{"id":1026,"date":"2004-03-19T12:32:29","date_gmt":"2004-03-19T11:32:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1026"},"modified":"2013-03-10T12:37:24","modified_gmt":"2013-03-10T11:37:24","slug":"fasten-tag-2-einstieg-mit-hindernissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/03\/19\/fasten-tag-2-einstieg-mit-hindernissen\/","title":{"rendered":"Fasten, Tag 2: Einstieg mit Hindernissen"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich schon vorgestern mit dem Fasten beginnen. Auch erst mal gut gestartet: nach dem Aufstehen kein Kaffee und keine Zigarette, sondern Wasser, Tee, ein L\u00f6ffel Honig. Im Bioladen kaufte ich Gem\u00fcsesaft, Gem\u00fcsebr\u00fche und &#8222;Kindersaft&#8220;, eine Obstsaftmischung, die ich sehr gerne mag. Mittags Br\u00fche, vor- und nachmittags ein Glas Saft &#8211; das ist &#8222;Buchinger-Fasten&#8220;, schonender als das totale Fasten, das nicht mehr so empfohlen wird.<\/p>\n<p>Der v\u00f6llige Verzicht auf die \u00fcblichen Gifte fiel mir nicht schwer &#8211; am Vortag hatte ich zum &#8222;Abschied&#8220; vom ungesunden Leben ein kleines Fest mit mir selbst und einer Flasche Weiswein veranstaltet. Das nimmt die Lust auf Rauchen am n\u00e4chsten Morgen erst mal weg und auch nach Kaffee, meinem \u00fcblichen Wachmacher, gel\u00fcstete es mich nicht.<\/p>\n<p>Schon nach wenigen Stunden sp\u00fcrte ich &#8222;die Umschaltung&#8220;: es war, als h\u00e4tte die Zeit sich ein wenig verlangsamt. Alle k\u00f6rperlichen Empfindungen wurden st\u00e4rker, drau\u00dfen tobte der Fr\u00fchling, mein Interesse, vor dem Monitor zu sitzen, sank, und so g\u00f6nnte ich mir schon bald einen Spaziergang, der im Fitness-Center endete: nicht an den Ger\u00e4ten, sondern in der dortigen wundersch\u00f6nen Sauna. Ich genoss die Reinigungsrituale, das Schwitzen, das kalte Wasser, das Abliegen in Nahezu-Trance &#8211; wunderbar! Hinterher ging ich gleich noch zum Fris\u00f6r, lie\u00df acht Zentimeter Haare abschneiden, f\u00fchlte mich leichter und leichter und wanderte dann durch die sonnigen Stra\u00dfen Richtung Heimat.<\/p>\n<p>Und dann pl\u00f6tzlich der Einbruch: ich kam an einer Metzgerei vorbei und wurde von eine Welle heftigen Appetits geradezu \u00fcberw\u00e4ltigt. Gier hatte mich im Griff &#8211; erst widerstand ich noch, ging weiter, kaufte in einem kleinen L\u00e4dchen etwas ein &#8211; und dann kehrte ich doch um, betrat die Metzgerei und verfiel dort kurzfristig einer letzten V\u00f6llerei!<\/p>\n<p>Was hatte mich bewegt, das geschehen zu lassen? Nat\u00fcrlich die pl\u00f6tzliche Gier aufs Essen, doch sie allein kann erfahrungsgem\u00e4\u00df nichts ausrichten, mein Geist muss &#8222;ja&#8220; dazu sagen. Ich h\u00e4tte blo\u00df weiter gehen m\u00fcssen und nach wenigen Minuten w\u00e4re die Anwandlung verflogen. Warum gab ich also nach? Ich erinnere mich nur an den totalen Unwillen, zu k\u00e4mpfen. Keine Lust darauf, mich als gespalten zu empfinden in diejenige, die jetzt einen Imbiss will und die Andere, die sagt: Nein, du sollst doch fasten!&#8220; Ich soll \u00fcberhaupt nicht, ich will &#8211; und wenn ich das Gef\u00fchl des &#8222;ich will&#8220; nicht durchg\u00e4ngig versp\u00fcre, dann lasse ich es lieber.<\/p>\n<p>Also gut, ich verbuchte es unter &#8222;letzte S\u00fcnde&#8220; und verbrachte den Rest des Tages &#8222;vorschriftsm\u00e4\u00dfig&#8220;. Als ich dann jedoch abends mit einem Freund aus dem Theater kam und wir durch die warmen, fr\u00fchlingshaften Stra\u00dfen wanderten und nicht recht wussten, was tun, hing ich das Fasten-Vorhaben f\u00fcr diesen Tag an den Nagel und ging doch noch mit ihm Essen. Komischerweise hatte ich jetzt keinen Appetit mehr und a\u00df nur eine Kleinigkeit.<\/p>\n<p>So war mein Einstiegstag also volle Kante gescheitert, und ich fragte mich ernsthaft: Will ich wirklich fasten? So ein Fragen hei\u00dft nicht Gr\u00fcbeln, es ist eher eine Art In-mich-hinein-horchen. Gerade Fasten kann ich nicht einfach &#8222;machen&#8220;, denn es greift tief in alle Wesensteile ein. Wenn dann ein Teil von mir der Meinung ist, dass es nicht in Frage kommt, ist der Kopf letztlich machtlos. Klar, man kann sich m\u00fchevoll kasteien &#8211; aber das ist nicht das Fasten, das ich meine. Schlie\u00dflich hab&#8216; ich mich danach gesehnt!<\/p>\n<p>Seit gestern morgen nun bin ich &#8222;drin&#8220;. Die Saft-, Br\u00fche-, Tee- und Honig-Zufuhr verlief zwar noch ein bisschen chaotischer als &#8222;nach Vorschrift&#8220;, aber das st\u00f6rte mich nicht: besser ein holpriger &#8222;\u00dcbergang&#8220; ins Fasten, als wegen marginaler Startschwierigkeiten den Versuch abbrechen.<\/p>\n<p>Jetzt stimmt soweit alles, nur vom Rauchen bin ich noch nicht ganz weg. Auch das wird noch geschehen, am Wochenende, wenn ich viel Zeit habe, mich zu bewegen und das &#8222;andere Gef\u00fchl&#8220; zu genie\u00dfen, das mich schon aufgrund der bisherigen &#8222;Verzichte&#8220; tief ver\u00e4ndert. Zum Beispiel ist die Wirkung von Kaffee wirklich heftig! Das merke ich erst, wenn ich ihn weglasse: erst mal eine stundenlange Fast-Trance, ein &#8222;ausgelaugtes&#8220; K\u00f6rpergef\u00fchl: offensichtlich ist dann jede Zelle damit besch\u00e4ftigt, ihren Stoffwechsel umzukonfigurieren &#8211; und das schlaucht. Schlaucht aber auf eine angenehme Weise, fast so, als w\u00e4re man nach einer Gartenarbeit &#8222;rechtschaffen m\u00fcde&#8220;.<\/p>\n<h2>Die Notbremse ziehen<\/h2>\n<p>Und nun zum Wesentlichen: Ich bin wirklich froh, die Kurve doch gekriegt zu haben! Erst das Abseilen von all den t\u00e4glichen &#8222;Inputs&#8220; zeigt mir, wie extrem ich in letzter Zeit am \u00c4u\u00dferen gehangen habe, wie sehr ich &#8222;aus dem Kopf&#8220; lebte. Damit meine ich diese Nichtachtung des Ganzen, wenn ich arbeite oder sonst etwas Zielgerichtetes tue: das MUSS jetzt &#8211; und wenn die &#8222;anderen Wesensteile&#8220; ihr Recht verlangen, werden sie mit irgend etwas gestopft! Fastend bestehen zun\u00e4chst all diese Gewohnheiten weiter: ganz automatisch kommt mir die gewohnte Idee, jetzt an den K\u00fchlschrank zu gehen, und&#8230; aber es ist bereits nur noch ein Gedanke, den ich mit Verwunderung betrachte. Wer Fasten kennt, wei\u00df, dass man ab dem zweiten, dritten Tag keinen Hunger mehr hat: der K\u00f6rper schaltet auf Selbstversorgung um und lebt problemlos von seinen angesammelten Reserven. Da ist also einerseits die Idee, etwas zu essen, doch gleichzeitig ist deutlich sp\u00fcrbar, dass der K\u00f6rper nicht danach verlangt. WER will das also? Wozu brauch ich das?<\/p>\n<p>Es ist fast nie der physische Hunger, der mich treibt, mir irgend etwas einzuverleiben (den warten wir in der Regel gar nicht ab). Sondern eher ein &#8222;Erlebnishunger&#8220;, bzw. ein Ablenkungsbed\u00fcrfnis. Das, was ist, scheint &#8222;nicht genug&#8220; &#8211; und anstatt diesem &#8222;Nicht-Genug&#8220; nachzusp\u00fcren, es anzusehen, darin zu verharren, bis es mehr von sich erz\u00e4hlt, w\u00e4hle ich normalerweise das Essen. Etwas fehlt, also nehme ich etwas zu mir. Essen ist das Selbstverst\u00e4ndlichste, die schnelle L\u00f6sung f\u00fcr Missempfindungen aller Art: ich g\u00f6nn mir erst mal was! Es ist auch eine Art, sich selbst zu streicheln und zu belohnen, es braucht dazu keine Anderen und keine Fantasie, keine Konzentration und keine gro\u00dfe Achtsamkeit.<\/p>\n<p>Und &#8222;Essen&#8220; ist nur die deutlichste Form, so zu verfahren. Genauso verh\u00e4lt es sich mit Rauchen, Trinken, die Glotze einschalten &#8211; auch &#8222;E-Mail abrufen&#8220;, auf Webseiten herum surfen und Zeitung lesen kann so benutzt werden. Irgend etwas in mir giert nach mehr, nach Anderem, nach Ver\u00e4nderung des Status Quo &#8211; und anstatt mich darauf einzulassen, probiere ich ein Pflaster nach dem anderen aus. Und keines hilft nachhaltig, denn auf diese Weise wird der Grund des Geschehens gar nicht ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich faste ich jetzt auch, um mein Sommergewicht zu erreichen &#8211; zum Winter hin hab ich mir ein paar Kilo zuviel angefressen, die mich wirklich belasten. Haupts\u00e4chlich aber sehe ich dieses Fasten als eine Art &#8222;Notbremse&#8220;: Es katapultiert mich heraus aus dieser schlampigen und unachtsamen Art, mit mir und meinem t\u00e4glichen Leben umzugehen, rettet mich aus der v\u00f6lligen Ver\u00e4u\u00dferung, in die ich \u00fcber den Winter zunehmend geraten bin. Ohne mich gro\u00df dem entgegen zu stellen. Ich bin wie gesagt nicht bereit, dauernd &#8222;mit mir zu k\u00e4mpfen&#8220;. Lieber gehe ich in alles tief hinein, auch ins Sch\u00e4dliche und Ungesunde, bis es seine Folgen sp\u00fcrbar ausbreitet &#8211; erst dann sind auch &#8222;die anderen Wesensteile&#8220; bereit, \u00c4nderungen mitzutragen. Das mach&#8216; ich schon immer so und bin damit in Frieden. Ja, es scheint mir der effektivste Weg zur Ver\u00e4nderung &#8211; f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Heute abend geh ich ins <a href=\"http:\/\/www.liquidrom-berlin.de\/de\/\">&#8222;Liquidrom&#8220;<\/a>: Klassische Musik unter Wasser. Man l\u00e4sst sich in einem gro\u00dfen Schwimmbad treiben und von unten her kommt die Musik. Eine Sauna gibt&#8217;s auch. Ich war noch nie dort, doch jetzt bin ich auch durch das Fasten motiviert, neue Dinge zu erleben. Und wenn diese Tabak-Packung alle ist, ist auch mit Rauchen Schluss &#8211; dann werde ich der Leere noch intensiver begegnen als bisher.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte ich schon vorgestern mit dem Fasten beginnen. Auch erst mal gut gestartet: nach dem Aufstehen kein Kaffee und keine Zigarette, sondern Wasser, Tee, ein L\u00f6ffel Honig. Im Bioladen kaufte ich Gem\u00fcsesaft, Gem\u00fcsebr\u00fche und &#8222;Kindersaft&#8220;, eine Obstsaftmischung, die ich sehr gerne mag. Mittags Br\u00fche, vor- und nachmittags ein Glas Saft &#8211; das ist &#8222;Buchinger-Fasten&#8220;, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[243],"tags":[268,267,266,260],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1026"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1026"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1026\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1026"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1026"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1026"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}