{"id":1029,"date":"2004-03-28T07:44:14","date_gmt":"2004-03-28T06:44:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1029"},"modified":"2013-03-10T12:48:25","modified_gmt":"2013-03-10T11:48:25","slug":"das-irrationale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/03\/28\/das-irrationale\/","title":{"rendered":"Das Irrationale"},"content":{"rendered":"<p>Sonntagmorgen. Die Welt ist seltsam still, der Himmel verhangen, nur selten h\u00f6re ich ein Auto vorbei fahren. Ich trinke Kaffee, arbeite einige Mails ab, die in der Woche liegen geblieben sind. Starre auf den Eingangsordner, w\u00e4hrend sich die SPAM- und Virenmails mit ihren volumin\u00f6sen Anh\u00e4ngen hereinqu\u00e4len &#8211; ob es noch mal dazu kommen wird, dass man gar nicht mehr mailen kann?<\/p>\n<p>Das soll mich jetzt nicht interessieren! Sechs Stunden Zeit liegen vor mir, die ich nutzen will, um liegen gebliebenen Papierkram zu erledigen. Hinterher werde ich ein gutes Gef\u00fchl haben: Alles wieder im Griff, alle B\u00e4lle zur\u00fcck gespielt, Beh\u00f6rden und andere &#8222;Gegner&#8220; mit Stoff versorgt: ich werde wieder &#8222;im Reinen&#8220; sein. Nicht mit mir, aber mit denen, die etwas von mir wollen, das aus dem t\u00e4glichen Tun heraus f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Warum nur f\u00e4llt es mir so schwer, diese Dinge rechtzeitig zu erledigen? Warum lasse ich immer wieder kleine und mittlere Stapel auflaufen, die mir dann dieses unangenehme Gef\u00fchl des &#8222;Ich m\u00fcsste jetzt aber&#8230;&#8220; geben? Je h\u00f6her so ein Stapel w\u00e4chst, desto weniger erinnere ich mich an seine einzelnen Vorg\u00e4nge und Inhalte. Dadurch verst\u00e4rkt sich das miese Gef\u00fchl noch einmal, denn es entgleitet das Wissen darum, &#8222;was droht&#8220;. Und Ungewissheit ist eine der st\u00e4rksten Drohungen, der sich das verwaltete Individuum ausgesetzt sieht.<\/p>\n<p>Selber schuld. Immer wieder. Warum mache ich es nicht endlich besser? Es kann doch kein Problem sein, die wenigen Schriftst\u00fccke und Formulare, die ich so pro Vierteljahr an die Welt verteilen muss, rechtzeitig zu verfassen! Statt dessen folge ich den Impulsen des Augenblicks &#8211; und zwar ganz besonders dann, wenn ich &#8222;den Papierberg&#8220; vor mir sehe.<\/p>\n<p>WER ist das, der sich so verh\u00e4lt? Immer, wenn Sein und Sollen (oder auch Sein und Wollen) auseinander klaffen, stellt sich diese Frage neu. Bin ich vielleicht nicht eine, sondern zwei oder gar viele Personen? Diese Antwort kann recht inspirierend sein: Ich gebe den einzelnen Wesensteilen, die sich so unterschiedlich ausdr\u00fccken, verschiedene Namen und beobachte, wann sich welcher Aspekt an die Steuerkn\u00fcppel des Daseins dr\u00e4ngt. Anstatt alles, was jenseits des &#8222;vern\u00fcnftigen Denkens&#8220; lebt und handelt, zu verurteilen und wegdr\u00e4ngen zu wollen, schlie\u00dfe ich Frieden mit &#8222;Mrs. Hide&#8220;. Es flie\u00dft dann keine Energie mehr ins Verdr\u00e4ngen und Verleugnen, das ist schon mal ein Fortschritt. Ja, ich bin nicht nur &#8222;die Vern\u00fcnftige&#8220;, die immer alles problemlos hinbekommt. Ich bin auch die Ver-r\u00fcckte, die sich gehen l\u00e4sst, die nicht ans Morgen denkt und aus dem Augenblick heraus dies und das anstellt &#8211; oder einfach nur &#8222;st\u00f6rt&#8220;, z.B. wenn&#8217;s ums Abarbeiten ungeliebter Verwaltungsdinge geht.<\/p>\n<p>Eine andere Antwort w\u00e4re: Da ist gar nichts: kein &#8222;Ich&#8220; nirgends! Das Ich ist nur ein Gedanke &#8211; was ja auch den Tatsachen, den &#8222;Hard Facts&#8220; entspricht. Und als Teil des Denkens ist die Wirkungsm\u00e4chtigkeit dieses Gedankeninhalts eben \u00e4u\u00dferst beschr\u00e4nkt: es gibt das &#8222;Ich&#8220; genauso lange, wie ich es denke. Drastisches Beispiel: Wenn jetzt neben mir der Blitz einschl\u00e4gt, gibt&#8217;s in diesem Moment KEIN ICH. Es gibt nur Gewahrsein und das Geschehen &#8211; wobei die Frage, ob Gewahrsein\/Geschehen noch zwei verschiedene &#8222;Tatsachen der Welt&#8220; sind, philosophisch zwar interessant ist, aber in diesem Augenblick g\u00e4nzlich unwichtig.<\/p>\n<p>Bringt mich diese Antwort weiter? Ja und nein. Sie ist einfacher als die Vorstellung des &#8222;inneren Zoos&#8220;, diese Versammlung unterschiedlicher Wesensteile, denen ich ja doch wieder in der Haltung eines &#8222;Dompteurs&#8220; gegen\u00fcber stehe. Und Einfachheit ist ein hoher Wert. Andrerseits enteignet sie mich weiter: Immer nur im Denken bin &#8222;ich&#8220; da &#8211; der gro\u00dfe Rest ist einfach Geschehen, aus dem heraus immer wieder das Denken aufblitzt. Ver\u00e4nderungen sind nicht machbar, sagte mir heut morgen ein Freund am Telefon. Alles Geschehen verh\u00e4lt sich im Gegenteil so wie ein Fluss: Jahrelang flie\u00dft das Wasser \u00fcber Ger\u00f6ll &#8211; und irgendwann ist der Untergrund derma\u00dfen gelockert, dass der Stein ganz pl\u00f6tzlich aus seiner bis dahin festen Lage f\u00e4llt und in eine neue Situation ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich werde jetzt eine Runde um den Block laufen. Und dann, sofern sich das Denken durchsetzen kann, die Umsatzsteuervoranmeldung machen &#8211; endlich!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntagmorgen. Die Welt ist seltsam still, der Himmel verhangen, nur selten h\u00f6re ich ein Auto vorbei fahren. Ich trinke Kaffee, arbeite einige Mails ab, die in der Woche liegen geblieben sind. 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