{"id":103,"date":"2007-11-07T14:09:43","date_gmt":"2007-11-07T12:09:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/11\/07\/vertrauen-und-beziehung\/"},"modified":"2015-12-21T12:51:37","modified_gmt":"2015-12-21T11:51:37","slug":"vertrauen-und-beziehung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/11\/07\/vertrauen-und-beziehung\/","title":{"rendered":"Vertrauen und Beziehung"},"content":{"rendered":"<p>Was bedeutet es, einem Menschen, insbesondere einem geliebten Partner, zu vertrauen?  Worauf vertraue ich da? Was kann das Vertrauen zerst\u00f6ren und was l\u00e4sst es wachsen?<\/p>\n<p>Wenn ich mich an so manche fr\u00fche <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/10\/28\/wie-romantische-liebe-zum-beziehungselend-wird\/\">\u00bbClinch-Beziehung\u00ab<\/a> erinnere, dann war \u00bbVertrauen\u00ab damals nicht mehr als ein <strong>Kampfbegriff<\/strong> im Rahmen des st\u00e4ndigen Bem\u00fchens, mein Gegen\u00fcber nach meinen Vorstellungen zu erziehen. Er sollte gef\u00e4lligst tun, was ich von ihm erwartete und was mir gut tat \u2013 tat er etwas anderes, warf ich ihm vor, er gef\u00e4hrde mein Vertrauen und laufe Gefahr, es ganz zu verlieren.<\/p>\n<p>Solches \u00bbVertrauen\u00ab ist im Grunde nichts anderes als eine lange oder kurze Hundeleine: <em>Verhalte dich berechenbar, bewege dich im von mir gesetzten Rahmen, erf\u00fclle meine Erwartungen, sonst gibt es \u00c4rger! Und wenn ich mich \u00e4rgere, werde ich dich bestrafen, indem ich mich sexuell verweigere und dir das Gef\u00fchl entziehe, geliebt zu werden \u2013 bis du mein Vertrauen wieder verdient hast!<\/em><!--more--><\/p>\n<p>H\u00f6rt sich gruslig an, nicht? Ja, das ist auch gruslig, und damit man das nicht so merkt, werden die harten Beziehungsfakten in der Regel in s\u00fc\u00dfe Worte verpackt, die die aus Erwartungen und Anspr\u00fcchen erbaute \u00bbBeziehungskiste\u00ab in romantisches Licht tauchen und verkl\u00e4ren sollen. Anf\u00e4nglich klappt das auch ganz gut: schlie\u00dflich ist man verliebt und hat sowieso nichts anderes im Sinn als zusammen zu sein und jede Menge Spa\u00df miteinander zu haben.  Problematisch wird es erst, wenn die Zeit des \u00bbHonigmonds\u00ab vor\u00fcber geht und das je eigene \u00bbnormale Leben\u00ab der Beteiligten wieder zum Vorschein kommt: Pl\u00f6tzlich spielt man nicht mehr durchweg die erste Geige, er bzw. sie hat auch andere Interessen. Wom\u00f6glich gibt es alte Freunde und Freundinnen, die ebenfalls Zeit und Aufmerksamkeit abziehen, der Geliebte pflegt Hobbys, die man nicht teilt \u2013 wie unangenehm! <em>Liebt er mich denn nicht mehr? Habe ich mich in ihm get\u00e4uscht?<\/em><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"font-weight: bold\">&#8222;Frauen wollen einen Mann der so ist wie hei\u00dfer schwarzer Kaffee! Dann geben sie Milch hinzu damit er nicht mehr so schwarz ist, Zucker, damit er nicht mehr so stark ist und kaltes Wasser, damit er nicht mehr so hei\u00df ist. Und dann wundern sie sich, welch lauwarme Br\u00fche nur noch \u00fcbrig ist!&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ich kannte viele Beziehungen, die mit aller Macht versuchten, durch Anpassung und \u00bbWohlverhalten\u00ab jeglichen Konflikt zu vermeiden. Vermutlich starten wir alle erst mal mit diesem vermeintlich einfachen Rezept ins Miteinander: <em>Ich verbiege mich f\u00fcr dich, weil ich dich liebe. Ich gebe alles auf, was dir an mir nicht passt und versuche, der zu sein, den du lieben kannst.<\/em><\/p>\n<h2>In der &#8222;Beziehungskiste&#8220;<\/h2>\n<p>Was dabei heraus kommt, sind Paare, die als Individuen quasi verschwunden sind. Sie pflegen dann auch oft ausschlie\u00dflich Kontakte zu anderen Paaren, eigene Freunde und eigenst\u00e4ndige Unternehmungen gibt es nicht mehr. Der gemeinsame Kosmos ist alles, was da nicht hinein passt, darf nicht sein. Fragt man sie oder ihn etwas, was eine Entscheidung verlangt, bekommt man keine Antwort, denn derjenige muss erst den Partner fragen, obs genehm ist und wann. Klar, dass sich alle, die keine Lust haben, nur noch mit einem Paar Umgang zu haben, zur\u00fcck ziehen \u2013 und das ist ja auch erw\u00fcnscht, denn Au\u00dfenbeziehungen wirken in solch\u2019 symbiotischen Beziehungen stets als potenzielle Gefahr. Weil jeder den Anderen als urs\u00e4chlich f\u00fcrs eigene Befinden und Wohlgef\u00fchl ansieht, ihm bzw. ihr die Schuld gibt, wenn Unzufriedenheiten, Verlust\u00e4ngste, Unsicherheit oder andere Irritationen auftreten, erscheint es als ganz \u00bbnat\u00fcrlich\u00ab, ein <strong>Regime totaler Kontrolle<\/strong> aufzubauen, damit nichts die so zementierte \u00bbHarmonie\u00ab des Paares in Frage stellen kann. Und das Wort f\u00fcr den Anspruch, dass sich das auch durchweg h\u00e4lt und bew\u00e4hrt, ist VERTRAUEN!<\/p>\n<p>Wie die Geschichte solcher Beziehungen weiter geht, wissen wir eigentlich alle: Was mal Liebe sein sollte, wird zur <strong>Abh\u00e4ngigkeit und Co-Abh\u00e4ngigkeit<\/strong>. Jegliche Abgrenzung verschwindet, das \u00bbwir\u00ab ersetzt durchg\u00e4ngig das \u00bbdu und ich\u00ab. Die N\u00e4he zueinander f\u00fchrt \u00fcber kurz oder lang zum Verschwinden des erotischen Verlangens, denn dieses ben\u00f6tigt Spannung und das lustvolle Zulassen von Polarit\u00e4ten, das Wechselspiel von Distanz und N\u00e4he. Man f\u00fchlt sich zunehmend \u00bbgeschwisterlich\u00ab, doch anders als bei echten Geschwistern dominiert das Gef\u00fchl, nicht ohne einander leben zu k\u00f6nnen. Die Verlustangst wird immer gr\u00f6\u00dfer und neurotischer, gleichzeitig wird das eigene Verlangen nach mehr individuellem Freiraum geleugnet und die daraus entstehende Aggression trifft in aller Bewusstlosigkeit den Partner: auf einmal ist es schon schlimm, dass er die Zahnpasta-Tube nicht dahin legt, wo sie hingeh\u00f6rt!<\/p>\n<p>Typisch sind nun Streitereien, deren Gegenstand nicht der wirkliche Grund des Dissenses ist, weil die Beteiligten nicht einmal sich selbst gegen\u00fcber ehrlich sind. Denn w\u00e4ren sie das, m\u00fcssten sie auch dem Partner zugestehen, wonach sie sich selber sehnen: die Freiheit, auch ANDERS zu sein, ein eigenes Leben neben der Beziehung zu leben, zu wachsen und sich weiter zu entwickeln, ohne stets berechenbar immer der zu sein und zu bleiben, der man bis gestern war.<\/p>\n<h2>Vertrauen braucht Selbstvertrauen<\/h2>\n<p>Was bleibt nach alledem vom Vertrauen? Worauf kann ich bei meinem Partner vertrauen, wenn ich es vermeide, ihn kontrollieren und nach meinen W\u00fcnschen formen zu wollen?<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist Vertrauen heute mehr ein Wissen um gewisse Wahrscheinlichkeiten als eine Spekulation auf das Eintreffen meiner Erwartungen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird jemand, der mich mag, nicht absichtlich etwas tun, das mir definitiv schadet. Er wird in der Regel Wort halten, wenn er mir etwas Konkretes zugesagt hat, und er wird Probleme, die er mit mir hat, mit mir austragen und mich nicht bei irgendwelchen Dritten, die ich nicht kenne, in die Pfanne hauen und \u00fcber mich l\u00e4stern. Er wird die Wahrheit unserer Beziehung nirgends verleugnen, denn solange ich ihn  in seiner individuellen Freiheit nicht einschr\u00e4nke, hat er dazu ja gar keinen Grund. Ich brauche nichts zu f\u00fcrchten, denn ich wei\u00df doch, was er an mir hat, wei\u00df um die Substanz unserer Beziehung \u2013 und wenn er darauf mal keinen Wert mehr legt, ist er ein Anderer geworden und ich werde ihn vermutlich nicht vermissen (mal abgesehen davon, dass es immer ein wenig schmerzt, Gewohnheiten und Best\u00e4nde aufzugeben).<\/p>\n<h2>Der oberste Wert<\/h2>\n<p>Das Wichtigste, worauf ich vertraue, ist offene Kommunikation: einander alles sagen k\u00f6nnen, was einen bewegt und im Innersten ber\u00fchrt. Das aber ist nur m\u00f6glich, wenn ich den Geliebten annehme, wie er ist \u2013 und nicht nur den Teil, der meine Interessen bedient! Sich ehrlich austauschen, auch wenn die Wege mal nicht parallel laufen, wenn gegenstrebige Interessen da sind, geht nur, wenn das grunds\u00e4tzlich zul\u00e4ssig ist und nicht  wie in einem \u00bbVerh\u00f6r\u00ab lediglich Material gesammelt wird, um Vorw\u00fcrfe zu machen und zu verurteilen. Ich bin keine ethisch-moralisch \u00bbh\u00f6here Instanz\u00ab, die dem Geliebten zu sagen hat, was gut und b\u00f6se ist, was er denken und tun soll und wie er zu leben hat. Viel lieber bin ich der Brunnen, in dem er sich abk\u00fchlen, das Feuer, an dem er sich w\u00e4rmen kann, bin Quelle so mancher Inspiration, Gespielin seiner Lust und Gef\u00e4hrtin in gemeinsamen Abenteuern.  Ist er mir nah, genie\u00dfe ich die Gegenw\u00e4rtigkeit unseres Miteinanders, ist er ferne, wende ich mich anderen Dingen und Menschen zu. Distanz und Verschiedenheit ist nichts Falsches, sondern der Grund, auf dem sich das Verlangen nach N\u00e4he und Vereinigung immer aufs Neue entz\u00fcndet.<\/p>\n<p>Wir haben uns nie einen Rosengarten versprochen, sondern <a href=\"http:\/\/www.das-wilde-gartenblog.de\">nehmen die G\u00e4rten<\/a>, wie sie kommen (und wieder verschwinden).<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Mehr dazu:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2007\/10\/28\/wie-romantische-liebe-zum-beziehungselend-wird\/\">Wie romantische Liebe zum Beziehungselend wird<\/a>,<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2010\/06\/19\/vertrauen-in-der-liebe-eine-schwindende-ressource\/\">Vertrauen in der Liebe \u2013 eine schwindende Ressource?<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was bedeutet es, einem Menschen, insbesondere einem geliebten Partner, zu vertrauen? Worauf vertraue ich da? Was kann das Vertrauen zerst\u00f6ren und was l\u00e4sst es wachsen? 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