{"id":1030,"date":"2004-03-30T12:48:36","date_gmt":"2004-03-30T11:48:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1030"},"modified":"2013-03-10T12:57:17","modified_gmt":"2013-03-10T11:57:17","slug":"enigma-oder-wer-ist-der-andere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/03\/30\/enigma-oder-wer-ist-der-andere\/","title":{"rendered":"ENIGMA &#8211; oder WER ist der Andere?"},"content":{"rendered":"<p>Nur selten erlebe ich ein Theaterst\u00fcck. Die &#8222;Hochkultur&#8220; der Opern, Konzerte, Theater, Museen und &#8222;Lesungen&#8220; ist mir eher fremd geblieben. Wer da nicht &#8222;reinsozialisiert&#8220; ist, fragt sich auch sp\u00e4ter nicht aus eigenem Antrieb: Sollte ich mal ins Theater gehen? Das, was ich mir dann doch ansah, weil Freunde mich mal mitschleppten, hat auch nicht recht begeistert. Die Geste der Klage und Anklage \u00f6det mich an, das bem\u00fchte Skandalisieren und Provozieren ebenso. In St\u00fccken aus ferner Vergangenheit schlafe ich fast ein, es erinnert mich an den Deutschunterricht, in dem es mir ebenso ging: Was will uns der Dichter damit sagen? Und dann dieses stockende Gew\u00fcrge, wenn die Lehrerin versuchte, aus den uninteressierten Teenys ein Verst\u00e4ndnis im Sinne eines &#8222;Zeitbezugs&#8220; herzustellen &#8211; meist ohne Erfolg, denn wir lebten ja noch gar nicht &#8222;in unserer Zeit&#8220;.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter dann faszinierte mich kurzzeitig die Berliner Schaub\u00fchne mit St\u00fccken von Botho Strauss, inszeniert von Peter Stein. Da gab es &#8222;Zeitbezug satt&#8220; &#8211; meist ging es um das Scheitern von Beziehungen, das ins Leere laufen aller Erwartungen an &#8222;den Anderen&#8220;, die Personen redeten grunds\u00e4tzlich aneinander vorbei, und zwar so, dass das auch alle Zuschauer mitbekamen und sich im Spiegel sahen. Zwei, drei mal ist das ganz sch\u00f6n, aber DANN frage ich mich doch: Warum soll ich mir das immer wieder antun? Das &#8222;Bewusst machen&#8220; dessen, was ist, ist ein endliches Vergn\u00fcgen. Ich bin nun mal keine Dauerkonsumentin negativer Gef\u00fchle, sehe nicht ein, f\u00fcr den kunstvoll generierten Blick auf Scheitern und Hoffnungslosigkeit auch noch Geld zu bezahlen! Bye bye Theater, ich BRAUCHE dich nicht!<\/p>\n<p>Neulich dann das Renaissance-Theater. Wieder hat mich ein Freund &#8222;mitgeschleppt&#8220; und weil es ein St\u00fcck mit Mario Adorf war, ging ich das Risiko ein. Es war wider alles Erwarten ganz wunderbar, deshalb erz\u00e4hl ich hier davon. Aber Achtung: Wer vor hat, das St\u00fcck noch anzusehen, sollte besser nicht weiter lesen! Denn es lebt einerseits von den genialen Schauspielern, aber auch von verbl\u00fcffenden Wendungen, die nat\u00fcrlich nicht mehr verbl\u00fcffen, wenn man sie schon kennt.<\/p>\n<p>Als denn:<\/p>\n<p><strong>ENIGMA<\/strong><br \/>\nZwei-Personen-St\u00fcck mit Mario Adorf und Justus von Dohn\u00e1nyi<br \/>\nRegie: Volker Schl\u00f6ndorff<\/p>\n<p>Ein gealterter Gro\u00dfschriftsteller, Nobelpreistr\u00e4ger, hat sich auf eine Insel im Norden zur\u00fcckgezogen, um den Banalit\u00e4ten des Mensch-Seins m\u00f6glichst ferne zu bleiben. Als sein 21. Buch ist soeben der Briefwechsel eines Liebespaars erschienen, das nur wenige Monate &#8222;im realen Leben&#8220; zusammen war. Dann hatte ER, der Protagonist des &#8222;Romans in Briefen&#8220; die Trennung verlangt &#8211; und dass die beiden ihre Leidenschaft nur noch schreibend leben, um sie so zu erhalten. SIE willigte letztlich ein und der Briefwechsel w\u00e4hrte tats\u00e4chlich 15 Jahre. Wo er dann ohne Erkl\u00e4rung abbricht.<\/p>\n<p>Einem Journalisten gelingt es, beim Literaturgenie einen Interviewtermin zu bekommen. Der Gro\u00dfschriftsteller hat das zwar vergessen, als er ankommt und schie\u00dft zun\u00e4chst auf ihn &#8211; aber der Besucher erreicht das Haus doch noch lebend. (&#8222;Wenn Sie vor meinem Haus sind, sind Sie der Feind, wenn sie drin sind, mein Gast&#8220;).<\/p>\n<p>Es entspinnt sich ein vielschichtiger Dialog mit mehreren &#8222;Schocks&#8220;, die jeweils die Grundlagen der Situation vollst\u00e4ndig ver\u00e4ndern. Dabei staunte ich \u00fcber die drastischen Bez\u00fcge zu philosophischen &#8222;Netz-Themen&#8220;, ohne dass je explizit ein Bezug zu &#8222;Real bzw. Virtual Life&#8220; hergestellt wird.<\/p>\n<p>In den Dialogen des St\u00fccks wird Literatur und Leben, Wahrheit und L\u00fcge genial diskutiert und variiert. Das &#8222;Erlebte&#8220; bzw. Geschehen der Geschichte ist dann aber weder Wahrheit noch L\u00fcge, ist beides und nichts davon, sondern vollendete Virtualit\u00e4t. Das &#8222;Virtuelle&#8220; entfaltet sich in einer Reihe aufeinander folgender &#8222;Schocks&#8220;, die jeweils die Realit\u00e4t v\u00f6llig neu und anders darstellen.<\/p>\n<p>Und das geht so:<\/p>\n<p>Eingangs l\u00f6chert der Journalist den Schriftsteller, er m\u00f6ge doch zugeben, dass der Briefwechsel etwas mit seinem Leben zu tun hat. Was dieser entr\u00fcstet abstreitet (Literatur ist &#8222;Erfindung&#8220;, ist Poesie, nicht schn\u00f6der Alltag&#8230;) &#8211; sp\u00e4ter aber doch zugibt, um das Interview zu verl\u00e4ngern. Offensichtlich freut er sich doch, mal ein Gegen\u00fcber zu haben, ist in Wahrheit nicht ganz gl\u00fccklich auf seiner einsamen Insel im Norden, wo es sechs Monate Tag und sechs Monate Nacht ist.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass der Journalist aus derselben Stadt kommt (und wohl nur deshalb diesen Termin bekam!), wie die ferne Geliebte des Schriftstellers. Ja, er kennt sie sogar &#8211; es ist nur eine recht kleine Stadt.<\/p>\n<h2>1. Schock<\/h2>\n<p>Auf einmal outet sich der Journalist als Ehemann der fernen Geliebten. Vor 15 Jahren (!) haben sie geheiratet..<\/p>\n<p>Der Schriftsteller ist durch diese Nachricht zun\u00e4chst etwas verst\u00f6rt, dann aber schwer erbost: War es doch \u00fcber all die Jahre eine wahrhaftige, intensive und umfassende Kommunikation! Sie schrieben sich t\u00e4glich, erz\u00e4hlten sich ALLES! Und nun muss er erkennen, dass SIE ihm diese Ehe verschwiegen hat. Er entr\u00fcstet sich, hadert, tobt, w\u00fctet &#8211; und gibt dem J\u00fcngeren auf, ihr all seine Vorw\u00fcrfe zu \u00fcberbringen. Sie k\u00f6nne auch gerne alle Rechte und Einnahmen am Buch \u00fcbernehmen, schlie\u00dflich sei SIE die Autorin, die L\u00fcgnerin!<\/p>\n<p>Der Journalist muss das ablehnen, denn<\/p>\n<h2>2. Schock<\/h2>\n<p>Helene ist TOT! Nach ihrem Tod hat er die Briefe in ihrem Schreibtisch gefunden. Auch die, die sie NICHT abgeschickt hat. Die, in denen sie mehr N\u00e4he und Miteinander verlangt hat als blo\u00df diese Schreiberei. Er \u00fcberreicht dem \u00c4lteren dessen unge\u00f6ffnete Briefe aus den letzten Monaten.<\/p>\n<p>Der Schriftsteller bricht nun zusammen, trauert, bedauert &#8211; und willigt ein, seine Insel zu verlassen und dem Witwer in die kleine Stadt zu folgen, um IHR Grab zu besuchen. Betont allerdings, dass er lediglich &#8222;wegen Helene&#8220; diese Reise unternehme, dass zwischen ihnen beiden niemals so etwas wie Freundschaft sein k\u00f6nne&#8230;<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz l\u00e4sst er sich von dem J\u00fcngeren die Tasche packen, ist selber zu unbeholfen, das Miteinander wirkt jetzt sehr anr\u00fchrend, fast liebevoll.<\/p>\n<p>Beil\u00e4ufig dann, beim Hinaus-Gehen, l\u00e4sst der Jornalist (der seine Zeitung nur erfunden hat) die n\u00e4chste Bombe platzen:<\/p>\n<h2>3. Schock:<\/h2>\n<p>Helene ist tot, ja. Sie starb vor zehn Jahren an Krebs. Er fand die Briefe, schl\u00fcpfte in ihre Rolle und schrieb sie weiter &#8211; SO blieb sie f\u00fcr ihn noch &#8222;irgendwie lebendig&#8220;.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfschriftsteller ist nun wahrhaft verst\u00f6rt. Schwer irritiert. Seit zehn Jahren korrespondiert er also nicht mit &#8222;Helene&#8220;, sondern mit ihrem Witwer! Fassungslos greift er zu Buch 21 und zitiert daraus erotische Stellen (<em>Ich streichle deine Schenkel, sp\u00fcrst du das Kribbeln, dort, wo das Weiche beginnt?<\/em>): &#8222;Und DAS haben SIE geschrieben?&#8220;<\/p>\n<p>Ja, er hat. Und fragt unschuldig: &#8222;Bei mir ist das so, bei Ihnen nicht?&#8220;<\/p>\n<p>**<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein wunderbares St\u00fcck! F\u00fcr diejenigen, die einer klaren Botschaft bed\u00fcrfen, f\u00e4llt der Satz &#8222;Die Liebe hat kein Geschlecht&#8220;. Gewiss, das ist ein Aspekt des Ganzen, doch f\u00fcr mich transportiert es viel mehr. Ich erinnerte mich auf einmal an die Entt\u00e4uschung, als ich vor vielen Jahren jemanden traf, mit dem ich bereits Monate lang Mails getauscht hatte. Er war nicht etwa unsympathisch, h\u00e4sslich, verschroben oder sonst etwas, das meine Entt\u00e4uschung h\u00e4tte begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Er war nur einfach anders als der, den ich mir &#8222;imaginiert&#8220; hatte! Deutlich anders. Ich fiel in eine Art emotionales Loch, denn: WO war jetzt dieser Andere, mit dem ich mailend eine starke Beziehung entwickelt hatte? Trauer \u00fcberkam mich &#8211; fast, als w\u00e4re jemand gestorben, doch es war im Grunde schlimmer als das: Es hatte ihn NIE GEGEBEN!!!<\/p>\n<p>Wer ist &#8222;der Andere&#8220;? Hat er eine eigene Wirklichkeit, oder ist er vollst\u00e4ndig das, was ich mir erdenke, vorstelle, imaginiere? Die Frage gilt keinesfalls nur in Bezug auf Brief- und Mailbeziehungen, dort ist sie lediglich besonders gut erlebbar. Der ANDERE &#8211; bin ich das letztlich selbst? Ein R\u00e4tsel, ein Geheimnis: ENIGMA.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur selten erlebe ich ein Theaterst\u00fcck. Die &#8222;Hochkultur&#8220; der Opern, Konzerte, Theater, Museen und &#8222;Lesungen&#8220; ist mir eher fremd geblieben. Wer da nicht &#8222;reinsozialisiert&#8220; ist, fragt sich auch sp\u00e4ter nicht aus eigenem Antrieb: Sollte ich mal ins Theater gehen? 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