{"id":1031,"date":"2004-03-31T12:57:30","date_gmt":"2004-03-31T11:57:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1031"},"modified":"2013-03-10T13:01:39","modified_gmt":"2013-03-10T12:01:39","slug":"vom-nutzen-der-leere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/03\/31\/vom-nutzen-der-leere\/","title":{"rendered":"Vom Nutzen der Leere"},"content":{"rendered":"<p>Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Ich trete auf den Balkon und sch\u00fcttle \u00fcber mich selber den Kopf: zum ersten Mal hab ich diese kurzfristig bl\u00fchenden Ex-und-Hopp-Gew\u00e4chse in K\u00e4sten gesetzt, auf dass ihre drastischen Farben den Fr\u00fchling JETZT SOFORT erlebbar machen. Primeln, Stiefm\u00fctterchen &#8211; oh Gott, h\u00e4tte mir das fr\u00fcher jemand prophezeit, ich h\u00e4tte mir an den Kopf gefasst. Und jetzt gef\u00e4llt es mir! Wer wei\u00df, vielleicht mach ich ja auch eines Tages Kaffeefahrten mit und kaufe in der dazu geh\u00f6renden Werbeveranstaltung \u00fcberteuerte Heizdecken!<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchling m\u00fcssen die Zimmerpflanzen mal wieder ged\u00fcngt werden. Oder umgetopft. Ob das auch f\u00fcr Menschen gilt? F\u00fcr mich? In dieser Woche ist ein Schreibimpulse-Kurs zu Ende gegangen und auch das Re-Design eines Maler-Shops, das mich endlos lang besch\u00e4ftigt hat, ist abgeschlossen. Ein weiterer Auftrag wird ebenfalls noch diese Woche fertig &#8211; und dann ist PAUSE!<\/p>\n<p>Die Pause hab ich nicht geplant, aber sie kommt genau richtig. Langsam weicht die Verstrickung in Gesch\u00e4ftigkeiten ein St\u00fcck zur\u00fcck. Am Sonntag hab ich es gar geschafft, einen Teil der Verwaltungsarbeit abzuwickeln, die ich so miesepetrig vor mir hergeschoben hatte. Anfang n\u00e4chster Woche werde ich FREI sein: morgens den PC einschalten und mich fragen k\u00f6nnen: WAS JETZT?<\/p>\n<p>Das hab&#8216; ich lange nicht mehr erlebt! Mindestens ein dreiviertel Jahr nicht. Jetzt, inmitten dieser Fr\u00fchlingsstimmung, sp\u00fcre ich, wie sehr es mir gefehlt hat. Nicht die Ruhe, die Pause, die Erholung, sondern dieses Gef\u00fchl, dass da vor mir ein freier Raum voller M\u00f6glichkeiten liegt, aus dem ich jetzt sch\u00f6pfen kann: etwas ver-wirklichen, was es so vorher nicht gegeben hat. Etwas, das mich auf neue Weise fordert, ein Hauch von Abenteuer!<\/p>\n<p>Das letzte Abenteuer auf meiner To-Do-List, den Kurs &#8222;Club der erotischen Dichter&#8220;, musste ich verschieben. Zuwenig Mutige haben sich angemeldet, also bekommt die Sache noch mal vier Wochen Vorlauf. Anders als in den anderen Kursen gestatten wir hier Anonymit\u00e4t unter den Teilnehmern &#8211; und doch scheint es eine ziemliche H\u00fcrde zu sein, sich schreibend diesem Thema zu n\u00e4hern. Komisch eigentlich, wenn man bedenkt, wie sexualisiert und enttabuisiert die mediale Welt seit Jahren daher kommt!<\/p>\n<p>Nun, in der &#8222;Pause&#8220; wird mir vielleicht etwas dazu einfallen, irgend eine Form der &#8222;Verf\u00fchrung zum Mitschreiben&#8220;, mal sehen. Vielleicht werde ich aber auch selber verf\u00fchrt: von etwas ganz Neuem!<\/p>\n<h2>Navigieren ?<\/h2>\n<p>Immer wieder erlebe ich, dass mir nahe stehende Personen wie selbstverst\u00e4ndlich davon ausgehen, dass ich meine &#8222;Orientierung&#8220;, also das Woher\/Wohin\/Wozu\/Wer bin ich &#8222;aus dem Internet&#8220; beziehe. Sie glauben, da g\u00e4be es Gemeinschaften und &#8222;hoch stehende Pers\u00f6nlichkeiten&#8220;, mit denen ich im fortlaufenden Dialog stehe. Jedes Mal, wenn mir das gesagt wird, wundere ich mich! Wie kommen sie nur darauf? So ein &#8222;Dialog der Weisheit&#8220; ist doch etwas ungeheuer Seltenes &#8211; und per Internet auch nicht leichter zu finden als im sogenannten &#8222;realen Leben&#8220;. Er ist nicht blo\u00df Text: Worte und Meinungen, folgenlos im Nichts getauscht, sondern er bedarf einer pers\u00f6nlichen Beziehung auf der Basis von Liebe. So etwas zu erleben, ist eine Sternstunde, ist die Ausnahme von der Regel &#8211; und als solche alles andere als verl\u00e4sslich! Sobald ich an einem solchen Dialog festklebe, mich wirklich einlassen will auf den &#8222;gro\u00dfen Anderen&#8220;, werde ich mit geradezu automatenhafter Sicherheit frustriert.<\/p>\n<p>Der &#8222;Guru on Demand&#8220; ist eine Illusion, geschaffen durch meine eigene Imagination &#8211; das zu wissen, macht frei und einsam zugleich.<\/p>\n<p>Frei, weil es mich erm\u00e4chtigt und in die Lage versetzt, auch von meiner Zimmerpflanze zu lernen; vom Putzmann, der einmal die Woche das Treppenhaus reinigt und von der freundlichen Bedienung im Restaurant. Und einsam, weil die gem\u00fctliche Alltagsillusion, es g\u00e4be ein tieferes Miteinander, das die grunds\u00e4tzliche Getrenntheit aufhebt, einfach nicht zu halten ist. Jedes Gegen\u00fcber, jeder Andere, ist auch nur ein &#8222;ganz normaler Mensch&#8220; wie ich. Also einer, dem im Zweifel die eigene Haut n\u00e4her ist als die Befindlichkeiten des N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>So navigiere ich in der Regel alleine durchs Dasein. Die Frage, woran ich mich orientiere, kann ich nicht umfassend beantworten. Alles, was ich &#8222;tue&#8220;, wenn ich nicht wei\u00df, wo&#8217;s lang geht, ist Hinsehen. Das anschauen, was ist. Und zwar solange, bis sich all die Schichten der W\u00fcnsche, Illusionen und \u00c4ngste verfl\u00fcchtigen, indem sie ihren Charakter als &#8222;Schall und Rauch&#8220; offenbaren. Was bleibt, ist Tatsache &#8211; und Tatsachen sind leer. Ohne mich, ohne mein Bewerten und Be-Deuten entlang an eigenen Interessen (sei das nun ein blo\u00df pers\u00f6nlicher Wunsch oder die Rettung der Menschheit), hat nichts Bedeutung. Ist einfach Sternenstaub, der im Universum kreist.<\/p>\n<p>Diese kleine Meditation bewirkt eine Art &#8222;Arbeitsspeicher l\u00f6schen&#8220; im eigenen Mind. Und emotional ereignet sich das Wunder, dass ich den Abgrund unter mir zwar sehe &#8211; tats\u00e4chlich ist da kein Boden, auf dem ich stehe! &#8211; aber ich dennoch nicht hineinfalle, sondern schwebe, fliege&#8230;<\/p>\n<p>Naja, nicht immer, aber immer \u00f6fter! :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Ich trete auf den Balkon und sch\u00fcttle \u00fcber mich selber den Kopf: zum ersten Mal hab ich diese kurzfristig bl\u00fchenden Ex-und-Hopp-Gew\u00e4chse in K\u00e4sten gesetzt, auf dass ihre drastischen Farben den Fr\u00fchling JETZT SOFORT erlebbar machen. 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