\u00e4tze und L\u00e4rm von fr\u00fch bis sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Schon komisch, dass diese Aussicht mich tats\u00e4chlich weniger graust, als die Vorstellung, wieder in einer &#8222;Aktivistengruppe&#8220; um die &#8222;richtige Linie&#8220; zu k\u00e4mpfen. Das eine sind anonyme Strukturen, \u00f6konomische Bedingungen, die nun mal ihre leidhaften Ergebnisse zeitigen &#8211; das andere bedeutet konkrete Schl\u00e4ge in die Magengegend, gegen die man sich hart machen muss, will man sich &#8222;f\u00fcr die Sache&#8220; durchsetzen.<\/p>\n<p>Ich war schon einmal so verh\u00e4rtet, dass ich fast daran zerbrach. &#8222;Do ist again, Sam&#8220; kommt nicht wirklich in Frage. Vielleicht gibt es in Sachen Pl\u00e4nterwald ja auch genug J\u00fcngere, die GERNE k\u00e4mpfen &#8211; so wie ich vor zwanzig Jahren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Mal, wenn ich die paar Minuten zur U-Bahn gehe, laufe ich durch die Oberbaum-City. Historische Backstein-Fabriken, vollendet restauriert und modernisiert. Ein gro\u00dfes Schild &#8222;In Visionen leben&#8220; gibt den Anspruch vor, mit dem hier mittels viel Geld nach der Wende ein &#8222;aufstrebendes Gesch\u00e4ftsviertel&#8220; erbaut werden sollte. 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