{"id":1024,"date":"2004-02-29T12:16:38","date_gmt":"2004-02-29T11:16:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=1024"},"modified":"2018-12-18T15:47:07","modified_gmt":"2018-12-18T14:47:07","slug":"nachrichten-aus-der-schreibflaute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2004\/02\/29\/nachrichten-aus-der-schreibflaute\/","title":{"rendered":"Nachrichten aus der Schreibflaute"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Viel Spa\u00df!&#8220;, sagt der Bademeister und schlie\u00dft die T\u00fcr des h\u00f6hlenartig gestalteten Saunaraums von au\u00dfen. Was er wohl meint? Er hat nur ein bisschen Frischluft herein gewedelt, grad mal drei kleine Kellen Wasser auf den Ofen gegossen &#8211; womit sollen wir jetzt Spa\u00df haben? Mein Blick schweift \u00fcber die auf ihren Handt\u00fcchern sitzenden Frauen und M\u00e4nner, ich z\u00e4hl mal durch: 24 Nackte auf drei Etagen, im Alter zwischen Mitte zwanzig und siebzig, alle sehen aus wie echte Menschen und nicht wie von den Werbetafeln gefallene Vorzeigek\u00f6rper, einer der vielen Gr\u00fcnde, warum ich Sauna so mag: der Anblick des Mitmenschen, wie er wirklich ist, korrigiert die medial vermittelten K\u00f6rperbilder aufs Angenehmste. Ich schaue gern hin und hab auch nichts dagegen, angeschaut zu werden. Wie anders als noch vor Jahren, als ich mir Sauna nur &#8222;vorstellte&#8220; und automatisch davon ausging, dass hier vornehmlich M\u00e4nner den Anblick nackter Frauen voyeuristisch konsumieren wollen. Mag ja sein, dass einige wenige, vor allem die ganz Jungen mit ihrem leidigen Triebstau, &#8222;so&#8220; schauen &#8211; die Regel ist es nicht. Die drastischen physischen Eindr\u00fccke, schwitzen bei 90 Grad und dann das kalte Wasser, befreien sehr effektiv vom Kopfkino aller Art. Ein Ort der Entspannung eben, der GEMEINSAMEN Entspannung!<\/p>\n<p>V\u00f6gelgezwitscher dringt aus verborgenen Lautsprechern, rechts neben mir steht der Sauna-Ofen, ausgestaltet als feuriger Vulkankrater. Und als er zu &#8222;gl\u00fchen&#8220; und Dampf zu speihen beginnt, setzt auf einmal der ber\u00fchmte Chor aus den Carmina Burana ein: Oh, Fortuna!!! Wow, was f\u00fcr ein Erlebnis, ich bin begeistert! Daran \u00e4ndert auch der kurze Hinweis meines kritischen Verstandes nichts, dass ich mich hier doch in einem ganz sch\u00f6n dekadenten Wellness-Ambiente befinde, w\u00e4hrend gro\u00dfe Teile der Menschheit darben und ums N\u00f6tigste k\u00e4mpfen. Der aufsteigende Dampf erh\u00f6ht die Temperatur und l\u00e4sst die Gedanken ersterben, schweigend und schwitzend lauschen wir der euphorisierenden Musik, geraten langsam n\u00e4her an die Grenze des physisch Ertr\u00e4glichen, bis am Ende wieder Stille herrscht. Noch ein wenig Vogelgezwitscher, dann nichts mehr.<\/p>\n<p  id=\"sitzschaden\">F\u00fcr einen Moment wirkt es, als hinge da ein Bann \u00fcber der &#8222;Gemeinde&#8220;: niemand traut sich, zuerst aufzustehen und den mittlerweile qualvoll hei\u00dfen Raum zu verlassen. Wenn es noch lange dauert, werde ich es sein &#8211; aber nein, eine blonde Frau mittleren Alters erhebt sich und steigt zwischen den Anderen die Holz-Etagen hinunter. Erleichtert folgt ihr die H\u00e4lfte der Anwesenden in Richtung Abk\u00fchlung, ich gehe mit. Nach einer kalten Schwalldusche und einigen sanften Schlauchg\u00fcssen f\u00fchl ich mich wie neu geboren. Liebe Leserin, lieber Leser, macht das doch auch mal!<\/p>\n<h2>Vom Sitzschaden<\/h2>\n<p>Dieser Diary-Beitrag widmet sich ganz dem Physischen, f\u00fcr manche ist ja nur das das sogenannte &#8222;Reale Leben&#8220;. Dass ich eine Schreibflaute erlebe, hat jedenfalls physische Gr\u00fcnde. Ich kann kaum mehr sitzen, will und muss aber trotzdem sitzen, meine Arbeit machen, per Internet mit Auftraggebern, Kursteilnehmern, Freunden und Bekannten kommunizieren. Nie hatte ich vor, \u00f6ffentlich \u00fcber &#8222;Krankheiten&#8220; zu jammern, wenn es aber mal soweit ist, dass ich deshalb weniger schreibe, mach&#8216; ich eine Ausnahme. Zudem passt das Wort Krankheit nicht, ich habe einfach eine Reihe von &#8222;Sitzsch\u00e4den&#8220;: nach jetzt zw\u00f6lf Jahren am PC ist das auch kein Wunder. Der &#8222;Mausarm&#8220; mit einer Schwellung im Oberarmmuskel, der mich seit \u00fcber einem Jahr zur Links-Klickerin gemacht hat, ist das Geringste. Auch die mittlerweile chronische leichte Taubheit am rechten Oberschenkel st\u00f6rt nicht wirklich. Wenn sich das alles aber dann mittels &#8222;flottierender Empfindungsst\u00f6rungen&#8220;, die gelegentlich in der rechten Hand und am rechten Fu\u00df auftreten, sowie Verspannungen in Hals und Schultern zu einem Kontinuum gef\u00e4hrlichen Missbefindens verbindet, dann ist wirklich der Punkt erreicht, an dem sich etwas \u00e4ndern muss!<\/p>\n<p>Aber was? 10.000 M\u00f6glichkeiten bieten sich an und ich wei\u00df nicht, welche ich mir wirklich antun soll. Ich will nicht Dauerpatient werden und die gro\u00dfe \u00c4rzte-Tour beginnen: Allgemeinarzt, Neurologe, Orthop\u00e4de &#8211; sie w\u00fcrden mich vom einen zum andern schicken, jede Menge Diagnose-Prozeduren anwenden, mich dann durch ihren Ger\u00e4tepark jagen (bestrahlen, Reizstrohm-behandeln, strecken, dehnen, sch\u00fctteln, schaukeln&#8230;), mir allerlei Cremes und Tabletten verschreiben, und letztlich anhand von R\u00f6ntgenbildern erl\u00e4utern, dass man vielleicht an meinen Wirbeln ein bisschen herum operieren sollte. Dies alles zusammen sehe ich als ebenso gro\u00dfe, wenn nicht gr\u00f6\u00dfere Gefahr an, wie die &#8222;Krankheit&#8220; selbst. Hinzu kommen die &#8222;alternativen Therapieformen&#8220;, undurchschaubar in ihrer Vielfalt &#8211; wie k\u00f6nnte ich beurteilen, was davon wirklich n\u00fctzt? Soll ich mich auf eine Chi-Machine legen und die Fersen in Gestalt des Unendlichkeitszeichens rotieren lassen? Ich wei\u00df nicht recht&#8230;<\/p>\n<h2>Sensorische Neuropathie &#8211; und dann?<\/h2>\n<p>I\u00df Vitamin B, r\u00e4t ein lieber Freund. Das hat ihm geholfen und netterweise bringt er gleich eine Packung mit. Und ich lese im Beipackzettel: &#8222;Periphere sensorische Neuropathien (Missempfindungen vorwiegend an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen) wurden bei langfristiger Einnahme von Mengen \u00fcber 50mg, sowie bei kurzfristiger Einnahme \u00fcber 1g\/Vitamin B6\/Tag beobachtet&#8220;. Das irritiert mich, schlie\u00dflich hab ich ja bereits solche &#8222;Missempfindungen&#8220; und will sie weg haben! Aber wer wei\u00df: vielleicht gilt hier ja auch das Gesetz der Hom\u00f6opathie: \u00c4hnliches hilf \u00c4hnlichem?<\/p>\n<p>Ohne technische Diagnosen wei\u00df ich ja immerhin, was los ist: Das viele Sitzen staucht die Zwischenwirbelscheiben zusammen, versch\u00e4rft noch durch zuwenig Trinken. Dadurch werden Nervenbahnen geklemmt und\/oder zumindest gereizt, was ich dann als Gef\u00fchle der Wattigkeit, Taubheit oder Phantomber\u00fchrungen an den Stellen sp\u00fcre, die von diesen Nerven versorgt werden. Hilfreich w\u00e4re mehr Trinken, mehr Bewegung, weniger Sitzen. All das versuche ich auch, sto\u00dfe aber immer wieder an Grenzen: die eigene Tr\u00e4gheit, eingefleischte Gewohnheiten, wichtige Arbeiten &#8211; es gibt immer Gr\u00fcnde, sich grad nicht um die Gesundheit zu k\u00fcmmern. Ein Trauerspiel, das eine Versch\u00e4rfung der Lage erzeugt, die mich dann doch droht, aus dem Spiel zu werfen: Wenn ich, wie seit einiger Zeit, beim Sitzen wirklich leide, ist Schluss mit lustig!<\/p>\n<h2>Ergonomie am Arbeitsplatz<\/h2>\n<p>N\u00e4chste Woche kommt endlich der neue Monitor, den mir ein lieber Diary-Leser gesponsert hat: ein 17-Zoll-Flat-Screen, leicht genug, dass ich ihn ohne mich zu \u00fcberheben auf B\u00fccherstapel stellen kann und so zumindest die Verspannungen in Hals und Nacken vermindern. Auf der Suche nach dem ergonomischen Arbeitsplatz kam mir auch schon eine radikale Idee: Warum nicht im Liegen arbeiten, wenn Sitzen nicht mehr geht? Ich hatte schon ein fertiges Konzept f\u00fcr so ein Arrangement: eine Art Zahnarztliege, links daneben der Monitorhalter auf einer Teleskopstange, mit einem Schwenkarm nach rechts, der den Monitor in frei kippbarer Stellung h\u00e4lt. Von rechts ein \u00e4hnliches Element f\u00fcr Tastatur und Maus. Ein Schlosser k\u00f6nnte so was locker bauen, dachte ich mir und war schon drauf und dran, das zu verwirklichen. Dass ich daf\u00fcr die gesamte \u00c4sthetik meines Arbeitszimmers opfern m\u00fcsste, schien mir verkraftbar. Doch dann machte mir ein Freund klar, dass ich mich damit in die falsche Richtung bewege: ich akzeptiere die Behinderung, passe ihr die Lage an, die irgendwann eine neue Behinderung nach sich ziehen wird. Auch das Arbeiten in der Halbliege wird Nachteile haben, die sich auswirken.<\/p>\n<p>Nun ja, ich bin Pragmatikerin: ich h\u00e4tte dann ja vielleicht nochmal zw\u00f6lf Jahre, bevor das eintritt! Da es aber doch eine verdammt aufw\u00e4ndige L\u00f6sung ist, hab&#8216; ich mich erst mal davon abbringen lassen und suche jetzt nach anderen M\u00f6glichkeiten. Versuche, \u00f6fter ins Fitness-Center zu gehen, wieder mehr Yoga zu machen, insgesamt ges\u00fcnder zu leben &#8211; und ich frage herum, was andere Leute in Sachen Sitzprobleme alles schon hinter sich haben.<\/p>\n<p>Und jetzt sortiere ich erst mal offline den Papierstapel mit Verwaltungs-, Steuer- und Beh\u00f6rdenkram, der sich in den letzten Wochen angesammelt hat. Zum Abarbeiten muss ich dann aber wieder an den PC &#8211; sitzen, sitzen, sitzen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Viel Spa\u00df!&#8220;, sagt der Bademeister und schlie\u00dft die T\u00fcr des h\u00f6hlenartig gestalteten Saunaraums von au\u00dfen. Was er wohl meint? Er hat nur ein bisschen Frischluft herein gewedelt, grad mal drei kleine Kellen Wasser auf den Ofen gegossen &#8211; womit sollen wir jetzt Spa\u00df haben? 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